Ein Liebling der Musen

 

Mancher der das alte Berlin noch gekannt hat, wird sich entsinnen, wie still plötzlich die große Friedrichsstraße wurde, wenn man, nach dem Halleschen Thore zu, eine bestimmte Linie passirt hatte. Die Kochstraße zog eine Grenze zwischen Stadt und Vorstadt; diesseits lag der Lärm, jenseits die Stille. Und dieser Wechsel that unendlich wohl. Die plötzlich beruhigten Nerven ließen erkennen, daß man aus der Zone des Rollwagens in die der schlafenden Droschke getreten war; die Läden hörten auf, die

Jalousien fingen an; auf dem Bürgersteig lagen die Marmelspieler und auf dem Fahrdamm lag die Sonne.

Lauter stille Häuser, aber eines war ein allerstillstes: gelb, zweistöckig und mit einer Mansarde auf dem Dach. Auf dem Flur, auch in heißesten Tagen, lag eine schattige Kühle, weiß gescheuerte Stufen führten in den ersten Stock und durch die offenstehende Thür, die in den altmodischen, nach hinten hinaus führenden Thorweg eingeschnitten war, sah man, über den Hof weg, in einen wenig gepflegten, aber desto behaglicheren Garten hinein. Dies stille, gelbe Mansardenhaus, einst das Wohnhaus Hitzig’s, das Nachbarhaus Chamisso’s (der hier halbe Tage lang verkehrte), in den Tagen, in denen unsere Erzählung beginnt, war es das Haus Franz Kugler’s. Wir nannten es scherzhaft den „ewigen Heerd“, weil hier in jedem guten Sinne, auch wirthschaftlich, das Feuer nie ausging. In glücklicher Vereinigung herrschten hier Feinheit der Sitte und Freiheit des Worts; eine schöne Frau, blühende Kinder gaben dem Hause Licht und Leben, und noch in diesem Augenblick leben, aller Orten in Deutschland, ihrer Viele, die Gastfreundschaft, Anregung, Rath, auch Trost in diesem Hause erfahren haben. Der Erzähler nicht am wenigsten.

Wie lebendig stehen noch die Tage des Sommers 1850 vor meiner Seele! Ein Tag besonders. Wir saßen unter dem Nußbaum im Garten, das Kaffeezeug, dazu Lampe und Kessel, standen auf dem Tisch, vor uns lag der Buchsbaumgang, in dem einst Chamisso, auf und ab schreitend, den „ausgewanderten Dichter“ des damals eben bekannt werdenden Freiligrath declamirt hatte. Sein altes Reiseherz war dabei wieder jung geworden. Das lag nun viele Jahre zurück, die große achtundvierziger Wandlung war über die Gemüther gekommen; wenn Freiligrath citirt wurde, so waren es andre Strophen. Wir saßen unser Drei um den Tisch herum: Kugler selbst, ein junger Schotte und ich. Die Lichter, die durch das Laub fielen, spielten über die Damastdecke hin, das Flämmchen unter dem Wasserkessel brannte unsichtbar in dem hellen Sonnenschein, nur der aufsteigende Dampf zeigte, daß überhaupt eine Flamme war. Die Unterhaltung ging bequem, es war fast wie Nachmittagsruhe. Der Wirth liebte das, alles Heraufgeschraubte war verpönt, wer nichts zu sagen hatte, schwieg.

Wir plauderten gemüthlich hin und her, als plötzlich unsere Unterhaltung vom Hofe her durch das leichte Geträller eines altfranzösischen Liedes unterbrochen wurde. Kugler fiel gleich ein. In demselben Augenblick trat eine jugendliche, hochaufgeschossene Gestalt in den Garten, und schon von fern seinen Spitzhut leise lüftend, schritt er auf uns zu. Inmitten des Ganges blieb er einen Augenblick stehen, wandte sich zurück und grüßte, über den Hof hin, nach einem der Mansardenfenster hinauf. Er wußte wohl weshalb. Im nächsten Augenblick wurden wir vorgestellt – Paul Heyse.

