Denkmal für einen doppelten Solisten

 „Wir hatten uns einen Namen als dynamische Live-Band gemacht, daher war es nur logisch, die Energie und Lebendigkeit unserer Auftritte auf einem Live-Album festzuhalten. Glücklicherweise finanzierte die Plattenfirma den kostspieligen Aufnahmewagen ‚Rolling Stones Mobile‘, sodass wir während unserer Großbritannien-Tournee mehrere Konzerte.

Andy Powell

Die Energie der elektrischen Gitarre ist kein bloßer Schall, sondern eine Inspiration, die im Moment der Amplitude das Publikum entzündet. Wenn Powell und Turner ihre Instrumente einstöpseln, zapfen sie eine Strömung an, die nicht aus den Notenblättern, sondern aus der kollektiven Elektrizität des Raumes fließt. Das Rolling Stones Mobile Studio war kein Aufnahmegerät; es war ein mechanischer Akkumulator, geparkt an den Bordsteinen von Newcastle und Portsmouth, um den flüchtigen Funken des Augenblicks in die Rillen des Vinyls zu pressen.

Jedes Live-Album ist der Versuch, eine Explosion zu konservieren, ohne Rauch und Hitze zu verlieren.

Wenn das Publikum auf „Live Dates“ applaudiert, hört man das Gespenst einer vergangenen Begeisterung. Dieses Klatschen, eingefangen in den Rillen des Vinyls, ist steril geworden. Es ist ein Beifall, der sich selbst überlebt hat; er antwortet nicht mehr auf die Musik, sondern ist fest mit ihr verschweißt. Die technische Reproduktion betrügt den Hörer um seine eigene Gegenwart. Sie zwingt ihn, Zeuge einer Ekstase zu werden, an der er nicht mehr teilhaben kann, und degradiert den lebendigen Konzertsaal zum musealen Klangarchiv. Die Abende, die in den Konzerthallen von 1973 verrauschten liegen nicht in den Archiven der Plattenfirmen, man findet sie wieder, wenn die Nadel in die Flanke der Schallplatte greift und der Raumton der Reading University an das Ohr dringt – dieses leise, staubige Atmen der Menge vor dem ersten Akkord.

Wer den Blues spielt, spricht nicht mit eigener Stimme; er lässt das morsche Holz alter Traditionen durch seine modernen Verstärker krachen.

„Baby What You Want Me to Do“ – die Coverversion von Jimmy Reed bricht als elfter Titel in das Album ein. Im Blues lebte einst die mündliche Überlieferung, das flüchtige Weitergeben von Ohr zu Ohr, von Bühne zu Bühne. Indem Wishbone Ash diesen Standard auf eine Live-Platte pressen, vollzieht sich eine doppelte Brechung. Das Lied, das von der Improvisation des Moments zehrt, wird im Studio-Wagen mechanisch fixiert. Die Schallnadel schneidet die Freiheit des Blues in eine unwiderrufliche Furche. Es ist der Moment, in dem die Tradition vollends in die Industrie übergeht.

Ein Live-Album ist ein verifiziertes Fundbüro der verlorenen Zeit. Es gibt uns nicht die Musik zurück, sondern die Gewissheit, dass diese Sekunden einmal jemandem gehörten.

Live Dates ist eine lyrische Mischung aus epischem Eskapismus (Ritter, Könige, Kriege) und der erdigen Realität des Rock-Klassikers der frühen 1970er-Jahre. Die Zwillingsgitarren von Wishbone Ash heben die Hierarchie des bürgerlichen Orchesters auf, das nur den einen, einsamen Virtuosen neben dem Kollektiv duldet. Hier gibt es kein Zentrum. Powell und Turner spielen im Dialog, der dem Passanten auf einer belebten Kreuzung gleicht: Keiner weicht dem anderen aus, sie stützen sich im Vorbeigehen. Es ist die Konstruktion einer utopischen Symmetrie, in der die Melodie erst durch die Spiegelung des Anderen wahr wird.

 

 

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Live Dates, von Wishbone Ash, 1973

Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Des weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören den Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?

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