Romanvernichtungsdreck! #errorcreatingtweet

Das sind die wahren Wunder der Technik, dass sie das, wofür sie entschädigt, auch ehrlich kaputtmacht.

(Karl Kraus)

Meine Tränen tränken die ganze Welt.

Dieses iPhone ist patschnass.

(Werther – retweeted)

Ich trete in die dunkelblaue Stunde –

Da ist der Flur, die Kette schließt sich zu

Und nun im Raum ein Rot auf einem Munde

Und eine Schale später Rosen – Und so weiter, denn es war zur herrlichsten blue hour, da saß ich kürzlich unspektakulär mit einem deutschen Kollegen zusammen, ohne Ketten und Rosen, und wir sprachen nicht über Benn, vielmehr begann es mit Dittsche, nämlich beim zweiten Glas eines soliden Fronsac rouge Les Roches de Ferrand fragt mein Gegenüber unvermittelt:

„Hör mal… was meinst Du… wenn ich schreiben würde: Staubsaugerbeutel riechen nach Elefant … ist das dann ein Aphorismus? Ein Fun-Aphorismus?“

„Wo möchtest Du das hinschreiben?“, frage ich.

Twitter! ROFL (roll mich lachend auf dem Boden)!

Sprachkürze gibt Denkweite. Jean Paul. Das ist ein Aphorismus.

Früher gab es mal Leute, die haben sich Sinnsprüche an die Wand gehängt. So in Kacheln gebrannt oder auf Holz gemalt. In Küche und Bad. Auf dem Klo. Das waren wohl meistens keine Aphorismen, denn geflügelte Worte und pointierte Zitate sind per definitionem keine.

Der Sex ist nach der Kirche die zweitgrößte internationale Macht. Ein Aphorismus. Epileppi aber happy – kein Aphorismus.

Jawohl, während unserer Schulzeit, in meinem Fall Anfang 70er bis Mitte 80er Jahre, hatten wir unsere ganz eigenen Sprüche, ob mit Sinn oder ohne, vor Behindertenwitzen schreckten wir nicht zurück, Grenzen wurden überschritten, weil es noch Grenzen gab. Twitter gab es nicht. Anstatt ein Smartphone zu liebkosen drehten wir Rubik’s Cube. Wir wurden noch auf das vermeintliche Leben konditioniert und nicht auf Apple Inc. & Company. Wissen ist Macht. Nix wissen macht aber auch nix. Lieber null Bock als gar keine Ziege. Der Aphorismus ist eine Literaturform zwischen Philosophie und Poesie, und vor allem klug muss er sein.

Aphorismus kann jeder, lese ich öfters, und wahrscheinlich ist das wahr. Und bestimmt war das schon immer so. Bloß irgendwann ganz früher einmal, in einer nicht enden wollenden Zwischenphase der Geschichte, als die Menschen nicht mehr so sehr vom Ausmalen ihrer Höhlen und noch nicht vom pausenlosen Tweeten in Anspruch genommen waren, gab es regelrechte Experten für Aphorismen, die wahrhaft Großen ihrer Zunft, die Gedankensplittergurus: Georg Christoph Lichtenberg, der Übervater des Aphorismus, Jean Paul (Richter, selbstredend), Goethe, Schlegel, Novalis, Wittgenstein, Karl Kraus, Walter Benjamin und noch viele andere mehr.

Karl Kraus ist ja in Wirklichkeit der Erfinder von Twitter. Glauben Sie nicht? Hier das Zitat: Eine neue Erkenntnis muss so gesagt sein, dass man glaubt, die Spatzen auf dem Dach hätten nur durch Zufall versäumt, sie zu pfeifen. Spatzen! Die Initialzündung. Später überlegte er sich, wie man die Spatzen in unserem Namen pfeifen lassen könnte und hat bestimmt irgendein Patent in der Schublade gehabt, das, zunächst verschollen, nach dem zweiten Weltkrieg wieder auftauchte und in die Hände eines US-Geheimdienstes fiel, weil die Sache zu blöd war in einem Archiv verstaubte, schließlich von Evan Williams, der nach einem Hinweis des Bureau of Intelligence and Research das wahre Potential erkannte, erworben wurde, gegen die Sicherheit seiner 22 Millionen Dollar Risikokapital.

Heute, sagt mein Kollege, sei der Aphorismus wieder lebendig, seien Wortspiele, Miniaturgeschichten und philosophische Witzeleien, eh und je zitierfähiges Material für private Gespräche und berufliche Präsentationen, omnipräsent und revolutionierten die Literatur, vor allem jene im sogenannten Netz, denn mit Twitter habe der Aphorismus sein ideales Medium gefunden. Früher, so der Kollege, sei der Aphorismus gleichwohl elitär gewesen. Wer hatte schon das Privileg, sich im gedruckten Wort verbreitet zu sehen – das Grundproblem überhaupt mit dieser elendig belehrend abgehobenen und arroganten und besserwisserischen Literatur. Nun hat sich auch der Aphorismus demokratisiert. Redaktionelle, filternde Instanzen entfallen. Und das sei gut so, denn von Natur aus ist jeder Mensch eine vor Kreativität explodierende, geistreiche Intelligenzbestie, man muss ihn eben bloß seine Lebensweisheit dem blauen, zeitweilig weißen, Zwitscher-Larry (ist das ein Spatz?) in den Schnabel legen lassen.

