{"id":97330,"date":"2022-11-29T00:01:14","date_gmt":"2022-11-28T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97330"},"modified":"2022-02-24T18:23:38","modified_gmt":"2022-02-24T17:23:38","slug":"die-pest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/29\/die-pest\/","title":{"rendered":"Die Pest"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Schlage brach die Pest aus. Keiner wu\u00dfte, woher sie gekommen war, keiner wu\u00dfte, in welchem Hause sie ausgebrochen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Europ\u00e4er merkten es zuerst daran, da\u00df die roten chinesischen Totenlampen in einer Nacht viel zahlreicher als sonst vor den kleinen Schuppen brannten, die die Himmelsstra\u00dfe umrahmten, die wie eine breite wei\u00dfe helle Stra\u00dfe durch das Gewirr zahlloser dunkler Gassen der Eingeborenenstadt Charbin hindurchlief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einem russischen Oberst passierte es, da\u00df der Kutscher seiner Troika pl\u00f6tzlich im Fahren hinten\u00fcberfiel, in den Schlitten hinein, gerade auf den dicken Bauch des Obersten. Und als der Oberst seine Knute nehmen wollte, um den betrunkenen Kutscher zur Vernunft zu bringen, sah er in ein paar glasige Augen, die der Schrecken des Todes weit aufgerissen hatte. Und ein schrecklicher Atem des Todes quoll ihm aus dem weit offenstehenden Munde entgegen. Der Kutscher r\u00f6chelte noch einige mal schwer im Stroh des Schlittens, dann richtete er sich mit einer letzten Anstrengung halb auf, schluckte ein paarmal, und dann spie er auf den grauen Pelz des Obersten eine schwarze, dicke Blutwolke, einen gro\u00dfen, breiten giftigen Brodem, seine ganze Lunge entleerte sich in dieser schwarzen Masse. Und er fiel in das blutige Stroh des Schlittens zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Blut gefror sofort auf den Handschuhen, und dem dicken Pelz des Obersten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Oberst war in das Kasino seines Regiments gekommen, au\u00dfer sich, er hatte alle Leute von sich gejagt, er schrie wie ein Wahnsinniger in einem fort. Die Ekstase des Schreckens hatte ihn \u00fcbermannt. Nach einer halben Stunde war er quer \u00fcber den E\u00dftisch hingeschlagen, er hatte im Fallen das ganze Tischtuch mit sich gerissen, und das Blut, das ihm aus der Lunge ausbrach, vermischte sich mit den Speisen, die lustig in dieser warmen Br\u00fche umherschwammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page241\" title=\"gary\/wolfeh\" name=\"page241\"><\/a> Als die Offiziere ihn hinfallen sahen, wichen sie alle zur\u00fcck, keiner r\u00fchrte ihn an, einer dr\u00e4ngte den andern heraus. Drau\u00dfen st\u00fcrzten sie sich auf ihre Schlitten, und fuhren davon; sie lie\u00dfen ihre Kutscher auf die Pferde einschlagen, um dem Tode einen Vorsprung abzugewinnen, der hinter ihnen herjagte, auf einem schwarzen Klepper, dessen Geschirr wie kleine Glocken in ihren Ohren klingelte. Keiner sah sich nach dem andern um, alle waren stumm vor Entsetzen. Und wo ihre Schlitten auf dieser verzweifelten Jagd durchkamen, da sahen sie Tote liegen, die eben gefallen waren, krepiert auf der Stra\u00dfe, mitten auf der Stra\u00dfe krepiert, und die Schlitten fuhren dr\u00fcber hin, und das Blut der Gefallenen spritzte an den Kufen aus. Gegen den Abend, um f\u00fcnf Uhr waren die Stra\u00dfen Charbins wie ausgestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Schlitten fuhr mehr \u00fcber den Korso, keine russische Uniform zeigte sich mehr. Keine von den Weibern aus dem Tingeltangel lie\u00df sich mehr sehen. Und in dem wei\u00dfgelben Abendhimmel, der vor K\u00e4lte zitterte, erschien wie eine schwarze Wolke das Haupt der Pest, das mit einem unh\u00f6rbar grausigen Lachen Besitz nahm von Charbin, dem gro\u00dfen Charbin, der Metropole der Steppen, dem lustigen Paradiese des Lasters.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit einem Schlage brach die Pest aus. Keiner wu\u00dfte, woher sie gekommen war, keiner wu\u00dfte, in welchem Hause sie ausgebrochen war. 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