{"id":97301,"date":"2022-05-31T00:01:48","date_gmt":"2022-05-30T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97301"},"modified":"2022-02-24T11:49:23","modified_gmt":"2022-02-24T10:49:23","slug":"das-schiff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/31\/das-schiff\/","title":{"rendered":"Das Schiff"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein kleiner Kahn, ein Korallenschiffer, der \u00fcber Kap York in der Harafuhra-See kreuzte. Manchmal bekamen sie im blauen Norden die Berge von Neu-Guinea ins Gesicht, manchmal im S\u00fcden die \u00f6den australischen K\u00fcsten wie einen schmutzigen Silberg\u00fcrtel, der \u00fcber den zitternden Horizont gelegt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waren sieben Mann an Bord. Der Kapit\u00e4n, ein Engl\u00e4nder, zwei andere Engl\u00e4nder, ein Ire, zwei Portugiesen und der chinesische Koch. Und weil sie so wenig waren, hatten sie gute Freundschaft gehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sollte das Schiff herunter nach Brisbane gehen. Dort sollte gel\u00f6scht werden, und dann gingen die Leute auseinander, die einen dahin, die andern dorthin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf ihrem Kurs kamen sie durch einen kleinen Archipel, rechts und links ein paar Inseln, Reste von der gro\u00dfen Br\u00fccke, die einmal vor einer Ewigkeit die beiden Kontinente von Australien und Neu-Guinea verbunden hatte. Jetzt rauschte dar\u00fcber der Ozean, und das Lot kam ewig nicht auf den Grund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lie\u00dfen den Kahn in eine kleine schattige Bucht der Insel einlaufen und gingen vor Anker. Drei Mann gingen an Land, um nach den Bewohnern der Insel zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wateten durch den Uferwald, dann krochen sie m\u00fchsam \u00fcber einen Berg, kamen durch eine Schlucht, wieder \u00fcber einen bewaldeten Berg. Und nach ein paar Stunden kamen sie wieder an die See.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nirgends war etwas Lebendes auf der ganzen Insel. Sie h\u00f6rten keinen Vogel rufen, kein Tier kam ihnen in den Weg. \u00dcberall war eine schreckliche Stille. Selbst das Meer vor ihnen war stumm und grau. \u00bbAber jemand mu\u00df doch hier sein, zum Teufel\u00ab, sagte der Ire.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie riefen, schrien, schossen ihre Revolver ab. Es r\u00fchrte sich nichts, niemand kam. Sie wanderten den Strand entlang durch Wasser, \u00fcber Felsen und Ufergeb\u00fcsch, niemand begegnete ihnen. Die hohen B\u00e4ume sahen auf sie herab wie gro\u00dfe gespenstische Wesen ohne Rauschen, wie riesige Tote in einer furchtbaren Starre. Eine Art Beklemmung, dunkel und geheimnisvoll, fiel \u00fcber sie her. Sie wollten sich gegenseitig ihre Angst ausreden. Aber wenn sie einander in die wei\u00dfen Gesichter sahen, so blieben sie stumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kamen endlich auf eine Landzunge, die wie ein letzter Vorsprung, eine letzte Zuflucht in die See hinauslief. An der \u00e4u\u00dfersten Spitze, wo sich ihr Weg wieder umbog, sahen sie etwas, was sie f\u00fcr einen Augenblick starr werden lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da lagen \u00fcbereinander drei Leichen, zwei M\u00e4nner, ein Weib, noch in ihren primitiven Waschkleidern. Aber auf ihrer Brust, ihren Armen, ihrem Gesicht, \u00fcberall waren rote und blaue Flecken wie unz\u00e4hlige Insektenstiche. Und ein paar gro\u00dfe Beulen waren an manchen Stellen wie gro\u00dfe H\u00fcgel aus ihrer geborstenen Haut getrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So schnell sie konnten, verlie\u00dfen sie die Leichen. Es war nicht der Tod, der sie verjagte. Aber eine r\u00e4tselhafte Drohung schien auf den Gesichtern dieser Leichname zu stehen, etwas B\u00f6ses schien unsichtbar in der stillen Luft zu lauern, etwas, wof\u00fcr sie keinen Namen hatten, und das doch da war, ein unerbittlicher eisiger Schrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich begannen sie zu laufen, sie rissen sich an den Dornen. Immer weiter. Sie traten einander fast auf die Hacken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte, ein Engl\u00e4nder, blieb einmal an einem Busch h\u00e4ngen; als er sich losrei\u00dfen wollte, sah er sich unwillk\u00fcrlich um. Und da glaubte er hinter einem gro\u00dfen Baumstamm etwas zu sehen, eine kleine schwarze Gestalt wie eine Frau in einem Trauerkleid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er rief seine Gef\u00e4hrten und zeigte nach dem Baum. Aber es war nichts mehr da. Sie lachten ihn aus, aber ihr Lachen hatte einen heiseren Klang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich kamen sie wieder an das Schiff. Das Boot ging zu Wasser und brachte sie an Bord.