Das Herz eines Dobermanns

Sie saßen im Garten unter dem Schattenlaub großer Bäume und süßer die Äpfel nie klangen, in diesem Spätsommer, im feinen Licht, dem Rosenlicht, dem schon verblühten, das die Gestaltung ihrer Körper ausleuchtete, die, so wohlbedacht zwanglos um den Gartentisch angeordnet, der Heiterkeit des Tages wie der dahinter lauernden Vorsicht entsprachen. Und welche Geschichte spielt in Evas Augen, fragte er sich aus der Herzmitte, der gefährlichen, dort wo die Geometrie der Dinge und Tage sich zu verschieben und an den Rändern aufzuweichen begann, da drehten sich die Flügel der Windmühlen, klickten ein Bild nach dem anderen in ihren Augenkasten.

Atemkurz und überhitzt bis unter die Haarwurzel, standest du an der Wohnungstür, warst den ganzen Weg gerannt im staubigen Blut deiner Sandalen, die jetzt auf dem polierten Steinboden des Hausflurs unter dem Gewicht deiner Bewegung knirschten und deine Anspannung mit kleinen Zähnen zermalmten, als du an die Tür klopftest, obwohl du wusstest, dass keiner da war, dich zu erwarten. Du hast nicht gegen die Tür geschlagen, nicht geschrien, nicht einmal geweint, es war nichts mehr zu tun, nichts mehr rückgängig oder besser zu machen. An welchen Türen nehmen Geschichten neuen Kurs, unterbrechen ihren bisherigen Verlauf, wenden, schlagen Haken und suchen einen anderen Weg? Deine Geschichte hat hinter dieser Tür begonnen und vor dieser Tür geendet. Also hast du bist den langen Weg von hier wie von zu Hause fortgegangen.

Im Garten unter den Bäumen zerfiel die Sonne, in fleckigen Lichtmustern auf den Tisch geworfen, schwitzten die Früchte im Porzellan der Schüssel, schliefen die Hunde bäuchlings auf dem Gras. Und Sarah ist auf Besuch gekommen, saß zwischen ihnen in luftleichten Hosen und Hemd, durchsichtig, cremefarben wie hinter einem Vorhang, auch ihr Gesicht, gesteckt unter den Rahmen eines Sonnenhutes aus geflochtenem Stroh. Die Länge der Reise, die Städte und Flüsse, die zwischen ihnen lagen, bauten eine Brücke, auf der Sarah hin- und hersprang, Ereignisse und Belanglosigkeiten anriss, die in ihrer fragmentarischen Leichte hier ein anderes Gewicht als dort wogen, so dass sie immer wieder von den Blöcken ihres Erzählens absprang, um sich in den Nachmittag zu versenken, sich auszurasten, und in diesen Pausen dösender Stille kam Sarah Schritt für Schritt hier an. Ich hätte beinahe ein Kind gehabt, sagte Sarah, im Dezember, ein Weihnachtskind, ein Christkind, sagte sie, Geste in die Luft verworfen, vielleicht wäre es anders gewesen in einem Garten wie diesem, mit Weinstöcken und Oleander, vielleicht hätte ich es ausgeträumt und –getragen, wer weiß. Und die Hunde, sagte Eva, Frage, wie Ausrufungszeichen aus ihrem Film heraus. Ja natürlich, sagte Sarah, die Hunde mögen keine Kinder, an die Hunde habe ich nicht gedacht, sagte sie und zerdrückte den Auswurf eines kurzen Auflachens zwischen den Fingern und der Frucht in ihrer Hand.

Kaum auszudenken, dass sie einmal Feinde gewesen waren, sich im Bösen und nicht im Guten voneinander getrennt hatten. Und doch hatten sie einander in all den Jahren eine blasse Treue gehalten, in wenigen Zeilen einer steifen, langbeinigen Frauenhandschrift, die lose die Spur dokumentierte, die Sarah über sie alle drei hinaus gezogen hatte, als wäre es ihr ein Anliegen, die Ortswechsel ihrer Aufenthalte bei ihnen zu hinterlegen. Weder Eva noch er hatten ihr jemals zurückgeschrieben, und sie hatte es wahrscheinlich auch nicht erwartet. Nur einmal in all den Jahren hatten sie einander gesehen, hatte er Sarah gesehen. Möchtest du einen Spaziergang machen, durch den Garten und an einige der alten Plätze gehen, fragte er Sarah, ja, sagte sie, vielleicht später, warum nicht. Wie ähnlich die beiden Schwestern einander doch geworden sind, jetzt da sie älter geworden, auch wenn sie sich im Aussehen noch immer nicht im Geringsten glichen, lag jetzt, nach all den Jahren, etwas in ihren Gesten, ihrem Ausdruck, der Betonung einzelner Worte und Satzteile, das identisch war, etwas, das er früher nie an ihnen bemerkt hatte.

