{"id":97310,"date":"2022-06-30T00:01:57","date_gmt":"2022-06-29T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97310"},"modified":"2022-02-24T13:42:36","modified_gmt":"2022-02-24T12:42:36","slug":"ein-nachmittag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/30\/ein-nachmittag\/","title":{"rendered":"Ein Nachmittag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stra\u00dfe kam ihm vor wie ein langer Strich, die Leute, die an ihm vor\u00fcbergingen, schienen ihm wie lauter aufgeblasene wei\u00dfe Puppen. Was wu\u00dften sie auch von seiner Seligkeit. Er hatte sie gefragt: \u00bbDarf ich Sie k\u00fcssen?\u00ab, der kleine Junge, und sie hatte ihm ihren Mund hingehalten und er hatte sie gek\u00fc\u00dft. Und dieser Ku\u00df brannte ihm tief in das Herz hinein, wie eine gro\u00dfe reine Flamme, die ihn erl\u00f6ste, die ihn gl\u00fccklich machte, die ihn selig machte. G\u00f6tter, er h\u00e4tte tanzen m\u00f6gen vor Seligkeit. Und der Himmel lief \u00fcber ihn dahin wie eine gro\u00dfe, blaue Stra\u00dfe, das Licht reiste nach Westen wie ein feuriger Wagen, und alle die gl\u00fchenden H\u00e4user schienen sein gl\u00fchendes Feuer widerzustrahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte das Gef\u00fchl eines starken brausenden Lebens, als h\u00e4tte er noch nie so gelebt, als schw\u00e4mme er wie ein Vogel hoch in der Luft, versunken in ewigem \u00c4ther, grenzenlos frei, grenzenlos gl\u00fccklich, grenzenlos einsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das unsichtbare Diadem der Gl\u00fcckseligkeit lag auf seiner eckigen Kinderstirn und verschonte sie, wie eine n\u00e4chtliche Landschaft unter dem weiten Aufbrechen eines Blitzes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbG\u00f6tter, ich werde geliebt, ich werde geliebt, wie man mich nur lieben kann.\u00ab Er ging schneller, er kam ins Laufen, als w\u00e4re die gew\u00f6hnliche, gemessene Bewegung zu langsam f\u00fcr den Sturm, der in seinem Herzen brauste. Und so rannte er die Stra\u00dfe herab zum Strande und setzte sich an das Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO Meer, Meer!\u00ab und er erz\u00e4hlte dem Meer sein Erlebnis, in einem kurzen Jauchzen, in einem zitternden Fl\u00fcstern, in dem Taumel einer stummen Sprache. Und das Meer verstand ihn und h\u00f6rte ihm zu, das Meer, auf dessen blauer dr\u00f6hnender Weite seit so vielen Jahrtausenden der Orkan der Freude und das Lallen der Qualen widerhallte, wie ein ewiger Wirbelsturm \u00fcber einer ewig unber\u00fchrten Tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beh\u00fctete \u00e4ngstlich seine Einsamkeit. Wenn Menschen kamen, sprang er auf, lief er davon und kroch in die D\u00fcnen. Waren sie vorbei, so lief er wieder hervor ans Meer, dessen gewaltige Weite der einzige Becher war, in den er die Flut seines unendlichen \u00dcberma\u00dfes fortgeben konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich wurde der Strand belebter. Allenthalben blinkten wei\u00dfe Kleider zwischen den Strandk\u00f6rben vor, alte Damen kamen mit B\u00fcchern unter dem Arm. Helle Sonnenschirme wippten auf den schmalen Holzg\u00e4ngen, und die Kinder f\u00fcllten wieder scharenweise die Sandburgen. Ruderboote fuhren aus, an den gro\u00dfen Segelk\u00e4hnen wurden die Segel gehi\u00dft. Ein Photograph watete durch den Sand mit dem Kasten am Riemen \u00fcber der Schulter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah nach der Uhr. Noch eine halbe Stunde, noch neunundzwanzig Minuten, dann wird er sie treffen. Er wird sie an der Hand nehmen, sie werden zusammen in den Wald gehen, da wo es ganz still ist. Und sie werden sich zusammen hinsetzen, Hand in Hand, verborgen im gr\u00fcnen Dickicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was soll er zu ihr reden, damit sie ihn nicht langweilig findet. Denn sie ist schon wie eine kleine Dame, man mu\u00df sie unterhalten, man mu\u00df Witze machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll er blo\u00df zu ihr reden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, er wird \u00fcberhaupt nichts sprechen, sie wird ihn auch so verstehen. Sie