Was zählt, ist Gesinnung, ist Politik

Ganz elementare humane Taubheit hat Tilman Krause in Hans Werner Richters Tagebüchern Mittendrin erlebt, aber endlich auch eine Antwort auf die Frage, warum Deutschland politisch und wirtschaftlich so erfolgreich, literarisch und ästhetisch aber so mickrig dasteht:

Was zählt, ist Gesinnung, ist Politik.

Stil, Sprache, ästhetische Programme spielen heute so wenig eine Rolle wie bei der Gruppe 47, erkennt Krause in der  WELT, staunt aber doch, wie viel Verachtung Richter seinen Autorenfreunden entgegenbringt:

Noch heute gilt ja der Grundsatz bei den Verteidigern der Gruppe: Na ja, literarisch war es nicht so doll, aber politisch hat sie die Deutschen überhaupt erst zu Demokraten gemacht. Das liest sich bei Richter anders. Böll? ›Ein Deutscher mit dem verquasten Denken eines Deutschen, bramarbasierende Moral statt politischer Intelligenz, kein Demokrat, sondern ein Mitläufer der Gewalttätigen‹. Enzensberger? ›Zugereister Harlekin am Hof der Schein-Revolutionäre‹. Walser? Ein ›Psychopath‹ an der Grenze zur ›Geisteskrankheit‹, dem die ›schwüle Pubertät eines frühzeitig gealterten Mannes‹ wichtiger ist als politische Vernunft. Grass? Ein Gernegroß, noch immer im Bann des ›Führerwahns‹, auch wenn er jetzt als ›Mietling der SPD‹ herumzieht.

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Die durchgängige Attitüde des Entlarvens ist schal geworden; sie hat sich intellektuell nicht weiterentwickelt, sich als Aufklärung nicht selbst reflektiert angesichts einer gewandelten Welt. Es schaut so aus, als hätte die Rekanonisierung dieses Autor bereits zu Lebzeiten begonnen.