Reflexionen über den nachhallenden Raum

Das Album Empty Rooms führt das radikale Experiment fort, das John Mayall wenige Monate zuvor auf The Turning Point begann: Blues-Rock komplett ohne Schlagwerk.

Jedes Stück auf diesem Album gleicht einem unbewohnten Apartment am Nachmittag, in das die Sonne schräg einfällt. Die Fender Telecaster wird nur noch wie ein spärlicher Kommentar eingesetzt, ein kurzes Aufblitzen von Elektrizität in einer ansonsten analogen Dämmerung. Mayall hat verstanden, dass der modernistische Mensch nicht mehr beschallt, sondern entlastet werden will. Wenn die Instrumente die Rollen tauschen, geschieht dies ohne das triumphale Signalhorn des Rock ’n‘ Roll. Es ist das diskrete Vorübergehen von Passanten in einer Passage, die sich im Vorübergehen flüchtig, aber exakt synchronisieren.

Die Besetzung um John Mayall, Jon Mark, Johnny Almond und Steve Thompson höchste Präzision. Der Verzicht auf Perkussion macht jede Nuance hörbar. Anstelle von purer Kraft tritt ein komplexes, fast kammermusikalisches Zusammenspiel.

Jon Mark und Johnny Almond bedienen hier keine Instrumente mehr; sie verwalten die Leere. Wo zuvor der Rhythmus den Takt der Fabrikbänder imitierte, regiert nun der Atem. Die Flöte schneidet nicht durch den Raum – sie vermisst ihn. In der Rockmusik ist die Lautstärke die Währung des kleinen Mannes, ein geliehenes Pathos, das für fünf Minuten die Illusion von Größe verleiht. Empty Rooms dagegen ist antizyklisch. Es zeigt: Je leiser die Musiker werden, desto deutlicher hört man das Knarren des Bodens, auf dem sie stehen. Die Intimität ist hier kein sentimentales Gefühl, sondern eine akustische Notwendigkeit. Man muss näher herantreten, um nicht zu verpassen, wie die Melodie im Teppich versinkt.

Der geschickte Wechsel der Rhythmusgitarren zwischen Mayall und Mark füllt die rhythmische Lücke. Akustische Gitarren, Flöten und Saxophone erhalten so einen transparenten Raum, der bei hoher Lautstärke untergehen würde. Statt die Schwächen hinter einer Wand aus Sound zu verstecken, glänzt das Album durch puren, unmaskierten Dialog der Musiker.

Wer die Stille mag, wird in diesem Album seine Zuflucht finden; wer sie fürchtet, wird darin seine Wahrheit entdecken. Im Verzicht auf das Schlagwerk vollzog sich nicht bloß ein musikalischer Wagniswechsel, sondern eine tektonische Verschiebung des Gehörs. Das Schlagzeug ist in der Musik das, was die Fassade in der Architektur des Bürgertums darstellt: eine gewaltige, lärmende Behauptung von Solidität, hinter der sich die innere Leere tarnt. Fällt diese Wand, blickt man direkt in die Konstruktion. Empty Rooms ist die Konsequenz dieser Demontage. Es ist das Album, das den Hörer nicht mehr anstößt, sondern ihn umgibt wie ein maßgeschneidertes, aber spärlich möbliertes Zimmer.

 

 

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Empty Rooms, von John Mayall 1970

John Mayall

Weiterführend  Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde veröffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein Alternative, was das Rätsel aufgab, was genau man hörte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir auch den irischen Melancholiker.

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