{"id":98361,"date":"2023-03-14T00:01:32","date_gmt":"2023-03-13T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=98361"},"modified":"2022-02-18T17:32:00","modified_gmt":"2022-02-18T16:32:00","slug":"deutsch-eine-liebeserklaerung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/14\/deutsch-eine-liebeserklaerung\/","title":{"rendered":"Deutsch \u2013 eine Liebeserkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muttersprache, das Wort stammt wahrscheinlich, so sagen uns die Herkunftsw\u00f6rterb\u00fccher, aus dem Latein des Hochmittelalters, Lingua materna. Aber wie nahe uns die Sprache geht, wie nah sie bei unserem Gef\u00fchl ist, als Ausdrucksmittel und als Gegen-Stand, demgegen\u00fcber man Empfindungen lebt, zeigt auch Folgendes. Im mitteleurop\u00e4ischen, m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Familienverst\u00e4ndnis des 19. Jahrhunderts achtet und respektiert man den Vater zun\u00e4chst, erst dann kommt das Gef\u00fchl als nachgeordnetes Moment, die Mutter aber liebt man unmittelbar. Zudem ist in fast allen Sprachen der Welt zwar vom Vaterland, aber von der Muttersprache die Rede, als Ausdruck der kleinkindlichen ersten N\u00e4he zur Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns Deutsche \u2013 und solche die es vielleicht werden wollen \u2013 spielt der Begriff eine besondere Rolle, ist er doch Gegenstand und Mittel eines jahrhundertelangen Ringens um Einheit in der Mitte Europas. Dies dr\u00fcckt sich unmittelbar im Sprachbezeichner, im Glottonym \u201eDeutsch\u201c aus, ein Wort, das als Adjektiv aus dem altgermanischen Wort \u201ethioda\u201c f\u00fcr \u201eVolk\u201c stammt. \u201ethiodisk\u201c und \u201ediutschiu\u201c bedeuten soviel wie \u201ezum Volk geh\u00f6rig\u201c und entwickelten sich zu einer Bezeichnung f\u00fcr die Sprache der germanischen St\u00e4mme Mitteleuropas, im Gegensatz zur Sprache der angrenzenden romanischen Bev\u00f6lkerung und zum Latein. Das Wort \u201eDeutsch\u201c als Bezeichner einer Identit\u00e4t ist also unmittelbarer Ausdruck einer kulturellen Grenzziehung, einer Differenz!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201equi Theutonica sive Teutisca lingua loquimur\u201c<\/em> [<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a>], <em>\u201edie wir Teutonisch oder Deutsch reden\u201c<\/em> hei\u00dft es bei Notker im 883 entstandenen Gesta Karoli Magni, das als eines der sch\u00f6nsten Erz\u00e4hlb\u00fccher des deutschen Mittelalters gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Historisch belegt ist, dass eine deutsche Hochsprache auf schriftlicher Ebene \u2013 mit festen Normen in Lexikon und Satzbau \u2013 sich erst um 1800 etabliert hat [<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a>], weit sp\u00e4ter als beispielsweise bei unserer Schwestersprache, dem Englischen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Weltsprache Deutsch<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutsch gilt als Weltsprache. Sie wird zu den zehn wichtigsten Sprachen der Welt gerechnet.[<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a>] Vordergr\u00fcndig betrachtet hat dies seinen Grund in der Anzahl der Sprecher. J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen belaufen sich weltweit auf etwa 105 Mio Muttersprachler und weitere 80 Mio, die Deutsch als Zweitsprache erlernt haben. Allein 55 Mio der Zweitsprachler leben in der EU. Rechnet man die Minderheiten hinzu, dann wird Deutsch in 43 L\u00e4ndern gesprochen, in acht L\u00e4ndern Europas,\u00a0 Belgien, Deutschland, S\u00fcdtirol (Italien), Liechtenstein, Luxemburg, \u00d6sterreich, der Schweiz und Vatikanstadt