TranssylWAHNien

21. September 2014
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Der dritte und letzte Teil der transsylvanischen Trilogie  des aus dem siebenbürgischen Schäßburg stammenden Schriftstellers Dieter Schlesak (Jg. 1934) beginnt mit einer radikalen existentiellen und philosophischen Aussage. „Wegtauchen aus diesem Licht. Die Uhren nicht mehr hören. … Verschwinden. Ein Niemand sein. Und so alles ertragen können. Auch die Angst vor dem Tod. Und die Angst vor dem Tod aller geliebten Menschen.“

Doch die innigen Wünsche des Ich-Erzählers erfüllen sich nicht. Es ist vielmehr der Tod seiner Mutter, auf den der Erzähler immer wieder zurückkommt, der alle seine Erinnerungen durchdringt, beginnend mit seiner Geburt in den frühen Augusttagen des Jahres 1934. In diesen dreißiger Jahren zeichnet sich auch in dem siebenbürgischen Siedlungsraum auf rumänischem Staatsgebiet eine von schwerwiegenden Irrtümern und Schicksalsschlägen durchdrungene gesellschaftliche Entwicklung ab. Es ist die nationalsozialistische Ideologie, die seit 1933 unter der dortigen Bevölkerung eine große Zustimmung findet. Wehrfähige Söhne aus siebenbürgischen Familien drängt es in die SS, nazibegeisterte Familienväter übernehmen entscheidende Funktionen im Beamtenapparat, in den Schulen wird die Idee vom Rassenwahnsinn vermittelt, die jüdische Minderheit wird aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt und nach dem von den Nazis provozierten Weltkrieg in die Vernichtungslager deportiert. Die Aufarbeitung der Verbrechen scheitert nach 1945, als viele Tausend Siebenbürger, eben  aus dem Krieg heimgekehrt, von der sowjetischen Besatzungsmacht zur Strafarbeit in die Kohlengruben des Donezbeckens verschleppt werden. Und die wenigen jüdischen Überlebenden des Holocaust? Sie vegetieren unter ähnlich ärmlichen Verhältnissen wie ihre siebenbürgischen Nachbarn, die zu Beginn der 1940er Jahre bei ihrer Deportation zuschauten.

Mit der literarischen und dokumentarischen Aufarbeitung dieser Verbrechen beschäftigt sich Schlesak spätestens seit seiner Emigration 1969 in die Bundesrepublik Deutschland. Auf der Suche nach den Ursprüngen der Völkermorde, im Gespräch mit den Tätern der Verbrechen, wie in seiner international erfolgreichen Roman-Dokumentation „Capesius der Auschwitz-Apotheker“ (2006), gelingt ihm eine tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit einer Barbarei, die sich in den mentalen Strukturen seiner Landsleute allmählich herausbildet und unter der Einwirkung des nationalsozialistischen Rassenwahns zum Ausbruch kommt.

Auf der textuellen Ebene des Romans wählt der Autor unterschiedliche Verfahren, um den im Unterbewusstsein seiner Figuren brodelnden Gedankenbrei auf eine sprachliche Ebene zu transportieren, auf der sich die Protagonisten selbst äußern oder in der kommentierte Rede des Ich-Erzählers auftreten. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Die abstrusen Ansichten eines gewissen Roland, Cousin des Erzählers, SS-Mann und Mitglied der Mörderbande in Auschwitz, sind in gebrochener und direkter Rede so in den Textstrom eingebettet, dass auch die Reaktionen der an dem Sprechakt beteiligten Personen unmittelbar wahrgenommen werden. Es sind typische antisemitische Hetzparolen wie „Alles zersetzen die Juden, das GROSSE GELD ist jüdisch. Gold statt Blut“ (22), rassistische und volkshygienische Wahnvorstellungen, die sich im Kopf des zukünftigen SS-Manns Roland zu Führer-Idolatrien verdichten oder Pressemeldungen, deren chauvinistische Aussagen zustimmende Kommentare durch die siebenbürgische Volksgemeinschaft finden. Sie lösen im Leseakt immer wieder unerwartete Wahrnehmungen aus, die sich zu Erkenntnissen über historische Abläufe bündeln. Ein besonderes Verdienst bei der Auflösung psychomentaler Wahnideen und deren Umsetzung in systematisch organisierter Vernichtung menschlichen Lebens gebührt den Collageverfahren in Schlesaks Roman.

Es sind die immer wieder unterbrochenen narrativen Abläufe, in welche lyrische, poetisch hoch aufgeladene Liedtexte eingebaut werden. Sie verweisen auf die eklatanten Widersprüche zwischen romantisierten Weltbildern und deren Verwendung für militaristische Ziele sowie für die zynische Disziplinierung von Regimegegnern in Konzentrationslagern. Ein weiteres Beispiel dient der Illustrierung des Vorgangs: Auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik, das in ein KZ umgewandelt wird, müssen die Häftlinge beim Marsch zu ihrem Arbeitsplatz singen: „Schwarzbraun ist die Haselnuss / … Schwarzbraun bin auch ich.“

Auch die immer wieder in die gebrochenen erzählerischen Abläufe eingeschobenen Zeilen aus Volksliedern durchdringen den Textkorpus, um den ideologischen Zusammenhang zwischen Naziverbrechen und der Verinnerlichung von „heiler“ Vergangenheit zu markieren. Ein Beispiel belegt dies. Im Gespräch mit Adam Salmen, der die Hölle von Auschwitz wie durch ein Wunder überstanden hat, wird der SS-Mann Roland erwähnt. “War Roland damals zu seinem letzten Heimaturlaub hier gewesen? Im Mühlenham …Deer Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, daa  bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus …“. Oder wenn die Mutter des Ich-Erzählers an der Apotheke Zur Krone in Schäßburg vorbeikommt, deren Inhaber der berüchtigte Apotheker von Auschwitz, Capesius, ist, dann schwirren die schlimmsten Parolen der Nazis durch ihren Kopf. Und zwischendurch jubiliert es: „… holder Frühling, komm doch bald!“.