werden sich in die Augen sehen, die werden sich genug sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann wird sie ihm wieder ihren Mund hinhalten, er ihren Kopf leise in seinen Arm nehmen, so, so \u2013 er probierte es an einer Ginsterstaude\u00a0-, und dann wird er sie k\u00fcssen, ganz leise, ganz zart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so werden sie beieinander sitzen im Walde, beieinander bis es dunkel wird; o\u00a0wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n, wie unerme\u00dflich selig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie werden sich nie mehr verlassen. Er wird immer arbeiten, dann wird er schnell studieren, und eines Tages wird er sie heiraten. Und das Leben erschien dem Kinde wie eine klare gerade Stra\u00dfe, die in einem Himmel von ewiger Bl\u00e4ue zieht, kurz, einfach, ohne Ereignisse, wie ein ewiger Garten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand auf und ging \u00fcber den Strand durch die spielenden Kinder, die Leute und die Strandk\u00f6rbe hin. Ein Dampfer legte an, ein Strom von Menschen schwoll auf die Landungsbr\u00fccke zu. Es wurde gel\u00e4utet. Er bemerkte nichts von alledem, alles, was sonst seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte, war verschwunden. Sein Auge war nach innen gerichtet, als m\u00fc\u00dfte er alle seine Zeit darauf verwenden, den neuen Menschen zu studieren, der da mit einem Male aus seinem verschlossenen Kern gekrochen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam an die Bank, wo er seine kleine Freundin treffen wollte; sie war noch nicht da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es war ja auch noch zu fr\u00fch. Es fehlten ja noch zehn Minuten. Sie mu\u00dfte wahrscheinlich erst noch Kaffee trinken, sicher hatte sie ihre Mutter noch nicht fortgelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er setzte sich einige Minuten auf die Bank, stand dann wieder auf, lief einige Male in dem kleinen Baumrondell hin und her. Jetzt fehlten noch zwei Minuten, jetzt mu\u00dfte sie doch eigentlich schon zu sehen sein. Er schaute den Weg herunter nach ihr aus. Aber der Weg blieb leer. Seine B\u00e4ume verbargen niemand. Sie standen sanft vergoldet von der Nachmittagssonne ruhig in der Windstille, und durch ihr Laub zitterte das Licht auf den Weg, wie auf den Grund eines goldenen Baches. Der Laubgang war wie eine gro\u00dfe, gr\u00fcne, stille Halle und hinten in seinem Tore zitterte ein kleiner, blauer Streifen, fern wo Meer und Himmel ineinander verflossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zitterte. Er f\u00fchlte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. \u00bbWarum kommt sie nicht, warum kommt sie nicht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, ist das nicht ihr Hut, ist das nicht das wei\u00dfe Band? Das ist sie, das ist sie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Tor seiner Seele sprang auf, er f\u00fchlte sich wie von einem Sturme gesch\u00fcttelt, er lief ihr entgegen. Als er n\u00e4her kam, sah er, da\u00df er sich get\u00e4uscht hatte. Das war sie ja gar nicht, das war ja jemand anderes. Und in demselben Augenblick war ihm, als w\u00fcrde etwas in ihm erstickt, als sollte er erw\u00fcrgt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte pl\u00f6tzlich dasselbe Gef\u00fchl, das er einmal gehabt hatte, als er aus einem Hause gef\u00fchrt wurde, in dem er an einem Totenbette gestanden hatte: eine Art Ekel oder Widerwillen vor sich selbst. Dieses eigent\u00fcmliche besondere Gef\u00fchl bem\u00e4chtigte sich seiner immer dann, wenn ihm etwas Unangenehmes entgegentrat, dem er nicht ausweichen konnte, eine mathematische Arbeit, eine Zensur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber so stark wie eben hatte er es noch nicht gef\u00fchlt. Er konnte es beinahe auf der Zunge schmecken, bitter, wie etwas Graues.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Blut schien zu stocken; ihn \u00fcberkam eine Tr\u00e4gheit, die ihm unheimlich war. Seine Stirn war klein und grau, als h\u00e4tte jemand sie mit dem Schatten seiner Hand bedeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging langsam nach dem Rondell zur\u00fcck. \u00bbAber sie wird noch kommen, gewi\u00df.