Anordnungen ∙ Im Stellwerk der Poesie von Hans Georg Bulla

Wenn ich Hans Georg Bullas Gedichte lese, gerate ich in eine besondere Stimmung. Nicht aufgeregt, sondern aufgeweckt, nicht überrascht, sondern überlegt, nicht angesteckt, sondern angesprochen fühle ich mich. Ich setze die Wörter mit Bedacht, und mir fällt auf, wenn andere sie mit Bedacht setzen. Der sechsjährige Sohn kommt hereingerannt. »Du, Mama… Das Schwein auf Christianes Geburtstag war ja halbtot.«
Ich muss kurz überlegen, was er meint. Ein halbes Spanferkel hatte auf dem Buffet gelegen.
»Du hast Recht: Es war halb, und deswegen war es tot.«

 

Apfelesser

 Mit einem blanken Messer
hast du den Apfel zer-
schnitten zwei glatte
Hälften vor mich hingelegt.

Als wolltest du mehr
zerteilen, das Tisch-
tuch zwischen uns. Wählen
läßt du mich, welche Hälfte

Deine großzügige Kinder-
gerechtigkeit, einer teilt
einer wählt. Was alles liegt
zerschnitten zwischen uns

Halb bleibt der Hunger
halb die Wahrheit( …)

Das Gedicht regt mich zum Nachdenken über eine Freundin an, die die Klagen über Halbheiten nicht mehr ertragen konnte: »Alles Halbe ist ganz«, behauptete sie. Irgendwie hat sie recht: Alles Halbe war zumindest ganz, definiert sich vom Ganzen her bzw. existiert natürlich für sich selbst als Ganzes; andererseits kann aus zwei ganzen Hälften auch etwas ganz anderes entstehen.

»Nun geh mal in den Garten und lass mich hier schreiben«, sage ich zum Sohn.
»Brauchst du was?«
»Nein.«

Im Garten ist für den Aufmerksamen alles schon vorhanden; eine Welt in der Welt. Wenn Bulla über den Garten schreibt, wird dieser zum Schauplatz einer sensiblen Filmszene, einer – wie wir ahnen – tiefen Beziehung zweier Menschen, die ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Orte hat, als du leicht durch den / Garten gingst, sah ich / endlich dass er wie er / blühte und ich wusste / wohin du gehen / wolltest drüben am / Zaun fielen ein paar / Vögel ein wie zu Hause … (Ende des Gartens).

Als minimalistischer Komponist braucht Bulla nur wenige Wörter, um die Essenz einer Situation zu beschreiben. Die Gedichte sind S/W-Aufnahmen, in denen das Subjekt ausgespart wird, und sich so in der Vorstellung des Lesers um so deutlicher formen kann. Bullas Gedichte sind Bühnen nach oder vor der Aufführung des Stücks. Das zu Erfahrende verbirgt sich in den Dingen, die uns umgeben, folglich überfrachtet Bulla sie nicht mit Bildern, vielmehr isoliert er sie, durchleuchtet sie bis auf den Grund: Daß es einen Grund / gibt für alles, weiß ich. / Ich kenne ihn nicht. Sie räumen pünktlich die / Tische ab, während wir / bleiben wollen … das alte Radio holt / mich näher an den Sänger, / aber kein Lied macht uns tanzen …(Am See)

Wenn auch nicht alle Gedichte Dialoge mit einem Maler sind, so könnten doch die meisten diese Lesart haben. Es sind Inszenierungen, Anordnungen. Feststellungen. Eine nüchterne Melancholie zieht sich durch die Verse.

Ist eine Art Grundthema auszumachen? Ich denke an den Gang der Dinge – es ›Schicksal‹ zu nennen, würde der – zuweilen wie eine Maschine voranschreitenden – Unausweichlichkeit / Vergänglichkeit eine höhere Absicht unterstellen. Aber darum geht es nicht, nicht um Erklärungen.

Das Buch, herausgegeben von Gerd Kolter mit Zeichnungen von Peter Marggraf und einem Nachwort von Hermann Kinder, ist eine Chronologie verschiedener Schaffensperioden. Ein derart gestaltetes Buch ist sowohl für den Kenner wie den Leser, der Gedichte von Hans Georg Bulla zum erstenmal liest, eine Bereicherung. Es zeigt die Entwicklung von über 30 Jahren zwischen zwei Buchdeckeln.

Die fünf Kapitel, in die das Buch eingeteilt ist (und die lediglich nummeriert sind), möchte ich versuchsweise untertiteln:

 1 – Am Abend, frühe Gedichte mit Altersweisheit

2 – Anderswo (aus den Nachrichten sind wir herausgewachsen wie aus alten Schuhen)

3 – Eher zuhaus (im kleinen Weg standen wir, mit dem Blick aufs Wasser, auf der Terrasse, auf den Tischen weiter vorn, vermehrte sich die Zahl der Gläser)

4 – Schlanke Textkörper mit weitreichenden Fragen

5 – Späte Notate mit junggebliebenem Geist

Ich habe überlegt, woher der Titel Wechselgetriebe kommen mag, den ich so passend finde und in dem die Frage mitschwingt, warum uns etwas antreibt und wohin es uns treibt. Tatsächlich ist diese Fragestellung der schillernde Hintergrund für den Großteil der Texte, besonders deutlich in: (…)Diese Landschaft, hast du sie tatsächlich // so gesehen oder gibt es sie nur in deinem / Kopf. Aber was ist schon der Unterschied. // Trotzdem noch einmal, hattest du allein / den düstren Blick oder hat sich alles // zugezogen vor deinen Augen. (Neues Zimmer mit Landschaft)

Auch die Zeichnungen von Peter Marggraf mit ihren doppelt aufscheinenden Gesichtern beschäftigen sich mit diesen Gedanken.

Am Schluss möchte ich noch betonen, dass Hans Georg Bullas Texte den Blick des Romanciers verraten. So in den letzten kurzen Prosastücken. Ganze Lebensläufe blitzen auf:

Er war der erste aus unserer Gruppe, weil das Kind unterwegs war, kurz nach dem Abitur. Jetzt verheiratet, in der ersten eignen Wohnung, eingerichtet mit dem Jugendzimmermöbeln von ihr und von ihm. Beider Eltern haben beim Umziehen geholfen. Von der Kreuzung unten ist es leider recht laut. Kurze Wege ins Seminar, schnell nach Hause. Sie töpfert nebenbei für den Weihnachtsmarkt, er paßt auf, es ist ein Mädchen.

Kein Wunder, dass der Autor nicht nur im Genre Lyrik zuhause ist, sondern unter zahlreichen Auszeichnungen auch Würdigungen für die Erzählkunst zu finden sind.

* * *

Hans Georg Bulla: Wechselgetriebe. Ausgewählte Gedichte und Notate, hrsg. von Gerd Kolter, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.