{"id":97337,"date":"2012-01-16T00:01:58","date_gmt":"2012-01-15T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97337"},"modified":"2022-02-17T20:54:49","modified_gmt":"2022-02-17T19:54:49","slug":"die-bleistadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/16\/die-bleistadt\/","title":{"rendered":"Die Bleistadt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bum. Ein schrecklicher Paukenschlag zerri\u00df die Luft, und wie eine gro\u00dfe, feurige Rakete stieg der gewaltige Mond auf. Er war wie eine gro\u00dfe kupferne Schallplatte an der Wand eines riesigen Tempels. Und er glitt in die schwarzen Wolken, wie ein rotes Gel\u00e4chter, das \u00fcber das schwarze Gesicht eines W\u00fcrgeengels huscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beschien die weiten unendlichen W\u00fcsten, in denen die T\u00fcrme der bleiernen Stadt, vom Mond klein und eingeschrumpft wie kleine d\u00fcrftige Gew\u00e4chse, verschwammen, und vor den Augen der Wanderer in der d\u00fcnnen Luft zitterten, als h\u00e4tten sie die Lichtwellen des Mondes in eine geheimnisvolle Vibration gebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war also das Geheimnis der W\u00fcste. Dann hatten die Winde Jahrtausende die gl\u00fchende wei\u00dfk\u00f6pfige Savanne, die gro\u00dfen Sandberge, die riesigen D\u00fcnen immer h\u00f6her geblasen, immer kahler gebrannt, immer schrecklicher erhitzt. Darum trockneten alle Oasen aus, darum war das Wasser in den Schl\u00e4uchen der Kamele so brackig und stinkend, wie Sumpfwasser geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre F\u00fchrer waren in der Irre gerannt, blind und toll, verfuhrt von Irrlichtern, falschen Zeichen, seltsamen Verr\u00fcckungen der Sandberge. Einige der Tuareg waren wahnsinnig geworden, sie hatten sie im Sande verloren, einige waren wie von geheimnisvollen Stimmen gerufen, pl\u00f6tzlich aus den Reihen des Zuges gebrochen, sie waren hals\u00fcberkopf in die Sandt\u00e4ler heruntergeritten, man sah sie noch manchmal auf der Kuppe einer fernen D\u00fcne auftauchen. Dann waren sie in der W\u00fcste verschwunden. Und die Karawane erstarrte vor Schrecken. Einige waren pl\u00f6tzlich erblindet und griffen mit ihren H\u00e4nden in die leere Luft, die andern weigerten sich oft, sie weiterzuf\u00fchren. Und sie hatten sie nur vorw\u00e4rts treiben k\u00f6nnen, indem sie ihnen die Gewehre auf den Hinterkopf aufsetzten. Die Stadt hatte sich mit einem <a id=\"page243\" title=\"gary\/erkirch\" name=\"page243\"><\/a> unsichtbaren Wall von Zaubereien umgeben, und die Himmel, durch die sie zogen, waren wie gro\u00dfe gl\u00e4serne Mauern, die das letzte Geheimnis des schwarzen Kontinents beh\u00fcten sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal waren ihre F\u00fc\u00dfe wie angenagelt gewesen, manchmal \u00fcberfiel sie ein unnat\u00fcrlich langer Schlaf. Und entsetzliche Tr\u00e4ume jagten sie nachts aus den Zelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal schien vor ihren Augen der ganze Himmel zu brennen, und wie eine ungeheure Sonne furchtbare Protuberanzen in den Zenith zu schleudern. Dann brannten ihre Adern vor Glut und traten wie dicke blaue W\u00fclste aus ihren Schl\u00e4fen. Und die W\u00fcste wurde immer einsamer und endloser. Die Karawane kroch wie eine wei\u00dfe Schnecke die Sandberge herauf und herunter, bergauf bergab, in einer schrecklichen Monotonie. Und das ewige Rinnen des Sandes schien in ihren Ohren manchmal wie ein unterirdisches Donnern zu wachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele waren gestorben. Sie wu\u00dften es nicht, zuletzt gaben sie sich \u00fcberhaupt nicht mehr der M\u00fche hin, die Umgekommenen zu z\u00e4hlen. Man beerdigte sie auch nicht mehr. Wenn einer tot aus dem Sattel fiel, so blieb er liegen, wo er gerade lag. Die andern ritten mit stumpfen Augen \u00fcber ihn fort, und sein Blut vertrocknete auf ihren S\u00e4tteln. Ihre Haare wurden wei\u00df, ihre Stimmen wurden trocken, ihre Erinnerungen verloren sich, es war ihnen, als wenn auf ihnen gro\u00dfe gelbe Vampire s\u00e4\u00dfen, die sich auf ihren Schl\u00e4fen schaukelten, und ihren Mund, der wie ein d\u00fcnner Elefantenr\u00fcssel war, senkten sie nachdenklich zwischen die Spalten ihrer berstenden Sch\u00e4del.