\u00ab Sie konnte sich ja versp\u00e4ten. Wenn sie nur noch k\u00e4me. Seinethalben konnte sie ja eine Viertelstunde zu sp\u00e4t kommen, wenn sie nur \u00fcberhaupt k\u00e4me.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah wieder nach der Uhr. Die Zeit war vorbei, und der Sekundenzeiger lief immer weiter hinaus wie eine kleine d\u00fcnne Spinne in einem silbernen K\u00e4fig. Ihr kleiner Fu\u00df trat auf die Sekunden, die in kleinen Strichen hinter ihr hinfielen, wie eine Art winzigen Staubes auf einer winzigen Landstra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun waren schon vier Minuten vorbei, nun schon f\u00fcnf. Und der Minutenzeiger stieg immer weiter auf den Stufen seiner kleinen Treppe herauf. Er wollte ihr entgegengehen. Aber, wenn sie nun von der anderen Seite k\u00e4me, was dann? Und er schwankte, sollte er bleiben, sollte er gehen? Aber seine Unrast trieb ihn fort. Er lief wieder einige Schritte den Weg herunter, dann blieb er wieder stehen, er kehrte wieder um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er setzte sich auf die Bank, sah vor sich hin. Und mit jeder Minute verlor sich seine Zuversicht mehr. Bis um f\u00fcnf Uhr wollte er noch warten, vielleicht k\u00e4me sie noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Ferne h\u00e4tte man ihn f\u00fcr einen alten Mann halten k\u00f6nnen, wie er da sa\u00df. Gekr\u00fcmmt, in sich verkrochen wie jemand, \u00fcber den viele Jahre Kummers dahingegangen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand noch einmal auf und ging langsam noch ein paar Schritte \u00fcber den Schauplatz seiner kindlichen Trag\u00f6die.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von fern h\u00f6rte er eine Uhr schlagen, aber das war noch zu fr\u00fch. Er verglich sie mit seiner Taschenuhr. Sicher, die dort schlug zu fr\u00fch. Es fehlten noch drei Minuten an f\u00fcnf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in diesen drei Minuten b\u00e4umte sich noch einmal die Hoffnung in seinem Herzen auf, die Sehnsucht, wie eine sterbende Flamme aus einem verl\u00f6schenden Brande, wie das Fanal des Lebens aus dem letzten Herzschlag eines Sterbenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, jetzt war es soweit. Jetzt schlugen alle T\u00fcrme aus der Stadt hinter dem Walde. Er sah eine Glocke schwingen in der klaren Luft, oben im Schalloch eines Kirchturms. Und bei jedem dieser dr\u00f6hnenden Schl\u00e4ge war es ihm, als w\u00fcrde ihm langsam, ruckweise, um seine Qual zu verl\u00e4ngern, das Herz aus der Brust gerissen. So, so, jetzt wird es bald drau\u00dfen sein, dachte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcrme schwiegen, es wurde wieder still. Und in seiner Brust wurde es ganz leer, es war ihm, als w\u00e4re darin ein gro\u00dfes hohles Loch, als tr\u00fcge er etwas Totes in sich herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kam ihm so vor, als h\u00e4tte ihm jemand etwas Dumpfes in sein Blut gegossen. Davon wurde sein Kopf so schwer, davon wurde er so m\u00fcde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber einem sonnigen Teich, der durch die B\u00e4ume der Anlagen her\u00fcberschimmerte, zeigten sich einige Rauchwolken aus dem Schornstein des Badehauses. Sie verflogen im Wind. Er sah ihnen teilnahmlos nach, wie sie im Lichte zergingen. Ein paar Stimmen wurden hinter den B\u00fcschen laut. Ein paar Kinderm\u00e4dchen kamen, die die Kinderwagen vor sich herschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie setzten sich ihm gegen\u00fcber auf die Bank im Rondell, sie hoben die Kinder aus den Wagen, die sogleich \u00fcber einen Sandhaufen purzelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stand er auf und ging fort, langsam, gedankenlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam wieder an den Strand herunter. Er ging wieder durch die Strandk\u00f6rbe. Da sa\u00dfen noch die alten Damen mit ihren B\u00fcchern, da stand der Photograph vor einer Gruppe von Menschen. Er mu\u00dfte wohl einen Witz gemacht haben, denn