Die Montage zertrümmert das Original, und im Blendwerk der Spiegelkabinette feiert die Fälschung ihre eigene, neue Realität. Orson Welles’ F for Fake ist kein Film, sondern eine Passage durch die Kulissen der Wahrheit, eine Demontage des bürgerlichen Kunstbegriffs mittels der Apparatur.
Wer den Jahrmarkt der Echtheitszertifikate betritt, muss bar bezahlen – am besten mit Illusionen. Der Kunstexperte gleicht dem Zöllner an einer Grenze, die es gar nicht gibt. Er prüft den Pass eines Bildes, während der Fälscher Elmyr de Hory bereits die Landkarte neu gezeichnet hat. Welles zeigt uns: Das Genie ist kein Schöpfer, sondern ein geschickter Taschendieb im Museum der Kunstgeschichte.
Wo das traditionelle Kino den Betrachter in die Kontemplation wiegt, reißt der Schnitt in F for Fake ihn unablässig empor. Das Auge wird nicht mehr geführt; es wird gestoßen.
Die Realität des Kunstwerks wurde einst in seiner Unnahbarkeit und Dauer begründet. Im Schneideraum von Welles wird sie verflüssigt. Was bleibt vom „echten“ Picasso, wenn die Kamera den Pinselstrich fixiert, die Montage ihn aber demontiert? Die Fälschung ist das legitime Kind des technischen Zeitalters: Sie verlangt nicht nach Kontemplation, sondern nach Komplizenschaft.
Der Filmschnitt fungiert hier als das Chirurgenmesser der Wahrnehmung. Welles nutzt die Nahaufnahme und den abrupten Schnittwechsel.
Eine Warnung vor Dokumentarfilmen, sie suggerieren Objektivität, wo nur die Tyrannei des Objektivs herrscht. Die Wochenschau und das Porträt sind die subtilsten Formen der Massenbeeinflussung, weil sie den Betrachter im Zustand der passiven Gläubigkeit belassen. F for Fake zieht die Reißleine dieser Schein-Realität. Die Demontage der Illusion ist der erste Schritt zur Politisierung der Ästhetik.
Ein Filmregisseur sollte sehr intelligent sein, aber möglichst kein Intellektueller – denn der Intellektuelle ist der Todfeind aller Darstellenden Künste.
Der Regisseur als Magier ist der ehrlichste Betrüger unserer Epoche. Er verspricht uns die Wahrheit für die Dauer von siebzehn Minuten – und bricht das Versprechen in der achtzehnten. Das Kino manipuliert nicht, weil es lügt, sondern weil es die Grammatik der Wirklichkeit imitiert. Jedes Bild ist ein Zitat; jede Sequenz ein dialektisches Bild im Stillstand.
Jeder Schnitt ist ein profaner Erleuchtungsakt. Welles schneidet nicht, um zu verbinden, sondern um zu demontieren.
Am Ende steht die Kathedrale von Chartres: Ein Denkmal ohne Signatur, geschaffen von anonymen Meistern. Das größte Kunstwerk der Christenheit ist eine kollektive Fälschung der Zeit, ein Werk ohne „Autor“. Welles, der alternde Titan, neigt sein Haupt vor den Namenlosen. Wenn alles Illusion ist, wird der Name des Künstlers zum unwichtigsten Detail auf der Leinwand.
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F for Fake, von Orson Welles, 1973

Dieser Film von Orson Welles setzt sich auf ironische Weise mit dem Thema Kunst, Fälschung, Urheberschaft und Authentizität auseinandersetzt. Im Mittelpunkt des als Mockumentary angelegten Film-Essays steht der international bekannt gewordene Kunstfälscher Elmyr de Hory. Neben de Hory kommen zahlreiche andere Personen zu Wort, unter anderem der nicht minder umstrittene Schriftsteller Clifford Irving, Autor einer gefälschten Biografie über den exzentrischen Milliardär Howard Hughes sowie einer zwar autorisierten, aber nicht unbedingt glaubwürdigen Biografie über de Hory.