Megazeichen

 

Zwischen Bilk und der Altstadt steht ein Hochhaus, dessen Licht in der Nacht zur Weihnachtszeit sinnigerweise zu einem Tannenbaum verschaltet wird. Bis Mischa Kuball das Hochhaus in ein Megazeichen verwandelt hat, das nächtliche Lichtzeichen in den Stadtraum der Landeshauptstadt sendete.

Kuball benutzt vor allem weißes Licht, wie bei der mehrteiligen Arbeit Megazeichen, – in seiner alltäglichen Form als reines, von Lampen innerhalb oder außerhalb von Räumen erzeugtes Licht.

Wer die Fassade des Mannesmann-Hochhauses am nächtlichen Rheinufer betrachtet, begreift die Architektur nicht länger als Gehäuse, sondern als Setzkasten. Kuball hat den bürgerlichen Raum umgestülpt. Wo tagsüber der Angestellte hinter Glas akkurat seine Akten ordnet, verbleibt nachts eine sorgsam kalkulierte Helligkeit. Das Licht, das sonst den Blick auf den Schreibtisch freigibt, wird im Außenraum zum Baustein eines monumentalen Alphabets. Es ist eine Negation des Privaten durch dessen bloßes Stehenlassen. Das Innenleben der Bürokratie liefert die Pixel für die Verzauberung der Großstadt.

Das Gebäude schläft nicht; es denkt in monumentalen Hieroglyphen für den Betrachter.

Die Stadt hat ihren Rhythmus von Sonne und Mond längst gegen die Steckdose eingetauscht. Kuballs Megazeichen aber holen den Takt der Gestirne parodistisch zurück in das Skelett aus Stahl und Beton. Sieben Wochen lang gehorcht das Hochhaus einem kalendarischen Diktat, das Woche für Woche eine neue Facette seines kryptischen Gesamtprogramms offenbart. Der Passant, der eilig am Ufer flaniert, wird zum Chronisten einer ephemeren Liturgie. Es ist die Verwandlung von Nutzarchitektur in ein zyklisches Denkbild, das sich erst in der Erinnerung des Betrachters zusammensetzt.

Es ist ein wöchentlicher Umschlagkalender, dessen Blätter aus nichts als illuminierten Fenstern bestehen.

Die eigentliche Erschütterung dieser Arbeit liegt an der Membran, die das Innere vom Äußeren trennt: der Fensterscheibe. Sie ist die dünnste und zugleich härteste Grenze der kapitalistischen Stadt. Indem Kuball das Licht in den leeren Büros brennen lässt, enteignet er den Raum temporär von seiner ökonomischen Zweckbestimmung. Das Licht brennt nicht für jemanden, der darin arbeitet, sondern gegen die Dunkelheit der Stadt. Das Innere der Architektur wird gleichsam nach außen gestülpt, verliert seine Intimität und wird zum kollektiven Gut der Straße.

Die Fassade ist kein Schild mehr, sondern eine durchlässige Partitur.

Das Megazeichen setzt an dessen Stelle die temporäre Intervention. Es ist ein Monument ohne Fundament, eine Architektur aus reinem Strom und Absicht. Wenn das Gesamtprogramm nach sieben Wochen erlischt, bleibt das Hochhaus als stummer Zeuge zurück. Doch das gebaute Gefüge der Stadt ist nachhaltig irritiert: Wer einmal gesehen hat, wie ein Palast der Verwaltung als kosmischer Signalgeber fungieren kann, wird im alltäglichen Dunkel der Bürotrakte nie wieder bloß Abwesenheit vermuten, sondern das schlummernde Potenzial einer kollektiven Botschaft.

 

 

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Megazeichen, von Mischa Kuball. Düsseldorf, Heinen Verlag 1990

Bild: Archiv Mischa Kuball, Düsseldorf

Weiterführend →

Stefan Oehm betrachtete für KUNO Kuballs Lichtinstallation res·o·nant. Lesen Sie im Rahmen der public preposition ein Gespräch zwischen Vanessa Joan Müller und Mischa Kuball über öffentliche Beziehungen. Gleichfalls empfehlenswert das Ateliergespräch von Prof. Dr. Matei Chihaia mit Mischa Kuball.

Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Mit dem Künstler Mischa Kuball teilt der Romancier den Dauerlauf.

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