Baden

Jäh wachte er auf, frierend wie meist dann.

Er hatte sich gegen acht, nein es musste halb neun gewesen sein, denn die Kinder waren unter deren Protest erst nach den Nachrichten zu Bett gebracht worden, wohl wissend, dass sie müde waren, aber unfähig dies sich selbst auch zugestehen zu können, in die Badewanne gelegt, voll heißen Wassers, wie er es seit jeher geliebt hatte, dieses Gefühl fast schmerzhaften Eintauchens, des sich nicht bewegen Mögens, weil das direkt an der Haut liegende Wasser durch diese abkühlt, jede neue Strömung allerdings den nahen Hitzetod hätte bedeuten können. Die Hände waren hierbei natürlich nicht befeuchtet worden, denn es hieß jedes Mal auch ein Buch zu lesen, ein kurzes um es auslesen zu können in der Badewanne, es ohne Wasserfleck aber vielen sinnigen Bleistiftanmerkungen auslesen zu können bedeutete hierbei immer noch den größten Triumph. Gegen die 150 Seiten waren hier durchaus zu schaffen, ließe man einmal zwischendurch heißes Wasser nachlaufen, so ein Bad konnte durchaus zweieinhalb Stunden dauern und als einziges Hindernis wurden die ständig laufenden Schweißperlen von der kahlen Stirn empfunden, die sich teilweise in der Kuhle des Steißbeins sammelten und so eine schwappende Mulde füllten. Herr Nipp hatte diesmal das Buch nicht zu Ende gelesen, zwischendurch lustvoll eine halbe ausgehöhlte Honigmelone gelöffelt, deren kerniges Inneres durch roten Likör ersetzt worden war, diese Mischung aus Melone und gesüßt aromatisiertem Alkohol versprach immer eine Geschmacksexplosion, der er sich kaum entziehen konnte, im übrigen war ihm tatsächlich in der letzten Zeit bewusst geworden, dass sich sein Geschmack wieder in die Richtung des Süßen entwickelte, auch des süßen Lebens. Dabei musste man immer etwas des Likörs mit auf den Löffel bekommen, so dass die Melone um einen Hauch veredelt werden würde. Ein Likör der Himbeere, aufgesetzt mit Himbeergeist oder eine lange in Rum gezogene schwarze Johannisbeere, konnten hier zu grandiosen Ergebnissen führen, er hatte sich heute aber mit einer selbst angesetzten Mischung aus Himbeere und roter Johannisbeere auf kandiertem Doppelkorn zufrieden geben müssen, die eigentlich noch nicht lang genug gezogen hatte. Nach diesem Genuss hatte er sich ebenso genüsslich zurückgelegt, den gesamten Oberkörper, dessen er sich oft schämte, weil er immer dem Eindruck einer Hühnerbrüstigkeit erlag, unter Wasser getaucht, auch die Ohren, denn dann entwickelte sich eine eigenartige Klangwelt, die das gesamte Haus in sich barg, von der Kellerassel bis zum Reißen des Holzes auf dem Dachboden und war fast selig eingeschlafen, hatte geträumt, seine Realität mit der des Buches, eines essayistischen Romänchens, Langsamkeit von Kundera, der dort behandelten Novelle Vivant Denons, Nur eine Nacht, vermischt. Seltsame Ereignisfolgen hatten sich so ergeben, ein lustvoller Höllenritt.

Herr Nipp schaute auf die Uhr, nahm wahr, dass es inzwischen zwanzig nach elf geworden war, duschte sich ab und musste sich bemühen, nicht zu zittern.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.