und in der EU ist Deutsch Amtssprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus ist das Deutsche sogar die Basis f\u00fcr eine Kreolsprache[<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a>] und eine Pidgin-Sprache[<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a>], die echte Mischsprache Unserdeutsch in Papua-Neuguinea und die reduzierte Sprachform K\u00fcchendeutsch \u2013 die hei\u00dft wirklich so! &#8211; im heutigen Namibia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tiefere Grund f\u00fcr die Weltsprache Deutsch liegt aber in einem anderen Umstand. Das Deutsche besitzt den mit Abstand gr\u00f6\u00dften \u00dcbersetzungs-Textkorpus aller Sprachen \u00fcberhaupt, und zwar in beide Richtungen. In keine andere Sprache wurden so viele Werke aus Literatur und Wissenschaft aus anderen Sprachen \u00fcbersetzt, wie ins Deutsche. Und aus keiner anderen Sprache wurden so viele Werke in andere Sprachen \u00fcbersetzt, wie aus dem Deutschen. Insofern spielt unsere Muttersprache eine gewichtige Rolle f\u00fcr das kulturelle Ged\u00e4chtnis der Menschheit als Ganzes. Daher hat Deutsch international den Nimbus einer Bildungssprache. Es ist hier vielleicht sinnvoll, uns in Erinnerung zu rufen, dass z.B. ein US-Amerikaner oder ein Brasilianer, der des Deutscen m\u00e4chtig ist, unter den eigenen Landsleuten fast automatisch als gebildet gilt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Buchm\u00e4rkte und Rechte<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltsprache Deutsch? Dabei gilt Deutsch allgemein als schwer zu erlernen. Es geht sogar die M\u00e4r um, dass sie f\u00fcr Nicht-Muttersprachler eine der zwei am schwersten zu erlernenden Fremdsprachen \u00fcberhaupt sei, die andere ist \u00fcbrigens Mandarin-Chinesisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gr\u00f6\u00dfter Textkorpus? Woran liegt das? Bevor wir uns den Besonderheiten und M\u00f6glichkeiten der deutschen Sprache zuwenden, sei hier noch ein ganz pragmatischer Grund angef\u00fchrt. J\u00fcngste Untersuchungen des Wirtschaftsjuristen Eckhard H\u00f6ffner legen den Schluss nahe, dass der rasante Vormarsch des Deutschen als Sprache von Wissenschaft und Technik im 19. Jahrhundert, als Innovationsmotor \u2013 also kurz nach der Ausbildung als Schrift-Hochsprache mit den bereits erw\u00e4hnten Normierungen in Lexikon und Satzbau \u2013 am Nichtvorhandensein einer Urheberrechtspraxis lag! Kurz, es wurde alles und jedes auf Teufel komm\u2019 raus gedruckt. Die Ergebnisse von H\u00f6ffners lange Zeitr\u00e4ume umfassenden empirischen Analysen von Autorenhonoraren, Auflagen und Anzahlen der neuen Titel legen den Schluss nahe: W\u00e4hrend der britische Buchmarkt mit Urheberrecht vor sich hind\u00e4mmerte, entwickelte sich Deutschland ohne Urheberrecht zur weltweit f\u00fchrenden Buchnation, zum Land der \u201eDichter und Denker\u201c. Seine steile These: Nur dank fehlenden Urheberrechts und eines bl\u00fchenden Verlagswesens &#8211; nicht zuletzt f\u00fcr technisch-wissenschaftliche Fachliteratur &#8211; konnte sich das Agrarland Deutschland, das an der Schwelle zum 18. Jahrhundert noch mit einem Fu\u00df im Mittelalter stand, zur f\u00fchrenden Industrie- und Wissenschaftsnation entwickeln. Gro\u00dfbritannien, das Mutterland der Industrialisierung, verlor den Anschluss. Erst die Einf\u00fchrung des deutschen Urheberrechts sollte die Bl\u00fcte des Buchdrucks beenden: Anzahl und Auflage von Neuerscheinungen sanken ebenso wieder wie die Autorenhonorare.