Finden, nicht suchen – Stephanie Neuhaus

28. Februar 2014
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Bei anderen Künstlern kann man sich für gewisse Zeit sicher sein, dass ein einmal gefundener Stil für die nächsten Jahre dann auch prägend ist. Es gibt sogar solche, die sich ihr gesamtes Leben, haben sie mal ihren personalen Stil entdeckt, jegliche Variante desselben ausloten. Das so entstehende Lebenswerk gestaltet sich dementsprechend dimensioniert. Auf den ersten Blick kann dann auch jeder letzte Trottel diese Marke erkennen. „Ah ja, das ist doch ein ….“ Er kann seine roh gezimmerte Wissensschablone einfach überstülpen und wird Bestätigung finden. Hurra.

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Stephanie Neuhaus widersetzt sich dem ehernen Gesetz des Kunstmarktes, jenem Diktat der immerwährenden Wiedererkennbarkeit. Sie widersetzt sich der Signatur, der Marke und der Vorstellung, dass Bilder einen Ewigkeitsanspruch haben. Ihre Themen gestalten sich vielfältig wie die Materialien. Manchmal weiß der Betrachter gar nicht mehr, wo er nun mit seiner Sicht über die Kunst steht. Wenn eine Serie oder Idee abgeschlossen ist, wird diese ausgestellt, alles nicht Verkaufte bleibt für einige Monate erhalten, steht im Atelier und ihre Freunde fragen sich schon, wie lange denn wohl noch. Irgendwann kommst du in ihre meistens sehr aufgeräumte Werkstatt und musst feststellen, dass die Keilrahmen fein säuberlich an den Wänden stehen. Leer. Dass die Leinwände abgespannt auf einem Haufen liegen oder schon im nächsten Müllcontainer verschwunden sind. Stephanie Neuhaus löscht ihre eigene künstlerische Vergangenheit in unregelmäßigen Abständen aus. Sie hat den Mut, sich zu trennen, die Brücken hinter sich abzubrechen.

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Ich habe den Eindruck, dass sie ihren Weg gehen muss, dass dieser Weg ihr natürlicher Zustand ist. Sie blickt nach vorne, kompromisslos. Auch dieser Tage wieder liegen für gewisse Zeit die Leinwände da auf einem Haufen. Beim Wühlen kommen Fragen auf. Auch die „flüchtige Wanze“? „Ja, war nicht mehr rettbar, der Rahmen ganz schief.“ Auch diese oder jene Arbeit? Ja, geht nicht mehr.

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So trauern die anderen Künstler einige Zeit, hängen ihren Erinnerungen an diese Arbeiten nach. Einige Tage später sind die Bilder sauber in Streifen mit bestimmten Maßen zerschnitten. Dann ist das Atelier geleert und den Boden ziert ein objekthaftes Gewebe aus Leinwandstreifen. Die Erinnerung an gewesene Bilder. Die Feststellung, dass Kunst umformbar ist. Jederzeit. Wo andere Künstler ihr Versagen mit der Aussage einer ewigen Suche kaschieren, findet Stephanie Neuhaus.

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…und manchmal findet auch der Betrachter.

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch den Essay über den Wandel des Museums.

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