Die Früchte dieser Demokratisierung des Sprücheklopfens lesen dann die anderen Aphoristiker, denn jeder demokratische Leser im Netz ist zugleich demokratischer Autor, süße wie faulige: Was macht die Eskimofrau auf der Eisscholle? – Abtreiben! — Wie dreist ist es, Herstellern von Damenbinden antizyklische Werbung zu empfehlen? — Ich weiß nicht, was ich tue, mache aber einfach weiter und schaue mir dabei verwundert zu. — Warum werden die Frauen die Männer überleben? Weil sie keine Ehefrauen haben. — Mein Entfaltungspotential ist heute gewaltig. Bin total zerknittert. Oder: OMFG (Oh mein fickender Gott) schon wieder Voldemort! Nein, Letzteres ist kein Aphorismus sondern ein Roman, genauer eine Neuinterpretation in 28 Zeichen, mit Leerzeichen, ohne den Klartext in Klammern; dazu später mehr.

Gut, in dieser kürzesten beliebigen Auswahl war keine süße Frucht dabei. Nichts als Gehirnblähung und amerikanische Fuck-Ausdrücke, das angefaulte Fallobst der digitalen Massenkultur. Viel Quantität, kaum Qualität. Ist das der Preis der Demokratisierung der Kommunikation? Hat, weil plötzlich alle digital mitreden können, nun ein jeder etwas zu sagen?

„Muss ich etwas zu sagen haben?“, fragte sich Max Frisch 1982. Posthum veröffentlicht 2010 in seinen „Entwürfen zu einem dritten Tagebuch“. Und ausgerechnet der Mann hatte etwas zu sagen.

Überhaupt fällt auf, dass die jüngeren Twitteraten, die nicht (noch nicht?) sonderlich viel aussagen, einem Hang zum verschwenderischen Umgang mit Flüchen aus der neuen Welt nachgeben. Es werden Götter gefickt oder sie tun es selber, man liest von der Hölle, mancher Held wird verbal angegangen als Sohn einer Dame aus anrüchigem Gewerbe.
Twitter – das Sudelbuch der digital natives?

Als mein lieber Kollege beim dritten Glas unseres samtigen Roten beginnt, mir die Entwicklung des World Wide Web als Verknüpfung von Maschinen hin zum Web 2.0 als Vernetzung der Menschen zu erklären, geprägt von der tatsächlichen Revolution des Nutzerverhaltens in elektronischen Medien, nämlich jedermanns Wandel vom Konsumenten zum Anbieter von Inhalten, eben auch von Sprache, Texten, sowie den Wegfall von Kontrollinstanzen und, bitte verstehen Sie den darwinistischen Begriff nicht falsch, Auslese und die daraus resultierende Demokratisierung der Literatur – da wird es mit einem Mal komplex; bekanntlich ist der Aphorismus nur ein Teilaspekt des digital-literarischen Hypes.

Und endlich fällt das Zauberwort: Twitteratur! Oder Twitterature im Original, sprich: twitteritschä, so ungefähr, denn alle heutigen Kulturrevolutionen kommen aus der neuen Welt.

Und da war doch etwas mit diesem kindischen Totholzbüchlein aus eben jener neuen Welt, die uns pausenlos einredet, der Mensch und alles, was dazugehört müsse, ab sofort aus Nullen und Einsen bestehen: ja zwei junge Bewohner des binären Technotops, Alexander Aciman und Emmet Rensin, beglückten selbiges gegen Ende Anno 2009 mit dem epochemachenden Pamphlet:

„Twitterature: The World’s Greatest Books in Twenty Tweets or Less“. 20 Tweets, wohlgemerkt, nicht 140 Zeichen, wie der Titel der deutschen Ausgabe manipuliert. Wären wir bereits bei 2800 Zeichen. Hier wird vertwittert was das Zeug hält, als sollte die Unvermeidlichkeit, in Zukunft alles, wirklich alles, in den leidigen wie infantilen Jargon des Internet zu verwursten, zementiert werden.

Ein bisschen griechische Mythologie gefällig? Ödipus: „PARTY IN THEBES!!! Nobody cares I killed that old dude, plus this woman is all over me. Total MILF“ (MILF: die Mutti, die ich gerne ficken würde – bleiben Sie bitte ruhig, ist ja nicht von mir!) Alles klar. Alles gesagt. Ödipus voll verstanden. Waren die alle so drauf? Wohl ziemliche Dreckschweinchen, diese ollen Griechen.

Oder hier, Dantes Inferno: „I’m havin a midlife crisis. Lost in the woods. Shoulda brought my iPhone.“ Ja logisch. SMS an Brunetto. Der hat zwar nur ein Samsung …

Hamlet? Bitteschön: „WTF IS POLONIUS DOING BEHIND THE CURTAIN???“ (What The Fuck schon wieder … und außerdem bleibt für junge und noch unbelesene Literaturinteressierte die Frage offen: Who the fuck is POLONIUS?)
Und dieses Machwerk also (aus einem us-amerikanischen customer review auf amazon.com: „neither fresh nor clever“ – nicht jeder Amerikaner ist so, wie wir ihn uns vorstellen), verfasst von zwei kurios bürgerlichen chicagoer Vorstadtjungens – also bitte: wer sich von den beiden mal Fotos ergoogelt, dem muss ich nichts weiter erklären, digital Neo-Spießer 2.0 wie aus dem Fahndungskatalog für verlorengegangene minimal angekokste Muttersöhnchen – soll die Gravitationsverhältnisse in der Galaxie der Weltliteratur durcheinander bringen?