Über den Rasen näherten sich die Schritte der Haushälterin, die Hündin hob kurz den Kopf, einen Augenblick lang ihre Witterung aufnehmend. Ich bin mit der Küche fertig, sagte die Frau, das Abendessen ist vorbereitet, ist im Kühlschrank, soll ich noch das Fleisch für die Hunde herrichten? Nein, sagte er, danke, das mache ich selbst. Ihr habt jetzt eine andere, sagte Sarah nachdem die Frau gegangen war, ja, sagte er, seit sieben Jahren. Wie dumm von mir, sagte Sarah, aber wenn ich an das Haus gedacht habe, habe ich die alte Nanny darin gesehen, du warst lange nicht hier, sagte Eva, ja, sagte Sarah, ich war wirklich lange nicht hier.

Er ist mit dir und deiner Schwester in die Schule gegangen, nicht in deine, nicht in ihre Klasse, aber ihr habt ihn gekannt, wie ihr jeden gekannt habt in diesem Kleinstadtsprengel, weil jeder aus der Umgebung hier zur Schule ging, auch ihr, die Schwestern, aus dem schönen großen Haus. Bei allen Versuchen herauszufinden, seit wann ihr ihn gekannt habt, würdet ihr euch nicht einigen, würdet diesen oder jenen Zeitpunktwie diesen oder jenen Ort gegeneinander streiten. Sicher wäre euch erst die spätere Zeit der Schule, genaugenommen die Zeit der Treffen nach der Schule, in dunklen Kellern im trommelnden Scheinwerferlicht und bei tanzenden Plattenklängen, da war er auch dabei, wie all die anderen, und irgendwann in engen Körperecken habt ihr ihn bemerkt, wie ihr auch all die anderen bemerkt hattet. Die meisten sind nach der Schule fortgegangen, wenige sind zurückgekommen und kaum einer ist geblieben. Er schon, deinetwegen. Aber das war erst später. Damals ist er mit dem Motorrad gefahren und wenn er den Helm von seinem Kopf gezogen hat, hat er die Welt aus seinen verschwitzten Haaren vor die Füße deiner Schwester und versehentlich auch vor deine Füße geschüttelt. Und deine Schwester ist zu ihm auf das Motorrad gestiegen, deine Schwester hat die Hände um seinen Bauch gelegt, und sie sind davongefahren auf federleichtem Wind, der dir so dröhnend und schwer über das Gesicht gebraust ist. Die Hunde sind dabei verrückt geworden, haben die Zähne gefletscht und in ihren Halssträngen getobt. Nur du, dein Vater oder die Ketten konnten sie halten, stranguliert haben sie sich beinahe jedes Mal.

Möchtest du Wein, fragte er Sarah, ich weiß nicht, sagte sie, ihr Zögern zwischen ihm und Eva hin- und herdehnend, ich glaube besser nicht, doch, sagte Eva, natürlich trinken wir heute Wein, na gut, einverstanden, sagte Sarah, dann begleite ich dich auch in den Keller. Er stand auf, Sarah ebenfalls, und die Pfoten der Hunde sprangen wie scharfe Klingen unter ihren Bäuchen hervor. Platz, befahl er mit festem Auge und zwang ihren Widerwillen unter seinen Finger, der zu Boden wies. Du hast gut gelernt, mit den Hunden umzugehen, sagte Sarah, ja, sagte er, es geht, du magst sie nicht, nicht wahr, sagte Sarah, nicht besonders, sagte er, Eva hat die Hunde auch nie gemocht, sagte Sarah, ich frage mich nur, weshalb ihr sie dann behalten habt, weshalb haben wir das Haus behalten, fragte er zurück, ja, sagte Sarah, das habe ich in all den Jahren auch nie verstanden. Er ging vor durch den Hausflur, stieg die Treppe in die wohltemperierte Kühle des Weinkellers hinab und spürte auf einmal Sarahs Schritte nicht mehr an seinen Fersen, Sarah rief er, sich über die Schulter umsehend, aber Sarah war ihm nicht gefolgt.

