Der abgewetzte Korpus

Während die frühen Jahre von einer fast unbändigen, elektrisierenden Leichtigkeit und purer Energie geprägt waren, spürt man im Spätwerk das Gewicht des nahenden Endes

Das Album All Around Man ist kein Dokument eines Konzerts, sondern die Kartografie einer akustischen Belagerung Londons. Im Live-Klang schmilzt die Architektur der Stadt. Die Verstärkerwände fungieren als Transformatoren, die den Lärm der Straße – das Heulen der Motoren, das Dröhnen der U-Bahnen – in eine hochfrequente Suite übersetzen. Der „All Around Man“ ist der Minnesänger der elektrischen Moderne: Er geht nicht mehr durch die Passagen, er jagt durch die Frequenzen. Die Geschwindigkeit, mit der die Töne steigen und heulen, simuliert das Tempo der industriellen Maschinerie, bricht ihr aber die logische Struktur. Es ist die Revolte des Handwerkers inmitten der Metropole der Angestellten.

Die Musik verliert ihre jugendliche Unbeschwertheit. Sie wird schwerer, düsterer und oft quälend intensiv, weil hier ein Mann gegen den eigenen, kollabierenden Körper anspielt.

Wer die Stratocaster dieses Mannes betrachtet, blickt in eine Geografie der Arbeit. Der Lack ist an den Stellen, wo der Unterarm den Korpus streift, längst dem nackten, Handschweiß-gesättigten Holz gewichen. Dies ist kein Instrument, das ausgestellt wird; es ist ein Werkzeug, das sich im permanenten Verschleiß konsumiert. Wo die bürgerliche Kultur den Kunstgegenstand durch die Aura der Unberührbarkeit schützt, bricht hier die rohe Praxis durch. Das Holz offenbart seine Maserung wie die Nervenbahnen eines Sezierten. Man sagt, der Stil sei Zufall, eine Laune des Materials. Doch im Zufall nistet die Notwendigkeit: Erst im Zustand der fortgeschrittenen Zerstörung gibt die Materie jenen Ton frei, der nicht mehr der Gitarre gehört, sondern dem Raum, den sie erzittern lässt.

Es ist schmerzhaft zu hören, wie Gallagher – der zeitlebens als der bodenständige „Anti-Rockstar“ im Holzfällerhemd galt – seine eigene Vergänglichkeit und Isolation besingt

Die Individualität des Klangs entspringt einer winzigen Verschiebung der Achse. Zwischen Daumen und Zeigefinger vollzieht sich eine mikrologische Operation. Das Plektrum trifft die Saite nicht im rechten Winkel der akademischen Disziplin, sondern in einer Schräglage, die das Metall zugleich reißt und dämpft. Es ist der Schnittpunkt, an dem der Ton in sein eigenes Echo umschlägt. Diese Obertöne sind keine Verzierungen; sie sind die Funken, die das Rad schlägt, wenn es blockiert. Der Hörer erkennt den Gitarristen nach Sekunden, weil dieser Ton keine Dauer anstrebt, sondern den Schock des Augenblicks. Er signalisiert: Die Zeit ist knapp, der Auftritt ist eine Verzehrung auf Widerruf.

Auf All Around Man hört man einen Künstler, der sich auf der Bühne buchstäblich zu Tode verausgabt, weil das Spielen der einzige Zustand ist, in dem er sich lebendig fühlt.

Wenn der Blues in dieser Geschwindigkeit vorgetragen wird, verliert er seine melancholische Trägheit. Er wird motorisch. Das Heulen, das sich in den Londoner Aufnahmen Bahn bricht, ist das exakte Gegenteil des sentimentale Gesangs. Es ist ein physikalisches Phänomen, erzeugt durch die Rückkopplung zwischen geschundenem Holz, geschwollenen Fingern und glühenden Röhren. In diesen Obertönen feiert die Elektrizität ihre Befreiung von der Funktion. Sie erleuchtet den Raum nicht, sie verbrennt ihn. Der Zuhörer wird nicht unterhalten; er wird Zeuge einer Verausgabung, die an den Fundamenten des bürgerlichen Kunstbegriffs rüttelt. Hier gilt: Nur was sich im Moment des Entstehens verzehrt, bleibt unvergesslich.

