Die zerschundene Stratocaster

Chess Records war ein US-amerikanisches Independent-Label in Chicago, Illinois, das trendsetzend für die Entwicklung des Rhythm and Blues, des Blues und des Rock ’n’ Roll war.

Die jüdischen Brüder Leonard Chess und Phil Chess kauften sich 1947 bei Aristocrat Records ein und wurden 1950 die alleinigen Eigentümer. Sie benannten die Firma in Chess Records um. Das Label war gemeinsam mit anderen unabhängigen Plattenfirmen wie zum Beispiel Atlantic Records, Aladdin Records und Specialty Records sehr erfolgreich, da sie dem Publikum die Platten anboten, die die Major-Labels nicht aufnehmen konnten oder wollten. 1952 wurde das Sublabel Checker Records gegründet, auf dem hauptsächlich Gospel- und Blues-Musik veröffentlicht wurde. 1955 kam mit Argo Records ein Jazz-Label dazu, das 1965 in Cadet Records umbenannt wurde, da ein Label gleichen Namens in Großbritannien existierte. Chess Records gilt als eines der bedeutendsten Labels für Blues-Aufnahmen. Die meisten Aufnahmen entstanden in Bill Putnams Tonstudios der Universal Recording Corporation in Chicago, bis im Mai 1957 die firmeneigenen Tonstudios gegründet wurden, in denen 1965 auch die Band The Rolling Stones aufnahm. Viele große Namen des Blues wie Muddy Waters, Willie Dixon und Howlin’ Wolf sind untrennbar mit Chess verbunden. Willie Dixon spielte bei vielen Chess-Aufnahmen Bass und schrieb sowie produzierte unzählige Hits für das Label, darunter My Babe für Little Walter, Seventh Son für Willie Mabon und (I’m your) Hoochie Coochie Man für Muddy Waters. Auch Chuck Berry veröffentlichte einen Großteil seines Werks auf Chess. Es ist sicher nicht dem Zufall zuzuschreiben, dass auf diesem Label das Album Blues von Rory Gallagher erschienen.

Das Rory Gallagher auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod unvergessen bleibt und Veröffentlichungen wie das 2019er Album Blues wie ein aktuelles Ereignis gefeiert werden, liegt an der radikalen Authentizität und der musikalischen Reinheit, die er wie kaum ein anderer verkörperte.

Das Album Blues präsentiert sich nicht als glattes Denkmal, sondern als ein Archiv aus sechsunddreißig Fragmenten. Es sind Fundstücke aus den Katakomben des privaten Tonbandarchivs: Radio-Sessions, flüchtige Gastauftritte, uneditierte Momente. In einer Epoche, in der die Musik zur makellosen Ware gerinnt, bricht diese Sammlung das Diktat der Perfektion. Diese Bänder verhalten sich zur modernen Studio-Produktion wie die verblassten Anschläge an einer Häuserwand zur Hochglanzreklame. Sie künden von einer Zeit, in der das Studio noch ein Raum der Alchemie war und kein digitaler Speicherplatz. Das Unveröffentlichte besitzt hier das Übergewicht des Authentischen: Es zeigt die Kunst im Zustand des Entstehens, noch ungeschützt vor dem Urteil der Öffentlichkeit.

Gallagher weigerte sich beharrlich, kommerzielle Singles zu veröffentlichen.

Die Begegnung mit Muddy Waters und Sammy Lawhorn gleicht einer nächtlichen Kreuzung, an der die Ströme zweier Epochen aufeinanderprallen. Gallagher tritt hier nicht als höflicher Chronist oder ehrfürchtiger Gast auf; er fordert den Urgrund des Genres heraus. Im Klassiker „I’m Ready“ entfaltet sich kein harmonisches Einvernehmen, sondern ein packendes, dominantes Duell. Es ist das musikalische Äquivalent zu den rasanten Bremsmanövern des frühen Automobilverkehrs: ein riskantes, millimetergenaues Spiel mit dem Gegenverkehr. Die Gitarren werfen sich die Phrasen zu wie brennende Fackeln. Hier zeigt sich die Dialektik des Blues: Er ist am tiefsten in der Tradition verwurzelt, wenn er im Moment des Dialogs die Gegenwart rücksichtslos zertrümmert.

