Straßenfrieden

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen war er zu dieser Adresse gefahren, Adler- Ecke Sternstraße, Dortmund Mitte-West. Dort hatten sich seit ein paar Jahren einige junge Künstler zusammen getan. Salon Atelier. Jedes Mal mit Freude aus ganzem Herzen konnte er hierhin kommen, hier fühlte er Zufriedenheit. Seit dem frühen Nachmittag ging das Fest schon seinen Lauf, man hatte draußen einen DJ postiert, der die Kreuzung mit einer unglaublichen Musikmischung beschallend aufmischte.  Richard, nur zu empfehlen. Tatsächlich tanzten gegen Abend die Gäste auf der Straße, Autos mussten langsam fahren und sich ihren Weg kämpfen. Einmal kam der Verkehr zum völligen Erliegen, bulliges Gefährt mit bulligen Männern. Muskelberge auf den Armen, kahl rasiert, Ansätze von Bärten. Herrn Nipp stockte schon der Atem, als diese Herren auch noch mit von ihm finster vermuteten Mienen ausstiegen. Der erste  ging einige Meter auf die Gruppe zu, hielt an, hob die Hände über den Kopf und begann tatsächlich zu tanzen, die anderen auch, der Wagen wurde zurückgesetzt, in die nächste freie Parklücke, der Fahrer stieg aus. Die Tanzfläche hatte vier neue Mitstreiter für diesen Straßenfrieden gefunden. Treibende Beats, auch Klassiker, gute Mischung, da konnte es keinen ruhig halten.

Der ART-O-MAT war inzwischen aufgestellt, hatte seine Ecke gefunden, allerdings nicht angeschlossen, hatte man einen ganzen Tag verstreichen lassen. Herr Nipps Idee drohte tatsächlich schief zu gehen. Dabei klemmte eine Kiste mit den von ihm gemachten Schächtelchen doch unter seinem Arm. „Nein, wir hatten einfach zu wenig Zeit, und jetzt sind noch nicht alle Bilder trocken.“ „Also bestücken jetzt, aber schnell, damit sich´s noch lohnt.“ Vier von fünfzehn Schächten, vier Künstler, immerhin fast sechzig Arbeiten. Klein, zigarettenschachtelgroß. Vier Euro das Stück. Schon nach einer halben Stunde kann man die ersten Gäste sehen, die sich stolz untereinander die kleinen Kunststückchen präsentieren. Die künstlerische Leiterin des Kunstvereins (echt sympathische Frau, nicht so stur eingebildet, wie man es sonst oft kennt) leider nicht, hatte wohl ihr Portmonee vergessen, immerhin aber ein ortsansässiger Galerist. Andere Künstler und normale Gäste. Schön, wenn man sieht, dass sogar Galeristen Kunst kaufen. Nettes Gewusel zwischendrin, im Salon. Zwei Weimeraner Hunde, traumhaftes Fell, Traumfiguren. Und trotzdem Schmusehunde, irgendwie. Kinder springen herein und verschwinden wieder, quietschend. Kuchen, Wein und Bier. Gehören dazu. Jeder dritte hat eine Zigarette im Mundwinkel, die anderen meist zwischen den Fingern. Aber auch einige Nichtraucher.

Zu vorgerückter Stunde kommen zwei Polizisten, er und sie. Oder umgekehrt. Beide jung, unter dreißig wohl, schmucke Uniformen, alle Utensilien griffbereit. Beide ansehnlich.  Sie sogar richtig hübsch. Ruhig, ausgeglichen. Die Musik muss beendet werden. Man versucht mit freundlichen Gesprächen alles hinauszuzögern, die beiden wissen allerdings um ihre traurige Pflicht. Und man merkt, dass es ihnen wirklich Leid tut, sie haben wohl Gefallen an diesem Treiben gefunden. Würden sicherlich lieber und gerne mitmachen. „Schön, so etwas zu sehen, nicht zerstörte Autos, sondern nett feiernde Leute.“ Statement. Der DJ beendet sein Tagewerk, jemand greift zur Gitarre und singt. Nicht gut, aber ehrlich. Die Leute sind zufrieden, Applaus auch für die Staatsdiener. Unglaublich.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.