{"id":978,"date":"2019-09-03T00:01:45","date_gmt":"2019-09-02T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=978"},"modified":"2019-08-04T07:09:53","modified_gmt":"2019-08-04T05:09:53","slug":"die-hungerrolle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/03\/die-hungerrolle\/","title":{"rendered":"Die Hungerrolle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, wo auch schon \u00c4rzte am Hungertuch nagen, wird es Zeit, dass endlich ein paar Tipps gegeben werden, wie dieser Schmachtlappen zu einem genie\u00dfbaren Mahl zubereitet werden kann. F\u00fcr heutige Gaumen ist das muffige, staubtrockene Zeug ziemlich ungenie\u00dfbar. Der Mensch des Mittelalters nagte noch v\u00f6llig klaglos am Fastentuch. Er war schon zufrieden, wenn ein Pilger kurz vorher seine schwei\u00dfnasse Stirn am Velum abgewischt hatte. Dankbar zutschte der Fastende das Salz aus dem Leinen. Als Delikatesse galt ein mit Eitempera bemaltes Laken; Salmonellen waren damals noch unbekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst italienische und franz\u00f6sische Hungert\u00fccher m\u00fcssen aus kulinarischer Sicht als ungenie\u00dfbar gelten. Nicht mal in der Renaissance, einer Bl\u00fctezeit der Kochkunst,\u00a0 sind appetitliche Ausnahmen \u00fcberliefert. Das Hungertuch, ob in Leinen oder Seide, ist ein Dreckslappen. Zumal die T\u00fccher, die w\u00e4hrend der Passionszeit den Altar verh\u00fcllten, nie gewaschen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein von der Loire ist ein Rezept \u00fcberliefert, das sich \u201eHungerrolle\u201c oder auch \u201cfalsches Hungertuch\u201c nennt. M. Poitevin, ein reicher Bankier und Schlossherr, der sich vor dem Fiskus armrechnen wollte, soll dieses Rezept kreiert haben. Poitevin muss einen k\u00fcnstlerisch begabten Koch gehabt haben. Denn die Hungerrolle war mit Miniaturmotiven des alten und des neuen Testaments bemalt. Doch entpuppte sich das Fastentuch beim Annagen als delikater Pfannkuchen, gef\u00fcllt mit einer Mischung aus Champignons, gew\u00fcrfelter H\u00fchnerleber und Hummerkrabben. Anstelle der Krabben w\u00e4hlte der arme Schlossherr auch gerne ged\u00fcnsteten Schinken und Artischockenherzen. Heute hei\u00dft dieses Pharis\u00e4ermahl Crepes Foure\u00e9s Gratine\u00e9s a\u00b4la Poitevan. Im franz\u00f6sischen B\u00fcrgertum ist dieses Fastenrezept gerade vor der Osternacht sehr beliebt; mit der Verspeisung des Hungertuchs soll demonstriert werden, dass Christus wieder unverh\u00fcllt in g\u00f6ttlicher Herrlichkeit vor den Menschen steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Ihnen die Poitevan F\u00fcllung zu \u00fcbertrieben erscheint, bestreuen sie die Crepe einfach mit Puderzucker. Oder sie bestreichen das Hungertuch mit Schmand und geben obendrauf einen Klecks Erdbeermarmelade Bonne Maman. Sollten Sie kein S\u00fc\u00dfer sein, f\u00fcgen Sie dem Schmand einen L\u00f6ffel Kaviar hinzu. Sie merken schon, auch wenn Sie das Gef\u00fchl haben, am Hungertuch zu nagen, m\u00fcssen Sie nicht leben wie eine mittelalterliche Nonne. Zumal ja die bl\u00f6de Idee dieses Fastenbrauches aus den Nonnenkl\u00f6stern kam. Frauen nehmen ja eh alles viel zu genau. Und deshalb zum Hungertuch unsere Weinempfehlung: Ein Fl\u00e4schchen Pouilly fume\u00b4. Den k\u00f6nnen Sie aus dem Pappbecher trinken, und trotzdem macht die Armut Spa\u00df.<\/p>\n\n\n<!-- \/wp:post-content -->\n\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n\n<!-- \/wp:paragraph -->\n\n<!-- wp:paragraph -->\n<p style=\"text-align: justify;\">Leseprobe aus:\u00a0<strong>Das vogelfreie Fliegen<\/strong>. Eine Auswahl von Jens Pr\u00fcss. Edition Virgines, 2019.<\/p>\n\n<!-- \/wp:paragraph -->\n\n<!-- wp:image {\"id\":56273,\"align\":\"left\"} -->\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"312\" class=\"wp-image-56273\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/das-vogelfreie-fliegen-eine-auswahl-263522305-1.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/das-vogelfreie-fliegen-eine-auswahl-263522305-1.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/das-vogelfreie-fliegen-eine-auswahl-263522305-1-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/das-vogelfreie-fliegen-eine-auswahl-263522305-1-160x250.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<!-- \/wp:image -->\n\n<!-- wp:paragraph -->\n<p style=\"text-align: justify;\">Jens Pr\u00fcss z\u00e4hlt zu den beachtenswertesten Publizisten des Rheinlands. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Leiter des Literaturb\u00fcros NW erweist er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich ist <em>Der <\/em>Kabarettist <em>mit dem L\u00f6wensenf<\/em>, Theaterautor, und ein stilsicherer Prosaist. Seine Sprache umfa\u00dft ein breites stilistisches Spektrum und wirkt dabei besonders in Humor und Ironie stets \u00fcberaus erfrischend und souver\u00e4n, auch die Verbindung von rheinischen Schaupl\u00e4tzen mit einem universellem Gehalt ist vollauf gelungen. <em>Das vogelfreie Fliegen<\/em> ist eine sinnf\u00e4llig zusammengestellte Auswahl, die ein guter Einstieg in das Werk dieses vielseitigen Autors ist. Zwischen 1991 und 2018 nimmt er uns gleichsam mit auf eine Zeitreise. Pr\u00fcss beeindruckt in seiner Fabulierlust vor allem mit Texten, denen man die feine Feile anmerkt. Ihm gelingt mit dieser Compilation die \u00fcberzeugende literarische Spiegelung einer Gesellschaft im Umbruch.<\/p>\n\n<!-- \/wp:paragraph -->\n<p style=\"text-align: justify;\"><\/p>\n\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"right\"} -->\n<p style=\"text-align: right;\">Matthias Hagedorn<\/p>\n\n<!-- \/wp:paragraph --><!-- \/wp:paragraph -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt, wo auch schon \u00c4rzte am Hungertuch nagen, wird es Zeit, dass endlich ein paar Tipps gegeben werden, wie dieser Schmachtlappen zu einem genie\u00dfbaren Mahl zubereitet werden kann. F\u00fcr heutige Gaumen ist das muffige, staubtrockene Zeug ziemlich ungenie\u00dfbar. 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