Ein dänischer Dichter

Über zeitgenössische dänische Lyrik weiß man in Deutschland wenig. Moritz Schramm und Alexander Gumz haben in der 2009 erschienenen Ausgabe 30 der von Urs Engeler herausgegebenen Zeitschrift Zwischen den Zeilen einige junge dänische Dichter vorgestellt, darunter Lars Skinnebach.

Lars Skinnebach wurde 1973 in Galten, einer kleinen Ortschaft nahe Aarhus geboren, und besuchte – wie viele seiner dänischen Kollegen – die Autorenschule in Kopenhagen, ehe er 2000 mit einem Gedichtband debütierte. Es folgten weitere Bücher, leitende Tätigkeiten bei wichtigen Literaturzeitschriften und bedeutende dänische Preise und Auszeichnungen.

Besser als Kommentare und Interpretationen es tun können, zeigen die Gedichte selbst, was in ihnen und mit ihnen los ist, daher zunächst  Ausschnitte aus zwei Gedichten von Lars Skinnebach in der Übertragung von Moritz Schramm:

… Es ist billig, sich selbst / zwischen Seeland und Fünen kennenzulernen. Hast du genug Gewissen / für ein ganzes Leben? Menschen sind zahlreicher als Läuse / Seite 22. Hast du eine Idee? Irgendetwas mit dem Unendlichen / Die Autobahnen ähneln Flüssen, die nur Tote überqueren können …

…  dann verschwand die Sehnsucht und die Häuser blieben stehen. Zerbrechliche Gewalttäter / ich bin sensibel wie eine Aktie. Sie wurde im Mai geboren / und hatte ein Mondgesicht  .. die glücklichen Tränen eines Mannes sind schwarz … und arm … / Haben wir eine Absprache? Was sind die Kriterien für gute Erziehung? …

Also wie in vielen zeitgenössischen Gedichten – vor allem US-amerikanischer Provenienz, Ben Lerner ist ein gutes Beispiel – stoßen in parataktischer Manier Sätze aufeinander, die sich – zumindest auf  den ersten Blick – ziemlich fremd sein müssen, aber unterirdisch doch verbunden sind, eine Art »Tunneleffekt«. Die parataktischen Ausschläge werden geregelt durch die Gesamtstrategie, das Thema oder sagen wir: das »Sinnfeld« (Markus Gabriel) des Gedichts.

Naturwissenschaftler, Philosophen, Dichter stehen mit einem von dem Soziologen Robert K. Merton populär gemachen Wort stets »Auf den Schultern von Riesen«, und was die Poesie angeht, gilt gewiss Ernst Jandls Bemerkung von den »ganz kleinen Verschiebungen« als dem Einzigen, was der Dichter an Veränderung (Fortschritt?) zustande bringen kann – Ein Weniges ein wenig anders machen. Ganz kleine Verschiebungen. Lars Skinnebachs Methode des »Ein wenig anders machen« besteht im außerordentlich reichen Gebrauch von Fragesätzen. Fragesätze sind ein sehr effektives Mittel, die Leichtigkeit von Gedichten zu erhöhen, ihre »Flugfähigkeit«. Fragezeichen hinter Sätzen, mit denen Feststellungen getroffen, Urteile gefällt werden, nehmen den Sätzen überdies ihren oft paradigmatischen Charakter, machen aus festen Überzeugungen denkbare Möglichkeiten:

… Wir machen uns selbst zu Opfern / ist das der Ausweg der Moderne, der erniedrigte Mensch?

… Ist es die Angst vor dem Tod, der uns Gesetze verabschieden lässt / durch die unser Leben das Leben in finsteren Todesreichen / nachahmt?

… Mit einer gewissen Offenheit findet man sich selbst, nicht wahr?

Skinnebachs Sprache ist nüchtern, lakonisch, adjektivarm. Auch Romantisches erscheint in kühlem Licht: Sag was Vernünftiges, über über über die Sterne z.B. / Wir könnten lange liegen bleiben und sie angucken / um nicht dem Tag ins Auge zu sehen  Was immer durchschimmert, mitschwingt, fast in jedem Vers, ist sein Humor. Hin und wieder spricht er den Leser an: Wie geht’s? Neue Leser können hier aussteigen.

Ich vermeide am liebsten Metaphern, heißt es an einer Stelle, aber das gelingt  glücklicherweise nicht immer. Seine  brillanten Metaphern sind Einfälle, die aus Beobachtungen resultieren: Zwischen den Häusern schämt sich die Sonne, oder: … Dann wird es Neujahr / und wir falten die Versprechen wie Servietten.

Es sind nicht-lineare Gedichte. »Montagekunst« war Gottfried Benns Wort. Wahrscheinlich hat der Dadaismus mehr Spuren in der modernen Lyrik hinterlassen als der (schöne alte) Expressionismus. Was ist ein Gedicht? Was sollte es sein? »Erkenntnisfragment«, schlug Käte Hamburger vor. »Weltgefühl«, sagte Kurt Schwitters. Für Skinnebachs Gedichte trifft beides zu.

 

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Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander veröffentlichte seit Mitte der 1990er-Jahre Gedichte und Aphorismen. Seine lakonischen (immer wieder auch metalyrischen) Gedichte, die u. a. in Literaturzeitschriften wie ndl, Muschelhaufen, Faltblatt und Anthologien wie Axel Kutsch, Versnetze (2005) oder Theo Breuer, NordWestSüdOst (2003) sowie in bislang vier Gedichtbänden erschienen, setzen sich auf ironisch-distanzierte Art und Weise mit Alltag und Gesellschaft aus der Sicht eines welterfahrenen Menschen auseinander.

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Lesen Sie auch seinen Essay über Lyrik.