Wer setzt den Lämmern die Dämonen auf die Schulter, kommen sie von selbst oder werden sie herbeigerufen mit einem scharfen Pfiff, einer lockenden Hand voll Zuckerstücken? Er dachte an das Sanatorium, in dem er Eva damals, als die Schwestern schon seit geraumer Zeit auseinandergegangen waren, besuchen wollte, und Eva war nicht da, nur Sarah ist vor der Tür gestanden, im cremefarbenen Kleid, ihrer Lieblingsfarbe, wie Anstaltskleidung, und hat auf ihn gewartet, aufgegangen ihr Körper und ihr Gesicht, oder wollte er Sarah besuchen, und war es Eva, die vor der Tür gestanden ist, welche der beiden Schwestern stand vor der Tür, Eva oder Sarah, und welche von beiden hat dahinter auf weißem Laken, feiner Batist, mit Blick auf den Park, den Rosengarten, zwischen Tabletten und Spritzen ihre bösen Träume ausgeschlafen? Es konnte die eine so gut wie die andere gewesen sein, es war nicht mehr von Bedeutung, beide sind auf unterschiedliche Weise von dem Ort der bösen Träume fortgegangen, und keine von beiden ist an den Ort ihrer schwesterlichen Niederlage zurückgekehrt.

Wo ist Sarah, fragte Eva, über das luftschnalzende Geräusch des Entkorkens der Weinflasche hinweg, die er, zurück im Garten, zwischen den Schenkeln eingeklemmt hatte, ich weiß nicht, sagte er, ich habe sie irgendwo im Haus verloren, soll ich nachsehen gehen, fragte Eva, nein, sagte er, lass sie in Ruhe. Die unbeabsichtigte Schärfe in seiner Stimme erschreckte sie beide, schnitt Eva ein kurzes Zucken unter das Zelluloid der Lider. Da war der so sorgsam gehütete Wohlklang des Tages also in einem unbewachten Moment aus der Fuge gerutscht, Vexierbild, das die Sorgfalt und Mühen all der Jahre zu verspielen drohte. Es war nicht so gemeint, sagte er, ich weiß, sagte Eva, und der Geruch seiner Angst lag ihr wohltuend auf den Knien, wie die Schnauze der Hündin, die ihn auch gerochen hatte.

Du hast schönes Haar, sagte er, dir einen Augenblick der Überraschung bescherend, den du dir in peinlicher Verlegenheit mit den Fingern aus dem Kopf zu strähnen versuchtest, so absolut außer Kontrolle geraten, sagte er, nach einem Strang schnappend ihn nicht erwischend, weil du schneller warst, komm mit mir Motorrad fahren, sagte er, ja, sagtest du, vielleicht später, nein, sagte er, jetzt sofort, und was ist mit meiner Schwester, fragtest du, deine Schwester ist mit jemand anderem, sagte er, los, steig auf, er stürzte deinen Kopf unter seinen Helm, verschlaufte die Bänder unter deinem Kinn, und vorsichtig, als wäre sie aus Glas, schobst du deine Hüfte in seinen Rücken.

Halte die Hunde, sagte Eva, zur Sicherheit, sagte sie, gegen das Haus deutend, auf Sarah, die cremefarben über den Rasen tänzelte, auf gestöckelten Pantoffeln aus feinem Leder, deren schlingernder Rhythmus das silberne Tablett in ihrem Arm wiegte. Kleine Sonnenspiegel blitzten über den Rand des Tabletts, ließen den aufgetürmten Haufen geschnittenen Fleisches obszön und blutig rot aufleuchten. Ruhig, sagte Eva zu der Hündin an ihrem Schoß, sie beim Halsband festhaltend, und er rief die beiden anderen bei ihrem Namen an seine Schenkel heran. Darf ich die Hunde füttern, fragte Sarah, mit Daumen und Zeigefinger pinzettengleich ein Fleischstück aus dem Haufen lösend, es in der Luft schwenkend wie Konfekt. Den Hunden tropfte ein Delirium an Gier aus den Lefzen, und nur die Furcht vor Strafe hielt sie auf den Plätzen. Die Hunde fressen alleine auf der Terrasse aus ihrem Napf, sagte er, bitte, sagte Sarah, sie werden mir nichts tun. Eva zuckte mit den Schultern, und er wünschte Sarah auf der Stelle dorthin zurück, woher sie gekommen war. Danke, sagte Sarah, kommt her meine Süßen, ihr kennt mich doch noch, rief sie lockend, die Hunde galoppierten lechzend auf sie zu. Sarah führte das Stück in ihrer Hand zum Mund, biss in den Klumpen rohes Fleisch, biss ab, das Blut quoll ihr über die Lippen, und kauend legte sie den Rest der Hündin in das Maul. Danach warf sie die Fleischwürfel vom Tablett wie Glücksmünzen über die Köpfe der Hunde in schnappende, rasende Mäuler. Hätte er es nicht für unwahrscheinlich gehalten, hätte er aus ihrem blutverschmierten Mund brüllenden Triumpf ersticken hören. Warum tut sie das, fragte er, und Evas Lachen klang böse, vielleicht auch nur ein bisschen gemein.

