{"id":97324,"date":"2022-08-30T00:01:04","date_gmt":"2022-08-29T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97324"},"modified":"2022-02-24T15:12:58","modified_gmt":"2022-02-24T14:12:58","slug":"die-saerge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/30\/die-saerge\/","title":{"rendered":"Die S\u00e4rge"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00e4rge wohnten in einem kleinen Sargladen voll mit Gaslampen. Es war sehr zugig und kalt. Der Winter h\u00f6rte in dem Laden nie auf. Und wenn drau\u00dfen der M\u00e4rzwind l\u00e4rmte, dann wurde es im Laden November. Tote Bl\u00e4tter fielen ewig von oben herein, die sommers aus den morschen Balken gewachsen waren. Die Totenfrauen kamen zu Besuch. Man kochte Kaffee. Man unterhielt sich. Und die Leichent\u00fccher trockneten oben an d\u00fcnnen Schnuren. Da waren \u00f6fters wunderbare Zeichnungen darauf, wo die Toten gelegen hatten. Kleine blaue Inseln, Kontinente, voll von Buchten mit Schiffen. Die T\u00fccher wurden niemals trocken. Sie hingen wie gro\u00dfe graue Himmelswolken an der Decke. Es war eine salzige Regenluft. Und eine Lampe hing darin wie ein gro\u00dfer Mond, an dem die Gewitter vorbeist\u00fcrmten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ladeninhaber war ein uralter Mann. Er hie\u00df Fakoli-Boli, oder Leben von tausend Jahren. Und sein Bart war so lang, da\u00df er immer mit den Schuhspitzen darauf herumtrat. Wenn er fr\u00fchmorgens in Unterhosen in den Laden kam, sagten die S\u00e4rge ihm einen guten Morgen und klappten ihre gro\u00dfen Kinnladen auf und zu. Denn sie waren hungrig. Und dann nahm er die toten Ratten aus der Ecke, dort wo das Rattenk\u00f6nigreich begann, (denn die Ratten k\u00f6nnen nichts Totes in ihrem Lande haben, und darum werfen sie ihre Gestorbenen immer \u00fcber die Schlagb\u00e4ume der Reichsstra\u00dfen) \u2013 und warf sie in ihre offenen Schl\u00fcnde. W\u00e4hrend sie verdauten und behaglich wiederk\u00e4uten, ging er wie ein Tierb\u00e4ndiger durch ihre Reihen, streichelte ihre gro\u00dfen braunen Leiber und sagte \u00bbwartet, wartet, bald gibt es mehr. Wartet. Wartet.\u00ab Und die S\u00e4rge erhoben dankbar ihre gro\u00dfen silbernen F\u00fc\u00dfe, und kratzten ihn wie H\u00fcndchen an seinen Unterhosen, und bei seinen Lieblingen \u2013 ein paar ganz kleinen Kinders\u00e4rgen, die erst vor ein paar Tagen geboren waren, b\u00fcckte er sich tief herunter, da\u00df sein Bart die Kleinen ins <a id=\"page238\" title=\"gary\/wolfeh\" name=\"page238\"><\/a> Gesicht kitzelte, und sie zwinkerten wie kleine Katzen mit den wei\u00dfen Augenliderchen, sagten: \u00bbGro\u00dfpapa\u00ab, und gaben Pf\u00f6tchen. Dann nahm er sie in seine Arme, schaukelte sie hin und her, bis sie wieder eingeschlafen waren. Und die ganz kleinen gab er den alten gro\u00dfen wei\u00dfen W\u00f6chnerinnen-S\u00e4rgen an die Brust. Und wenn die kleinen S\u00e4rge den Leichensaft aus deren Holz schmatzten klang es wie Musik und es war ein sch\u00f6nes Familienbild aus der norddeutschen Tiefebene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ging es Tag f\u00fcr Tag. Es konnten schon hunderttausend Tage vergangen sein, oder auch zehn. Ab und zu wurde einer der S\u00e4rge fortgeschickt, um einen Toten abzuholen. \u2013 Aber es war immer sehr langweilig, \u2013 wenn die Trauerleute mit ihren schmutzigen F\u00fc\u00dfen und verweinten Gesichtern in den Laden kamen, und um den Sarg handelten. Die S\u00e4rge waren dann sehr b\u00f6se. Jeder dr\u00fcckte sich m\u00f6glichst in die Ecke. Aber schlie\u00dflich wurde doch einer genommen. \u00bbIch m\u00f6chte genau so einen wie bei Ramumpa-Mumpa, wissen Sie, wo die Gro\u00dfmutter starb, wissen Sie, die \u00fcber sieben Jahre gelebt hatte, wissen Sie, die mit dem Orden f\u00fcr das lange Leben, der ihr nachher in die Gurgel eingewachsen war, wo soviel Dreck war, weil sie sich niemals gewaschen hat.