{"id":97361,"date":"2011-09-10T00:01:22","date_gmt":"2011-09-09T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97361"},"modified":"2022-02-17T20:55:40","modified_gmt":"2022-02-17T19:55:40","slug":"der-krieg-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/09\/10\/der-krieg-i\/","title":{"rendered":"Der Krieg I"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,<br \/>\nAufgestanden unten aus Gew\u00f6lben tief.<br \/>\nIn der D\u00e4mmrung steht er, gro\u00df und unerkannt,<br \/>\nUnd den Mond zerdr\u00fcckt er in der schwarzen Hand.<\/p>\n<p>In den Abendl\u00e4rm der St\u00e4dte f\u00e4llt es weit,<br \/>\nFrost und Schatten einer fremden Dunkelheit,<br \/>\nUnd der M\u00e4rkte runder Wirbel stockt zu Eis.<br \/>\nEs wird still. Sie sehn sich um. Und keiner wei\u00df.<\/p>\n<p>In den Gassen fa\u00dft es ihre Schulter leicht.<br \/>\nEine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.<br \/>\nIn der Ferne wimmert ein Gel\u00e4ute d\u00fcnn<br \/>\nUnd die B\u00e4rte zittern um ihr spitzes Kinn.<\/p>\n<p>Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an<br \/>\nUnd er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.<br \/>\nUnd es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,<br \/>\nDrum von tausend Sch\u00e4deln laute Kette h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,<br \/>\nWo der Tag flieht, sind die Str\u00f6me schon voll Blut.<br \/>\nZahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,<br \/>\nVon des Todes starken V\u00f6geln wei\u00df bedeckt.<\/p>\n<p>\u00dcber runder Mauern blauem Flammenschwall<br \/>\nSteht er, \u00fcber schwarzer Gassen Waffenschall.<br \/>\n\u00dcber Toren, wo die W\u00e4chter liegen quer,<br \/>\n\u00dcber Br\u00fccken, die von Bergen Toter schwer.<\/p>\n<p>In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein<br \/>\nEinen roten Hund mit wilder M\u00e4uler Schrein.<br \/>\nAus dem Dunkel springt der N\u00e4chte schwarze Welt,<br \/>\nVon Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.<\/p>\n<p>Und mit tausend roten Zipfelm\u00fctzen weit<br \/>\nSind die finstren Ebnen flackend \u00fcberstreut,<br \/>\nUnd was unten auf den Stra\u00dfen wimmelt hin und her,<br \/>\nFegt er in die Feuerhaufen, da\u00df die Flamme brenne mehr.<\/p>\n<p>Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,<br \/>\nGelbe Flederm\u00e4use zackig in das Laub gekrallt.<br \/>\nSeine Stange haut er wie ein K\u00f6hlerknecht<br \/>\nIn die B\u00e4ume, da\u00df das Feuer brause recht.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Stadt versank in gelbem Rauch,<br \/>\nWarf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.<br \/>\nAber riesig \u00fcber gl\u00fchnden Tr\u00fcmmern steht<br \/>\nDer in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,<\/p>\n<p>\u00dcber sturmzerfetzter Wolken Widerschein,<br \/>\nIn des toten Dunkels kalten W\u00fcstenein,<br \/>\nDa\u00df er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,<br \/>\nPech und Feuer tr\u00e4ufet unten auf Gomorrh.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Krieg I<\/b>, ist ein Gedicht von Georg Heym. Es wurde vom 4. bis 10. September 1911 verfasst und erschien nach Heyms Tod ein Jahr darauf im Band <i>Umbra vitae<\/i>. Das Gedicht wird dem Fr\u00fchexpressionsmus zugeordnet. 1919 erschien es gemeinsam mit zw\u00f6lf weiteren Gedichten Heyms in der Sammlung <i>Menschheitsd\u00e4mmerung<\/i>. 1924 wurde der Band aus nachgelassenen Gedichten mit 47 Holzschnitten Ernst Ludwig Kirchners erneut aufgelegt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/>Nach Anselm Ruest und Paul Zech, die 1915\/1916 das Gedicht in einer W\u00fcrdigung Heyms mitabdruckten, habe der Dichter die Schrecken des Ersten Weltkriegs vorhergesehen. Nach 1945 teilte noch Hermann Kasack diese Auffassung und interpretierte das Gedicht als Vorank\u00fcndigung der beiden Weltkriege sowie als Vorwegnahme der Verheerungen durch den Luftkrieg \u00fcber deutsche Gro\u00dfst\u00e4dte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht besteht aus 11 Strophen mit je 4 Versen. Die Strophen bestehen durchgehend aus zwei Paarreimen. Die zumeist in sechshebigem Troch\u00e4us verfassten Verse weisen eine m\u00e4nnliche Kadenz auf. Die Verse 10, 31, 34 und 40 besitzen sieben, der Vers 32 acht Hebungen. Vers 38 verf\u00fcgt \u00fcber f\u00fcnf Hebungen. Die abfallende Wirkung des Versfu\u00dfes und der vergleichsweise einfache Paarreim erzeugen einen langsamen, schwerf\u00e4lligen Rhythmus, der durch die starre Einhaltung der Metrik noch bis zum Schluss fortgetragen wird. Verst\u00e4rkt wird dies durch die Verwendung eines sechshebigen Troch\u00e4us, statt des \u00fcblichen Vierhebers, und den Einsatz m\u00e4nnlicher Reime, die zu einer gr\u00f6\u00dferen Isolierung der einzelnen Verse beitragen. Der \u201eHeymsche Rhythmus resultiert daraus, da\u00df die Welt zun\u00e4chst in einen Zustand vollkommener Erstarrung \u00fcberf\u00fchrt wird, ablesbar an der Zeilenstruktur, um dann in eine vom Autor initiierte Unruhe versetzt zu werden\u201c<sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\"><\/sup>, meint Klaus G\u00fcnther Just im Hinblick auf Heyms Dichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, Aufgestanden unten aus Gew\u00f6lben tief. In der D\u00e4mmrung steht er, gro\u00df und unerkannt, Und den Mond zerdr\u00fcckt er in der schwarzen Hand. 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