DAS, ausgerechnet dieses Büchlein, das eben gerade keine Twitteratur ist, weil jene plattformgebunden ist, hat den Begriff Twitteratur geprägt, der durch Aciman und Rensin übrigens lediglich gehypt wurde, dessen exakte Herkunft sich eindeutigen Belegen entzieht, nicht die paar goldenen Aphorismen und Micro-Erzählungen, die sich bereits seit 2008 auf Twitter tummeln und die sich die Kulturversteher hierzulande jetzt gerne herauspicken, weil sie, diese Gedankensplitter, freilich einen der wenigen Gründe zur Hoffnung auf einen halbwegs sinnvollen – Literatur betreffenden – Umgang mit Twitter geben.

Twitteratur, dieses Portmanteau(wort) aus Twitter und Literatur, nach dem Verständnis von Aciman und Rensin, soll immerhin keine simple Nacherzählung sein, sondern ein Ausdruck der sich verändernden Kommunikationsmethoden, „[…] eine kenntnisreiche Neuinterpretation und frische Kommentierung von Literaturklassikern“, schreibt noch im April 2011 Markus Lippold auf n-tv.de, und fügt zur Rettung seiner Ehre hinzu: „ohne diese ersetzen zu wollen oder zu können“. Aber es wird bedauerlicherweise die Bindung an das Medium ebenso übersehen wie die Voraussetzung der Kenntnis der Urtexte, um sie zu verstehen.

Ob die beiden SMTBOIC-Autoren (SMTBOIC: sucking myself the brain out in Chicago) de facto über die fundierten Kenntnisse der Klassiker, die ihnen nachgesagt wird, verfügen, oder einfach nur Zugang zu ein paar genial ausgetüftelten Algorithmen hatten, wird ihr Geheimnis bleiben.

Ich habe inzwischen unvernünftigerweise eine zweite Flasche unseres charakterstarken Rotweins geholt und muss erfahren, dass mein Kollege den Transkriptionsversuch alter Weltklassiker in den Slang pubertierender iCloud-Teenies total daneben findet. Überhaupt dieser immer wieder scheiternde Versuch, Vergangenes dem Hier und Jetzt anzupassen. Für ihn sei das ein Fehler auf der Timeline. Ein absolutes Missverständnis von Literatur, Kultur, Geschichte. Jedes Werk, ob Literatur und Theater, Musik, Skulptur, ja streng genommen jedes Wort, jeder Gedanke, existiere im Kontext seiner Zeit. Der oft fehlende Zugang zum historischen Kontext störe die „Kultur des Proletariats“ nicht. Und bitte – was rief Gaby Köster, „die dümmste Praline der Welt“, einst auf der Kölner Stunksitzung ihrem linksalternativen Publikum entgegen? „Ihr wolltet doch immer die Diktatur des Proletariats. Und jetzt bin ich da!“ Sie sind überall, die Vertreter eines neuen geistigen Proletariats. In Politik, Wirtschaft, Alltag, in der Kultur und somit eben auch in der Literatur. Und gleichzeitig formt sich eine neue Elite: die Diktatoren des kybernetischen Zeitalters, die Tyrannen der digitalen Welt. Ihr Sinn besteht vorrangig aus ihrem fiktiven Wert an den internationalen Börsen. Ihre Aufgabe besteht aus der immerwährenden Suche nach neuen Märkten. Die Welt wird digital; aber nur, weil wir für alles bezahlen werden, früher oder später, direkt oder indirekt, oder anders herum: weil ein paar wenige Figuren mit uns zahlreichen Volltrotteln einen Haufen Geld verdienen möchten. Die Absichten sind altbacken, die Technologie neu. Auf diesem Schlachtfeld soll alles in Stücke gehauen werden. Und endlich – endlich! – haben sie das Buch entdeckt, es auszumerzen, in anderer Form neu zu erfinden und uns schließlich zu verkaufen. Das alles deliriert mein Kollege, nach nur vier Gläschen Rotwein.

Ich würde eher sagen, es gibt Chancen … und Chancen. Chancen werden genutzt, Chancen werden versemmelt.
Eine Inflation von Texten, die vielleicht niemand wirklich lesen möchte, einerlei ob auf Papier oder in der Cloud, ist nur noch Geschwätzigkeit. Da nun einmal die meisten unserer Zeitgenossen wenig zu sagen haben – und das ist keine Kritik oder Abwertung, es muss nicht jeder ein Erzähler sein, es muss doch auch Maurer, Bäcker, Buchhalter, Manager, Bankiers und Werbetexter geben – sollte jeder für sich erkennen, wann es besser wäre, einmal nichts zu tweeten.

Aber: im Gegenteil, die Textinflation bläht sich auf in kosmische Dimensionen.

Seit 2009 sind Jahre vergangen und sogar in der Twitteratur gibt es eine Evolution. Inzwischen sehen wir mehrere Tendenzen, man dürfte sie schon als Genres bezeichnen.

Kennen Sie zum Beispiel Frau Bergmann? Renate Bergmann? Nein? Schade. Renate Bergmann ist 82, fährt Rollator, liebt Neuhäuser Korn und hat „den Krieg nicht überlebt, um Kunstfleisch aus Soja zu essen“.

Wenn Frau Bergmann zum Fleischer geht oder mit ihrem Rollator die Abkürzung übers Roggenfeld (Korn – nous voyons …) nimmt, bleibt kein Auge trocken.