\u00ab \u00bbAch ja, so einen. Aber wollen Sie nicht lieber einen, wie bei dem Schaloila-Loilas. Der alte Pr\u00e4sident ist damals gestorben, der K\u00f6nig ist noch selber mit zum Grab gegangen. Als er wiederkam, war an seinem Thron ein Stuhlbein zerbrochen, die Maden kamen schon an der anderen Seite wieder heraus, und hatten ganz staubige Barte. \u2013 Und nach drei Tagen war er tot. Und ich habe auch den Sarg geliefert, da oben auf dem Brett, so einen wie den mit der Krone und den allegorischen Darstellungen, vom Tod als Hirten, vom Tod als Feuermann, vom Tod als s\u00e4endem Engel \u2013 alles aus der Bibel mit Spr\u00fcchen.\u00ab \u2013 Gott, das ging so ewig weiter und die S\u00e4rge h\u00e4tten sich gern die Ohren zugehalten. Aber das ging nicht. Das w\u00e4re gegen ihren Vertrag gewesen. Der \u00a7 8 lautete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">((\u00a7339 und \u00a7340 B.G.B.))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Sarg hat w\u00e4hrend der Besuche von Personen aus dem <a id=\"page239\" title=\"gary\/erkirch\" name=\"page239\"><\/a> Publikum \u2013 ausgenommen die Familie Palipa-Lipas und Klikli-Liklis \u2013 (welche die Totenfrauen und Leichenw\u00e4scher stellten und Schmiergelder erhielten \u2013 Anmerkung des Verfassers) absolutes Stillschweigen zu bewahren bei einer Konventionalstrafe von tausend Mais- und siebzig Hirsek\u00f6rnern. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich wurde dann ein Sarg vorgeholt. Er brummte gewaltig. Und die Leute sagten: \u00bbDer knarrt ja so.\u00ab \u00bbAch, das ist nur eine optische T\u00e4uschung. Sie haben zu schlechte Ohrgl\u00e4ser.\u00ab Sagte der Ladeninhaber. \u2013 Schlie\u00dflich lag er drau\u00dfen auf dem Leichenwagen unter dem schwarzen Baldachin, winkte noch einmal mit dem Taschentuch \u2013 und verschwand. Dann kam er in das Trauerhaus, wo es nach Weihrauch stank. \u2013 Eine nasse Leiche wurde in ihn hereingelegt. \u2013 Man behandelte ihn jedenfalls \u00e4u\u00dferst roh, und entbl\u00f6dete sich nicht, gro\u00dfe N\u00e4gel quer durch seinen Sch\u00e4del zu treiben. Mit einem Gedonner, da\u00df ihm die ganze Hirnschale knallte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter lag er eine Zeitlang mit dem Toten in der Erde \u2013 manchmal machte er noch ein bi\u00dfchen Krach \u2013 besonders wenn es ein Scheintoter war, der ihm von innen die [Haut zerkratzte]. Scheu\u00dflich war das. \u2013 Dann wurden die Toten verdaut, was manchmal einen ganzen Winter dauerte, an der Leiche des Stefan George war sogar zwei Jahre gekaut worden, denn sie war so h\u00f6lzern und d\u00fcrr, da\u00df der betreffende Sarg schon glaubte, sie h\u00e4tte ein jahr der seele verschluckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die S\u00e4rge wohnten in einem kleinen Sargladen voll mit Gaslampen. Es war sehr zugig und kalt. Der Winter h\u00f6rte in dem Laden nie auf. Und wenn drau\u00dfen der M\u00e4rzwind l\u00e4rmte, dann wurde es im Laden November. 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