Er setzte sich neben den jungen Schotten, den er schon von Bonn her kannte, und nicht leicht hab’ ich ein anmuthigeres Bild gesehen als diese beiden Typen blonder und brünetter Schönheit. Beide waren von seltener Grazie, aber während die des Einen, mehr äußerlich, aus Kraft und Schulung entsprang, war die des Andern, der sich beinah gehen ließ, ohne jegliche Anstrengung von innen heraus geboren.

Das Gespräch, wie es die Erinnerungen des Ortes mit sich führten kam auf Hitzig und Chamisso, auf die gute, alte Zeit der Musenalmanache, bald auch auf Schwab und Mörike, auf Freiligrath und Lenau. Parallelen wurden gezogen, endlich die „Schilflieder“ citirt. „Auf dem Teich, dem regungslosen etc.“ ich konnte aushelfen mit meinem Gedächtniß.

Der junge Schotte horchte auf.

„Das ist schön,“ sagte er, als ich die letzte Strophe gesprochen, „dieser Klang fehlt doch unserer englischen Lyrik, selbst, was mehr sagen will, unserer schottischen.“

„Lassen Sie ihn fehlen,“ warf Heyse dazwischen, „Sie haben Besseres dafür. Lenau, wenn er den Blitz anruft, ihn zu tödten, ihm der ‚Ariadne-Faden‘ zu sein und ihn hinauszuführen aus diesem ‚Labyrinth der Qual‘, ist doch eigentlich ein Lästerer, dessen Blasphemie durch Sentimentalität nicht besser wird. Ihre Nordlandsschultern müßten mich täuschen, wenn Sie so viel Ungesundheit ertragen könnten.“

Kugler, der an diese Keckheit der Debatte am meisten gewöhnt war, lächelte und warf hin: „Um so besser wird Freiligrath vor Ihnen bestehen, Sie werden ihn wenigstens nicht unter die Sentimentalen werfen.“

„Ich weiß doch nicht,“ erwiderte Heyse, und während er diese Worte absichtlich dehnte, war es erkennbar, daß er bereits nach Aehnlichkeiten zwischen Lenau und Freiligrath suchte. Solche Analogien zu finden, just da, wo keine waren, reizte ihn; hier war das eigentliche Feld für Witz, Einfälle, Paradoxien.

„Ich weiß nicht,“ wiederholte er, „ob sie nicht eigentlich doch Geschwisterkinder sind. Der Eine reitet durch die Wüste, der Andere durch den Urwald; mit den Chippeways-Indianern haben Beide zu thun. Aber dies bei Seit’. Sie haben auch einen verwandten Herzschlag. Sie sind Beide europamüde, Beide malcontent, ohne recht zu wissen warum. Sie haben nur eine verschiedene Art sich auszudrücken, der Eine verfährt lyrisch-unmittelbar, der Andere versteckt sich hinter allerhand Masken, oder sag’ ich lieber, er ist ein Maskenball in sich. Türke, Jude, Armenier, was Sie wollen. Aber nun warten Sie den Moment der Demaskirung ab. In privater Loge tritt er an Sie heran, jetzt ohne Turban. Da steht er, ganz er selbst, kein Scheikh mehr, Westphale durch und durch. ‚Allein, allein, und so will ich genesen.‘ ‚Das Mal der Dichtung ist ein Kainstempel.‘ Verlangen Sie mehr? Ich zweifle, daß Lenau darüber hinausgegangen wäre.“

So ging das Gespräch. Was ich später so oft zu beobachten Gelegenheit hatte, er wurde sofort zum Mittelpunkt der Unterhaltung. Selbst Personen, die nur ungern auf ihr Rederecht Verzicht leisteten, ergaben sich ihm bald; auch der Eitelste empfand es als ein Vergnügen, ihn sprechen zu hören; man kam stillschweigend überein, ihn gewähren zu lassen. Er sagte oft starke Sachen, auch auf Gebieten, wie Kirche und Politik, die über die Kunst, vielleicht auch über seine Kraft hinauslagen, aber kein Fall ist mir gegenwärtig, daß er durch die Kühnheit seiner Redeweise jemals ernstlich Anstoß gegeben hätte. Er durfte Alles sagen, Richtiges und Falsches. Sein rein auf die Sache gerichteter Eifer, dazu die Eleganz der Form söhnten mit jedem Inhalt aus.

