eBooks

 Das ist wie virtueller und echter Sex. Jeder weiß, dass echter Sex besser ist, aber für den virtuellen gibt es trotzdem einen großen Markt.

Steve Wasserman, Cheflektor bei der Yale University Press, über E-Books

Auch im literarischen Bereich bin ich immer an Produktneuheiten interessiert. Das Hörbuch bedeutet für mich einen Zugewinn, zumal es Autoren gibt, die durch ihre Art zu Rezitieren die Lektüre bereichern. Die Faszination des Hörbuchs geht daher über die Lust an Geschichten hinaus und reicht, anthropologisch betrachtet, sehr tief.

Ein Buch ist eine Verschlossenheit, sieht aus wie eine kleine Schatulle, die man öffnet – aber man tritt ein in die Verschlossenheit. Ein Buch war immer das komprimierte Zimmer, in dem man es las. Der beste Leser war nie der, der über ein Buch redete, sondern der seine Verschlossenheit teilte.

Botho Strauss

Was ich an gedruckten Büchern überaus schätze insbesondere – an Künstlerbüchern – sie haben ein Eigenleben. Sie riechen. Und bieten eine zuweilen raue Oberfläche und den Fingerkuppen etwas Widerstand beim Blättern. Beim Text auf Papier ist eine andere Sensomotorik im Spiel: Dieses Lesen arbeitet mit Fingern und Augen. Lesespuren zeugen von den Auseinandersetzungen mit einem Text und den Rezeptionen eines Werkes. Es handelt sich dabei um vollkommen andere Vorgänge als solche im Umgang mit einem Tablet. Gebundene Ausgaben schmeicheln dem ästhetischen Empfinden des Sammlers. Sie versetzen uns in eine Vergangenheit, in der das Buch vom Zahn der Zeit noch nicht angenagt, sondern auf stolze Weise neu und unverbraucht war. Kein Mauerblümchen, vielmehr der untrügliche Beweis, dass Buchstaben künstliche Träume befördern. Die Aura des Authentischen nobilitiert das Original. Bücher altern, darin ähneln sie uns.

E–Books sind eine absurde Erfindung, die auf dem Friedhof der technologischen Fehlentwicklungen landen wird.

Michel Houellebecq

eBooks riechen nicht, sie sind einfach nur glatt und fühlen sich metallisch kalt an. Die darin eingescannten Texte lassen sich wegwischen. Einen E–Book–Reader kann man nicht ungestraft mit Kaffee überschütten, in die Ecke werfen oder am Strand liegen lassen. Was mich am meisten nervt: Was Typografie bewirkt und wie sie die Lektüre beeinflußt, scheint sich bei E-Book-Produzenten noch nicht herumgesprochen zu haben: Schriftbild und Textgestaltung von elektronischen Büchern schmälern oft das Lesevergnügen. Ein ein eBook kann das Lesevergnügen rasch zunichte machen, schon wenn man die Schrift etwas vergrößert. Plötzlich finden sich Löcher im Text, Zeilen und Überschriften verrutschen, Umbruch und Silbentrennung lassen die Haare einem zu Berge stehen. Und wenn man Pech hat, lädt jede Seite des eBooks beim Umblättern so lange, bis man den Reader entnervt zur Seite legt. Kurzum, eBooks sind ein Verlust an Sinnlichkeit. Und dies nicht nur ästhetisch.

Wenn Bücher zu ‹Texten› werden, mit denen wir gemäss Nützlichkeitskriterien in ‹Interaktion› treten, wird das geschriebene Wort schlicht zu einem weiteren Aspekt unserer von der Werbung gesteuerten Realität. Das ist die glorreiche Zukunft, die geschaffen wird und uns verheissen wird als etwas ‹Demokratisches›. Es bedeutet natürlich nichts Geringeres als den Tod der Innerlichkeit – und des Buches.»

Susan Sontag, Letter to Borges

Er fällt auf, dass einem intellekturell kaum Angebote gemacht werden hier sind zumeist Text der Sorte „All-you-can-read“ zu finden. Zudem ermöglicht das eBook, unser Leseverhalten immer stärker zu analysieren. Für die Zukunft des Buchs ist das eine schlechte Nachricht. In Zukunft wird man E-Lesegeräte wahrscheinlich nicht mehr kaufen, sondern kostenfrei erhalten und dafür muß man mit den Daten bezahlen, die während der Nutzung generiert werden. Was und wann wir lesen, wird dann von Amazon mit allen anderen Informationen über uns auf einem Server gespeichert. Bislang habe ich noch keinen einzigen Text von mehr als 200 Seiten gelesen habe, der nur digital vorliegt und etwas taugt. Es gibt unendlich viele gute lange Texte im Netz, aber die sind gedruckte Bücher gewesen. Es gibt auch zahlreiche tolle kurze Texte, die nur im Netz greifbar sind. Doch wo ist der umfangreiche, großartige Text, der ausschliesslich im Netz existiert?

Beim Lesen  haben wir das Trägermedium der Buchstaben die ganze Zeit vor der Nase; wir sehen jede Differenz. Daher glaube ich: Man kann sich aus guten, praktischen Gründen dafür entscheiden, einen Text auf dem Reader zu lesen – mit der Lektüre eines Buchs wird man es so schnell nicht verwechseln.

Jo Lendle

Ein eBook endet in den Tiefen der Festplatte als ein rasch zu vergessender Dateiname unter anderen. Wer projizierte Buchstaben überfliegt, die Texte also nur scannt und sie mit den Augen oberflächlich abtastet, macht etwas anderes als das, was einst lesen genannt wird. Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende. Der Literaturwissenschaftler Roland Reuß glaubt an die Zukunft des gedruckten Buches: „Werke, die nicht als Referenz im Sinne eines Nachschlagwerks dienen, sondern integral studiert werden müssen, werden wahrscheinlich auch zukünftig in klassischer Buchform ihre letzt-gültige Ausprägung finden. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand die ‚Phänomenologie des Geistes‘ oder ‚Sein und Zeit‘ am Computer liest.“

Was das Buch eigentlich vermag, wissen wir erst seit dem Netz. Was die Stärken des Netzes sein werden, entdecken wir mit dem Buch – und mit der Motorik der Hand.

Christian Bennes

Könnte es nicht noch besser werden, läßiger, ehrgeiziger, schöner, weniger langweilig? Und so mag es dem Leser mit diesem extravaganten Buch ergehen wie im Mythos oder im Märchen: Aus zerstreuten Gliedern wird zuletzt wieder ein Ganzes. Die einzigartigen ästhetischen, kulturellen und wahrnehmungspsychologischen Qualitäten des gedruckten Buches sind nicht von der Hand zu weisen. Ein herkömmliches Buch stelle ich in meine Bibliothek und nehme es irgendwann wieder zwischen die Finger.

 

 

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Weiterführend → 

In der Zeit des Digitalen erlebt die Frage nach der Materialität von Literatur eine neue Blüte.  Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421 – Bestellungen über: Bestellungen über: edition-das-labor@web.de

 

Nachtrag: Einen großen Vorteil hat das eBook, man kann es kaufen, ohne einem neugierigen Verkäufer gegenüberzustehen. Dies führte dazu, daß „erotische“ Romane wie „50 Shades of Grey“ zum Bestseller wurden und „kontroverse“ Bücher wie – „Mein Kampf“ auch weiterhin gelesen werden.

Und inzwischen hat das EuGH in einem Urteil festgestellt, daß eine verringerte Mehrwertsteuer nicht in Frage kommt, ein Buch sei schließlich aus Papier.