Doch der „holde Frühling“ wird vom düsteren Herbst 1944 abgelöst, und die Besetzung Siebenbürgens durch die Rote Armee beginnt. Der rumänische König Michael hatte am 23. Augst 1944 im Radio den Bruch mit den Achsenmächten verkündet. Nur wenige Monate später rollen auch durch Schäßburg die russischen Panjewagen, und das Deutsche Reich ist – zum Entsetzen der Siebenbürger – wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. In diesem sechsten Teil des Collage-Romans mischen sich die Erlebnisse der erwachsenen Siebenbürger mit den bruchstückhaften Erinnerungen des Ich-Erzählers, der in der Gestalt des Autors seine späteren Erkenntnisse, wie auch über den Nachbar Capesius, mit den splitterhaften Erzählungen der Verwandten und Freunde bündelt. Das Ergebnis besteht in einem komprimierten Bericht über die Gräueltaten der SS in den Konzentrationslagern, die spontanen Freundschaften zwischen rumänischen und deutschen Soldaten auf ihrer Flucht gen Westen, die Versuche evangelischer und katholischer Geistlicher sich von ihrer Mitschuld an den Nazi-Verbrechen durch salbungsvolle Predigten zu lösen, der sich wiederholende Gehorsam der Zivilbevölkerung unter der russischen Militärmacht, die Unfähigkeit, sich ihrer Mitschuld an den Verbrechen der Nazis bewusst zu werden, und schließlich die Nachrichten von den in den letzten Kriegstagen im „Reich“ gefallenen Soldaten und Offizieren aus Schäßburg.

Und die Aussagen in den Eingangssequenzen des Romans? Was ist aus den Bekenntnissen des Erzählers von der gewünschten Auflösung des eigenen Körpers geworden, der seine schrecklichen, gleichsam sinnlos gewordenen Erlebnisse vergessen möchte? Die Antwort gibt er in den abschließenden zwei Sequenzen des letzten Romankapitels. Dort führt er seine Leser in einem Tagtraum noch einmal zurück in sein Geburtshaus. Er beschreibt – aus seiner Erinnerung heraus – minutiös seinen morgendlichen Tagesablauf, den er plötzlich abbricht: „Und ich spürte meinen Körper wie eine träge Masse. Das bin nicht ich, dachte ich.“ (341) Was dann folgt, sind zwei weitere abschließende Tagtraum-Passsagen, in der jegliche Versuche, das Erlebte aufzuschreiben, scheitern. Es ist der endgültige Abschied von einer Heimat, die der Ich-Erzähler gleichsam verdrängen möchte, nur noch von dem Gedanken erfüllt, zu sterben, begleitet von den Worten der längst verstorbenen Mutter.

Dieter Schlesaks Romancollage „TranssylWAHNien“ entwirft aus einer multiperspektivischen Einstellung die Geschichte Siebenbürgens unter der Einwirkung zweier Diktaturen. Es ist eine literarische und dokumentarische  Rekonstruktion mit den Mitteln von Rückblenden, in der die Reminiszenzen des Ich-Erzählers ständig durch andere Stimmen überlagert und gebrochen werden. Aus der so entstehenden Vielstimmigkeit, in der siebenbürgischer Lokal- und Regionaldialekt, deutsche Hochsprache, aus dem Unterbewusstsein stammende Traumsequenzen wie auch dokumentarische Fakten sich mischen, entsteht ein Erzählstrom, in den der Leser gleichsam hineingerissen und zugleich ständig mit mehreren Kernfragen konfrontiert wird: Welchen Anteil von Schuld tragen die Erzählfiguren an der Entstehung der nationalsozialistischen Diktatur? Auf welche Weise werden die Schuldigen in der Nachkriegszeit einer Läuterung unterzogen? Gibt es Lösungsmodelle für die psychomentale Aufarbeitung dieser zeitgeschichtlichen Abläufe unter der Einwirkung der nachfolgenden kommunistischen Diktatur? Und die Antworten? Der Leser erhält sie, indem er aufmerksam den unterschiedlichen Stimmen der Romanfiguren und dem Ich-Erzähler folgt. Sie leiten ihn durch den von Menschen hervorgebrachten Wahn, geben ihm Hinweise auf mögliche Einsichten und lassen ihn teilhaben an einem Geschehen, das so vielschichtig, so spannend und oft undurchsichtig erscheint. Auf jeden Fall aber Aufklärung leistet über das dunkelste Kapitel der deutschen Zeitgeschichte – aus der Perspektive einer deutschsprachigen Siedlungsgemeinschaft in Südosteuropa.

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TranssylWAHNien, Roman von Dieter Schlesak, Ludwigsburg (Pop Verlag) 2014

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