[<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a>]<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kleben und Beugen, Substantive und Verben<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innere Gr\u00fcnde liegen in den M\u00f6glichkeiten der deutschen Sprache. Richtig verwendet erlaubt sie \u2013 abseits ihres durch deutsche Klassik und Romantik entwickelten poetisch-literarischen Potenzials &#8211; sowohl analytische als auch synthetische Welt- und Dingbeschreibungen von gleicherma\u00dfen gro\u00dfer Pr\u00e4zision und Eleganz sowie die dialektische Verschr\u00e4nkung beider. Sie ist wissenschaftlich gesehen \u2013 und um Metaphern aus dem Tastsinn zu verwenden &#8211; Pr\u00e4zisionskleber und Seziermesser zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kompositabildung, die Zusammenziehung, ist im Deutschen neben der Ableitung, der Derivation, die wichtigste Methode der Wortbildung, die hier allein durch \u00fcber das Genitiv-S ausgedr\u00fcckte Possessivkompositum und die Wortneuverbindung als Juxtaposition grandiose Sp\u00e4\u00dfe erlaubt. Der bekannteste ist wohl der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapit\u00e4n, der sich problemlos zur Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapit\u00e4nsf\u00fchrerh\u00e4uschent\u00fcrklinkeninbusschraubenlegierungsmischung ausbauen l\u00e4sst. Macht immer noch \u201eeinen gewissen\u201c Sinn, oder? Welchen Wortwert hat das eigentlich bei Scrabble? Achso, Brett und Steine reichen nicht aus \u2026 Worte neu schaffen nach dem Motto \u201eDeutsch ist wie Legobausteine\u201c kann \u00fcbrigens ein Kreativit\u00e4t, Intelligenz und Sprachkompetenz f\u00f6rderndes, Spa\u00df machendes Spiel nicht nur bei Kindern sein \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bahnbrechende Arbeit zum Berechenbarkeitsproblem des englischen Mathematikers Alan Turing aus dem Jahr 1937 tr\u00e4gt den Titel \u201eOn computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem\u201c. Hier hat ein deutsches Kompositum Eingang in die internationale wissenschaftliche Terminologie gefunden, eines von vielen \u00fcbrigens. Noch bunter wird\u2019s in Physik und Mathematik, wenn man die Kompositabildung mittels Pr\u00e4fix mit betrachtet. Dort ist im Englischen von \u201eeigenvalue\u201c, \u201eeigenvector\u201c und \u201eeigenspace\u201c die Rede. \u201eit\u2019s own value\u201c w\u00e4re ja auch ein bisschen sperrig, au\u00dferdem m\u00fcssten Sie korrekterweise auch dasjenige immer mit nennen, auf das sich das \u201eit\u201c bezieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei manchen Fachbegriffen aus den Geisteswissenschaften ist die Aufladung des deutschen Wortes so gewaltig, die Summe all seiner Konnotationen so gro\u00df, dass eine wortgetreue \u00dcbersetzung entweder keinen Sinn macht oder gar nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Especially in philosophical writing, if one treats the concept of \u201eDasein\u201d, it is more fruitful to use the German term directly. \u201eBeing there\u201d implies something completely different and is far away from precision. Dieser englische Absatz ist selbstverst\u00e4ndlich Martin Heidegger geschuldet, der den Begriff \u201eDasein\u201d in seinem 1927 erschienenen Hauptwerk \u201eSein und Zeit\u201d zu einem ganzen Denksystem ausbaute. Es verh\u00e4lt sich oft \u00e4hnlich wie der Umgang mit dem Altgriechischen. Philosophische Aufs\u00e4tze, die etwas auf sich halten, verwenden auch hier den originalsprachlichen Begriff, oft noch in originaler Schreibweise und nicht phonetisch transkribiert, so z.B. \u03b1\u03bb\u03ae\u03b8\u03b5\u03b9\u03b1, Aletheia f\u00fcr Wahrheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nebenbei bemerkt, es ist eine Leistung einer jeden Sprache, solche