Diese erste Begegnung im Kugler’schen Garten führte bald zu einer intimeren Bekanntschaft. Eine Zeitlang sahen wir uns täglich. Heyse lebte damals bei seinen Eltern in einem alten vornehmen Hause in der Behrenstraße, das mit seinen Hinter- und Nebengebäuden ein Quarré bildete und einen beinah klosterstillen Hof umschloß. Lange Corridore von rechts und links führten bis in den Hinterflügel, wo unser Poet zwei kleine Zimmer bewohnte, echte Poetenstübchen. Alter Hausrath (der Klappsecretär – einer von den musikalischen – von sehr geneigter Fläche); nichts elegant, aber jedes Stück ein Erinnerungsstück. Dabei Alles in musterhaftester Ordnung.

Heyse arbeitete damals an seiner „Urica“, einer Novelle in Versen, mit der ich mich weder damals noch später recht befreunden konnte und die, während wir es uns auf dem Sopha so bequem machten, als sein Tiefbau und seine hohen Lehnen es zuließen, zu mancher heißen Scene zwischen uns führte. Wer noch brütend über der Arbeit sitzt, fährt leicht auf und schlägt mit den Flügeln.

Aber diese Wochen lebhafter Controverse waren von keiner Dauer. „Urica“ war fertig, wohl oder übel, und Heyse ging zu einer neuen Arbeit über: „Die Brüder“, eine Erzählung (in Versen) nach dem Chinesischen des Schi-King. Hier schwieg nun alle Kritik, nicht blos die meinige. Jeder war hingerissen, und mit Recht. Was ich die Gegensätze seiner Natur nannte, hier hatten sie, von Seite zu Seite, gemeinschaftlich geschaffen und Jeder, der las, fühlte sich ebenso von der Sprache der Unschuld gerührt, wie von der Sprache der Schuld und des Verhängnisses, das sie heraufbeschwört, erschüttert. Diese Dichtung war ein Vollendetes. Heyse hatte hier seinen Ruhm und seine Reife anticipirt. Denn im Großen und Ganzen stand er zu dieser Zeit noch auf dem Urica-Standpunkt, d. h. auf dem Standpunkt einer gewissen geistreichen Streberschaft. Das Berlinische machte ihm noch zu schaffen.

Heyse arbeitete viel. Die andauernde Beschäftigung des Geistes war ihm Bedürfniß; seine Erholung fand er im Wechselder Arbeit. Ermüdet vom Einen, hatte er noch Kraft für das Andere. Eine vom einen Salz gesättigte Lösung löst noch das andere. Versagte das Produciren, so las er; er war ein guter Haushalter mit seiner Zeit. Drum hatte er immer Zeit.

Der Spätsommer 1852 unterbrach seine Arbeiten: er ging nach Italien. Wenige Wochen vorher hatte er sich mit Margarethe Kugler verlobt. Es war ein glückliches Paar; halbe Kinder noch. Sie zu sehen, war ein Anblick, wie wenn sich zwei Schwalben auf einem Aste wiegen. Grazie und Schelmerei ließen Alles wie ein anmuthig-heiteres Spiel erscheinen. Und doch liebten sie sich leidenschaftlich. Aber der feine Sinn für das, was sich ziemt, gefiel sich darin, den Ernst der Empfindung vor dem Auge der Welt zu verbergen.