Die maximal 140 Zeichen umfassenden Textschnipsel aus Renate Bergmanns Welt sind Twitteratur; um nicht zu sagen: Welt-Twitteratur! Das bestätigen sogar Professoren.

Und wahrlich … lesen Sie selbst:

„5 Uhr, ich bin fertig frisiert und habe meine Toilette beendet. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen! Ihre Renate Bergmann.“

Oder: “Frau Knauber harkt immer ganz schief neben dem Grab von Wilhelm. Es sieht aus wie Kraut und Rüben. Ich muss mal ein Wörtchen mit ihr reden.” Letzteres Beispiel ist eine Eruption von Erzählkunst, hier ist wahrhaftig alles drin: Fabulierkunst (Kraut und Rüben), fragmentarischer Ich-Zustand, Held (Frau Bergmann) und Antiheld (Frau Knauber) – wobei die Form als Ich-Erzählung noch dem traditionellen Erzählschema zuzuordnen ist -, sinnlogische Entwicklung eines Erzählfadens, (Wilhelms Grab, ein Vergehen, ein in Aussicht gestellter Showdown); die Summe der Tweets dann ganz klar in der modernen Erzählkunst positioniert: Zerfall der geschlossenen Geschichte, stream of consciousness, Wirklichkeitssplitter, Ich-Splitter, verschiedene Handlungsorte, oft sehr sprunghaft, ohne Zusammenhang, ineinander geschobene Handlungsräume.

Ironie off, wie man im Web akzentuiert.

Autobiographie als Serienroman. Nowhere man und nowhere woman, nobodies und nobodinnen erzählen heitere und besinnliche Schwänke aus ihrem Leben. Und wenn die Zahnprothese heruntergefallen ist gibt’s einen Bonus-Tweet, weil uns das als nicht alltägliches Ereignis besonders in den Bann zieht.

Diese Art von Twitteratur, dem Tagebuch nahestehend, wird von Lesern und Feuilleton gleichermaßen wegen ihrer hohen Authentizität gelobt. Im spezifischen Fall von Frau Bergmann wurde gelobt … bis eines Tages erstens der kleine nicht so ganz ernst gemeinte Schwindel aufflog, Frau Bergmann ist gar nicht Frau Bergmann sondern Torsten Rohde, hach was haben wir gelacht, Mensch Torsten! – eigentlich hatten wir alle längst gefühlt, dass es Renate gar nicht gibt – zweitens, dass jenes Erstens sich ereignete, weil der Torsten Rohde ein Buch auf den Markt warf! Mit den Tweets von Oma Renate. Da war er flugs enttarnt. Und das mag die Twittergemeinde überhaupt nicht leiden. Das riecht, nein, das stinkt nach Kommerz. Er hätte das Buch schlechterdings unter dem Pseudonym Renate Bergmann veröffentlichen können; tja, die schäbige Eitelkeit. Vieles bleibt vorerst beim Alten.

Auf der Facebookseite von Frau Bergmann kommentierte zum Beispiel User Ralf von Bremen: aha, jetzt kommt endlich der kommerz zum vorschein … nicht mehr witzig! (Kleinschreibung im Original.)

Pfui Deibel!

Geradezu absurd wird es, wenn einzelne Tweets als Roman bezeichnet werden.

„Was früher der ‘abgeschlossene Roman’ war, heißt heute Twitteratur. 140 Zeichen geballte Belletristik. Eine Revolution im Literaturbetrieb“ – schrieb die Kulturredaktion auf freitag.de im Juni 2009.

Ja, gewiss: Twitteratur wieder, und das noch als Belletristik bezeichnen – nicht viel mehr als Banalisierung – nein, schlimmer, Verhöhnung einer Kunstform. So kann man das sehen, das ist legitim.

Das Übel liegt vielleicht nicht so sehr in der „Verpackung“ Twitter, sondern in der Art, wie wir darüber berichten und diskutieren.

Wer ein halbfertiges Sätzchen mit 140 Zeichen einem abgeschlossenen Roman gleichstellt, ist albern und hat Probleme mit Gattungsbegriffen.

Und ob Twitter direkt den sogenannten Literaturbetrieb überhaupt in ernstzunehmender Weise touchiert, geschweige denn revolutioniert hat oder revolutionieren wird, ist anno 2014 noch immer fraglich.

Aber okay, wir sehen die Euphorie, mit der die neue Kunstform einst los zog, den alten, selbstgefälligen, langweiligen und fortschrittsfeindlichen und autoritären Autoren und Verlagen das Fürchten zu lehren.

Und – unbestritten – es gibt doch immer wieder Ausnahmen, Überraschendes; unter den wenigen Blüten des abgeschlossenen deutschen Twitterromans fand ich dieses Werk von Michael Angele, seines Zeichens Leiter der Kulturredaktion von der Freitag:

Twittern ist naturgemäß Dreck, Romanvernichtungsdreck, twitterst du, bist du hirntot, ganz klar, sagte er (Th. Bernhard feat. R. Goetz) (134 Zeichen)

Das hat was. Als Bernhard-Jünger bin ich wahrscheinlich alles andere als objektiv. Aber … dochdoch, das hat was. Trotzdem ist das kein Roman. Auf Twitter getweetet ist und bleibt es ein Tweet. Streng genommen nicht einmal ein Gedankensplitter, kein Aphorismus. Kein Haiku. Auf Twitter ist es ein Tweet. Zweifellos.