Einwanderungen auch zuzulassen! Und bei Kompositabildungen \u00fcber Sprachgrenzen hinweg tut sich das Englische beispielhaft und besonders hervor, Unternehmerschaft hei\u00dft dort entrepreneurship! Ein Gebot zur Reinerhaltung des deutschen Biers ist sicher sinnvoll und begr\u00fc\u00dfenswert, jedoch eins zur Reinerhaltung der deutschen Sprache gelinde gesagt Mist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Moment ist durch die Wandlungsm\u00f6glichkeiten der Wortarten gegeben. Das Deutsche ist besonders leistungsf\u00e4hig bei der Wandlung von Verben in Substantive, sehr zum \u00c4rger einiger Stilberater, die oft von einer Sprachentz\u00fcndung namens Substantivitis sprechen. Aber auch das Wandeln von Substantiven in Verben ist m\u00f6glich, sogar in Extremf\u00e4llen, wie gleich demonstriert. In einigen afrikanischen Sprachen gilt das Prinzip der sich verdingenden Handlung. Sinngem\u00e4\u00df hei\u00dft es dort nicht \u201edas Pferd galoppiert\u201c, sondern \u201eder Galopp pferdet\u201c. Dass wir das auf Deutsch \u00fcberhaupt ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, verdanken wir der Umwandlung des Pferdes in ein Verb. Das Englische ist hier jedoch leistungsf\u00e4higer, \u201eto bookmark\u201c, \u201eto email\u201c sind neuere englische Verben, die aus Substantiven entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings ist das Englische unterwegs zur isolierenden Sprache. Das Deutsche hingegen ist neben dem Niederl\u00e4ndischen die am st\u00e4rksten flektierende germanische Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vogel f\u00e4ngt die Fliege. Die Fliege f\u00e4ngt der Vogel. Machen Sie das mal im Englischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">The bird catches the fly. The fly catches the bird? Die Position eines Wortes im Satz ist nicht mehr variabel wie im Deutschen. Anders gewendet haben wir im Deutschen durch die Redundanz der Geschlechtsinformation \u00fcber Wort und zugeh\u00f6rigen Artikel zus\u00e4tzliche M\u00f6glichkeiten des nuancierten Hervorhebens der Bedeutung eines Wortes durch seine Position im Satz, die uns im Englischen aus prinzipiellen Gr\u00fcnden verwehrt sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Deutsch und das Verh\u00e4ltnis zu anderen Sprachen<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft trifft man auf das Vorurteil, dass Ausdrucksreichtum und \u2013Pr\u00e4zision einer Sprache wesentlich von der Anzahl der verf\u00fcgbaren Worte, dem Wortschatz abh\u00e4ngen. Im Deutschen sind dies je nach Quelle und Z\u00e4hlweise 300.000 bis 500.000 Worte oder so genannte Lexeme, d.h. unabh\u00e4ngige Einheiten im W\u00f6rterbuch. F\u00fcr das Englische ergeben Sch\u00e4tzungen bis zu 600.000 W\u00f6rter, das Franz\u00f6sische, in dem Begriffe wesentlich anders aus mehreren Worten \u2013 z.B. \u201epur\u00e9e de pommes de terre\u201c f\u00fcr Kartoffelbrei, bei uns ein eigenes Wort \u2013 gebildet werden, kommt lediglich auf etwa 300.000 W\u00f6rter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kennt das Arabische [<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a>] vom Sichelmond bis zum Neumond acht verschiedene Worte f\u00fcr den Mond, dem z.B. das Deutsche und auch das Englische nur mit Adjektiven bzw. Kompositabildung begegnen k\u00f6nnen. Ist das Arabische deshalb pr\u00e4ziser? Nein. Das spezielle Aussehen des Mondes \u00fcber einer kargen W\u00fcstenlandschaft ist dort anders als in europ\u00e4ischen Landschaften ein herausragendes Detail.