Die letzten Tage, die der italienischen Reise vorausgingen, sind mir noch gegenwärtig. Es war im August oder September. Die Stadtwohnung war aufgegeben und Alles, was dem Kugler’schen Hause angehörte, erfreute sich eines entzückenden Landaufenthaltes, zwei Meilen von Berlin. In der Nähe der Müggelberge, deren Kuppe in den Parkgarten hineinblickte, lag, nach drei Seiten hin von Tannen umstellt, ein alter Schloßbau, dessen einzig freie Front auf Blumenbeete und Kornfeldstreifen und dahinter auf die breite Wasserfläche der wendischen Spree hinaussah. In diesem alten Schloßbau, angesichts einer Scenerie voll eigenthümlich märkischer Schönheit, verbrachte man glückliche Tage. Auch die Trennung kam hier heran. In dem Gartensaal, dessen Fenster bis zur Erde gingen, hingen, auf pompejanischem Braun und in allen Arten von Umrahmungen, die Bilder italienischer Meister, während auf Kaminsims und Marmortischen, auf Consolen und Etagèren allerlei Mementos an den Süden standen: alabasterne Vasen und bronzene Lacerten, Wachsfrüchte und Pinienäpfel. Diese Erinnerungsstücke an Italien (Reliquien in den Augen des Schloßbesitzers, der abwesend war) – jetzt waren sie ebensoviele Mahnungen an die Zukunft, an die nächste. Die Unterhaltung ging zwischen Furcht und Hoffnung; die eine Sehnsucht zog, die andere (vorwirkend) hielt zurück. Aber man war ja jung. Hinter Wochen und Monden lagen lachende Jahre. So schied man. Auf dem schmalen Wege, der zwischen Weidengestrüpp an dem seebreiten Flusse hinlief, stand er noch einmal still, löste das blaue Halstuch, das er trug, und ließ es im Winde flattern.

Heyse reiste mit seinem Freunde Ribbeck, jetzt Professor in Kiel. Sie machten die große Tour in den üblichen drei Stationen: Florenz, Rom, Neapel. In Florenz wurde der Bewunderung, in Rom dem Studium, in Neapel dem Vergnügen gelebt. Im September 1853 ging es über die Alpen zurück.

Dieser italienische Aufenthalt hatte den größten Einfluß auf Heyse. Dieser bezeichnete ihn selbst in einem Gedichte als eine „Rückkehr zur Natur“. Das blos Geistreiche war abgethan; in seiner Ausdrucksweise war ein neuer Geist über ihn gekommen. Kein Zuviel mehr; das schöne Maß war gefunden.

Alle Arbeiten, die seinem Aufenthalt in Italien ihre Entstehung verdanken, zeigen diese Wandlung bereits. Ich nenne nur die „Idyllen aus Sorrent“ und die Novelle „La Rabbiata“, von denen namentlich die letztere als ein Muster von Einfachheit, Klarheit und Tiefe zu bezeichnen ist, klar und tief wie das Golfwasser, an dessen Ufern sie entstand.

Fast unmittelbar nach seiner Rückkehr erfolgte Heyse’s Berufung nach München. Er nahm an. Als der Winter um war, übersiedelte er, nachdem wenige Wochen zuvor seine Vermählung stattgefunden hatte. Er war eben vierundzwanzig Jahre alt.

Von da ab, fast durch ein Jahrzehent, verlor ich ihn aus dem Auge. Seine Besuche in Berlin kamen mir nicht zu gute; wie ihn nach Süden, hatten mich Beruf und Neigung nach dem Westen geführt. Nur eine lose Verbindung blieb zwischen uns; aber wäre der Faden auch zerrissen, der wachsende Klang seines Namens hätte dafür gesorgt, mir den Träger dieses Namens im Gedächtniß zu erhalten. Mit lebhaftestem Interesse verfolgte ich seine Entwickelung. Wenn ich diese Entwickelung charakterisiren soll, so möchte ich es dahin thun: er ließ das Lyrische, auch das Lyrisch-Dramatische, das er eine Zeit lang, beispielsweise im Perseus, im Meleager, mit Vorliebe cultivirt hatte, fallen und wandte sich mit einer Art von Ausschließlichkeit dem Epischen zu. Er begann zu erzählen, zunächst in Prosa, bald auch in Versen, und im Verlauf weniger Jahre entstanden jene „Novellen“, „Neue Novellen“, „Meraner Novellen“, „Novellen in Versen“, die ihm seitdem, draußen und daheim, einen Namen gemacht und ihm unter unsern deutschen Erzählern einen allerersten Rang angewiesen haben.

