Das Verschwiegene

„Dein Schwinden selbst aber bleibt“ – mit diesem posthumen Geleitwort des schwedischen Lyrikers und Erzählers Gunnar Ekelöf (1907-1968) übereignet Linn Ullmann ihren Figuren und deren Wirkung mehrere fragile Eigenschaften. Es ist die Ungewissheit, inmitten diffuser, nicht kontrollierbarer Gedankenströme irgendwie Halt finden zu können. Es ist die Unfähigkeit, die taumelnden Körper vor dem Abgrund zu bewahren. Vielmehr irren sie durch ihre Gefühlsströme, die ihnen keine Richtung angeben, sie immer wieder zweifeln lassen an einer irgendwie gearteten Sinnhaftigkeit ihres Lebens. So wie Jenny Brodal, die am 15. Juli 2008 im Kreise ihrer Kinder, Freunde und vertrauten Bekannten ihren 75. Geburtstag feiern soll – und sich diesem Festtag mit mehreren Gläsern Rotwein entzieht. Zum ersten Mal nach zwanzig Jahren betrinkt sie sich wieder. Nun versucht sie, sich in Erinnerung zu rufen, warum sie sich gegen diesen Geburtstag sträubt. Und je länger sie sich diesem Gedankenstrom hingibt, desto intensiver tauchen alle ihr lieb gewonnenen Menschen auf, die ihr Leben im Sommerhaus Mailund begleitet haben. Doch seltsamerweise unterbricht die Erzählerin diesen Gedankenstrang. Im Fokus ihrer Erinnerungen taucht Mille, ein neunzehnjähriges lebenslustiges Mädchen, auf. Vor zwei Jahren war sie an einem heißen Julitag verschwunden. Und Mille, die in der Familie von Jon und Siri und deren Kinder Liv und Alma als Babysitter gearbeitet hatte, blieb auch verschwunden, obwohl ihre Eltern und fast alle Bewohner des Städtchen sie tage- und wochenlang suchten. Erst zwei Jahren später fanden drei Buben, Simen, Gunnar und Ole Kristian ihr Grab in einem nahe gelegenen Wald, wo sie auf der Suche nach einem Schatz waren. Die Vermutung des Lesers, nun entfalte sich die Handlung eines weit verzweigten Detektivromans, erfüllt sich nicht. Vielmehr verstärkt sich das Gerücht, ein gewisser KB, mit dem Mille an diesem Sommerabend das letzte Mal gesehen wurde, habe sie ermordet. Er wird festgenommen, verurteilt. Doch eindeutige Beweise für eine Mordtat fehlen.

Der Hauptstrang des Romans konzentriert sich nun auf die Figur des Jon Dreyer, Familienvater und Schriftsteller, der am dritten Band einer Trilogie sitzt, die er nicht abschließen wird. Davon ist selbst sein Hund Leopold, ein schwarzer Labrador, überzeugt, denn Jon macht seit langem keine Spaziergänge mehr mit ihm. Sein Herrchen bemüht sich seit Jahren um die Fertigstellung des Manuskripts zu diesem Band, in dem ein gewisser Herman R. von sich behauptet, er sei als Zwölfjähriger im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen. Er erzählt eine Liebesgeschichte, deren narratives Handlungsgefüge sein Autor zwar in großen Zügen überschaut, doch an seiner Fertigstellung schier verzweifelt. Er sitzt monatelang vor seinem Computer, starrt vor sich hin, gibt sich wirren Gedanken hin, führt Gespräche mit Mille, versucht Einfluss zu nehmen auf die Erziehung seiner älteren Tochter Alma, notiert sich dann und wann irgendwelche Gedanken. Seine Frau, geschäftstüchtige Besitzerin von zwei kleinen Restaurants, nimmt die Lebenskrise ihres Mannes wahr, ohne ihm helfen zu können.