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Sprache \u201edenkt\u201c anders. Die verwendete Sprache in Widerspiegelung meiner Erlebniswelt trifft also eine Vorauswahl dar\u00fcber, was ich \u00fcberhaupt denken und ausdr\u00fccken kann. Und wenn etwas nicht recht passen will, muss ich entweder die Sprache wechseln, wenn mir eine weitere zu Gebote steht, oder sie ver\u00e4ndern. Die Sprachen selbst sind also gleichzeitig Mittel und Gegenstand von Ver\u00e4nderung. Der US-amerikanische Psychologe Julian Jaynes sagt hierzu: <em>\u201eIn Wahrheit und Wirklichkeit ist die Sprache ein Wahrnehmungsorgan und nicht einfach nur ein Kommunikationsmittel.\u201c<\/em>[<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a>] Das ist zwar radikal, hat aber durchaus etwas f\u00fcr sich. Wahrnehmungsorgane m\u00fcssen in der Lage sein, auch Neues, bisher noch nicht Erlebtes wahrzunehmen. Folglich w\u00fcrde &#8211; lax gesagt &#8211; Sprache ohne Ver\u00e4nderung gar nicht \u201efunktionieren\u201c, Ver\u00e4nderung ist ein Wesensmerkmal von Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Auswirkungen die parallel verlaufenden Entwicklungsstr\u00f6me des Englischen und des Deutschen gehabt haben, schildert der Philosoph Gotthard G\u00fcnther, der 32 Jahre seines Lebens in den USA verbracht hat, in wenigen pr\u00e4gnanten Worten: <em>\u201eEs wird bei dem Vergleich zwischen europ\u00e4ischer und amerikanischer \u201ePhilosophie\u201c immer wieder vergessen, dass die deutsche Sprache eine Entwicklung durchgemacht hat, an der das Englische nur wenig, de facto fast gar nicht, teilgenommen hat. Beide Sprachen sind einmal durch das Stadium der Aufkl\u00e4rung hindurchgegangen, und soweit hatte ihre geistige Pr\u00e4gung und philosophische Ausdruckskraft viel gemeinsam, und man konnte miteinander philosophieren. In der deutschen Sprache aber wurde diese Entwicklung durch Sturm und Drang, den deutschen Idealismus mit seinem Auftreten des spekulativen Begriffs und schlie\u00dflich durch die Romantik aus ihrem urspr\u00fcnglichen Flussbett abgelenkt. Wie ungeheuer stark dieser Einfluss gewesen ist, das kann man an der Distanz messen, die die Sprache der Hegelschen Ph\u00e4nomenologie und Logik gegen\u00fcber dem Aufkl\u00e4rungsdeutsch gewonnen hat. Was Romantik und Lyrizismus anbetrifft, ist etwas davon auch nach Amerika gedrungen \u2026.\u201c<\/em>[<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a>]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Infolgedessen sind viele geisteswissenschaftliche Texte des 19. Jahrhunderts gar nicht ins Englische \u00fcbersetzt worden. Zur Ehrenrettung des Englischen darf aber nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass diese Sprache eine ungleich viel l\u00e4ngere literarische Tradition und Entwicklungszeit besitzt, die, beginnend mit Shakespeare, Marlowe und Pope, \u00fcber James Joyce bis hin zu Lawrence Norfolk und David Foster Wallace f\u00fchrt. Das Englische ist speziell im Prosabereich derart komplex mit einer F\u00fclle an Lautmalereien und Metaphern durchsetzt, dass eine \u00dcbersetzung ins Deutsche, wenn \u00fcberhaupt m\u00f6glich, Jahrzehnte dauert. Das gilt f\u00fcr einige Vertreter des klassischen englischen Bildungsromans und insbesondere f\u00fcr die Werke James Joyces, speziell \u201eUlysses\u201c und \u201eFinnegans Wake\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So tr\u00e4gt jede Sprache entsprechend ihrer Besonderheiten und M\u00f6glichkeiten zur Weltkultur bei. Sprachen erg\u00e4nzen sich, immer. Daf\u00fcr sorgt schon unsere Biologie, die uns mit einem Gehirn ausgestattet hat, dass \u2013 je mehr synaptische Verkn\u00fcpfungen entwickelt sind &#8211; das Potenzial f\u00fcr weitere, neue oder andere Verkn\u00fcpfungen bereitstellt. Das f\u00fchrt