{"id":97428,"date":"2008-05-31T00:01:04","date_gmt":"2008-05-30T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97428"},"modified":"2022-05-08T05:17:38","modified_gmt":"2022-05-08T03:17:38","slug":"wir-werden-es-schon-zuwege-bringen-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/31\/wir-werden-es-schon-zuwege-bringen-das-leben\/","title":{"rendered":"Wir werden es schon zuwege bringen, das Leben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Leben zerfetzt sich mir in 1000 St\u00fccke,<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schreibt Annemarie Schwarzenbach 1935 in einem Brief an Klaus Mann d\u00fcstere Zeilen f\u00fcr eine 27-J\u00e4hrige. Dabei scheint die begabte Schriftstellerin und Tochter aus reichem Schweizer Elternhaus vom Gl\u00fcck eigentlich beg\u00fcnstigt: gebildet, von au\u00dfergew\u00f6hnlicher androgyner Sch\u00f6nheit und Melancholie sie verdreht M\u00e4nnern und Frauen gleicherma\u00dfen den Kopf und mit einer gro\u00dfen Leidenschaft f\u00fcr alles Fremde f\u00fchrt sie ein unangepasstes Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz nach Abschluss ihres Studiums deb\u00fctierte Annemarie Schwarzenbach mit dem Roman <em>Freunde um Bernhard<\/em>. Im Jahr 1931 hielt sie sich \u00f6fter in Berlin auf und stand in engem Kontakt mit Klaus und Erika Mann in M\u00fcnchen. In diese Zeit fallen auch ihre ersten Erfahrungen mit Morphin. Schwarzenbachs Verh\u00e4ltnis zu ihrer Mutter war sehr gespannt, unter anderem aufgrund ihrer antifaschistischen Einstellung. Einige Mitglieder der Familie Schwarzenbach\/Wille sympathisierten nach 1933 mit der &#8222;Schweizer Front&#8220;, die eine Ann\u00e4herung der Schweiz an das nationalsozialistische Deutschland bef\u00fcrwortete, w\u00e4hrend sich in Annemarie Schwarzenbachs Freundeskreis zahlreiche j\u00fcdische und politische Emigranten aus Deutschland befanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So f\u00fchrte sie nach 1933 selbst teilweise das Leben einer Migrantin und reiste in verschiedene L\u00e4nder, \u00f6fter zusammen mit Klaus Mann, dessen literarische Exilzeitschrift <em>Die Sammlung<\/em> sie finanziell unterst\u00fctzte. 1933 begab sich Annemarie Schwarzenbach gemeinsam mit der Fotografin Marianne Breslauer auf eine erste journalistische Reise nach Spanien. Im gleichen Jahr fuhr sie nach Persien. Nach der R\u00fcckkehr in die Schweiz reiste sie 1934 nach Moskau, wo sie zusammen mit Klaus Mann am ersten Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller teilnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihrem Auto f\u00e4hrt sie von der Schweiz nach Afghanistan, Indien, Irak und Iran, wo sie auch einige Zeit lebt; sie arbeitet in Belgisch-Kongo und den USA. Ihre Erlebnisse h\u00e4lt sie in faszinierenden Fotografien und poetischen Texten fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1935 kehrte sie nach Persien zur\u00fcck und heiratete dort \u2013 trotz ihrer lesbischen Orientierung \u2013 den ebenfalls homosexuellen franz\u00f6sischen Diplomaten Claude-Achille Clarac. 1937 recherchierte sie in Moskau f\u00fcr ihr Buch \u00fcber den Schweizer Expeditionsbergsteiger Lorenz Saladin, der im Jahr zuvor nach einer Besteigung des Khan Tengri in Kirgistan gestorben war. 1939 hielt sie sich l\u00e4ngere Zeit f\u00fcr einen Drogenentzug in Kliniken auf. W\u00e4hrend dieser Zeit schrieb sie ihr Buch <em>Das gl\u00fcckliche Tal<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in den USA musste Schwarzenbach sich wegen ihrer Morphiumsucht, schwerer Depressionen und Suizidversuchen mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem Besuch ihres Ehemannes in T\u00e9touan im Juni 1942 kehrte Schwarzenbach wieder in die Schweiz zur\u00fcck. Auch hier ereilen sie \u00a0Depressionen, immer wieder vermischt mit kreativen Sch\u00fcben, ein Tanz auf einer schmalen Klinge, der wiederholt in Entzugskliniken und in die Psychiatrie f\u00fchrt. Man vermutet beginnende Schizophrenie und vernachl\u00e4ssigt die Suche nach den Gr\u00fcnden: Die komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung, ihre Homosexualit\u00e4t und die Stigmatisierung durch die Gesellschaft, die politische Lage in Europa, der innere R\u00fcckzug als Reaktion auf das \u00e4u\u00dfere Chaos. Klaus Mann antwortet damals:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wir werden es schon zuwege bringen, das Leben.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle des Fremden<\/strong> &#8211; Das Leben der Annemarie Schwarzenbach, eine Biographie von Alexis Schwarzenbach. Verlag: Collection Rolf Heyne, 2008<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97429 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-238x300.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-238x300.jpg 238w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-160x202.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden.jpg 396w\" sizes=\"auto, (max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/>Der Dialog zwischen Schwarzenbachs Texten und Fotografien er\u00f6ffnet den Blick auf die Umbr\u00fcche und Konflikte der 1930er-Jahre. Zugleich erschliesst Alexis Schwarzenbach mit ihrem dokumentarischen Auge Themen von erstaunlicher Poesie und verbl\u00fcffender Aktualit\u00e4t. In diesem Buch finden sich es neben zahlreichen Abbildungen auch eine Audio-CD mit <em>Eine Frau zu sehen<\/em>, gelesen von Bibiana Beglau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> KUNO gedachte ihrer zum 100. Geburtstag mit einem Ausschnitt aus dem Gedichtzyklus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/23\/kongo-ufer\/\">Kongo-Ufer<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Leben zerfetzt sich mir in 1000 St\u00fccke, schreibt Annemarie Schwarzenbach 1935 in einem Brief an Klaus Mann d\u00fcstere Zeilen f\u00fcr eine 27-J\u00e4hrige. 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