Erzählungen von Erzählungen von Erzählungen von Gedichten

 

Abu l-Faradsch (der vollständige Name nach Wikipedia Abū l-Faradsch ʿAlī ibn al-Husain al-Quraschī al-Isfahānī (arabisch أبو الفرج علي بن الحسين القرشي الإصفهاني, DMG Abū l-Faraǧ ʿAlī bin al-Ḥusain al-Qurašī al-Iṣfahānī; geboren 897 in Isfahan; gestorben 20. November 967 in Bagdad) war ein arabischer Historiker und Dichter. Seine Gedichte kenne ich nicht. Für die Lyrik bedeutsam ist er aber für ein wunderliches Buch, in dem er als Geschichtsschreiber zusammentrug, was ihm von arabischer Dichtung erreichbar war. Erzählungen um vier Ecken herum, die immer in zitierten Versen enden. Es erscheint, ich schrieb es schon, wunderlich und unglaubwürdig – aber die Personen existieren und die Verse existieren. Vielleicht wäre das meiste verloren, wenn es nicht jemand akribisch gesammelt hätte. (Was könnten wir alles wissen über germanische Dichtung, hätte ein Gelehrter meinetwegen auf Latein solche Erzählungen gesammelt? So sind wir auf Tacitus angewiesen, dessen Zeugnis auch nicht viel zuverlässiger ist.)

Das heutige Gedicht stammt von al-Abbâs, der ein Sohn des Kalifen al-Walîd I. (705-715) war. Er war ein bedeutender Feldherr, der sich in den Kämpfen gegen Byzanz hervortat. Aber er dichtete auch. Über sein Leben verrät meine Quelle nur, dass er loyal zu al-Walîd II. war, seinem Neffen, welcher schließlich gestürzt und ermordet wurde, und dass er, al-Abbâs, später ins Gefängnis geworfen wurde, wo er starb. Von all diesen Umständen und den damit verbundenen Gedichten erzählt al-Farradsch detailliert. Die Gedichte waren in die Geschichte eingebettet (jetzt nicht die erzählte story, sondern die history). Vielleicht musste man gar kein „Dichter“ sein, um Gedichte zu schreiben, vielleicht taten sie das alle gelegentlich? Der Kalif-Bösewicht auch, in einem Vierzeiler, in dem er den Koran schmäht. Al-Abbâs´ Gedicht, mit dem er die Verschwörer ermahnen will, von ihren Putschplänen abzustehen:

 

Da aber sagte al-Abbäs: »O ihr Nachkommen Marwâns. Ich glaube, Gott hat euren
Untergang beschlossen.« Und er fuhr fort:

Gott möge euch schützen vor des Krieges Versuchung,
vor dem Sturze vom Berge hinab in den Grund!
Eure Führung hat Gottes Geschöpfe verdrossen.
So haftet euch fest an dem Glauben, den Gott euch tat kund!
Gebt euch den Wölfen der Menschen nicht selber zum Fraß!
Ihr reizt mit dem Füttern der Wölfe erst recht ihren Schlund.
Zerreißt euch mit eueren Händen die Leiber nicht selbst!
Nicht einer wird Blutgeld bezahlen, nicht klagen ein Mund.

Aus: Abu l-Faradsch: Und der Kalif beschenkte ihn reichlich. Auszüge aus dem „Buch der Lieder“. Aus dem Arabischen übertragen und bearbeitet von Gernot Rotter. Lenningen: Ed. Erdmann, 2004, S. 126.

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.