Aufeinandertreffen der Elemente

Fire and Water ist ein programmatischer Eröffnungstrack. Ein Riff, das wie ein schwerer Schritt im Schlamm ansetzt, kontrastiert mit einem fast zärtlichen Gesang, der die Unvereinbarkeit der Elemente besingt.

Der Blues, den diese vier jungen Männer aus Londoner Kellern heraufbeschworen, war keine Ware für den schnellen Export. Er war schwer wie feuchter Lehm. In den ersten Jahren glichen ihre Studioalben Briefen, die an die falsche Adresse geschickt wurden; sie lagerten in den Depots der Musikindustrie, ungeöffnet, von Staub bedeckt. Erst als sie begriffen, dass die Zündgurtung der Moderne nicht im Studio, sondern im Funkenflug des Live-Auftritts liegt, öffnete sich der Kasten. Die Musik von Free brauchte die Hitze der Straße, um das Siegel zu brechen.

Oh I Wept zeigt die melancholische Kehrseite des Albums. Hier zeigt sich die totale Verinnerlichung des Blues, weit weg von den lauten Klischees des Genres.

Fire and Water – der Titel des Albums von 1970 denunziert bereits im Namen jede matte Synthese. Hier wird kein lauwarmer Kompromiss gesucht. Das Feuer ist die schneidende, fast schmerzhaft ökonomische Gitarre Paul Kossoffs; das Wasser ist der tiefe, flüssige Bass von Andy Fraser, der die Fundamente unterspült. Wo andere Bands des Blues-Rock ihre Stücke mit barockem Zierrat überfrachteten, regiert hier eine dialektische Askese. Jeder Ton wird wie ein kostbares Metall gewogen, bevor er in den Äther entlassen wird. Es ist die Architektur des absoluten Minimums: ein leerer Raum, in dem der Schrei von Paul Rodgers die Wände zum Schwitzen bringt.

Mr. Big beeindruckt durch das epische Bass-Solo Frasers, das zeigt, wie ein minimalistisches Trio ohne Overdubs maximale Spannung erzeugen kann.

Das Fundament von Fire and Water ist kein Fundament im architektonischen Sinne, sondern ein elastisches Geflecht. Während die Rockmusik von 1970 unter dem Einfluss von Led Zeppelin oder Deep Purple in die Vertikale drängte – schwer, monumental, von oben herabstürzend –, bewegt sich das Album von Free in der Horizontalen. Der Bass von Andy Fraser fungiert nicht als Metronom, sondern als Melodieinstrument, das die Leerstellen ausmischt. Er spielt oft um den Beat herum, eine Synkopierung, die dem Album seinen federnden, fast schwebenden Charakter verleiht. Simon Kirke am Schlagzeug liefert dazu das Skelett: kein einziger Snare-Hit ist zu viel, kein Fill-in dient der Selbstdarstellung. Es ist die totale Unterordnung unter den Groove.

Don’t Say You Love Me ist ein zutiefst verletzlicher Track, der die raue Soul-Stimme von Paul Rodgers ins Zentrum rückt, flankiert von Kossoffs weinenden Licks.

Die Gitarre von Paul Kossoff auf diesem Album verhält sich zum herkömmlichen Blues-Solo wie die Skizze eines Meisters zum fertigen Ölgemälde. Kossoffs Genie liegt im Verzicht. Auf Stücken wie „Mr. Big“ oder dem Titeltrack „Fire and Water“ dehnt er die Töne aus, bis sie zu reißen drohen. Sein berühmtes, extrem breites Fingervibrato ist keine Verzierung, sondern ein physischer Kraftakt – ein Versuch, der Elektrizität des Verstärkers eine menschliche Stimme abzutrotzen. Jeder Ton steht allein in einem riesigen, fast unheimlichen Raum, den die Band um ihn herum freilässt.

Das eigentliche Geheimnis von Fire and Water ist die Stille zwischen den Noten. Im Gegensatz zu den dichten Klangmauern der damaligen Zeit bauten Free auf das Vakuum.

Gescheitert sind Free am Phänomen des Gassenhauerst. „All Right Now“ war kein einfaches Lied mehr, es wurde zu einer akustischen Topografie des Sommers 1970. Wenn ein Song die Schwelle zum „One Million“-Club überschreitet, verliert er seine private Intimität und wird zum Möbelstück des kollektiven Bewusstseins. Er läuft im Radio wie der Motor einer Fabrik, unaufhörlich, als akustisches Hintergrundrauschen einer Generation, die sich im Rhythmus dieses schweren, synkopierten Riffs einrichtete. Der Song verspricht, dass alles gut sei – doch in der lakonischen Härte des Vortrags schwingt bereits das Wissen um die Vergänglichkeit dieses Trostes mit.

 

***

Fire And Water von Free, 1970 (Nun ist eine erste CD-Pressung des Albums auf Island Masters erhältlich)

Weiterführend  Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?