Die reibeisigste Stimme

 

Die Stimme von Marianne Faithfull ist kein Instrument mehr, sondern ein Trümmerfeld. Wo einst das glatte, unschuldige Kristall der bürgerlichen Erziehung lag, findet sich der Schotter der Londoner Pflastersteine. Der Gesang hat die Textur von Teer und trockenem Laub. Es ist die Stimme einer Epoche, die ihre eigenen Versprechen nicht einlösen konnte. Jedes raue Atmen ist ein Einspruch gegen die saubere Produktion der modernen Unterhaltungsindustrie. Man hört nicht die Lieder, man hört die Narben, die sie hinterlassen haben.

Die Sprache selbst ist beschädigt, fragmentiert, unfähig, die Totalität der Katastrophe zu fassen. Wenn die Stimme von Ulrike Meinhof in Broken English spricht, dann nicht als Historikerin, sondern als Archäologin des Schreckens. Der Terrorismus der siebziger Jahre erscheint hier als das verzweifelte, mörderische Missverständnis einer Generation, die die Welt verändern wollte und nur Trümmer hinterließ. Der kalte Synthesizer-Takt ist das Metronom des Untergangs. Er schneidet die Zeit in gleichmäßige, unbarmherzige Scheiben, während die Welt in Bruchstücken an uns vorbeizieht.

In The Ballad of Lucy Jordan ist die Vorstadt ist die Hölle, deren Wände mit Blümchentapete beklebt sind. Mit siebenunddreißig Jahren wird das weiße Laken zum Leichentuch der Träume. Der offene Sportwagen, der durch Paris jagt, existiert nur als Chiffre einer Freiheit, die im Waschbecken der Küche ertrunken ist. Das Grauen dieses Liedes liegt in seiner Logik: Die Psychiatrie ist kein Bruch mit der Realität, sondern ihre konsequente Fortsetzung. Der Krankenwagen ist der einzige Sportwagen, den die bürgerliche Ehe für ihre Gefangenen bereithält. Wenn der Sommerwind schließlich durch die Haare weht, ist es die Zugluft einer geschlossenen Anstalt.

Der Adel hat sich auf die Straße begeben, um das Proletariat zu verstehen. Wenn Faithfull Working Class Hero von Lennon singt, vollzieht sich eine doppelte Brechung. Es ist nicht mehr die zornige Abrechnung des Arbeiters, sondern die bittere Erkenntnis der Entwurzelten. Die Fabrik und die Straße reichen sich die Hand. Die Maschine des Kapitalismus funktioniert nur, weil sie die Sehnsüchte derer, die sie bedienen, als Treibstoff nutzt. „Du wirst so weit aufgesaugt, bis du nichts mehr fühlst“ – das ist der Takt, den dieses Album schlägt, ohne je zu beschönigen.

Ein Ehebruch ist kein bürgerliches Drama mehr, wenn er auf das Pflaster der Gosse geworfen wird. In Why’d Ya Do It wird das Schlafzimmer zum Seziersaal. Der Text – ein Monolog der Raserei über den Betrug des Geliebten – ist keine Klage, sondern eine Trümmerbeseitigung. Faithfull schleudert dem Hörer die Vokabeln des Fleisches und der Fäkalien mit einer Kälte entgegen, die jede erotische Illusion augenblicklich gefrieren lässt. Das bürgerliche Publikum erstarrte vor diesem Stück, weil es die Ware Liebe ungeschminkt in ihrer Verwesung sah.

Dieses Album ist kein Kunstwerk für den Salon; es ist ein Handbuch für das Verhalten in Ruinen. Es kam zur rechten Zeit, als der Punk seine eigene Ohnmacht im Lärm ertränkte und der New Wave die Kälte der Synthesizer zur neuen Mode erhob. Marianne Faithfull hat dem Synthesizern-Sound das geliehen, was ihm fehlte: eine menschliche Tragödie. Es ist die Musik einer Welt, die gelernt hat, im Neonlicht zu frieren.

 

 

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Broken English, von Marianne Faithfull, 1979

Das Antlitz der sechziger Jahre war ein Plakat, das im Regen der Straße aufgeweicht ist. Wer das blaue Licht dieses Covers betritt, sucht keine Jugend mehr. Die Fotografie zeigt eine Frau, die im Neonlicht einer Bar erstarrt ist; die Zeit hat sich in ihr Gesicht eingegraben wie die Nadel in das Wachs der Matrize. Das Rosa der Zigarettenglut ist das einzig Künstliche, das dieser Kälte standhält. Es ist das Signal einer ausgebrannten Fabrik, die in der Dämmerung noch ein letztes Mal Funken schlägt. Hier wird nicht mehr gesungen; hier wird das Überleben protokolliert.

Weiterführend → Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas für sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit Traffic, mit zeitlichem Abstand lässt sich hören, wie gut diese Musik gealtert ist.