Leise hast du die Tür seiner Wohnung in das Schloss gezogen, bist mit satten Gliedern und wehendem Kopf den Weg nach Hause gegangen, ohne Eile, die Pracht deiner Haare, die den Geruch seiner Hände, seines Körpers trugen wie ein Bekenntnis über die Schultern entrollt. Selbst in das Haus deines Vaters hast du dich nicht wie ein Dieb eingeschlichen, bist wie immer, trotz der frühen Morgenstunden in dein Zimmer zu deinem Bett gegangen, auf das du deinen Körper wie eine wahrsagende Karte gelegt hast. Auch der späte Morgen und der darauffolgende Tag haben Glanz getragen, erst gegen Abend wurdest du unruhig, und vor dem Spiegel, den du nicht mehr losgelassen hast, zerfiel allmählich dein Haar. Als der Klang seines Motorrades vor der Haustüre heruntergefahren wurde, warst du nicht mehr sicher, wem er galt, und du hast einfach weggehört. Die alte Nanny hat ihn unten aufgefangen und in dein Zimmer gebracht.

Es tut mir leid, sagte Sarah, als der Rausch des Fleisches und des Spieles ausgelaufen war. Die Hunde schwänzelten noch in hoffnungsvoller Erwartung um den Tisch herum. Bestien, dachte er, und meinte nicht nur die Hunde, die vor allem, aber er dachte auch an Sarah, an Eva, an sich selbst, ließ es dabei bewenden, wollte es gar nicht zu Ende denken. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, sagte Sarah, klein und mit hängenden Schultern stand sie in ihren zerbrechlichen Kleidern da, aber als ich im Haus war, wollte ich die Gläser für den Wein holen, du weißt schon, sagte sie in Evas gesenkte Ohren hinein, die schönen, die für besondere Anlässe, aber ich konnte sie in der Anrichte im Wohnzimmer nicht finden, konnte mich im Wohnzimmer, im Haus nicht mehr zurechtfinden, nichts ist da mehr so, wie es gewesen ist, nur in der Küche ist alles kaum verändert, in der Küche war ich zu Hause, sagte Sarah. Und Eva ließ sie in ihrem Unbehagen warten, es auskostend, stand erst nach einer Weile auf, ist ja gut, sagte sie, auf Sarah zugehend, erst das Tablett und dann Sarah selbst aus der Starre ihrer Haltung lösend. Braun hatten sich die wässrigen Blutlachen auf dem Tablett verfärbt, wie die Flecken auf Sarahs Hemd. Und Eva legte den Arm um Sarahs Schultern, so versöhnlich und beschwichtigend die Geste, blieben ihre Körper, Brust an Brust, wie sie beieinander standen, doch voll Misstrauen und logen keine Zuneigung, auch wenn sie es gerne gewollte hätten. Möchtest du einen Spaziergang machen, fragte er, gerne, sagte Sarah, kommst du mit, fragte er, und Eva verneinte. Die Hunde standen schon bei Fuß. Sie streiften durch das weitläufige Gelände des Gartens und ein wenig darüber hinaus, aber sie vermieden es, Plätze gemeinsam zu erinnern, und waren froh, als das sperrangelweit aufgerissene Maul der Hausauffahrt ihren Rundgang beendete. Über den Wipfeln der Obstbäume deckte Eva auf der Terrasse den Tisch für das Abendessen. Da blieb Sarah stehen und fasste seinen Arm, was ist mit dem Kind, fragte sie, komm, beeil dich, sagte er, Eva wartet mit dem Essen. Und zum zweiten Mal an diesem Tag verlor Sarah seine Schritte vor den cremefarbenen Spitzen ihrer Schuhe.