dazu, dass uns das Erlernen einer Fremdsprache wie z.B. des Englischen auch lehrt, den Wert der eigenen Muttersprache vom Standpunkt einer anderen Sprache aus neu zu erfahren, und dar\u00fcber hinaus unser Verm\u00f6gen bereichert, uns in unserer Muttersprache auszudr\u00fccken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wandernde Worte<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausnahmslos alle Worte aller Sprachen haben, wenn man\u2019s genau \u00fcberlegt und wie wir Menschen \u00fcbrigens auch einen Migrationshintergrund. Jedes gesprochene und geh\u00f6rte Wort wandert schon vom Sprecher zum H\u00f6rer, das ist einer der Kerne von Sprache \u00fcberhaupt. Wie Vil\u00e9m Flusser bemerkte, ein Mensch ist ein Mensch und kein Baum. Dies war der Tatsache geschuldet, dass wir im Grunde alle Afrikaner sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wussten Sie, dass das <em>id<\/em> in V\u2019id\u2019eo \u2013 ein Fremdwort aus dem Lateinischen &#8211; dasselbe ist wie das in \u201aId\u2019ee \u2013 ein Fremdwort aus dem Altgriechischen? <em>Id<\/em> stammt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet Licht, hat also mit Sehen zu tun. Und unser \u201eHilfsverb\u201c <em>sein<\/em> in der Beugungsform <em>ist<\/em> leitet sich ebenso wie die englischen <em>am<\/em> und <em>is<\/em> von Sanskrit <em>asmi,<\/em> <em>atmen<\/em> her. (Ich) <em>bin<\/em> und das englische (to) <em>be<\/em> von <em>bhu,<\/em> wachsen. Wachsen oder nicht wachsen, das ist hier die Frage. Und das gilt f\u00fcr alle Sprachen. Wenn sie in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln t\u00fcrkische Jugendliche erleben, die mitten im Satz vom T\u00fcrkischen ins Deutsche wechseln und zur\u00fcck, lassen Sie sie einfach, sie leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutsch war \u00fcber Jahrhunderte hinweg und ist noch immer eine R\u00e4ubersprache, die sich bei anderen bedient hat und noch bedient. Beklagen Sie also nicht Anglizismen, sondern freuen sich \u00fcber die Germanizismen in anderen Sprachen, man kann sich wirklich wundern, wie viele es neben den wenigen hier bekannten wie <em>Blitzkrieg<\/em> und <em>Kindergarten<\/em> gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der japanische Dirigent wird des Abends f\u00fcr den Beethoven seinem Orchester den <em>ainzattsu<\/em> (Einsatz) geben und nach gelungenem Konzert vielleicht ein <em>kirushuwassa<\/em> (Kirschwasser) trinken und mit seinem <em>konterabasu<\/em>-Spieler (Kontrabass) und seinem polnischen ersten Geiger \u00fcber den <em>tsaitogaisuto<\/em> (Zeitgeist, auch polnisch!) diskutieren, der Worte hemmungslos umherwandern l\u00e4sst. Und in einer anderen Ecke der Welt in Nairobi schimpft der schwedische Kongressteilnehmer gerade \u00fcber den <em>gulaschbaron<\/em> (schwed. f\u00fcr Neureicher) vor ihm, der in seinem Mercedes verkehrt herum in den Kreisverkehr\u00a0 einf\u00e4hrt. <em>Wabenzi<\/em> falsch im <em>keepi lefti<\/em>, wird der Swahili sprechende kenianische Polizist dazu bemerken. Der ungarische Kollege auf dem Beifahrersitz wird seinen <em>h\u00f3zentr\u00f3ger<\/em> (Hosentr\u00e4ger) zurechtr\u00fccken, darauf insistieren, dass der Gulasch ja aus Ungarn komme und bemerken, dass er heute noch kein <em>fr\u00fcst\u00f6k<\/em> (Fr\u00fchst\u00fcck) gehabt habe. Der Finne auf dem R\u00fccksitz ist mindestens f\u00fcr eine <em>kahvipaussi<\/em> (Kaffeepause), auch gegen eine <em>bratwursti<\/em> h\u00e4tte er nichts einzuwenden. Was f\u00fcr ein <em>wihajster<\/em> (wie hei\u00dft er, pol. F\u00fcr Dingsbums), wird die Polin neben ihm fragen, die den Finnen akustisch nicht ganz verstanden