Ich wollte, ich könnte ein Kapitel über den Menschen schreiben

 

Eine geschicktere Gelegenheit hätte sich nie dargeboten, als eben jetzt, wo alle Vorhänge in der Familie zugezogen – die Lichter gelöscht, – und keines Menschen Augen offen sind als das einzige der Amme meiner Mutter, denn das andere war schon seit zwanzig Jahren zu.

Es ist ein schöner Gegenstand!

Aber so schön er ist, so wollte ich doch lieber ein Dutzend Kapitel über Knopflöcher schreiben, und zwar rascher und mit mehr Erfolg als ein einziges über diesen Stoff.

Knopflöcher! schon in dem Wortbegriff liegt etwas Munteres – und glauben Sie mir, wenn ich einmal dahinter gerathe, ja ihr Herren mit den großen Bärten, – seht nur so ernst drein als ihr wollt, – so will ich eine lustige Geschichte aus meinen Knopflöchern machen – sie sollen ganz Geschöpfe von mir werden, – der Stoff ist noch unberührt – und ich werde keines Mannes Weisheit oder schöne Redensarten darüber benutzen.

Was aber den Schlaf betrifft, – so weiß ich schon, ehe ich nur anfange, daß ich nichts daraus werde machen können; – erstens bin ich kein Held in euern schönen Redensarten; – und dann kann ich ums Leben kein wichtiges Gesicht zu einem schlechten Stoff machen und der Welt sagen: – er sei ein Asyl für den Unglücklichen, – die Befreiung für den Gefangenen, – ein weicher Schooß für den Hoffnungslosen, Mühseligen und Gebrochenen; auch vermöchte ich mich nicht zu der Lüge emporzuschwingen und zu behaupten, er sei von all den süßen und köstlichen Thätigkeiten unserer Natur, womit ihr großer Schöpfer in seiner Güte uns für die Leiden belohnen wollte, womit seine Gerechtigkeit und sein Belieben uns heimgesucht hat, – die erste und beste (ich wenigstens kenne zehnmal bessere Freuden); – möchte nicht sagen, was für ein Glück es für einen Menschen sei, wenn die Aengsten und Leidenschaften des Tages vorüber seien, und er sich niedergelegt habe, daß dann seine Seele in ihm so ruhe, daß, wohin sie immer die Augen wenden möge, der Himmel ruhig und klar sich über ihr wölbe, und kein Verlangen – keine Furcht – kein Zweifel die Luft trübe, noch irgend eine vergangene, gegenwärtige oder künftige Noth, über welche die Phantasie in dieser süßen Abgeschiedenheit nicht ungestraft hinwegkommen könnte.

Gott segne den Mann, sagte Sancho Pansa, der jenes treffliche Ding, das man den Schlaf nennt, erfunden hat: – es deckt den Menschen zu wie ein Mantel. – Hierin liegt für mich mehr und es spricht wärmer zu meinem Herzen und Gemüth, als all die Redensarten, die all den gelehrten Köpfen zusammen über diese Sache entflohen sind.

Doch will ich, was Montaigne hierüber gesagt hat, keineswegs herabsetzen; – es ist in seiner Art herrlich: (Ich citire aus dem Gedächtniß) die Welt, sagt er, genießt auch andere Vergnügungen, gerade wie sie es mit dem Schlaf macht, sie schmeckt nicht und fühlt nicht, wie er dahin schlüpft. Wir sollten aber darüber nachdenken und studiren, um dann dem gehörig dafür zu danken, der ihn uns schenkte. Ich lasse mich deshalb absichtlich im Schlafe stören, um ihn besser zu genießen und tiefer zu empfinden: – und doch, fährt er fort, kenne ich wenige, die mit weniger Schlaf auskommen könnten, wenn es nöthig wird; mein Körper erträgt eine nachhaltige Erregung, aber keine plötzliche und heftige, – ich vermeide seit einiger Zeit alle gewaltsamen Hebungen, – aber im Gehen werde ich nicht müde; – dagegen bin ich von Jugend auf nicht gerne auf Pflaster gefahren. Ich liege gerne hart und allein, und auch ohne meine Frau. – Dieser letztere Ausspruch mag der Welt Zweifel einflößen; – aber man denke an den Satz: La Vraisemblance (wie Bayle in der Sache des Licetus sagt) n'est pas toujours du côté de la Vérité. – Soviel über den Schlaf.

 

 

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Der Schriftsteller Laurence Sterne löste mit seinem Roman The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman 1759 einen Literaturskandal aus, weil der Autor alle Erzählkonventionen auf so kühne wie geistreiche Weise auf den Kopf stellt. Leben und Ansichten Tristram Shandys“ werden im Lauf der Handlung (?) aber kaum zum Gegenstand des Romans, sondern vielmehr die Ehefreuden seiner Eltern und das Liebesleben seines Onkels Toby. Das Buch ist eine ebenso wilde wie witzige Abschweifung über Ausschweifungen, Philosophie sowie über Familien-, Kunst- und Kriegsgeschichte in der Tradition von Rabelais und Cervantes. Als Romanheld bringt es Tristram Shandy nur bis zur ersten Hose, die den Kleinen damals im Alter von vier bis fünf Jahren angezogen wurde. Dafür beginnt seine Karriere früher als gewohnt,  gleich mit der Zeugung. Als Erzähler  führt er ein übermütiges Eigenleben, und trotz seinem bösen Husten ist er kein Griesgram. Er setzt sich die Narrenkappe auf, reißt hier ein Kapitel heraus, weil es so gut sei, dass alle anderen dagegen abfielen, läßt dort eine Seite frei, damit der Leser darauf ein Bild seiner Geliebten malen kann; verhökert mittendrin die Widmung des Werkes meistbietend, verstrickt sich stehenden Fusses in monströse Abschweifungen, setzt die buntesten fremden Textflicken ein und stellt immerzu die Chronologie auf den Kopf. Jede Linearität der Erzählung ist aufgekündigt; dafür werden wir ständig auf den Prozess, den Moment des Schreibens verwiesen. Das Medium ist die Botschaft. Seine Vorbilder sind Rabelais, Erasmus, Montaigne oder Burton. Die Diatribe des Letzteren gegen die grassierende Unsitte des Plagiats hat er wortwörtlich: plagiiert. Kein Wunder, daß ihn viele experimentierfreudige Romanciers der Moderne und Postmoderne als Ahnherrn betrachten. Arno Schmidt erklärte es zu einem der „zehn größten Bücher, die bisher in englischer Sprache geschrieben wurden“. Neben dem Rolls Joyce und Beckett sicher ein Fixstern am Literaturhimmel. Friedrich Nitzsche bezeichte ihn gar als Der freieste Schriftsteller.