Es war gut, wie es war, ihr habt euch nichts versprochen, nichts ausgemalt, und das war besser als alles, was zuvor gewesen ist. Dennoch wolltet ihr gemeinsam von hier fortgehen, nach dem letzten Jahr deiner Schulzeit, vielleicht. Und deine Schwester hat dir zugesprochen, hat mit dir gelacht und ihre eigenen Skizzen aus dem Kopf gezeichnet. Ihr wart euch wohl vertraut in dieser Zeit, die euch endlich aus der Kindheit und den Jahren danach zu entlassen begann. Aber dann hat deine Schwester aufgehört zu lachen, und du hast es nicht bemerkt, wie eine andere Gewissheit sie auf eine alte Spur zurückgeführt hatte. Er hat es dir gesagt. An einem sonnigen Nachmittag nach der Schule, war es Mai oder Juni, da hat er dich geschlagen, dir in den Bauch getreten und dich sprachlos und zerfleischt nach Hause geschickt.

Die Stadt, die Landschaft hier, selbst dieses Haus ist mir fremd geworden, sagte Sarah, als sie bei Tisch saßen, einander Platten, Teller und Brotkorb zuvorkommend reichten, es ist, als drehte mir die Gegenwart dieser Orte den Rücken zu, um mich ausgleiten zu lassen, sagte Sarah, sich mit der Gabel behutsam ein Stück Forellenfilet aus dem mit zerhacktem Eis gepolsterten Bett der Silberschüssel auf ihren Teller zu heben, aber hier an diesem Tisch ist es anders, da heben sich die Gesetze der Zeit und ihre Wirkung auf, sagte sie, nahm ihr Glas und schwenkte es über gastgebendes Tischtuch, feiner, weißer Batist, mit einem beherzt aufgezügelten Lächeln, das in der Dunkelheit gefährlich gegen das flackernde Kerzenlicht klirrte.

Ich werde ein Kind von ihm haben, sagte deine Schwester, nein sagtest du, du wirst kein Kind haben, doch, sagte deine Schwester, es ist ein Zug, auf den ich aufsteigen muss, nein sagtest du, du wirst diesen Zug nicht spielen. Da hattet ihr also über ihn entschieden und keine von euch, weder du noch deine Schwester hat es gewusst. Im Streit habt ihr euch getrennt, zerrissen, wie Fetzen Papier, die Schwesternschaft langer Jahre. Du bist in dein Zimmer gegangen und hast dir die Dunkelheit über den Kopf gezogen. Wie lange du da gesessen bist, Minuten, Stunden, Jahrhunderte, sie haben sich einen halben Meter neben dich gesetzt, haben dich angesehen, dein verletztes Gesicht, deinen getretenen Bauch betrachtet. Und sie sind mit dir aufgestanden, in den Garten gegangen zu den Hunden, denen du Verwünschungen ins Ohr geflüstert hast. Und du bist dann in dein Zimmer zurückgegangen hast eine Schlaftablette geschluckt, die erste aus einer langen Reihe, aufgefädelte Perlen um deinen Hals, die dir im Verschwimmen der Lider wie Zucker auf der Zunge zerging.

Warum bist du zurückgekommen, fragte Eva, ich weiß es nicht, sagte Sarah leichthin, vielleicht, weil ich mich von euch eingeladen fühlte, vielleicht, weil ich neugierig war, du bist wegen des Kindes gekommen, nicht wahr, sagte Eva, aber es gibt kein Kind, ich weiß, sagte Sarah, und es wird auch nie eines geben, weder für mich noch für dich, aber warum hast du gewollt, dass ich komme, fragte Sarah, vielleicht, weil ich neugierig war, sagte Eva, vielleicht, weil ich dich umbringen werde. Und die Schwestern sahen einander an in einem Augenblick, der nur ihnen gehörte, der ihn ausblendete, und dann lachte Eva, und Sarah lachte dazu. Ich werde die Hunde an ihren Platz zum Schlafen bringen, sagte er, haben sie immer noch ihren Zwinger, fragte Sarah, nein, sagte er, aber sie schlafen dort, sagte Eva, ohne Ketten und bei unverschlossenem Gattertor.