Für Gallagher war die Bühne kein Podest zur Selbstdarstellung, sondern ein existenzieller Lebensraum. Er tourte auf dem Höhepunkt des Nordirlandkonflikts durch Belfast, als alle anderen großen Acts die Region mieden, und suchte selbst nach stundenlangen Arena-Shows noch die nächste Kneipe, um bis zum Morgengrauen weiterzuspielen. Diese rohe, ungefilterte Energie übertrug sich direkt auf seine zerschundene Fender Stratocaster und ist in jeder Archivaufnahme physisch spürbar.

Die Liste der Weggefährten auf diesen Aufnahmen liest sich wie das Verzeichnis eines verlorenen Bahnhofs: Gerry McAvoy, Lou Martin, Carey Bell, Jack Bruce, Lonnie Donegan. Sie alle haben ihre Spuren auf den magnetischen Schichten hinterlassen. Im Zusammenspiel mit diesen Charakteren wird Gallaghers Methode deutlich: Er sucht im Blues nicht die Einsamkeit des Solisten, sondern das Kollektiv. Der Bottleneck, den er – wie er selbst zugab – für diese spezifischen Obertöne nicht nutzen konnte, bleibt beiseite liegen. Stattdessen vertraut er ganz auf die nackte Hand. Jede Session ist eine Séance, die uns vor Augen führt, dass die flüchtigste aller Künste, der Ton im Äther einer Radiostation, durch die Trägheit des Materials überdauern kann.

Seine Fähigkeiten mit dem Bottleneck ziehen sich durch seine gesamte Karriere und sind auch auf dem Album Blues prominent vertreten.

Die Entdeckung ist eine CD, die sich ausschließlich den akustischen Aufnahmen widmet, gleicht dem Fund eines geheimen Briefwechsels im Archiv eines Staatsmannes. Wo die elektrifizierte Stratocaster die Masse elektrisierte und den Raum mit Obertönen flutete, zwingt das akustische Holz zur Einkehr. Es ist die radikale Verweigerung des vordergründigen Effekts. Gallagher zieht sich hier in die Intimität der Holzgitarre zurück, doch diese Stille ist nicht friedlich – sie ist geladen. Der Verzicht auf den Verstärker entblößt die nackte Mechanik des Spiels. Jeder Griff auf das Griffbrett, das Rutschen der Finger über die Wicklungen der Stahlsaiten wird zu einem haptischen Ereignis, das die Distanz zwischen Hörer und Musiker vollständig aufhebt.

As the Crow Flies ist ein Paradebeispiel für sein akustisches Bottleneck-Spiel. Allein mit einer National-Resonatorgitarre bewaffnet, erzeugte er per Fußampfeitsche und rasiermesserscharfem Slide-Einsatz den Sound einer ganzen Band.

Auf diesen akustischen Pfaden erweist sich das Album endgültig nicht als musealer Rückblick, sondern als lebendige Aktualität. Gallagher betreibt hier keine Denkmalpflege des Delta-Blues; er holt die Geschichte in die Gegenwart. Die Vergangenheit wird im Moment der Jetztzeit lesbar. Wenn er die akustische Gitarre schlägt, reproduziert er nicht die alten Meister, sondern er übersetzt deren Dringlichkeit in seine eigene, unbeugsame Sprache. Der Sound ist rau, direkt und unpoliert – eine Absage an die glattgebügelte Akustik-Ästhetik der Kulturindustrie.

Secret Agent ist auf dem Album Blues in einer grandiosen Unplugged-Version zu hören, bei der er die Saiten abwechselnd hart anschlägt und mit dem Bottleneck bearbeitet.

Hier schließt sich der Kreis zu einem Stil, der keine Kompromisse kennt. Ohne das Heulen der Obertöne, ohne die schützende Wand aus Lautstärke und Verzerrung, bleibt nur das rhythmische Skelett und die pure Intensität des Anschlags. Der akustische Schwerpunkt dieser CD führt uns direkt in das metaphysische Zentrum von Gallaghers Schaffen. Er ist ein Künstler, der sich selbst im leisen Metier treu bleibt, weil seine Unbeugsamkeit nicht an ein Kabel gebunden ist, sondern im Fleisch und im Holz wohnt.

 

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Blues, von Rory Gallagher. Chess 2019Die 3-CD-Deluxe-Edition des Albums Blues ist konzeptionell perfekt aufgeteilt. Jede Disc widmet sich einer anderen Facette seines Schaffens und enthält jeweils exakt 12 Songs – eine Mischung aus raren Studio-Sessions, Radio-Aufnahmen und Live-Dokumenten.

Weiterführend  Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?