{"id":98183,"date":"2024-06-24T00:01:07","date_gmt":"2024-06-23T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=98183"},"modified":"2024-06-19T00:30:06","modified_gmt":"2024-06-18T22:30:06","slug":"botschaften-aus-nimmerland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/06\/24\/botschaften-aus-nimmerland\/","title":{"rendered":"Botschaften aus Nimmerland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der am 24. Juni 1935 in Chile geborene Jorge Octavio Teillier Sandoval z\u00e4hle \u201eneben Pablo Neruda, Vicente Huibobro, Gabriela Mistral, Pablo de Rokha, Nicanor Parra und Gonzalo Rojas [\u2026] zu den Fixsternen am Himmel der chilenischen Dichtkunst des 20. Jahrhunderts\u201c \u2013 zu diesem Urteil gelangt der \u00dcbersetzer und Herausgeber der \u201eBotschaften aus Nimmerland\u201c, Reiner Kornberger, ein ausgewiesener Kenner s\u00fcdamerikanischer Literatur. In seinem tiefgreifenden Vorwort beleuchtet er zun\u00e4chst das in geografischer, geschichtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts autochthone Gebiet der Mapuche in der Mitte Chiles, wo Jorge Teillier, aus einer aus Bordeaux eingewanderten Familie stammend, seine Kindheit verbrachte. In seinen weiteren Ausf\u00fchrungen bewertet er den beruflichen Wertegang und die grundlegenden Merkmale einer Dichtung, in der die abgeschiedene Landschaft und die authochtone Sprache der Mapuche nur wenige Spuren in Teilliers fr\u00fchen Poemen hinterlie\u00df, wie seinem ersten Gedichtband <em>Para angeles y gorriones<\/em> (1956) in der Form von Traumbildern. Zu diesem Zeitpunkt war Jorge Teillier bereits in die Hauptstadt Santiago auf der Suche nach beruflichen Herausforderungen gefl\u00fcchtet. Seine Jugendjahre verbringt er dort mit der Herausgabe von Zeitschriften, gr\u00fcndet mit einem Kolumbianer die Zeitschrift <em>Orfeo<\/em>, in der er sein poetisches Credo entwirft. Es ist eine Lyrik als vitale Haltung, die er unter Bezugnahme auf Rilkes <em>Larenopfer<\/em> als Larendichtung (<em>poesialarica<\/em>) bezeichnet. In dieser fr\u00fchen Schaffensphase bilden sich in seiner Poetik eine Reihe von Motiven heraus, die sich nach Kornberger \u201eauf einem Grat zwischen dem Vergessen und dem Erinnern f\u00fcr die Zukunft\u201c bewegen. Es sei ein Grat gewesen, auf dem der Raum \u201eein Wiederbegehen erlaubt\u201c und die Zeit sich \u201enur aus sofort und unwiederbringlich der Vergangenheit anheimfallenden Momenten\u201c zusammensetze. Es seien einmalige Augenblicke, \u201ewelche die Zeit und damit den Tod auszuhebeln scheinen.\u201c Doch diese Idylle sei br\u00fcchig und \u201enur ein kurzes Atemholen auf dem Wege zum Tod, oder zun\u00e4chst in die Fremde, in das Nimmerland\u201c. Es sei ein Begriff, den Teillier aus James Barri\u00e9s Erz\u00e4hlung <em>Peter Pan or the boy who wouln\u2019t grow up<\/em> entlehnt habe und in seinen <em>Gedichten aus Nimmerland<\/em> (1963) sich zu einer eigenst\u00e4ndigen Poetik entfaltet habe. Sie komme in einem un\u00fcberwindbaren Widerspruch zwischen \u201eeiner (erinnerten) heilen Welt der Kindheit und dem Existenzkampf in der modernen Stadt\u201c zum Tragen. Eine solche Haltung gegen\u00fcber der st\u00e4dtischen Zivilisation und der Technologie, die die Gesellschaft diszipliniere, habe den Dichter daran gehindert, sich politisch zu engagieren. Es sei eine mental gesteuerte Haltung, die nicht ausschloss, dass er in den fr\u00fchen siebziger Jahren die Politik der sozialistischen Partei Allendes zu unterst\u00fctzen. Diese \u00dcberzeugung komme in seinem <em>Portr\u00e4t