Als du am Morgen aufgewacht bist, hast du begonnen zu begreifen, was geschehen war. Das Haus war leer, in das Zimmer deiner Schwester bist du erst gar nicht gegangen, du hast gewusst, dass sie fort sein würde. In der Küche hat die alte Nanny ihr Schweigen an Töpfen und Tellern ausgeklappert, du bist ihr ausgewichen, hast dich an ihr vorbeigeschlichen und bist den Weg hinunter in die Stadt gerannt, das Trommelfeuer deines Herzschlagens in den Ohren, obwohl dir bewusst war, dass es umsonst war, dass er nicht mehr da sein konnte, und doch hast du dir das Blut aus den Fußsohlen gelaufen, so hoffnungslos steinig die Straße da war. Und deine Geschichte hat an seiner Tür, die sich nicht mehr geöffnet hat, aufgehört, es gab nichts mehr hinzuzufügen, nichts mehr wegzunehmen, das was geblieben ist, hast du an Ort und Stelle gelassen. Der einzige, der zurückgekommen ist, war er. Weder du noch deine Schwester haben ihn dazu gebracht, es waren andere, ganz andere. Und doch war es irgendwie deinetwegen. Trotz allem oder vielleicht gerade deshalb.

Sie hatten den Abend bald abgebrochen und waren zu Bett gegangen, jeder in sein eigenes und Sarah in das unverbindliche Bett im Gästezimmer, hatten jeder für sich ihr Frösteln unter die Bettdecke gelegt und in die Stille des Hauses hineingelauscht. Und irgendwann unterbrach die Nacht ihren Lauf, schreckte sie auf im Krachen einer Folge von Schüssen, waren es zwei, oder drei. Er hatte sie gehört, wie etwas, das er schon lange erwartet hatte, auch Eva hatte sie gehört und Sarah ebenfalls. Aber keiner von ihnen stand auf, um nachzusehen, jeder hatte so seine eigenen Gedanken dazu, und tat so, als wäre nichts geschehen.

Sarah ist schon fort, sagte Eva, ja, sagte er, sie muss ganz zeitig am Morgen gefahren sein, sie standen am Fenster, sahen auf den Kiesweg hinab, auf dem das erste gelbe Laub trieb. Evas Kopf lag an seine Schulter gelehnt und seine Finger bauschten sich in ihrem Haar. Du bekommst die ersten weißen Haare, sagte er, und für ein angehaltenes Bild lang tat es ihm leid, dass alles so war, wie es war, und er nicht mit ihr ein für alle Mal von hier fortgehen konnte. Da kommt mein Auto, sagte Eva, jetzt schon, fragte er, ja, sagte sie, ich haben den Fahrer für zehn Uhr bestellt, in der Küche, sagte sie, liegt die Einkaufsliste für die Haushälterin, und erinnere sie bitte daran, dass die Wäsche noch zu bügeln ist, ja sagte er, sie vor das Haus begleitend. Der Fahrer stieg aus dem Auto, grüßte und hielt Eva die Türe auf, also dann bis am Abend, sagte sie, die Frau am Rücksitz in dunkelblauer, gestärkter Uniform oder Tracht übersehend, die ihm zunickte, ist alles in Ordnung, fragte die Frau, ja, sagte er unwirsch. Eva schob sich auf den Rücksitz. Denk an die Einkaufsliste, sagte sie, sonst haben wir abends nichts zu essen, bestimmt, versprach er, und als das Auto die Auffahrt hinunterfuhr, sah er ihm nicht mehr nach.

Da saß er also im Garten unter dem Schattenlaub großer Bäume, taub für den Klang der Äpfel so goldgelb und reif über seinem Kopf. Auch der Lärm des Motorrades, das am späten Nachmittag vor dem Haus auslief, lief an ihm vorbei. Über den Rasen kam der Motorradfahrer, zog sich im Gehen den Helm vom Kopf und stellte ihn, sich hinsetzend zu seinen Füßen ab. So oder so ähnlich, dachte er, habe ich auch einmal ausgesehen, nur das Haar ist anders, das Haar hat er von der Familie seiner Mutter. Wie war dein Wochenende, fragte er, gut, sagte der junge Mann, wir sind weit gefahren, und du, fragte er zurück, was hast du gemacht, nicht viel, sagte er, ich habe die Hunde erschossen.

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Auszug aus  Feuerfahrt. Winterspiel. Kurzgeschichten von Patricia Brooks. Edition Selene, Klagenfurt 1996

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Lesen Sie auch das Porträt der Autorin. Ein Kollegengespräch mit Patricia Brooks finden Sie hier.