Ein zweites anschauliches Beispiel ist die fünfundsiebzigjährige Jenny Brodal, die nach ihrem Geburtstag einen Unfall erleidet und infolge dessen dement wird. Sie wird von Irma, einer Mitbewohnerin, die im Hause Mailand im Keller wohnt, gepflegt. Diesen beiden Frauen ist das Kapitel V, Omelett, gewidmet, eine rührende Schilderung der beiden Frauen, die zueinander finden. Für Siri, die Tochter von Jenny, ein Glücksfall, denn ohne Irma, zu der sie nur einen sporadischen Kontakt hatte, wäre ihre Mutter ein anonymer Fall in irgendeinem staatlichen Pflegeheim geworden. Und Jon? Er hat sein Romanprojekt aufgegeben, ist Lektor in einem Osloer Buchclub geworden, während Siri die Familie finanziell über Wasser hält. Und Jenny? Sie stirbt plötzlich und erhält eine würdevolle Beerdigung, ebenso wie der große schwarze Labrador Leopold, der langjährige Begleiter auf Jons Spaziergängen.

Es gehört zu den besonderen Vorzügen der psychologisch geschickt angelegten Romanhandlung, dass die Erzählerin ihre Figuren in längeren Handlungssträngen reden lässt, wobei sie mit inneren Monologen sehr sparsam umgeht. Vielmehr ist es eine multiperspektivische personale Erzählerin, die aus der Sicht ihrer einzelnen Figuren erzählt, ohne eine Ich-Perspektive einzunehmen. Ihr Gespür für psychische Verwerfungen einzelner Romanfiguren zeichnet sich dabei in unterschiedlichen Situationsbeschreibungen ab. So zum Beispiel beschreibt sie die verzweifelten Empfindungen von Mille, nachdem sie die Vergewaltigung über sich ergehen lassen musste und dann ermordet wurde. Den Namen des Vergewaltigers und potentiellen Mörders aber verrät die Erzählerin nicht. Deshalb bleibt auch die offene Dimension der Handlung, in dem die einzelnen Figuren ihre psychische und mentale Eigenständigkeit bewahren. Eine weitere Eigenschaft des Verhältnisses zwischen der Erzählerin und ihren Figuren ist hervorzuheben. Sie kommentiert nicht die Verhaltensweisen der oft verstörten Personen, sondern argumentiert  vielmehr aus deren Perspektive. Auf diese Weise bewahrt der Roman seine narrative Spannung. Die wenigen eingefügten inneren Monologe und die Hervorhebung bestimmter Satzteile in kursiven Lettern erweisen sich als nicht störend, im Gegenteil, sie verleiten den Leser zum kurzweiligen Nachdenken. Sicherlich sind sie in der deutschsprachigen Ausgabe auch zuweilen bewusst markiert.

Linn Ullmann, die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Filmregisseurs Ingmar Bergmann, 1966 in Oslo geboren, hat nach ihren mehrfach prämierten Romanen Gnade, Die Lügnerin, Wenn ich bei dir bin, Gesegnetes Kind mit Das Verschwiegene ein besonderes erzählerisches Werk geschaffen. Es zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, aus unterschiedlichen Perspektiven die schicksalhaften Wendungen und verwirrenden Handlungen im Zusammenleben einer norwegischen Familie anschaulich und überzeugend darzustellen. Dabei gelingt es Ullmann, mithilfe eines multidimensionalen personalen Erzählers die psychischen Verwundungen der einzelnen Figuren nicht nur zu erfassen, sondern sie ihren Leser/innen aus tiefenpsychologischer Sicht auch zu vermitteln. Eine Aufgabe, die ihre deutschsprachige Übersetzerin mit Bravour bewältigt hat.

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Das Verschwiegene. Roman von Linn Ullmann. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. München (Luchterhand).

Anmerkung der Redaktion: Linn Ullmann ist mit „Das Verschwiegene“ auf Lesereise:

Heute ab 20.00 Uhr
Ingeborg Drewitz Bibliothek,
Grunewaldstraße 3,
12165 Berlin

24.04.2013, 19.00 Uhr
Lesung im Rahmen der Vattenfall, Lesetage
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz 1
20099 Hamburg

25.04.2013, Belgisches Haus,
Cecilienstr. 46,
50667 Köln

Deutsche Stimme: Juliane Köhler, 
Moderation: Margarete von Schwarzkopf