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfe, wei\u00dfe V\u00f6gel zogen manchmal in wilden Schw\u00e4rmen \u00fcber sie dahin, woher kamen sie, wohin flogen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal h\u00f6rten sie hinter den Sandbergen, die im Abendrot versanken, den wilden Ton einer kriegerischen Musik, wie tausend Trommeln, manchmal tauchten aus dem vor Glut zitternden Horizont riesige Untiere auf, wie gro\u00dfe wei\u00dfe Elefanten, die mit einem Schlage wieder verschwunden waren. Und die Zeit ihrer Reise dehnte sich immer endloser und endloser aus, wie ein wei\u00dfer Faden liefen die F\u00e4den ab aus dem Bauch <a id=\"page244\" title=\"gary\/Konmax\" name=\"page244\"><\/a> einer gro\u00dfen wei\u00dfen Spinne, die zu ihrer Seite hinschwebte, wie eine riesige wei\u00dfe Wolke. Die rastete, wenn sie rasteten, wanderte, wenn sie wanderten. Und ihre N\u00e4he bedr\u00fcckte sie, sie wagten nicht hinzusehen; wenn sie manchmal den Kopf wandten, um verstohlen nach ihr hinzusehen, war sie fort. Da war nur ein gro\u00dfer, r\u00e4tselhafter wei\u00dfer Fleck in der brennenden Luft. Aber wenn sie sich umdrehten, dann war sie wieder da, und verfolgte sie, blutsaugerisch, wachsam, unabl\u00e4ssig. Und sie f\u00fchlten ihre gro\u00dfen, roten Glotzaugen in ihrem Nacken, wie den kalten Saugarm eines aufgedunsenen Kraken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kam ihnen manchmal so vor, als wenn sie ewig im Kreise herumz\u00f6gen, jahraus-jahrein, unter demselben Himmel, auf denselben Kreislauf verbannt, wie Satelliten eines geheimnisvollen unsichtbaren Gestirns, das sie in seinem Bann hielt, und sie um sich herumschwang, wie ein Gaukler, der eine Kugel um seinen Kopfkreisen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zogen sie dahin, an einem ewig gleichen Himmel vorbei, in den sie ihre Silhouette einschnitten, zwischen Morgen und Abend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie verga\u00dfen fast ihre Namen, ihre Sprache schr\u00e4nkte sich auf die einfachsten Ausdr\u00fccke ein, ihre Sinne sanken unter, in sie hinein, wie bet\u00e4ubt von einem ewig brausenden Wasserfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Morgens wachten sie auf, in dem Grund eines versandeten Tales. Sie waren allein. Ihre F\u00fchrer waren fort mit allen Kamelen, nur einige wenige Wassers\u00e4cke lagen noch im Sande herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die W\u00e4chter der F\u00fchrer lagen mit durchschnittenen Kehlen im Sand. Und das wei\u00dfe Siegel des Entsetzens war auf ihre Stirnen gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">((Jetzt gehen sie zu Fu\u00df weiter. Sie h\u00f6ren einen Wagen rollen, sie sehen Pferde.))<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 100 Jaren starb Georg Heym. KUNO erinnert nicht an ihn mit einem Gedicht, sondern durch seine Prosa.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eDer Lyriker und Novellist w\u00e4re vielleicht einer der gr\u00f6\u00dften Dichter Deutschlands geworden, jedenfalls des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Poesie, die Formstrenge mit verbl\u00fcffendem Bilderreichtum und k\u00fchnen Visionen verbindet, zeichnet sich durch eine unvergleichliche, ekstatisch-d\u00e4monische Aura aus und hat in hohem Ma\u00dfe die Vorstellung vom deutschen Expressionismus gepr\u00e4gt, zumal vom Fr\u00fchexpressionismus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u2013 <span class=\"Person\">Marcel Reich-Ranicki, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Oktober 2003<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bum. Ein schrecklicher Paukenschlag zerri\u00df die Luft, und wie eine gro\u00dfe, feurige Rakete stieg der gewaltige Mond auf. Er war wie eine gro\u00dfe kupferne Schallplatte an der Wand eines riesigen Tempels. 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