Weg laufen

Wie trunken verwirrt lief er durch die Straßen, die man nicht Schluchten nennen konnte. Infrastruktur einer kleinlichen Mittelstadt. Er war eine Station zu früh ausgestiegen, hatte die richtige Abzweigung verpasst, suchte aber auch nicht so intensiv, als dass er sie gefunden hätte.

Ein Taumel hatte ihn erfasst, er war ganz beiläufig diskret aus seinem liebsten Lokal verwiesen worden. Nicht zu denken an ein Lokalverbot, viel schlimmer, es war klar gemacht worden, dass nicht jeder mehr willkommen sei. Das Gefühl eines kalten Abnabelungsprozesses unter fadenscheinigen Begründungen. Dabei war es nicht wichtig, dass man als bester (nein, gut war er wohl nie), vielleicht auch treuester Kunde für stetes Laufen des Geschäfts gesorgt hatte. Die Sicht auf ihn hatte sich verändert. Schlimmer als eine klare Aussage erschien ihm diese missliebige Duldung. Wie damit umgehen? Sich verirren erschien in dieser Situation ein guter Schutzmantel, wenn man den Weg erst vergessen hatte, würde man ein neues Lokal auftun und keinen Gedanken mehr verschwenden. Die Wirte würden wissen, wie sie im Notfall an ihn herankommen. Einen schmerzhaften Tritt in den Hintern bekommen, sich herumdrehen und Danke sagen, eine der stärksten seiner Eigenschaften, machte ihn zum Lächerlichen. Verlierer bleiben Verlierer in den Augen der anderen. Diese ans Verlieren gewöhnten Verlierer aber hatten eine andere Stärke, sie konnten irgendwann mit ihren Schmerzen umgehen, vielleicht sogar verzeihen, wahrscheinlicher würden sie allerdings wohl vergessen. Genau dann werden sie erneut getreten.

Er ging ein erstes, ein zweites Mal an seiner Straße vorbei, wusste um die traute Leere, die ihn umgeben würde, wenn die Tür erst aufgeschlossen war. So konnte es Stunden gehen, das kannte er. Er wartete auf etwas, vielleicht mit ein wenig Hoffnung, das sich ereignen würde, ohne sein Zutun. Der Raum vor seinen Augen verdichtete sich zu einem Tunnel, eine unsichtbare Masse, die alles zur Seite drängte, die Lichter der Straßenlaternen, diese Reflexionen im dunklen Pfützentief begannen dann zu tanzen, schlugen Funken und wuchsen zu betörenden Klängen. Die Straßengeräusche bildeten Formen aus, die sich ineinander verschlangen. Die sich gegenseitig auffraßen und stetig neu erschienen, dabei konnten sie rollen, verlaufen, hüpfen oder lustige Kapriolen schlagen. Auch das gehörte für ihn zu dieser Erfahrung, immer wieder. Aura. Eine verzerrte Welt, die sich nach verschrobener Choreografie entwickelte. Das würde dauern. Irgendwann seine spannungsvolle Entladung finden für Minuten, die Tränen würden laufen. Nein, es war der Regen, der ihm jetzt ins Gesicht schlug. Alles war ein Traum nur, klar, das hatte er mit seinem besten Freund ausgemacht, alles was wir leben, was wir erleben, ist nur eine Illusion. Dann konnte nichts treffen, denn jede Täuschung ist veränderbar. Dann gab es keinen Unterschied zwischen beiden Welten. Herr Nipp wusste das, nur wenige andere auch. Es gab immer einen Grund, warum man bestimmte Orte niemals aufsuchen durfte, sie waren die Tore, durch die man treten konnte. Doch verstanden nur die wenigsten Leute. Er hatte ein solches Tor kennen gelernt, hatte es im Traum erspürt und seine Wahrheit gesehen.

Dabei tobte dieses Wort von Francis Picabia durch seinen Kopf und er musste unwillkürlich lächeln: Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln können.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.

 

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