{"id":99459,"date":"1995-12-07T13:45:17","date_gmt":"1995-12-07T12:45:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=99459"},"modified":"2022-02-22T13:56:13","modified_gmt":"2022-02-22T12:56:13","slug":"geheimdichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/07\/geheimdichter\/","title":{"rendered":"Geheimdichter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Hugo Lyck? Wer kennt den Namen? De gro\u00dfen Literaturlexika nicht. Ein echter Geheimdichter vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Ein Gedicht von ihm steht im Jahrgang 1958 der Literaturzeitschrift <em>Akzente<\/em>. Eine R\u00fcckblende:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Hugo Lyck, auf- und untertauchend im Caf\u00e9 Stefany M\u00fcnchens, im Romanischen Caf\u00e9 in Berlin, dazwischen Reisen nach Venedig, nach Hamburg, Breslau, das vielleicht sein Geburts- und Todesort war. Er geh\u00f6rte zeitweise dem Kreis um Wolfskehl an, glich Friedrich Schlegel an Hochmut und ahnungsvollem Geist und in der Absicht, mit den h\u00f6chsten Anspr\u00fcchen zu lenken. Seine Gedichte sowie ein Trauerspiel scheinen verloren gegangen zu sein. Das von uns gedruckte Gedicht ist m\u00fcndlich \u00fcberliefert. Das Mittelalter, die Urzeiten zogen ihn an.&#8220; (Akzente 3\/1958, S. 288)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">MARIGNANO<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">WOHER? Wohin? So frag doch Freund!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wei\u00dft du? Wei\u00df nicht. So frag doch Freund!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Feldherr wei\u00df. Wo ist der Feldherr?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wir fragen Jahr um Jahr um Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Feldherr gab nicht Antwort,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Du blutest auch. Warum? Wozu?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wei\u00dft du? Wei\u00df nicht. Wozu? Warum?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">So frag doch Freund. Du blutest auch!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wir bluten Kopf an Kopf an Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Feldherr hat noch keine Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Zur wei\u00dfen Stadt am blauen Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Feldherr wollte kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Doch kam er nicht. So frag doch Freund!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Oh wei\u00dfe Stadt! Oh blaues Meer!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Den Feldherr her! Den Feldherr her!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Spur von Lyck findet sich in Walter Benjamins Briefwechsel mit Gerhard (Gershom) Scholem. In einem Brief vom 17. Dezember 1921 berichtet Benjamin von einer &#8222;selten mi\u00dfgl\u00fcckten und selten interessanten Vorlesung&#8220;. &#8222;In einem Hause in der Bendlerstra\u00dfe hatte sich eine Bourgeois-Familie aus wer wei\u00df welchen Gr\u00fcnden zum Vortrag die Person eines Herrn Lyk verschrieben.&#8220; Eine Fu\u00dfnote der Herausgeber sagt: &#8222;Der Deutschbalte Hugo Lyck, \u00fcber den Hans Bl\u00fcher, &#8220; Werke und Tage&#8220; , M\u00fcnchen 1955, S. 22-24, n\u00e4her berichtet hat.&#8220; Benjamin nennt das Publikum &#8222;unm\u00f6glich&#8220; und findet den Vortragenden interessant:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Herr Lyk, ein unbestreitbar schizophrenes Talent ist bekannt (bei solchen, die dies ihrerseits nicht sind) als eine wissensschwangere, geisterkundige, weltgereiste [!] und vollkommen esoterische Pers\u00f6nlichkeit im Besitze aller Arkana. Er d\u00fcrfte nicht viel weniger als 45 Jahre z\u00e4hlen. Konfession, Herkommen und Einkommen bleiben noch zu ermitteln, und ich bin nicht faul. Dieser Herr, der sich als ein ins Verhungerte, Totenkopfhafte und nicht durchaus Reinliche verhextes &#8222;Genie&#8220; (Felix N.) beschreiben lie\u00dfe, sprach mit der Haltung (nicht aber Stimme!) eines Aristokraten aus dem alten &#8222;Simplizissimus&#8220; \u00fcber \u2013 Verschiedenes. De omnibus et quibusdam magicis. Das Debacle war vollkommen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Stunde brachte man den Herrn zum Schweigen und zwei &#8222;Salonl\u00f6wen&#8220; zerrissen ihn brutal. Als er v\u00f6llig kaltgestellt an den Ofen gelehnt sa\u00df, ging Benjamin zu ihm und lie\u00df sich seine Adresse geben. Im Moment fehlt mir die Zeit, weiter zu recherchieren. Noch einmal Benjamin: &#8222;Wor\u00fcber er \u00fcbrigens sprach l\u00e4\u00dft sich nur andeuten: \u00fcber die herrschende Bedeutung des Melos in der Sprache. Er las auch merkw\u00fcrdige Gedichte vor.&#8220;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Briefe I<\/strong> von Walter Benjamin. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Frankfurt\/Main: Suhrkamp, 1978, S. 287f.<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hugo Lyck? Wer kennt den Namen? De gro\u00dfen Literaturlexika nicht. Ein echter Geheimdichter vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Ein Gedicht von ihm steht im Jahrgang 1958 der Literaturzeitschrift Akzente. Eine R\u00fcckblende: &#8222;Hugo Lyck, auf- und untertauchend im Caf\u00e9 Stefany&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/07\/geheimdichter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3339,428],"class_list":["post-99459","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-lyck","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/99459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=99459"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/99459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99460,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/99459\/revisions\/99460"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98207"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=99459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=99459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=99459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}