Was vielleicht am meisten zur Bewunderung zwingt, das ist ihre Mannigfaltigkeit bei aller Verwandtschaft, ihre Verschiedenheit in der Einheit. Sämmtlich erotischer Natur und immer, sei es in Bangen oder in Hoffnung, zu Glück oder Unglück, das „selig Eine“ als alleiniges Thema behandelnd, wiederholen sie sich doch nie und Phrasenhaftes und Verbrauchtes mit gleich sicherem Tact vermeidend, erschließen sie uns immer neue Seiten, führen immer neue Situationen vor uns herauf. Das Geheimniß des Gelingens ist vielleicht in der pathologischen Behandlung des Gegenstandes zu suchen, darin, daß der Dichter jede neue Aufgabe als ein psychologisches Problem faßt, als ein Räthsel, an dessen Lösung er uns theilnehmen läßt. Gewagtem, der ganzen Natur Heyse’s nach, begegnen wir auch hier, Verfehltem nie. Uebrigens ist ein Unterschied zwischen seinen Prosa-Novellen und seinen Novellen in Versen. Wir möchten den letzteren den Vorzug geben. Das, was seine glänzendste Seite ausmacht, das Graciöse, es findet hier, in Ueberwindung formeller Schwierigkeiten, eine gleichsam gesteigerte Gelegenheit, sich geltend zu machen, und Witz und Humor, die, wie die Fahnenschwenker bei einem Festzuge, fast sichtbarlich von Strophe zu Strophe vor einem her schreiten, zaubern den Leser in eine heitere Fest- und Reisestimmung hinein. Heyse’s Prosa-Novellen reihen sich an das Beste, das wir haben, seine Novellen in Versen aber nehmen einen Platz für sich innerhalb unserer modernen Literatur ein. Wir wüßten nicht, daß, seit Wieland’s Oberon, so heitere epische Dichtungen erschienen wären, wie die „Braut von Cypern“ oder der „Walchensee“.

Dem Werth dieser Arbeiten entsprachen ihre äußeren Erfolge. Immer neue Auflagen, besonders der Prosa-Novellen, erschienen und vielleicht war es mehr ein Zufall, eine äußere Anregung, als ein innerer Drang, was ihn, Ausgangs der fünfziger Jahre, seiner ersten Liebe, dem Drama, wieder zuführte. Diese äußere Anregung gab eine Concurrenz. 1857 wurde, von Seiten des Königs von Baiern, ein Preis für die beste deutsche Tragödie ausgesetzt; – es war selbstverständlich, daß sich die Münchner Poeten an diesem Wettkampf betheiligten. Heyse’s „Sabinerinnen“ gewannen den Preis. Das Sprüchwort sagt: „wen erst die Bühne hat, den läßt sie nicht wieder los“ und die Wahrheit des alten Satzes schien sich alsbald an unserem Poeten bewähren zu sollen. In rascher Reihenfolge erschienen neue Stücke: „Elisabeth Charlotte“, „Die Grafen von der Esche“, „Hadrian“, „Maria Moroni“, „Hans Lange“. Als ihn die Vorarbeiten zu dem letztgenannten, in seiner Hauptgestalt völlig originellen Drama beschäftigten, sah ich ihn wieder. Freilich nur auf kurze Stunden und nachdem ich die Hoffnung auf ein Wiedersehen fast schon aufgegeben hatte.

