Die Grammatik der Muschel

Was für die 1968-er Generation Kubriks 2001 war, ist für eine Generation später: Arrival

Als vergessener Grabstein der Zukunft steht abermals etwa Monolithisches in der Landschaft. Man nennt es „Muschel“, doch es ist eher ein vertikales Augenlid der Erde, das sich alle achtzehn Stunden träge öffnet. Wer eintritt, verlässt nicht nur den Boden, sondern das Gesetz der Schwere selbst. Das Innere ist kein Raum, sondern eine Kammer für das Echo, das die Menschheit noch nicht ausgestoßen hat. Die Außerirdischen sind nicht gelandet, um die Menschheit zu erobern, sondern um sie wie eine alte Inschrift zu betrachten, deren Sprache sie selbst vergessen haben.

Die Heptapoden sprechen nicht; sie sezieren die Zeit mit Tinte. Wenn Abbott und Costello ihre Gliedmaßen heben, entlassen sie eine dunkle Flüssigkeit, die sich in der Luft zu kreisförmigen Hieroglyphen gerinnt. Diese Schriftzeichen sind keine Ketten von Buchstaben, die von links nach rechts dem Tod entgegenlaufen. Es sind Konstellationen. Ein Satz ist hier kein Weg, sondern ein Netz, das im selben Moment geknüpft wird, in dem man es erblickt. Die Tinte der Siebenfüßler ist das Baumaterial einer Architektur, in der Anfang und Ende ineinanderwohnen wie der Rauch im Feuer.

Die Linguistin drückt ihre Hände gegen das transparente Glas, das die Arten trennt. Es ist die Trennwand des Bewusstseins. Indem sie die kreisförmige Sprache der Fremden erlernt, infiziert sie ihr eigenes Gehirn mit der Zukunft. Das Vokabular der Heptapoden ist eine Droge, die die Chronologie auflöst. Das Sterben ihrer Tochter ist kein vergangener Schmerz und kein zukünftiges Unglück – es ist ein permanenter Raum, den Louise jederzeit betreten kann, so wie man ein Zimmer in einem weitläufigen Haus aufsucht. Erinnerung ist hier keine Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern das simultane Vorhandensein des Ganzen.

Die Militärs der Welt fordern ein „Werkzeug“ oder eine „Waffe“. Sie verstehen unter einer Waffe das, was trennt, was zerstört, was die Grenze schärft. Die Heptapoden aber bringen eine Sprache, die die ultimative Waffe gegen das Nacheinander ist. Die Gabe ist das Geschenk der Gleichzeitigkeit. Wer ihre Grammatik beherrscht, sieht den Krieg der Nationen als das, was er ist: das verzweifelte Aufbegehren von Blinden, die im Dunkeln der Zeit gegeneinander stolpern, weil sie nicht wissen, dass die Hand, die sie schlagen, ihre eigene Zukunft ist.

Wer die Zeit als Linie begreift, flieht vor dem Ende. Wer die Zeit als Kreis begreift, nimmt das Ende in Kauf, um den Kreis zu schließen. Louise Banks wählt das Leben ihrer Tochter im vollen Bewusstsein ihres frühen Todes. Das ist kein Fatalismus, sondern die höchste Form der Philologie: den Text des Lebens zu lesen und ihn genau so auszusprechen, wie er geschrieben steht.

 

 

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Arrival, von Denis Villeneuve, 2016

Der isländische Komponist und Filmemacher Jóhann Jóhannsson startete seine Arbeit am Soundtrack mit Beginn der Dreharbeiten und ließ sich dabei vom Drehbuch und den Konzeptzeichnungen inspirieren. Eines der Hauptthemen entwickelte er bereits in der ersten Woche mit Gesang und experimentellen Klavierschleifen.

 

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