Um den unbelletristischen Zeichenmangel ein wenig zu tunen, wurde der Mehrteiler entwickelt, der Fortsetzungsroman auf Twitter neu erfunden. Dilo-Trilo-Tetralogie bis hin gar zur Dodekalogie waren gestern, auf Twitter kreieren wir Kilologien, ach was, Teralogien. The never ending story wird möglich. Aber so richtig Bestand hat dieser Trend nicht, er ist nicht wirklich mit der Schnelligkeit und dem wiewohl scheinbar eilfertigen Vergessen des Mediums vereinbar und stößt demgemäß auf Schwierigkeiten wegen der begrenzten Vorhaltung der Tweets auf der Timeline, es sei denn man verfügt über eine API für den Import des Archivs.

Der talentierte Dr. Christian Ankowitsch versuchte bereits 2009 einen Twitter-Fortsetzungsroman. (Was ist daraus geworden? Nichtmal Google kennt die Antwort.)

Es wird Zeit, die ernsthaften literarischen Kategorien zusammenzufassen, die uns Twitter aktuell bietet:

– Der einzelne Tweet, der den Anspruch erhebt, Aphorismus zu sein; wie wir weiter oben bei unserer ersten Flasche Rotwein bereits gesehen haben.

– Die Twitter serials, Erzählungen in mehreren Tweets oder der Fortsetzungsroman, so wie jener, der bei Dr. Ankowitsch irgendwie ins Leere lief (oder wurde er nach allen Regeln der Literatur zu einem Ende gebracht? – ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht!); hierzu zählen auch die beliebte fan fiction sowie die collaborative works, also mehrere Autoren ergänzen ihre Tweets zu einem zusammenhängenden Werk, das einen systematischen Aufbau erstrebt und einer erzählerischen Logik folgt; des Weiteren hält sich bedauerlicherweise bis heute der Versuch, Klassiker der Weltliteratur in moderner bis abgefuckter – das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen – Sprache ziemlich frei nachzuerzählen, was ebenfalls den Twitter serials zugeordnet wird.

– Die Twitter relays, die man sich als einen Staffellauf vorstellen soll: jemand hat eine Idee, also das Thema, andere haben Texte oder weitere Ideen, jeder Tweeter nimmt in irgendeiner Weise den vorhergehenden Tweet auf, wobei eine Gedankenkette gleichsam weiter gesponnen wird oder auch umgelenkt oder zerschlagen und neu geknüpft, um eine Wendung zu nehmen.

Zugegebenermaßen: die Twitter relays üben, nach meiner Einschätzung, die stärkste Faszination aus, denn sie schaffen etwas wirklich Neues.

Während sogar der Wikipedia-Eintrag über Twitterature dieser die Definition als einheitliches literarisches Genre eher abspricht als untermauert, und stattdessen behauptet, sie sei eine Adaption diverser Genres an das soziale Medium, können die relays ein abstrahiertes Werk ohne Autor schaffen. Der ganzheitliche Körper des Textes, durch bestimmte hashtags, jenen Verweisen, hinter denen hier wahrhaftige Referenzen warten, authentifiziert und verbunden, wird sich im besten Fall durchaus verselbständigen. Hier wird Twitter zum einzigartigen neuen Medium für Projekte, die aufgrund der zeitlichen Trägheit von bedrucktem Papier, der mangelnden Verknüpfung der Autoren und der Unmöglichkeit von Referenzverweisen in real time so nicht in Buchform realisierbar sind.

Twitter relays, aber nicht nur diese, veranschaulichen greifbar, warum die Veröffentlichung von Tweets in Buchform ein unsinniges Unterfangen ist. Man kann und muss es Aciman und Rensin vorwerfen, sowie allen weiteren Schöpfern und Herausgebern und Vermarktern von Twitter-Inhalten in Form von bedrucktem Papier: ein unendlich vernetzbares Echtzeitmedium in ein analoges zu packen, ist nicht nur dumm, es ist vielmehr kontraproduktiv und schädlich, indem es ernsthaften Zugang und Verständnis erschwert. Ohne Twitter kann man an Twitteratur nicht teilhaben.

Wer zuwiderhandelt und also trotzdem die Druckmaschine in Gang setzt, hat entweder das Medium Internet nicht einmal im Ansatz verstanden, oder beugt sich dem Kommerz. Für eine Hand voll Dollars wurden schon ganz andere Ideologien verraten.

„Twitter als Literatur – total genial oder nur banal?“

Unter der schon als Frage gestellten Überschrift fragt Julika Meinert sich und uns in ihrem Artikel in Die Welt (welt.de) vom 28.12.2013: „Müssen wir unser Schreiben und Lesen ganz neu überdenken?“

Müssen wir nicht. Wir werden beides erweitern, mit neuen Medien, die immer schon neue Ausdrucksformen hervorgebracht haben. Aber das Wort bleibt Wort, Gedanke bleibt Gedanke.

Einen Twitteraten beispielhaft nennend, schreibt Julika Meinert weiter: „Der epigrammatische Pointenhammer kommt auch bei Florian Meimberg oft zum Schluss. Seine Tweets skizzieren einen Konflikt, um den Rest müssen sich der Leser und seine Fantasie selbst bemühen: Schweigend blickte Tibor auf das Polaroid in seiner Hand. Unendlich langsam materialisierte sich das Bild. Das wertvollste Foto der Welt.”

