Nebelbanktrauma

In der Nacht zum 19. Januar 2007 zog der Orkan Kyrill nach Osten über das Sauerland hinweg.

In den Tälern liegt wieder Nebel, als Herr Nipp aus seinem Fenster schaut. Aus seiner kleinen Kemenate hat er durch eines der Dachflächenfenster einen wunderbaren Blick Richtung Möhnetal, nur teilweise durch Häuser verdeckt, die in den letzten Jahren mit Photovoltaikanlagen aufgerüstet wurden. Um die Bachläufe und Flüsse hat sich in der Nacht das weiße wasserdunstige Gespenst gesammelt. Von außen schön anzusehen. Jedes Mal, wenn Herr Nipp auf seinen Radtouren durch das Sauerland durch eines dieser engen Täler fährt, die in Jahrmillionen von kleinen Bächen in die Berge geschnitten wurden, muss er solche Nebelbänke queren. Dann schlägt ihm feuchtkalte Luft entgegen und schnell kommt ihm das fast beängstigende Gefühl, dass er selber in wenigen Minuten ein nebliges Gemüt bekommt. Wenn er dann plötzlich und unerwartet aus dem Weiß ins leuchtende Sonnenlicht bricht, ist alles schnell wieder vergessen. Seltsamerweise findet man gerade an den nebligsten Stellen häufig kleine Siedlungen, als hätten die Ureinwohner eine heimliche Sehnsucht nach Unsichtbarkeit.

Die Blätter hatten inzwischen ihren alljährlichen Weg auf den Boden gefunden. Die letzten leuchtenden Farben hatte der Frost in ein unansehnliches Braunbeige mit schwarzen Rändern verwandelt. Die Herbstpracht hatte sich innerhalb weniger eisiger Nächte verabschiedet. Dieses Jahr allerdings sehr spät. Bis in den November hinein, konnte man sich an der Fülle verschiedener Färbungen kaum satt sehen. Ein richtig langer Herbst. Jede Baumart hatte dabei ihre eigene Wertigkeit. Gelbe Ahorne, grüngelbe Lärchen,  orangefarbene Buchen und manchmal eine rote wilde Kirsche. Die Blätter wurden nun auf den Straßen zu einem teigigen Matsch zerfahren, würden sich nach und nach in die Gräben schieben lassen und diese verstopfen. An manchen Stellen bildete sich auch ein richtig glitschiger Film auf den Bahnen, gerade in Kurven wurde dies so manchem unbedachten jungen Fahrer zum Verhängnis, da nutzte es auch nichts, wenn der Polo tiefer gelegt war. Ab in den Graben, da fressen ihn die Raben.

Lediglich die wenigen übrig gebliebenen Buchenhaine konnten mit leuchtendem Orangegelb den gesamten schneelosen Winter hindurch aufwarten. Leuchtpunkte in einer trüben Landschaft, Haltepunkte für das graugeschädigte Auge.

Im neunzehnten Jahrhundert hatte man innerhalb weniger Jahrzehnte aus wirtschaftlichen Erwägungen und Notwendigkeiten die Eichen-, Buchen und Mischwaldbestände gefällt und durch schnellwachsende Fichten ersetzt. Das Ruhrgebiet brauchte für den Stollenbau Holz, viel Holz. Auch die anwachsende Bautätigkeit verschlang Unmengen dieses Rohstoffes. So hatte sich in kurzer Zeit das verwachsene Gesicht einer ganzen Landschaft völlig verändert. Das Antlitz des heutigen Sauerlandes hatte mit seiner ursprünglichen Form nur wenig zu tun. Nur vereinzelt waren Flecken mit Laub- oder Mischwald bestehen geblieben. Einige Waldbauern hatten wohl schon früh erkannt, dass die geforderten Monokulturen der Tod der Natur waren. Immerhin gab es inzwischen steuerliche Förderungen, wenn abgeholzte Fichten von den Waldbesitzern durch Mischungen aufgeforstet wurden. Buchen, Eichen, Ahorn, Eschen, Ulmen allerdings waren wegen der Ulmenkrankheit ein Problem. Birken kamen von allein dazu, einige Kiefern, randständig Lärchen, Kirschen und Ebereschen für das Auge und als Winternahrung für die Vögel. Das war auch nach dem verheerenden Kyrillsturm geschehen, der vor allem bei den Nadelbäumen große Schäden angerichtet hatte, während die meisten Laubbäume verschont geblieben waren. Einige hatten allerdings Pech, wenn sie von fliegenden Fichten mitgerissen oder abgebrochen wurden. Damals hatte Herr Nipp mit einem seiner liebsten und bissigsten Freunde eine Autofahrt durch das Sauerland unternommen. Dieser sonst nie um einen vernichtenden oder zumindest bösen Kommentar verlegene Mensch des geschriebenen Wortes hatte mit verstörtem Gesicht meist geschwiegen, entsetzt über die geschlagenen landschaftlichen  Narben. Manchmal war ein fast verzweifeltes Tunguska über seine Lippen gekommen. Das war einige Jahre her, die Folgen aber würden in Jahrzehnten noch sichtbar sein. Hoffentlich, denn vielleicht konnte auf diese Weise wieder ein vielfältiges Sauerland entstehen.

Nun aber radelte Herr Nipp mit sich selber um die Wette. Wusste, dass das vorgenommene Pensum mit seinem einfachen alten Damenrad schwer zu bewältigen war. Nach kaum einer Stunde Fahrt, er war gerade in eine dieser Nebelbänke gerauscht, hörte er ein seltsam knatterndes Geräusch. Kein Motor, er konnte sich zunächst nicht erklären, was es war, ganz nah. Im Nebel kann man nicht gut sehen und die Geräusche wirken befremdlich. Aber schon wenige Momente später, als er sowohl vorne als auch hinten auf der Felge fuhr, wusste er Bescheid. Ein Bauer hatte wohl eine Hecke mit Schlehenbüschen beschnitten und einige Zweige nett drapiert auf der Straße liegen lassen. Die Reifen ließen schnell ihre Luft in die Atmosphäre entweichen. Glücklicherweise hatte Herr Nipp erst zwölf Kilometer hinter sich gebracht.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.