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auf eine geheime Verabredung erz\u00e4hlten sie nichts von dem, was sie gesehen hatten. Irgend etwas schlo\u00df ihnen den Mund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Franzose am Abend \u00fcber die Reling lehnte, sah er \u00fcberall unten aus dem Schiffsraum, aus allen Luken und Ritzen scharenweise die Armeen der Schiffsratten ausziehen. Ihre dicken, braunen Leiber schwammen im Wasser der Bucht, \u00fcberall glitzerte das Wasser von ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Zweifel, die Ratten wanderten aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging zu dem Iren und erz\u00e4hlte ihm, was er gesehen hatte. Aber der sa\u00df auf einem Tau, starrte vor sich hin und wollte nichts h\u00f6ren. Und auch der Engl\u00e4nder sah ihn w\u00fctend an, als er zu ihm vor die Kaj\u00fcte kam. Da lie\u00df er ihn stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde Nacht und die Mannschaften gingen herunter in die H\u00e4ngematten. Alle f\u00fcnf Mann lagen zusammen. Nur der Kapit\u00e4n schlief allein in einer Koje hinten unter dem Deck. Und die H\u00e4ngematte des Chinesen hing in der Schiffsk\u00fcche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Franzose vom Deck herunter kam, sah er, da\u00df der Ire und der Engl\u00e4nder miteinander ins Pr\u00fcgeln geraten waren. Sie w\u00e4lzten sich zwischen den Schiffskisten herum, ihr Gesicht war blau vor Wut. Und die andern standen herum und sahen zu. Er fragte den einen von den Portugiesen nach dem Grund dieses Zweikampfes und erhielt die Antwort, da\u00df die beiden um einen Wollfaden zum Strumpfstopfen, den der Engl\u00e4nder dem Iren fortgenommen h\u00e4tte, ins Hauen gekommen w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich lie\u00dfen sich die beiden los, jeder kroch in einen Winkel der Kaj\u00fcte und blieb da sitzen, stumm zu den Sp\u00e4\u00dfen der anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich lagen sie alle in den H\u00e4ngematten, nur der Ire rollte seine Matte zusammen und ging mit ihr auf Deck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben durch den Kaj\u00fcteneingang war dann wie ein schwarzer Schatten zwischen Bugspriet und einem Tau seine H\u00e4ngematte zu sehen, die zu den leisen Schwingungen des Schiffes hin und her schaukelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die bleierne Atmosph\u00e4re einer tropischen Nacht, voll von schweren Nebeln und stickigen D\u00fcnsten, senkte sich auf das Schiff und h\u00fcllte es ein, d\u00fcster und trostlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle schliefen schon in einer schrecklichen Stille, und das Ger\u00e4usch ihres Atems klang dumpf von fern, wie unter dem schweren Deckel eines riesigen schwarzen Sarges hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Franzose wehrte sich gegen den Schlaf, aber allm\u00e4hlich f\u00fchlte er sich erschlaffen in einem vergeblichen Kampf, und vor seinem zugefallenen Auge zogen die ersten Traumbilder, die schwankenden Vorboten des Schlafes. Ein kleines Pferd, jetzt waren es ein paar M\u00e4nner mit riesengro\u00dfen altmodischen H\u00fcten, jetzt ein dicker Holl\u00e4nder mit einem langen wei\u00dfen Knebelbart, jetzt ein paar kleine Kinder, und dahinter kam etwas, das aussah wie ein gro\u00dfer Leichenwagen durch hohle Gassen in einem tr\u00fcben Halbdunkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schlief ein. Und im letzten Augenblick hatte er das Gef\u00fchl, als ob jemand hinten in der Ecke st\u00e4nde, der ihn unverwandt anstarrte. Er wollte noch einmal seine Augen aufrei\u00dfen, aber eine bleierne Hand schlo\u00df sie zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die lange D\u00fcnung schaukelte unter dem schwarzen Schiffe, die Mauer des Urwaldes warf ihren Schatten weit hinaus in die kaum erhellte Nacht, und das Schiff versank tief in die mittern\u00e4chtliche Dunkelheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mond steckte seinen gelben Sch\u00e4del zwischen zwei hohen Palmen hervor. Eine kurze Zeit wurde es hell, dann verschwand er in die dicken, treibenden Nebel. Nur manchmal erschien er noch zwischen den treibenden Wolkenfetzen, tr\u00fcb und klein, wie