meines Vaters als kommunistischer K\u00e4mpfer<\/em> (1971) zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch als das Pinochet-Regime nach 1973 Chile kulturell und sozial verw\u00fcstete, wandte sich Teillier vom Kulturbetrieb ab und kehrte in seinen mittelchilenischen Geburtsort Lautaro zur\u00fcck, um sich ganz seiner Dichtung und der Lekt\u00fcre seiner Lieblingsdichter Fran\u00e7ois Villon, Friedrich H\u00f6lderlin, Novalis, Ezra Pound, Czeslaw Milosz, Sergej Jessenin und vieler anderer zu widmen. Ein Beispiel f\u00fcr seine innige Heimatverbundenheit und seine Kindheitserinnerungen ist das Poem <em>peque<\/em><em>\u00f1<\/em><em>a confesi<\/em><em>\u00f3<\/em><em>n<\/em>, mit der Widmung an den ber\u00fchmten russischen Dichter Jessenin. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In der Mitte meines Lebenswegs<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Streune ich am Dorfrand herum,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und nicht einmal hier h\u00f6rt man die Karren,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Deren Musik ich von Kind auf so liebte. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nostalgische Erinnerungen an die Kindheit und die Beschw\u00f6rung alter Freundschaften allein erf\u00fcllen den Alltag des einsamer werdenden Dichters immer weniger. Immer h\u00e4ufiger indes findet er Trost in alkoholischen Getr\u00e4nken, immer weniger sendet er Lebenszeichen aus, nur noch dann und wann bedient er sich seiner Lieblingsdichter, um noch poetische Botschaften zu kreieren. Nur noch selten findet er Zugang zum Alltag in seinem Heimatdort Lautaro \u201eam Kilometer 662 der Panamericana\u201c, wie Kornberger in seinem Kommentar auf Seite 159 festh\u00e4lt. 1992, vier Jahre vor seinem Tod, gestand Teillier sich ein, dass seine letzten zehn Lebensjahre von tiefer Depression gepr\u00e4gt waren. Anzeichen daf\u00fcr sind auch den beiden Prosatexten von Teillier am Ende der vorliegenden Publikation wie auch den einleitenden Versen <em>Ein Abkommen mit Teillier<\/em> aus der Feder des Dichterkollegen Gonzalo Rojas zu entnehmen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was den gro\u00dfen Larendichter betrifft, so starb er, kaum geboren, am Durst, \/ und den hat er nicht l\u00f6schen k\u00f6nnen, \/nicht einmal im Tod hat er ihn gel\u00f6scht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die in dem Band ver\u00f6ffentlichten 66 Gedichte aus 13 spanischsprachigen Gedichtb\u00e4nden, einschlie\u00dflich zweier Erz\u00e4hlungen, erfassen ein breites Spektrum an Themen, Stimmungen, Gef\u00fchlen wie auch Bekenntnissen zur Poetik ber\u00fchmter Dichter. Mit dem in einem Navy Blau gehaltenem Hardcover-Band ist somit eine Publikation entstanden, die von der chilenischen Botschaft in Berlin gef\u00f6rdert, jedem Liebhaber s\u00fcdamerikanischer Dichtung zu empfehlen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Botschaften aus Nimmerland<\/strong>. Gedichte 1956 bis 1996 von Jorge Teillier. Hommage zum 25. Todestag des Dichters. Ausgabe in Deutsch und Spanisch. Herausgegeben, eingeleitet und aus dem chilenischen Spanisch \u00fcbersetzt von Reiner Kornberger. Gransee (Edition Schwarzdruck) 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98184 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Botschaften-aus-Nimmerland_Cover-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> \u201eBiby\u201c Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Der am 24. 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