hat. Und das Londoner Ehepaar fliegt nach M\u00fcnchen, um das <em>alpenglow<\/em> (Alpengl\u00fchen) zu bewundern, auch klettern wolle man, wenn nicht das <em>to abseil <\/em>nachher so anstrengend w\u00e4re. Au\u00dferdem sei der German <em>dachshund<\/em> (Dackel, Dachshund) ja ein so wunderbares Tier, ob man nicht einen <em>doppelg\u00e4nger<\/em> zur\u00fcck mit nach England nehmen k\u00f6nne. Auch <em>muesli<\/em> wolle man einkaufen. Zwei junge Amerikaner w\u00fcrden sich da gern anschlie\u00dfen, nach M\u00fcnchen und dann gleich zum Oktoberfest, die Kellnerinnen in ihren feschen Dirndeln erlauben ja so gute Aussichten auf ihr <em>glockenspiel<\/em>. Und in Norwegen \u00e4rgert man sich \u00fcber diesen Text, was f\u00fcr ein <em>besserwisser,<\/em> kein <em>fingerspitzgef\u00fchl<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Trans.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-44220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Trans.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"284\" \/><\/a>TRANS-<\/strong> \u2026 Reflexionen \u00fcber Menschen, Medien, Netze und Maschinen. Die Totholz-Variante ist vergriffen und nur noch antiquarisch erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das Portr\u00e4t von Joachim Paul \u2192 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16147\">Ein Pirat entert das Denken<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a>Metatext:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Beitrag wurde zuerst ver\u00f6ffentlicht im Medienbrief 1\/2011, dem Periodikum des LVR-Zentrum f\u00fcr Medien und Bildung, Februar 2011, S. 40-44.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Behandelt werden hier die genussvolleren Aspekte der deutschen Sprache, der wichtige Aspekt des Verh\u00e4ltnisses von Sprache und Macht ist hier bewusst ausgeklammert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Notker, <em>Gesta Karoli<\/em> 1, 10, 24-25<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a>\u00a0 G\u00f6ttert, Karl-Heinz; <em>Deutsch \u2013 Biografie einer Sprache<\/em>, Berlin 2010, S. 19f<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Weber, George; TOP LANGUAGES, <em>The World&#8217;s 10 most influential Languages<\/em>, http:\/\/www.andaman.org\/BOOK\/reprints\/weber\/rep-weber.htm , letzter Abruf 06.01.2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kreolsprachen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pidgin-Sprachen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> H\u00f6ffner, Eckhard; <em>Geschichte und Wesen des Urheberrechts<\/em>, Band 1 u. 2, zus. 868 S. Verlag Europ\u00e4ische Wirtschaft, 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Die wirkliche Komplexit\u00e4t der arabischen Sprache liegt in der Vielfalt ihrer Verbformen und der daraus abgeleiteten Verbalsubstantive, Adjektive, Adverbien und Partizipien. http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arabische_Sprache letzter Aufruf 07.01.2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Jaynes, Julian; <em>Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche<\/em>; Reinbek 1988; S. 67<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> G\u00fcnther, Gotthard; Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas; in L. J. Pongratz (Hrsg.), Philosophie in Selbstdarstellungen, Meiner Verlag, Hamburg, Bd. II, 1975, S. 1-76<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Muttersprache, das Wort stammt wahrscheinlich, so sagen uns die Herkunftsw\u00f6rterb\u00fccher, aus dem Latein des Hochmittelalters, Lingua materna. 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