Hier frage ich einmal mehr, was ich an dieser Twitteratur so neu und außergewöhnlich finden soll. Damit sich meine Fantasie bemühe, brauche ich Twitter nicht!

Eine Art Öffnung am Ende. Schon wieder eine Innovation, die keine ist. Ich denke, exemplarisch, noch einmal an Max Frisch.

„In den meisten Fällen sind die Momente der Öffnung am Textende unmittelbar evident“, bemerkt Peter von Matt in seinem Nachwort zur Suhrkamp-Ausgabe der „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“ von Max Frisch, Entwürfe, die aus den Jahren 1982 und 1983 stammen. Von Matt fährt fort: „Sie (die Momente der Öffnungen) bilden das wichtige Ziel der Arbeit an der sprachlichen Gestalt und verkörpern, was sich aus dem spontanen Hinschreiben nicht ergeben kann. Sie verdanken sich dem Streichen, den Rücknahmen und Verkürzungen, der stilistischen Strategie eines Verschweigens, das dringlicher anmutet als jede Aussage.“

Kann der Entstehungsprozess von 140 hingeschmierten, nein, hingehämmerten Zeichen, abgeschickt zum social reading, spontan und ohne Verbindlichkeit, heute oder irgendwann, dem Gedankennetzwerk eines Max Frisch das Wasser reichen? Ja, vielleicht, aber das wird sich erst noch zeigen. So spontan, wie das Medium vermuten lässt, sind die meisten Tweets nicht, zumal wenn sie uns als Twitteratur und ohne OMFG unter die Augen kommen.

Julika Meinert auf welt.de weiter: „Im Sommer 2010 bekam Meimberg für seine Tiny Tales einen Grimme Online Award, im Herbst 2011 machte der Fischer Verlag ein Buch daraus: Auf die Länge kommt es an.“

DAS wissen oder glauben wir nicht erst seit Twitter! Wenngleich die Damenwelt gemeinhin auf die Relevanz der Dicke hinweist; und auf Twitter käme es doch wohl auf die Kürze an. Oder wie war das jetzt? Noch so eine Kommerz-Sünde, noch dazu mit jenem zwiespältigen Titel, der unschickliche Assoziationen weckt, das denkbar abgeschmackteste Marketing, allerdings dem Niveau der zurückliegenden Anfänge von Twitteratur durchaus gerecht werdend, diesmal zu verantworten vom renommierten Fischer Verlag.

“Die Entscheidung, sich die Selbstanmaßung des Poeten zuzuschreiben, ist bereits der erste Aufbruch in die Freiheit des Eigendenkers.” – sagt Andrascz Jaromir Weigoni.

Dem ist zuzustimmen. Spinnen wir diesen Faden: Falls nun – Twitter sei Dank – möglichst viele Individuen, die man gemeinhin Nutzer nennt, über das schlichte Tweetersein mit all seiner Oberflächlichkeit, seiner Banalität und seiner unstillbaren Geschwätzigkeit erheben und zu Poeten werden, ist dagegen auf den ersten Blick nichts einzuwenden. Mehr sein als ein elementarer Zwitscherer von Belanglosigkeiten und Überflüssigem, die Selbstanmaßung sich erlauben, ein Twitterat zu sein, etwas Gewichtiges mitteilen zu wollen, und wenn nicht von Gewicht so wenigstens originell, autrement dit: lesenswert sein, egal ob lustig oder schwermütig, tiefsinnig oder trivial. Das wäre lobenswert, edel.

Hier stellt sich indessen eine grundsätzliche Frage mit eher psychosozialem Charakter und Blick auf die Freiheit des Eigendenkers, eine Facette, die meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit findet: kann ein Individuum, das sich freiwillig in ein „unfreies“ Medium wie Twitter begibt, jemals ein Eigendenker sein? Ist es Twitter überhaupt möglich, ein Eigendenkmedium zu sein? Da es doch ein schwarmbildendes network ist. Eigendenker im Schwarm? Riskant!
In wie weit beschränkt den Twitteraten die eigene Angst vor negativer Verantwortungsattribution? Eventuell vor Überwachung? Ja warum nicht: ich denke und schreibe, so frei, so wahr, und Big Brother is watching me.

Sascha Lobo erhellt in seinem Beitrag für Spiegel Online vom Januar dieses Jahres in seiner anschaulichen Flughafen-Metapher das Leid des beobachteten Individuums: “Das eigene Verhalten auf dem Flughafen ist ein guter Indikator dafür, wie sehr man sich in Situationen geschmeidig anpasst, wenn man weiß, dass es drauf ankommt. Und dass im Zweifel eine missverständliche Bemerkung oder das falsche T-Shirt große Schwierigkeiten mit sich bringen.“ Mit dem Flughafen meint er das Internet, und was auf das Internet im Allgemeinen zutrifft, gilt im Besonderen für Netzwerke wie Twitter und Facebook. Stirnrunzel.

Twitteratur ist von technologischer Selbstreflexion geprägt, namentlich über Kurzlebigkeit und Kurzzeitkonzentration, bedingt durch das ständige digitale Multitasking mit Mailen, Surfen, Simsen, Tweeten, Faven und Retweeten, und durch das Eingebundensein in eine community aus social readers und social writers. Ich persönlich empfinde social networks gar nicht so grenzenlos, so universell und schwarmbildend, wie sie meistens dargestellt werden, aber auch nicht so kurzlebig, denn da ist ein langer roter Faden drin; sie erinnern mich an diverse abgeschlossene peer groups aus der Schulzeit: die Gruppe der Adidas-Träger zum Beispiel. Ein Träger von Adidas-Schuhen hörte einem nur zu, wenn man selber Adidas über die Socken gestreift hatte. Puma wurde niedergemacht, während die Puma-Fraktion auf die Reeboker los ging. Die markenlosen Mitschüler waren der Abschaum der Menschheit.

