Gute Vorsätze

Die Bücher von Joanna Lisiak lassen sich oft als kluge psychologische Studie lesen, oft erinnern sie auch an eine Meditation eines Ichs über sich selbst.

vorsätze und neues jahr sind ein un/paar. sie sind, scheint mir, aus der mode gekommen. sie sind zudem klischee und oft negativ behaftet. sie gehen einher mit der befürchtung, dass man den vorsatz früher oder später ja doch brechen wird und dass ein vorsatz somit obsolet, ja von vornherein zum scheitern verurteilt, und daher lästiges zeug ist. man sagt demnach lieber, dass man den vorsatz hat, nämlich keinen vorsatz zu haben.

ich finde, dass kleine abmachungen mit sich selbst nicht per se schaden müssen. vorsätze müssen auch nicht an laster gebunden sein. sondern sie können einen motivieren, im zwiegespräch mit sich selbst zu bleiben. sie haben die eigenschaft an das zu erinnern, zu dem man eine bestimmte verbindung hat oder zu dem man eine klare haltung haben möchte. die haltung, die durch die kommenden monate des jahres nicht immer konsequent wahrgenommen wird können, weil das leben von allen seiten kommt und es nie ganz genau so wird, wie man einst dachte. und das ist auch gut so. spätestens im rückblick, oder im rückrückblick, wird einem bewusst, dass die kurven sinnvoll sind.

anregungen sind da viel milder. sie laden höflich ein mit einer geste, und man hat die freie wahl, eine solche anregung anzunehmen oder sich gerade jetzt nicht, vielleicht später mal, einkurbeln zu lassen von einer idee ausserhalb. anregungen können flirten, sind leicht verdaulich, spielerisch. wenn man gleich 365 zur auswahl hat, kann man zudem von einer zur anderen fliegen wie ein leichter schmetterling im wind und sich einfach nur anregen lassen von der anregung.

ich habe als autorin die vorlage für solche flüge hoffentlich geschaffen. damit die leser/innen sich einladen lassen können, ob passiv, ob aktiv, ob als antrieb oder aus purer lust und neugierde. oder am ende aus einer vorsatzverwandschaft heraus, weil es sich schwarz auf weiss auf papier anders anfühlt, als wenn man mit sich selbst spricht und sich anzuregen versucht.

Die Inspirationen sind weder abenteuerlich-gefährlich, noch verlangen sie einem allzu großen Mut oder Geschick ab. Sie kosten gelegentlich etwas Überwindung, aber nicht wirklich. Sie sind von eher zarter Struktur beschaffen und dennoch können sie die eigene Welt verändern. Sie sind verblüffend einfach. Sie vermögen subtil anzustacheln, Tempo-, Temperaturwechsel anzukurbeln, mikrokleine Gefühle zum Wirbeln zu bringen. Im Idealfall bergen sie am Ende Geschenke für einen selbst. Wer bewusst «heute» sagt, der lebt dieses «Heute» möglicherweise bewusster. So die Logik.

 

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Himalaya», 2013, von Mariola Lisiak

heute gut, 365 anregungen für jeden tag von Joanna Lisiak, 2019, 376 Seiten, isbn 978-3-74813-974-4

Weiterführend →

Lesen Sie auch das Porträt der Autorin und das Kollegengespräch zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. Der „sinn der wendungen“ regte Holger Benkel zu einem Rezensionsessay an. KUNO verleiht der Autorin für das Projekt Gedankenstriche den Twitteraturpreis 2016. Über die Literaturgattung Twitteratur finden Sie hier einen Essay.