Krötzenbroda · Revisited

 

Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten…

Es ist in Deutschland ein weiteres Dorf sprichwörtlich hinzukommen, in dem die DDR fiktiv weiterexistiert und das auf realsozialistische Weise der heutigen neoliberal formierten Welt listig die Stirn bietet: Die Rede ist von Krötzenbroda, wie das kleine, ebenso verschrobene sächsische Dorf in dem gleichnamigen Roman heißt, der soeben unter Pseudonym erschienen ist. Darin wird auf höchst komische Weise der Zusammenprall zweier Welten beschrieben.

Man kann aus der DDR nicht weggehen, bevor man es Deutschland anmerkt.

Wir lesen in dieser Prosa eine satirische Form des Reenactments, eine irrwitzige Neuinszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse. Über den Weg der historischen Wiedererlebbarkeit wird nicht nur die Geschichte verständlich und erlebbar gemacht sondern auch die Gegenwart. Man lacht Tränen darüber, was in dem Roman aus Clemens v. Schmaedeke, einen an der Holger-Börner-Business School Schwetzingen ausgebildeten Jungmanager wird, der von der Firma IDOPSA International den Auftrag erhält, im sächsischen Krötzenbroda ein Callcenter zu errichten und dafür Minijobber und HARTZ-IV Bezieher zu rekrutieren. Dass er bei seiner Mission Impossible auf eine junge Physikerin und Kulturfunktionärin namens Angela Kastner trifft, deren Vorbild die heutige Bundeskanzlerin sein dürfte, ist nur ein Aspekt der vielschichtigen Handlung des Romans. Zu viel muss von diesen Politikern gesagt werden, und man bringt es einfach nicht unter, und dies leuchtet sofort ein, aber was heisst dieses „zu viel“? Ist es eine reine Frage der Text–Ökonomie? – Die Disjunktionen der politische Rede wird aufs feinste entlarvt.

Seid bereit / Immer bereit!

In der Politik galten bislang allein die harten Fakten als existent, in Krötzenbroda muss sich Schmaedeke mit den harten Nicht-Fakten zurechtfinden. Er verliert jede Orientierung, bei seinen Bemühungen werden von den Dorfbewohnern immer wieder Steine in den Weg gelegt. Die Doppelbödigkeit, das intensive Erleben im Präsenz und die parallele Reflexion über die adäquate Form dafür setzt Dr. Erich M geschickt ein. Auch die Stasi schaltet sich gierig nach der von ihm mitgeführten neuesten Technik aus dem Westen ein und umspinnt ihn. Schließlich gerät der Jungmanager in den Strudel einer Anschlagsserie, die von einer westlichen Untergrundorganisation in Krötzenbroda gesteuert wird. Im Mittelpunkt der humorvollen Geschichte jedoch steht die durchaus ernstliche Frage danach, welche der beiden sich gegenüberstehenden Welten die lebenswertere ist, worauf am Ende augenzwinkernd eine Antwort gegeben wird.

Krötzenbroda ist ein Roman, der in seinem anarchischen Witz das Zeug dazu hat, zu einem Kultbuch zu werden.

***

Krötzenbroda, Roman von Dr. Erich M, Erich X,  bei Neobooks 2016

Weiterführend → Denken ohne Augenklappe, ein Zirkelschluß:

In Trans- einer Reflexion über Menschen, Medien, Netze und Maschinen können wir dem wilden, kompromisslosen Denken von Joachim Paul ins 21. Jahrhundert folgen. Dieses Buch zeigt Paul denkend und es zeigt auch, wie er denkt. Er richtet seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht. Paul entwickelt eine Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt: Medien, Netze und Maschinen schreiben mit an unserem Denken.  Wenn ein User nur unter einem Programm arbeitet, ist er regelgerechter Untertan. Pauls Reflexionen waren 1996 eine Flaschenpost an die Zukunft; entkorkt verströmen die Essays von Joachim Paul ein betörendes Bouquet.