alle hatten lachende Gesichter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wurde von seiner Leidenschaft nach dem Strandkorbe hin\u00fcbergetrieben, in dem er am Mittag den Ku\u00df bekommen hatte, wie ein kleines Schiff, das der Sturm erbarmungslos auf einen Felsen jagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht sa\u00df sie darin. Das war seine letzte Hoffnung. Er schlich sich vorsichtig zwischen den Strandk\u00f6rben durch, immer n\u00e4her. Und die rote Fahne schien ihn von dem Dache heranzuwinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun war er ganz nahe. Eine ungewisse Angst hie\u00df ihn stehen bleiben. Da h\u00f6rte er ihre Stimme. Sie lachte. Und nun wieder eine andere Stimme, das war eine Knabenstimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schlich vorsichtig weiter in einem Bogen herum. Er warf sich in den Sand und kroch auf allen Vieren vorw\u00e4rts. Als er so weit war, da\u00df er sie sehen konnte, legte er sich hinter einen Sandh\u00fcgel und hob den Kopf etwas \u00fcber den Rand herauf<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sa\u00df sie auf dem Scho\u00df eines Jungen. Der Junge bog ihren Kopf herunter, gab ihr einen Ku\u00df, dann lie\u00df er ihn los. Seine Hand griff nach ihrem Bein, und fuhr langsam daran hinauf. Und sie lehnte sich an die Schulter des Jungen, weit zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Junge zog seinen Kopf wieder zur\u00fcck und kroch davon, mechanisch ein Bein hinter dem andern, eine Hand hinter der andern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er empfand eigentlich nichts, keinen Schmerz, keine Qual. Er hatte nur den einzigen Wunsch, sich zu verstecken, irgendwo hinkriechen und dann ganz still liegen, irgendwo sich einen kleinen Fleck suchen im Strandhafer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er weit genug war, erhob er sich aus dem Sand, ging er fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf seinem Wege traf er einen Schulkameraden, er verkroch sich hinter einem Zelt vor ihm. Von rechts kam seine Mutter und rief ihn her\u00fcber. Er tat, als h\u00e4tte er nichts geh\u00f6rt. Er begann zu laufen, \u00fcber die Strandk\u00f6rbe und \u00fcber die Menschen hinaus. Und bei seinem Laufen kam ihm pl\u00f6tzlich der Gedanke, da\u00df er heute schon einmal so gelaufen war, mittags, als er so gl\u00fccklich gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da \u00fcbermannte ihn die Qual. Er rettete sich schnell die D\u00fcnen herauf. Oben warf er sich hin, das Gesicht in den Halmen. Der Strandhafer nickte \u00fcber seinem Kopf wie ein Wald, ein paar Libellen kamen summend durch die Halme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das war das erste Mal im Leben des Knaben, da\u00df er an einem Tage den Becher der Seligkeit und den der Qual trank, er, der verurteilt war, noch oft von den Extremen der tiefsten Qualen und des wildesten Gl\u00fcckes ersch\u00fcttert zu werden, wie ein kostbares Gef\u00e4\u00df, das durch viele gl\u00fchende Flammen gewandert sein mu\u00df, ohne zu zerspringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Stra\u00dfe kam ihm vor wie ein langer Strich, die Leute, die an ihm vor\u00fcbergingen, schienen ihm wie lauter aufgeblasene wei\u00dfe Puppen. Was wu\u00dften sie auch von seiner Seligkeit. Er hatte sie gefragt: \u00bbDarf ich Sie k\u00fcssen?\u00ab, der kleine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/30\/ein-nachmittag\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":242,"featured_media":97875,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[429],"class_list":["post-97310","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-georg-heym"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/242"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=97310"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100165,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97310\/revisions\/100165"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97875"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=97310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}