Tweeten Sie doch mal etwas ganz und gar Ungeheuerliches, das dem Mainstream entgegenbrandet wie ein mächtiger entwurzelter Baum in der sogenannten Jahrhundertflut in Dresden. Sagen wir … etwas Dschihadistisches, oder eine Vergewaltigungsfantasie mit Folter und Finessen, oder ein geträumtes Politikerattentat, anspruchsvoll, als Twitteratur und rein theoretisch selbstverständlich. Wenn Sie masochistische Neigungen spüren und Extreme mögen, tweeten Sie eine Sentenz gegen Ökostrom.

Im besten Fall – unwahrscheinlich – wird ein Mem draus, mit negativem Vorzeichen, soziokulturelles Geifern mit Twitteraufmischeffekt; zu erwarten – mithin wahrscheinlich – ist ein Shitstorm. Und was das bedeutet, bedeuten kann in einer maximal hochgepeitschten Atmosphäre eines von Gruppendynamik beherrschten Systems … naja, das werden Sie dann erleben.

Archaische Papierbuchautoren kennen den ewigen Clinch mit Kritikern, auf beiden Seiten kein Knockout, und falls doch, kommt man wieder zu sich. Auf Twitter geht es bis aufs Messer.

Ein studentisches Medienprojekt aus dem Jahr 2012, initiiert von mediensprache.net, stellte seine kritische Analyse des social network Facebook unter die Überschrift „Facebook – Fluch und / oder Segen?“ Tauschen wir das Wort Facebook mit Twitter – schon ist die Frage aller Fragen gestellt. So einfach ist das. Wobei die Konstellation der Konjunktionen und und oder mit dem forward slash besticht. Eine Entscheidungsmöglichkeit zweiter Ebene.
Entschließen wir uns für und.

Und… ‘a propos Poeten! Die Lyrik, sage ich mit schwerer Zunge zu meinem Kollegen, die Lyrik auf Twitter haben wir vergessen. Merkwürdigerweise wird Poesie im Wiki-Eintrag über Twitterature nicht explizit erwähnt.

Fluch und Segen also? Wie aphorismierte (ich weiß, das entsprechende Verb heißt aph-or›zein) einst der einzigartige Matthias Beltz: „Die einen sagen, dass Gott existiert, die andern, dass Gott nicht existiert. Die Wahrheit wird, wie so oft, in der Mitte liegen.“

So ist es mutmaßlich mit Sinn und Unsinn der sogenannten Twitteratur. Es wird eine Mitte geben. Irgendwo. Fügen wir diese Twitteratur doch einfach als einen Punkt mehr in ein Breton’sches Koordinatensystem ein, als Symbol von Möglichkeiten, und bitten wir die anderen Medien, das Internet nicht immer als Doktrin darzustellen. Twitter kann vielleicht eine spezifische Literatur ermöglichen, aber es wird Bestehendes nicht diffamieren, nicht devalorisieren, nicht auslöschen.

Wie gesagt, es ist unser Umgang mit dem Werkzeug Twitter, der über Fluch oder Segen entscheidet. Es kommt nicht darauf an, wie wir darüber diskutieren, sondern was wir damit machen.

Und falls eine Twitteratur nach all dem Hype sich letztendlich doch nicht etabliert, ist das nicht schlimm. Dann bleibt es eine Nische. Der Surrealismus hat auch nicht überlebt, dennoch finden wir seinen Einfluss wieder, noch heute und überall, weil er, wie jede Revolution, den Zugang zu einem neu definierten Teil einer Zukunft geöffnet hat.

Ohne Twitteratur könnten wir unsere Aphorismen wieder offline schreiben, im Kampf gegen das Schreckgespenst der leeren weißen Seite. Ach Gott, die paar Bäume für das Papier. Madame Harry Potter, Joanne K. Rowling, hat sich persönlich dafür eingesetzt, dass regenwaldfreundliches Papier für ihre Bücher verwendet wird. Ökologie ist machbar, Herr Nachbar.

Wir müssten nicht mehr bangend auf faver warten und uns keinen Hammerhastag aus dem Hirn winden. Keine retweets verstopfen mehr aphoristisch die timeline. Das gibt wiederum viel Platz für die eigentlich wichtigen Tweets über das Odeur des neuesten Pups von Paris Hilton oder das jüngste Selfie eines Pos namens Kardashian. Oder wir gedankenzersplittern mal gar nichts. Rufen wir den tweetfreien Tag ins Leben!

Cesare Pavese schrieb 1942: „… bemerken, dass das Leben wichtiger ist als der Gedanke, bedeutet ein Literat zu sein, ein Intellektueller; bedeutet, dass der eigene Gedanke nicht Leben geworden ist.“

In diesem Sinne hole ich sie, das ist gar nicht okay, die dritte Flasche Rotwein für meinen Kollegen und mich, mit dem Hinweis, den sie uns in Frankreich immerzu um die Ohren hauen: L’abus d’alcool est dangereux pour la santé – à consommer avec modération! Es ist spät geworden. Uns ist nicht moderat zumute und wir wollen heute unvernünftig sein.

