Frauenstimmen aus Georgien

 

Dreißig Gedichte aus der Feder von zwölf georgischen Lyrikerinnen, herausgegeben und aus der Originalsprache übertragen von zwei in der Bundesrepublik lebenden georgischen Literaturwissenschaftlerinnen, nachgedichtet von der aus Bremen stammenden Dichterin und Übersetzerin Sabine Schiffner. Es ist ein gemeinsames georgisch-deutsches Projekt, eine Buchpublikation, die schon beim ersten Blick auf die fotografischen Porträts und die zweisprachigen Namensnennungen auf der Vorder- und Rückseite des Paperback-Umschlags überzeugt. Diese Dichterinnen, schreibt dort Sabine Schiffner, greifen das Genderthema deshalb so oft und intensiv auf, „weil in ihrem Land noch viel weniger als hierzulande eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht.“

Und in diese Wertung eingeweiht wirft der Rezensent zunächst einen vergleichenden Blick auf die Bio-Bibliographien der Autorinnen, die zwischen Mitte Dreißig und sechzig Jahre alt sind, und fast alle eine ansehnliche Liste an in- und ausländischen Publikationen aufweisen, eine Reihe von Literaturpreisen erhalten haben, als Herausgeberinnen von Kulturzeitschriften, Filmkritikerinnen oder Redakteurinnen bei Rundfunk und Fernsehen arbeiten. Aufgrund dieser Informationen und des überwiegend akademischen Hintergrunds der von den beiden Herausgeberinnen ausgewählten Autorinnen ist anzunehmen, dass in diesem Gedichtband sich die renommierte weibliche Elite der Republik Georgien artikuliert, eine Auswahl, die ihre Objektivität auch dadurch gewonnen hat, weil ihre beiden georgischen Herausgeberinnen seit längerer Zeit in Deutschland leben.  

Wer sich einen raschen Überblick über die poetischen Verfahren, die Thematik der Gedichte und deren soziale Relevanz verschaffen will, der könnte sich in das Nachwort von Sabine Schiffner vertiefen. Doch wer einen poetisch relevanten Einblick in die Gedichte gewinnen will, der sollte die einfühlsam nachgedichteten Texte laut lesen, von den ironischen und sarkastisch-bitteren Versen aus der Feder von Nana Kobidze bis zu den phantasiegeladenen, psychologisch fundierten Gedichten von Lela Zuzkiridze. Er wird  gleichsam gebannt sein, hingerissen von der Mischung aus Lebensklugheit, Phantasiegeladenheit, Ironie, Fähigkeiten zur Metamorphose, Flexibilität, poetologischer Raffinesse, Gender betonter Positionen und mancher anderer Eigenschaften. Geben wir einige Beispiele, um diesen poetischen Cocktail zu genießen. Bei Nana Akobidze („Haare und das Ertragen der Liebe“ heißt es: „Wenn in mir die Liebe auflodert, / schneide ich meine Haare ab / und bete vor dem Spiegel das Gebet meiner Oma: / ‚Du Liebe, die heiß in mir brennt, /trenne dich von dieser Nana / und vereine dich mit einer anderen Nana!“’ (S. 9). Bei Kato Dschawachischwili lesen wir in „Wir haben etwas mitzuteilen“: „Wir sind als Mädchen geboren./ Das wollten wir nicht, aber wir waren auch nicht dagegen, / weil wir keine Ahnung hatten. /Wir tragen die nackte Freiheit der Weibchen,/ unser Leben haben wir als Vorschuß gegeben / für unsere Männer …“ (S. 13). Das in solchen Versen angedeutete machohafte, tumbe Verhalten von Männern verstärkt sich in den folgenden Texten. Eka Kevanischwili, Journalistin bei Radio Free Europe in Tiflis, spricht es in „Der letzte Kreis“ unverhohlen aus: „ Mein Mann kommt vom Dorf, seine Worte schaukeln vor Dialekt – „ was er weiß und was er gehört hat, /was er bis jetzt im Kopf behalten hat: Mein Leben, meine Frau, mein Mädchen. / Seine Hände sind breit und nach Erde riechend, / sein Gehirn ist leer und leicht.“ (S. 37). Wie die meisten der aus Tiflis stammenden Autorinnen hat auch Nino Sadghobelaschwili (Jg. 1980) mehrere berufliche Qualifikationen erworben. In ihrem Poem „Felsen“, einer metaphernreichen Verquickung von Natur, Mensch als Inbegriff der weiblichen Gestaltungskraft und schwesterlichen Symbiose, gelingt ihr eine tiefgreifende Evolution familiärer Beziehungen. Die aus Gori stammende Nena Samniaschwili, Doktorin der Pädagogik, entwirft in ihrem witzigen Gedicht „DichterIN“ ein Froschweibchen in der Verkörperung einer Krone tragenden Märchenfigur. Sie verwandelt sich allerdings nicht in den (erwarteten) Prinzen, sondern in einen Frosch „egal ob weiblich oder männlich/ ein Frosch braucht eine starke Stimme, damit er das Quaken der anderen übertönt, / damit er den süßen Sumpf lautstark lobt…“. (S. 61). Und welche Rolle spielen Kinder in der weiblichen Imagination? Die erfolgreiche Kinderbuchautorin und Lyrikerin Mariam Ziklauri spricht in ihrem Gedicht „Was sollen wir unseren Kindern sagen?“ davon, „dass wir im Himmel Gott nicht fanden / Und auf der Erde kein Zuhause.“ Und unter Verweis auf den bitteren Krieg gegen Russland (2008), der vergeblichen Suche nach Liebe, empfiehlt sie den Müttern Georgiens “Gebäret selber Gott, / der so groß sein wird wie ihr / und euch Erschöpften besser zur Seit stehen wird.“ (S. 86).

Es ist eine Fülle von poetisch aufgeladenen Reflexionen, die in dieser Anthologie versammelt sind. Sie reichen von fundierter Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in Georgien,  ironisch und sarkastisch verdichteten Aussagen über das machohafte Verhalten der georgischen Männer, die ihre russisch und kaukasisch erworbene Herrschsucht nicht ablegen wollen, bis zu den intellektuell verdichteten Klagen über das offensichtliche Missverhältnis zwischen Frauen und Männern. Es ist eine geballte Ladung also an offener Empörung, spitzfindigem Witz und subtiler Betrachtung einer Kluft, die sich nach langjähriger Unterdrückung von freier Meinungsäußerung in aller Deutlichkeit zeigt. Ob diese Offenbarungen allerdings zu notwendigen Korrekturen an den mißlichen Zuständen beitragen werden, hängt nicht nur von dem Erfolg der weiblicher Emanzipationsbestrebungen in ganz Europa und weltweit ab. Seine wirksame Umsetzung dient zweifellos auch dem Überleben der Menschheit. Der vorliegende Gedichtband mit den sehr gelungenen Nachdichtungen von Sabine Schiffner kann sicherlich einer solch kühnen Zielstellung bestimmte Impulse geben, wenn gleich sie aus einer kleinen, aufstrebenden Republik am Südrand des Kaukasus kommen!

 

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Ich bin viele. Frauenstimmen aus Georgien, von Manana Tandaschwili (Hg.) · Irma Shiolashvili (Hg.). Aus dem Georgischen übersetzt von Irma Shiolashvili. Nachgedichtet von Sabine Schiffner. POP Verlag, Ludwigsburg 2018

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.