das schreckliche Auge der Blinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich zerri\u00df ein langer Schrei die Nacht, scharf wie mit einem Beil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam hinten aus der Kaj\u00fcte des Kapit\u00e4ns, so laut, als w\u00e4re er unmittelbar neben den Schlafenden gerufen. Sie fuhren in ihren H\u00e4ngematten auf, und durch das Halbdunkel sahen sie einander in die wei\u00dfen Gesichter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Sekunden blieb es still; auf einmal hallte es wieder, ganz laut, dreimal. Und das Geschrei weckte ein schreckliches Echo in der Ferne der Nacht, irgendwo in den Felsen, nun noch einmal, ganz fern, wie ein ersterbendes Lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute tasteten nach Licht, nirgends war welches zu finden. Da krochen sie wieder in ihre H\u00e4ngematten und sa\u00dfen ganz aufrecht darin wie gel\u00e4hmt, ohne zu reden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nach ein paar Minuten h\u00f6rten sie einen schlurfenden Schritt \u00fcber Deck kommen. Jetzt war es \u00fcber ihren H\u00e4uptern, jetzt kam ein Schatten vor der Kaj\u00fctent\u00fcr vorbei. Jetzt ging es nach vorn. Und w\u00e4hrend sie mit weit aufgerissenen Augen einander anstarrten, kam von vorn aus der H\u00e4ngematte des Iren noch einmal der laute, langgezogene Schrei des Todes. Dann ein R\u00f6cheln, kurz, kurz, das zitternde Echo und Grabesstille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit einem Male dr\u00e4ngte sich der Mond wie das fette Gesicht eines Malaien in ihre T\u00fcr, \u00fcber die Treppe, gro\u00df und wei\u00df, und spiegelte sich in ihrer schrecklichen Bl\u00e4sse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Lippen waren weit auseinander gerissen, und ihre Kiefer vibrierten vor Schrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eine der Engl\u00e4nder hatte einmal den Versuch gemacht, etwas zu sagen, aber die Zunge bog sich in seinem Munde nach r\u00fcckw\u00e4rts, sie zog sich zusammen; pl\u00f6tzlich fiel sie lang heraus wie ein roter Lappen \u00fcber seine Unterlippe. Sie war gel\u00e4hmt, und er konnte sie nicht mehr zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Stirnen waren kreidewei\u00df. Und darauf sammelte sich in gro\u00dfen Tropfen der kalte Schwei\u00df des ma\u00dflosen Grauens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so ging die Nacht dahin in einem phantastischen Halbdunkel, das der gro\u00dfe versinkende Mond unten auf dem Boden der Kaj\u00fcte ausstreute. Aber auf den H\u00e4nden der Matrosen erschienen manchmal seltsame Figuren, uralten Hieroglyphen vergleichbar, Dreiecke, Pentagrammata, Zeichnungen von Gerippen oder Totenk\u00f6pfen, aus deren Ohren gro\u00dfe Fledermausfl\u00fcgel herauswuchsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam versank der Mond. Und in dem Augenblick, wo sein riesiges Haupt oben hinter der Treppe verschwand, h\u00f6rten sie aus der Schiffsk\u00fcche vorn ein trockenes \u00c4chzen und dann ganz deutlich ein leises Gemecker, wie es alte Leute an sich haben, wenn sie lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das erste Morgengrauen flog mit schrecklichem Fittich \u00fcber den Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen sich einander in die aschgrauen Gesichter, kletterten aus ihren H\u00e4ngematten und mit zitternden Gliedern krochen sie alle herauf auf das Verdeck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gel\u00e4hmte mit seiner heraush\u00e4ngenden Zunge kam zuletzt herauf. Er wollte etwas sagen, aber er bekam nur ein gr\u00e4\u00dfliches Stammeln heraus. Er zeigte auf seine Zunge und machte die Bewegung des Zur\u00fcckschiebens. Und der eine der Portugiesen fa\u00dfte seine Zunge an mit vor Angst blauen Fingern und zw\u00e4ngte ihm die Zunge in den Schlund zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blieben dicht aneinander gedr\u00e4ngt vor der Schiffsluke stehen und sp\u00e4hten \u00e4ngstlich \u00fcber das langsam heller werdende Deck. Aber da war niemand. Nur vorn schaukelte noch der Ire in seiner H\u00e4ngematte im frischen Morgenwind, hin und her, hin und her, wie eine riesige schwarze Wurst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gleichsam, wie magnetisch angezogen, gingen sie langsam in allen Gelenken schlotternd auf den Schl\u00e4fer zu. Keiner rief ihn an. Jeder wu\u00dfte, da\u00df er keine Antwort bekommen w\u00fcrde. Jeder wollte das Gr\u00e4\u00dfliche so lange wie m\u00f6glich