Auf dem Live-Dokument All Around Man: Live In London treten die Zydeco-Einflüsse noch deutlicher und dynamischer hervor als auf der verhaltenen Studioproduktion von Fresh Evidence.

Dass man den Zydeco-Vibe auf diesem Live-Album so stark spürt, liegt an Geraint Watkins und seinem Akkordeon. Gallagher hatte für diese Tourneen den walisischen Keyboarder und Multiinstrumentalisten Geraint Watkins fest in der Band. Watkins steuerte bei den Konzerten nicht nur Piano und Orgel bei, sondern griff eben auch live zum Akkordeon – dem Herzstück der Zydeco-Musik. Wenn man die Live-Version von „The King Of Zydeco“ auf dieser Veröffentlichung hört, merkt man, wie die Band den tanzbaren, treibenden Rhythmus (den typischen Louisiana-Groove) voll auslebt. Durch Watkins‘ Akkordeon-Einsätze färbte dieser Sound live spürbar auch auf die Spielfreude der restlichen Setlist ab

Der Akustik-Set auf All Around Man: Live In London gehört zu den Höhepunkten des gesamten Konzerts und unterstreicht Rory Gallaghers außergewöhnliche Klasse als traditioneller Folk- und Blues-Musiker.

Dass dieser Block mit „Out on the Western Plain“ beginnt, hat eine tiefe symbolische und musikalische Bedeutung.  Das Stück ist eine Bearbeitung des legendären Blues- und Folkmusikers Lead Belly. Gallagher hatte den Song bereits 1975 auf seinem Album Against the Grain verewigt und hielt ihn zeit seines Lebens im Programm. Obwohl es sich um eine amerikanische Cowboy-Ballade handelt, schimmert durch Gallaghers Picking-Stil und die offene Stimmung immer auch seine irische Herkunft durch. Er verschmilzt hier amerikanischen Blues mit traditionellem keltischen Folk. „Ride On Red, Ride On“ ist eine wunderbar rollende Interpretation des klassischen Rhythm-and-Blues-Tracks von Louie Willie Turner. Gallagher transformiert die Nummer live in einen packenden, treibenden Akustik-Groove. Der „Walkin‘ Blues“ ist ein unsterbliche Klassiker von Robert Johnson. Hier demonstriert Gallagher seine Meisterschaft an der Resonator-Gitarre (seiner berühmten verchromten National Resophonic aus den 1930er-Jahren). Das messerscharfe Slide-Spiel erzeugt genau diesen metallischen, erdigen Sound des Mississippi-Deltas. Und schliesslich „Empire State Express“, ein Stück des legendären Son House, das Rory auch schon für das Studioalbum Fresh Evidence eingespielt hatte. Live im Town & Country Club spuckt diese Nummer regelrecht Feuer. Sein perkussiver Anschlag auf der Resonator-Gitarre imitiert das Stampfen einer Dampflokomotive – roh, intensiv und rhythmisch extrem fordernd. Im Gegensatz zu früheren Tourneen (wie auf Irish Tour) ging es in dieser Spätphase bei den Akustik-Songs nicht nur um flinkes Fingerpicking. Man hört eine spürbare Schwere und Reife in seiner Stimme. Unterstützt wurde er bei einigen Blues-Nummern zudem von Mark Feltham an der Mundharmonika, was den traditionellen Delta-Sound perfekt abrundete.

Gallaghers Spiel ist auf diesen Aufnahmen extrem präzise. Er hält sich hier bewusst zurück und nutzt Phrasierungen, die weit über das klassische Blues-Rock-Schema hinausgingen

Das Album dokumentiert ein ergreifendes Paradoxon: Während Gallaghers Körper durch Medikamente und Krankheit sichtlich geschwächt war, spucken die Soli auf dieser Aufnahme regelrecht Feuer. Wenn er die Bühne betrat, fiel die Last ab. Live in London ist das finale Monument eines Mannes, für den Musik keine Karriere, sondern eine existenzielle Notwendigkeit war. Es zeigt den „All Around Man“ in seiner reinsten Form: hungrig, kompromisslos und absolut würdevoll.

 

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All Around Man: Live In London, von Rory Gallagher, 2023

Weiterführend  Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde veröffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein Alternative, was das Rätsel aufgab, was genau man hörte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim und lauschen dem Turning Point, von John Mayall.