„Der Wille und der Enthusiasmus waren fantastisch, und Page war wirklich kreativ. Jimmy und ich gingen in einen Raum, und plötzlich war alles wieder da. Seine Riffs waren spektakulär. Dass wir es so weit gebracht haben – und die Tour, die wir absolviert haben –, das war eine der ehrgeizigsten und bewusstseinserweiterndsten Erfahrungen überhaupt.“
Robert Plant
Dies ist mehr als ein nostalgisches Live-Album; es ist ein kühnes Manifest der musikalischen Dekonstruktion und ein Meilenstein des Post-Led-Zeppelin-Schaffens. Veröffentlicht am 7. November 1994 über Atlantic Records, markierte das Album die lang ersehnte Wiedervereinigung der beiden kreativen Köpfe der legendären Rockband. Anstatt jedoch bewährte Stadion-Hymnen eins zu eins zu reproduzieren, nutzten Page und Plant das 90-minütige MTV-Projekt mit dem Arbeitstitel „UnLedded“, um die Grenzen des klassischen Rock-Genres radikal zu verschieben. Durch die Einbindung von marokkanischen und ägyptischen Orchestern sowie traditionellen walisischen Elementen schufen sie eine Brücke zwischen westlicher Rockmusik und der Klangwelt des Nahen Ostens.
City Don’t Cry ist ein minimalistisches, von marokkanischer Gnaoua-Musik inspiriertes Stück.
Die größte Herausforderung für das Duo bestand darin, dem erdrückenden Erbe von Led Zeppelin gerecht zu werden, ohne in purer Nostalgie zu erstarren. Die Lösung lag in der Neuinterpretation. Das Album, aufgezeichnet an geschichtsträchtigen und atmosphärischen Orten in Marokko, Wales und London, bricht mit den Erwartungen eines klassischen „MTV Unplugged“-Konzerts. Zwar gibt es akustische Darbietungen, doch das Herzstück bildet die klangliche Transformation bekannter Klassiker.
Yallah, auch bekannt als The Truth Explodes ist Track, der traditionelle Perkussion mit modernen Loops und Pages schneidendem Gitarrenspiel verbindet.
Durch die Zusammenarbeit mit einem marokkanischen Streichorchester und einem ägyptischen Ensemble gewannen Songs wie „Kashmir“ oder der titelgebende Track „No Quarter“ eine völlig neue, hypnotische Tiefe. Die Riffs von Jimmy Page, die einst auf roher, elektrischer Energie basierten, verschmelzen mit den mikrotonalen Strukturen und der Polyrhythmik der östlichen Musiker. Robert Plants Gesang, der sich ohnehin oft an bluesigen und orientalischen Skalen orientierte, fand in diesem Rahmen seine natürliche und reife Ergänzung.
„No Quarter“ ist kein reines Cover-Album des eigenen Katalogs. Die kreative Reibung führte zu vier neuen Stücken, die explizit von nahöstlichen und nordafrikanischen Einflüssen geprägt sind,
Wah Wah ist ein energetisches Zusammenspiel der verschiedenen kulturellen Ensembles. Diese Stücke demonstrieren, dass Page und Plant 1994 nicht als Nachlassverwalter agierten, sondern als aktive, neugierige Weltmusiker. Sie holten nach, was sie in den 1970er-Jahren auf Reisen nach Marrakesch im Keim gesät hatten. Lieder wie Gallows Pole, Kashmir oder The Battle of Evermore wurden nicht einfach „unplugged“ gespielt; sie wurden in neue kulturelle Topographien übersetzt. Wenn die Streicher des Egyptian Ensemble in Kashmir einsetzen, wird das Riff von seiner westlichen Hard-Rock-Verankerung befreit und dorthin zurückgebracht, wo es geistig immer schon zu Hause war: in den Sand der Wüste. Es ist kein Covern, es ist ein Weiterwandern.
Wonderful One ist eine intime Ballade, die die melodische Sensibilität des Duos unterstreicht.
„No Quarter“ ist ein ehrgeiziges Wagnis, das sich künstlerisch auszahlt. Es beweist, dass die Chemie zwischen Page und Plant auch Jahre nach der Auflösung von Led Zeppelin intakt ist – getragen von einem, wie Plant es später nannte, „fantastischen Willen und Enthusiasmus“. Das Album befreite die Musiker aus dem Korsett der reinen Hard-Rock-Ikonen und etablierte sie als Pioniere einer global gedachten Rockmusik. „No Quarter“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man ein monumentales musikalisches Erbe nicht nur verwaltet, sondern lebendig, mutig und mit Perspektive in die Zukunft führt.
***
No Quarter von Jimmy Page und Robert Plant, 1994
Einen Wermutstropfen hat diese Produktion: Bei der Wiedervereinigung (in Abwesenheit von Bonzo) fehlte auch der Bassist und Keyboarder John Paul Jones, weshalb es sich nicht um eine vollständige Wiedervereinigung der Band handelte. Jones war von seinen ehemaligen Bandkollegen nicht über dieses Wiedersehen informiert worden. Später äußerte er sein Missfallen darüber, dass Plant und Page beschlossen hatten, das Album nach „No Quarter“ zu benennen – einem Titel, der maßgeblich ihm zugeschrieben wird.
Weiterführend → Eine Jugenderinnerung an eine Zeit, in denen ein Song wie „Whole Lotta Love“ nicht nur in die Hitparade einziehen konnte.