Der Spätherbst jenes Jahres hatte mich nach Süddeutschland, nach Heidelberg, dann nach Stuttgart geführt; auf dem Heimwege beschrieb ich eine Curve von dreißig Meilen, eigentlich zu keinem andern Zweck, als um Heyse, nach so vielen Jahren, ‘mal wieder einen guten Tag zu bieten. Ich ging also über München, hatte mich aber verrechnet und stieß auf das leere Nest. Heyse war verreist, nach Wien. Ein Glück unter diesen Umständen, daß ich in München nicht völlig ein Fremder war. Ich kannte Diesen und Jenen aus der Dichter-Colonie (von den „Krokodilen“, wie sie sich nennen) und sah mich also nicht ganz auf die Glyptothek und ihren Marmor angewiesen, die, wie alle Bauten derart, in Novembertagen mehr mausoleum- als museumartig wirkt.

Es war kurz vor der Abreise des Königs. Vor seinem Aufbruch wünschte der liebenswürdige Fürst, der humansten einer, die je einen Thron zierten, seine Poeten und Philosophen noch einmal um sich zu sehen; die Einladungen ergingen; – auch ich durfte erscheinen. Ich war unwohl, erkältet, doch es lockte mich, ein Zeuge dieser eigenthümlichen Zusammenkünfte zu sein.

Ein scharfer Ostwind pfiff durch die Straßen, als ich, von der Seite des Theaterplatzes her, in das alte Schloß einbog. Ein paar Gaslichter brannten, aber an solchen Windtagen, wo Alles hin und her flackert und jeder Windstoß das Gas in die Röhren zurückdrückt, hat das Licht keine Leuchtekraft; im Portal war Alles dunkel oder erschien doch so; ebenso auf der Treppe, die ich hinanstieg. Zehn Schritt vor mir, in einen Shawl fest eingewickelt, stieg ein Vordermann die breiten Stufen aufwärts. Er ging sicherer als ich. Ich folgte rasch, wie um mich zu attachiren; außerdem aber Gestalt und Haar, das in einzelnen Locken über den Shawl fiel, dazu die gefällige Nonchalance des Ganges, – ich konnte mich nicht täuschen, er mußte es sein. Heyse! … ich rief seinen Namen. Er war es wirklich; vor wenig Stunden zurückgekehrt. Herzlichste Begrüßung, aber leider bei Zugluft; – wir kamen also überein, die eigentliche Erkennungsscene mit der Versicherung beiderseitigen Junggebliebenseins erst oben stattfinden zu lassen. Hand in Hand stiegen wir den Corridor hinauf.

Es ging durch eine lange Reihe von Zimmern. Auch hier herrschte Halbdunkel; überall lagen dicke persische Teppiche, in den Fensternischen standen einzelne Lakaien, blau und weiß galonnirt, ächt bairische têtes quarrées, alt, häßlich, wenig verbindlich.

Drei dieser Zimmer, wenn ich nicht irre, dienten dem Zweck dieser literarischen Reunions, der „Symposien“, wie diese Zusammenkünfte scherzhaft genannt worden sind. Das eine war Empfang-, das andere Billardzimmer; hinter beiden der eigentliche Sitzungssaal. Der König wurde frühestens in einer Viertelstunde erwartet; wir hatten also Zeit zu privater Begrüßung. Ich fand Heyse wirklich wenig verändert, trotz manchen Jahres und manchen Erlebnisses, das zwischen heut’ und den Berliner Tagen lag. Dasselbe Lachen, dieselbe Leichtigkeit der Bewegung, dieselbe Jugendlichkeit der Züge; nur um Kinn und Mund war er voller geworden. Waren es die Jahre oder der Hofbräu?

Der König erschien. Er begrüßte Jeden von uns; mich, als Gast, mit besonderer Freundlichkeit. Dann, im Passiren des Billardzimmers, einen der Bälle aussetzend (eine bloße ceremonielle Form) schritt er in das eigentliche Sitzungszimmer voran. Wir Andern folgten. Das Zimmer selbst war behaglich. Einzelne Lampen hingen über einem Längstisch mit grüner Decke; Kamine, Lehnstühle; Alles nahm Platz. Rechts und links neben dem König saßen Liebig, Moritz Carrière, Bodenstedt, Paul Heyse, ihm gegenüber v. d. Thann, Geibel, Riehl. Andere sind mir nicht mehr gegenwärtig.