Wir feiern unsere weinselige Erkenntnis, drei Hypostasen zu Twitter im literarischen Kontext und deren Wertungen:
Wir begrüßen – versöhnlich – Twitter als gigantische Aphorismusmaschine, die Menschen zum bewussten Umgang mit Sprache, auf welchem Niveau auch immer, animiert, trotz BAMF und OMGD und AYFS und B1TCH und GBIOUA: „Nach verbrauchtem Ideal ist Dekadenz die erste Wahl!“ (Thomas S. Lutter)

Wir bewerten Twitter ambivalent als bedingt tauglichen Vektor zu neuen Genres der Literatur, um jene zu bereichern, bestenfalls um neue Ideale zu finden, an der Durchführbarkeit zweifelnd, denn Sprache von vornherein zu beschränken, ob qualitativ oder quantitativ, ist bereits ein diktatorischer Eingriff in die Freiheit des Wortes; Erwartungshaltung und Kritik in Echtzeit üben einen Anpassungsdruck auf vermeintliche Vorgaben eines digitalen Netzwerkes und seiner peer groups aus, wenn wir das Internet, und insbesondere social networks, als gruppendynamische Prozesse auffassen.

Wir hassen Twitter als technomorphes Instrumentarium des totalitären Dogmas eines kybernetischen Zeitalters, als Revolution daherkommend, dessen raison d’etre sei, digital zu sein und im Internet stattzufinden.

Um sich vor letztgenannter Tendenz zu schützen, hilft nur abschalten, Stecker ziehen, oder, wie in meinem eigenen experimentellen Twitter-Roman, mindestens die Twitter-Notbremse: Ach ich liebe Dich nicht mehr, sagte Mimi, bejahte per Mausklick die Deaktivierung ihres Twitter-Accounts und bestätigte mit ihrem Passwort. (140 Zeichen – sic!)

Man beachte die Möglichkeit der Ableitung des Namens Mimi in der Bedeutung von Verbitterung. Aber die Interpretation überlasse ich dann doch lieber den favern und retweetern.

Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und Sascha Lobo antwortet: Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen.

„Was machst Du gerade?” ist die Leitfrage, mit der Twitter 2006 an den Start ging; und gerade als ich versuche, mir diese digitalen Kinder, die aus Nullen und Einsen bestehen und deren versuchte Antworten auf ach so viele Fragen auf 140 Zeichen begrenzt bleiben werden, und die, wenn sie dann keine Kinder mehr sind, den einstigen Motiven und Zielen ihrer Revolte nachträumen werden, vorzustellen, antworte ich auf die Frage von 2006 … was mache ich gerade? Ich denke unvermittelt noch einmal an Gottfried Benn und sage zu ihm, hypothetisch: du bist doch eines andern, was trägst du mir die Rosen zu?

So wie die Meimbergs vermutlich zahlreich sind, gibt es viele Benns da draußen? Und bin ich, als solitärer Leser (und als solitärer Autor!) nicht mehr zeitgemäß? Ein archaischer Intellektueller? Ein Spießer gar? Das wäre schlimm. Die tragische Gestalt unserer Epoche ist der überlebende Spießer.

Ich drehe die dritte Flasche unseres Schicksalsweines dieses Abends in der Hand, betrachte das Etikett. Nehme den Korkenheber, […] die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden und dort die Weite, hoch und dunkelblau. Ja, morgen wieder, Schweigen und Nachdenken und Lesen. Der Himmel weit und hoch und dunkelblau, nicht binär, meine Welt aus Fleisch und Blut.

Real reading is a lonely activity. Ja, Harold Bloom. Denken auch. Denken in der Gruppe, das sucht und fordert und will Mehrheit.

Und was ist schon Mehrheit?

In Schillers Fragment Demetrius sagt Saphieha:

„Die Mehrheit?

Was ist Mehrheit?

Mehrheit ist der Unsinn,

Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.“

Augenblicklich ploppt der Korken zurückhaltend nobel und gleichzeitig so unverschämt protzend elitär aus der Flasche, und unversehens kommt mir ein wunderbares Bonmot von Helge Schneider in den Sinn:

Das Schlimmste im Leben ist die Realität.

 

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Weiterführend →

KUNO hat in diesem Jahr unterschiedliche Autoren zu einen Exkurs zur Twitteratur gebeten, und glücklicherweise sind die Antworten so vielfältig, wie die Arbeiten dieser Autoren. Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach. Sebastian Schmidt erkundet das Sein in der Timeline. Gleichfalls zur Kurzform Lyrik haben wir Dr. Tamara Kudryavtseva vom Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften um einen Beitrag gebeten. Mit ‚TWITTERATUR | Digitale Kürzestschreibweisen‘ betreten Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Und sie machen erste Vorschläge, wie es zu kartographieren wäre. Eine unverzichtbare Lektüre zu dieser neuen Gattung. Holger Benkel begibt sich mit seinen Aphorismen Gedanken, die um Ecken biegen auf ein anderes Versuchsfeld. Die Variation von Haimo Hieronymus Twitteratur ist die Kurznovelle. Peter Meilchen beschreibt in der Reihe Leben in Möglichkeitsfloskeln die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren. Sophie Reyer bezieht sich auf die Tradition der Lyrik und vollzieht den Weg vom Zierpen zum Zwitschern nach. Gemeinsam mit Sophie Reyer präsentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt Wortspielhalle, welches mit dem lime_lab ausgezeichnet wurde.