Das Medium ist bemerkenswert, „The Graveyard and the Ballroom“ von The Factory, wurde 1979 zuerst auf Tape veröffentlicht.
Die Combo A Certain Ratio gilt als ein zentraler Bestandteil der Post-Punk-Szene. Die Band, die in Manchester aktiv war, ist vor allem für ihren rauen und zugleich eingängigen Sound bekannt, der oft mit dem aufkommenden Pop-Punk-Stil in Verbindung gebracht wird. ACR gründete sich 1977 und wurde zu einem Pionier des Post-Punk. Ihr Debütalbum The Graveyard and the Ballroom, veröffentlicht 1979 als Kassette auf Factory Records, markiert einen Meilenstein in der experimentellen Rockmusik. Produziert von Martin Hannett, kombiniert es rohe Punk-Elemente mit funky Basslinien, tribalistischen Rhythmen und einer düsteren Atmosphäre. Die Veröffentlichung teilt sich in Studio- und Live-Aufnahmen, die den Übergang vom Punk zur Post-Punk-Idee verkörpern: weg von simpler Aggression hin zu komplexeren Strukturen und Einflüssen aus Funk und Jazz.
Post-Punk entstand in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren als melodische Variante des Punk-Rocks. Bands wie die Buzzcocks oder später Descendents und Bad Religion prägten das Genre mit eingängigen Hooks, schnellen Tempi und jugendlicher Rebellion. Pop-Punk betont Pop-Melodien über rohe Energie, oft mit Themen wie Teenager-Frustration und Partys. ACRs Sound ist introspektiv und avantgardistisch, beeinflusst von Joy Division und Funkadelic, was eher zu Indie-Rock und Dance-Punk führte.
In den späten 1970er Jahren war die britische Musikszene von einem starken Umbruch geprägt. Der Punk-Rock hatte sich als Gegengewicht zur vorherrschenden Disco- und Glam-Rock-Musik etabliert. Bands wie PiL und Japan öffneten Türen für innovative Klänge und soziale Kommentare, während Clubs und Veranstaltungsorte wie The Factory in Manchester eine Plattform für diese aufstrebenden Künstler boten. In diesem Kontext erforschte The Graveyard and the Ballroom Themen der Entfremdung und des sozialen Wandels, die in der Punk-Bewegung eine zentrale Rolle spielten.
„The Graveyard and the Ballroom“ kombinierte melodische Elemente mit einem energetischen, oft aggressiven Sound, der charakteristisch für den Pop-Punk war. Die eingängigen Refrains und der Einsatz von Gitarrenriffs schufen ein Gefühl der Unmittelbarkeit, das die Zuhörer ansprach. In der Folge nutzten spätere Bands diese stilistischen Merkmale, um eigene Hits zu kreieren, die sich hervorragend für das Radio eigneten.
Darüber hinaus inspirierte der ausdrucksvolle Text der Factory das lyrische Schreiben in der Pop-Punk-Szene, wo persönliche und gesellschaftliche Themen oft auf eine zugängliche Weise behandelt wurden.
ACR brach mit der orthodoxen Drei-Akkord-Struktur des Punks. Durch die Integration von Funk-Rhythmen und einer fast tanzbaren Basslastigkeit bewiesen sie, dass Punk-Attitüde nicht auf verzerrte Gitarrenwände angewiesen ist. Diese „Tanzbarkeit des Unbehagens“ ebnete den Weg für spätere Pop-Punk-Bands, die Melodien und tanzbare Beats in ihre harten Strukturen integrierten.
Die räumliche, fast klaustrophobische Atmosphäre von „The Graveyard and the Ballroom“ schuf eine Ästhetik, in der die Verbindung von persönlicher Entfremdung mit einer hochenergetischen Performance. ACR zeigten, dass Punk „funky“ und gleichzeitig düster sein konnte – eine Dualität, die im modernen Pop-Punk oft durch die Kombination von fröhlichen Melodien und depressiven Texten widerhallt.
Das Album war ursprünglich eine reine Kassetten-Veröffentlichung, was den Fokus auf die Unmittelbarkeit und den Underground-Spirit legte – Werte, die das Fundament der Pop-Punk-Explosion der 80er Jahre bildeten.
A Certain Ratio erweiterten mit diesem Album die Grenzen, was unter „Punk“ verstanden wurde. Sie lieferten die rhythmische Blaupause, die es dem Genre erlaubte, sich aus der Sackgasse des reinen Lärms zu befreien und sich zu einer Form zu entwickeln, die sowohl radiotauglich als auch emotional komplex war. Ohne die Experimentierfreude von ACR wäre der moderne Pop-Punk klanglich weit weniger vielfältig.
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The Graveyard and the Ballroom von A Certain Ratio, zuerst als Tape veröffentlicht 1979

Weiterführend → KUNO empfiehlt darüber hinaus die Compilations „Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982-1989″, „Magnetband (Experimenteller Elektronik-Underground DDR, 1984-1989)“, die man hier anhören kann und Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979–1990, Verbrecher-Verlag, Berlin 2023
→ Lesen Sie zum Kassettenuntergrund auch den einführenden Essay vom 31. Mai 1989 aus dem KUNO-Online-Archiv.