Die Unterhaltung machte sich leicht und ungezwungen. Zunächst wurde politisirt, aber mehr von allgemeinen Gesichtspunkten aus. Die Tagesereignisse gaben nur die Anregung, nicht den Inhalt des Gesprächs. Dann wurde Heyse nach seiner Reise befragt. Er gab einen kurzen Bericht; das Wiener Theater wurde berührt, Laube, Halm, Frau Rettich; Anekdoten folgten; dann verallgemeinerte sich das Gespräch und ging alsbald in eine Debatte über das moderne Drama über.

Ich saß ein wenig zurückgebogen, in diesem Augenblick doppelt ein Fremder, fremd in dem Kreise, aber auch fremd in der Debatte. Diese nahm bald einen Flug, daß ich nicht mitkonnte. Ein Material wurde herangeschleppt, Stellen aus Stücken citirt, die ich kaum dem Namen nach kannte; – ich schob meinen Stuhl weiter zurück in den Schatten. Die Wahrheit zu gestehen, war mir’s lieb, daß es so kam. Was hätt’ ich von der Ehre gehabt, auch mein Scherflein beigesteuert zu haben? Vielleicht nur Verlegenheit. Jetzt hatte ich den Genuß bei noch ungestörter Beobachtung.

Diese Freude war um so lebhafter, als mir bald kein Zweifel blieb, wer in dieser Frage den Kreis beherrschte. Heyse war noch in Reisestimmung. Er hatte das Wort. Mir klingt noch das Eine und das Andere im Ohr: „… Auch in ästhetischen Dingen, wie in so vielen andern, sind wir an einen Wendepunkt gelangt, namentlich im Drama. Die alten Theorien thun’s nicht mehr … die Grenzen sind weitaus zu eng gezogen. Wir müssen aus dem Schematisiren heraus, vor Allem aus dem Balancirsystem von Schuld und Sühne… Das ist eine Krücke für den Lahmen, aber für den, der laufen kann und laufen will, ist es ebenso oft ein zwischen die Füße geworfener Stock. Das Dramatische macht ein Drama. Damit ist freilich wenig, aber doch auch Alles gesagt. Schuld, Schuld! Wo ist Schuld in Romeo und Julia? Man hat sie finden wollen; man wird sie immer finden, wenn man sucht. Denn wie kein Tag unseres Lebens schuldlos verrinnt, so sind auch noch nie drei Acte verronnen – Acte, von denen es werth ist zu sprechen – in denen sich nicht bongré malgré so etwas wie Schuld nachweisen ließe. Die Sünde ist das Correlat des Lebens, sie durchdringt Alles und die natürliche Gekränktheit aller Dinge damit ist die alleinige Wurzel des Dogmas von der dramatischen Schuld und Sühne.“

So ging die Debatte. Lebhaft trat jener erste Nachmittag unter dem Nußbaum wieder vor meine Seele. Dieselbe Lebhaftigkeit, dieselbe bona fides, dieselbe Leichtigkeit und Freiheit des Ausdrucks.

Der König zog sich früh zurück. – Bei Elfer Rheinwein, wie er nirgends besser lagert als im Münchner Schloß, plauderten wir Mitternacht heran. Als wir uns an der Kaufunger Gasse trennten, rief ich ihm zu: „Glücklicher Du, der Du jung geblieben bist!“ – „Caro mio, Du siehst nicht, wo es fehlt.“ Er mochte so sprechen. Jeder bangt, daß man ihm die Gunst der Götter berede. Und nicht mit Unrecht, denn sie sind launisch und eifersüchtig.

Ihm aber sind sie treu geblieben, auch seither. In immer neuer Frische schafft er, sich und Andern zur Freude, im „entsiegelten Auge“ nach wie vor den ungetrübten Blick „der hellgebornen, heitren Joviskinder“.

 

 

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Weiterführend → Lesen Sie auch KUNOs Hommage an die Gattung des Essays.

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