hinausschieben. Und nun waren sie da, und mit langen H\u00e4lsen starrten sie auf das schwarze B\u00fcndel da in der Matte. Seine wollene Decke war bis an seine Stirn hochgezogen. Und seine Haare flatterten bis \u00fcber seine Schl\u00e4fen. Aber sie waren nicht mehr schwarz, sie waren in dieser Nacht schlohwei\u00df geworden. Einer zog die Decke von dem Haupte herunter, und da sahen sie das fahle Gesicht einer Leiche, die mit aufgerissenen und verglasten Augen in den Himmel starrte. Und die Stirn und die Schl\u00e4fen waren \u00fcbers\u00e4t mit roten Flecken, und an der Nasenwurzel dr\u00e4ngte sich wie ein Horn eine gro\u00dfe blaue Beule heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist die Pest.\u00ab Wer von ihnen hatte das gesprochen? Sie sahen sich alle feindselig an und traten schnell aus dem giftigen Bereich des Todes zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Male kam ihnen allen zugleich die Erkenntnis, da\u00df sie verloren waren. Sie waren in mitleidlosen H\u00e4nden eines furchtbaren unsichtbaren Feindes, der sie vielleicht nur f\u00fcr eine kurze Zeit verlassen hatte. In diesem Augenblick konnte er aus dem Segelwerk heruntersteigen oder hinter einem Mastbaum hervorkriechen; er konnte in der n\u00e4mlichen Sekunde schon aus der Kaj\u00fcte kommen oder sein schreckliches Gesicht \u00fcber den Bord heben, um sie wie wahnsinnig \u00fcber das Schiffsdeck zu jagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in jedem von ihnen keimte gegen seine Schicksalsgenossen eine dunkle Wut, \u00fcber deren Grund er sich keine Rechenschaft geben konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gingen auseinander. Der eine stellte sich neben das Schiffsboot, und sein bleiches Gesicht spiegelte sich unten im Wasser. Die andern setzten sich irgendwo auf die Bordbank, keiner sprach mit dem andern, aber sie blieben sich doch alle so nahe, da\u00df sie in dem Augenblick, wo die Gefahr greifbar wurde, wieder zusammenlaufen konnten. Aber es geschah nichts. Und doch wu\u00dften sie alle, es war da und belauerte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo sa\u00df es. Vielleicht mitten unter ihnen auf dem Verdeck, wie ein unsichtbarer wei\u00dfer Drache, der mit seinen zitternden Fingern nach ihren Herzen tastete und das Gift der Krankheit mit seinem warmen Atem \u00fcber das Deck ausbreitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Waren sie nicht schon krank, f\u00fchlten sie nicht irgendwie eine dumpfe Bet\u00e4ubung und den ersten Ansturm eines t\u00f6dlichen Fiebers? Dem Mann an Bord schien es so, als wenn unter ihm das Schiff anfing zu schaukeln und zu schwanken, bald schnell, bald langsam. Er sah sich nach den andern um und sah in lauter gr\u00fcne Gesichter, wie sie in Schatten getaucht waren, und schon ein schreckliches Bla\u00dfgrau in einzelnen Flecken auf den eingesunkenen Backen trugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht sind die \u00fcberhaupt schon tot und du bist der einzige, der noch lebt\u00ab, dachte er sich. Und bei diesem Gedanken lief ihm die Furcht eiskalt \u00fcber den Leib. Es war, als h\u00e4tte pl\u00f6tzlich aus der Luft heraus eine eisige Hand nach ihm gegriffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam wurde es Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den grauen Ebenen des Meeres, \u00fcber den Inseln, \u00fcberall lag ein grauer Nebel, feucht, warm und erstickend. Ein kleiner roter Punkt stand am Rande des Ozeans, wie ein entz\u00fcndetes Auge. Die Sonne ging auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Qual des Wartens auf das Ungewisse trieb die Leute von ihren Pl\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sollte nun werden? Man mu\u00dfte doch einmal heruntergehen, man mu\u00dfte etwas essen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Gedanke: dabei vielleicht \u00fcber Leichen steigen zu m\u00fcssen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, auf der Treppe h\u00f6rten sie ein leises Bellen. Und nun kam zuerst die Schnauze des Schiffshundes zum Vorschein. Nun der Leib, nun der Kopf, aber was hing an seinem Maul? Und ein rauher Schrei des Entsetzens kam aus vier Kehlen zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An seinem Maul hing der Leichnam des alten Kapit\u00e4ns; seine Haare zuerst, sein Gesicht, sein ganzer fetter Leib in einem schmutzigen Nachthemde kam heraus, von dem Hunde langsam auf das Deck gezerrt. Und nun lag er oben vor der Kaj\u00fctentreppe, aber auf seinem Gesicht brannten dieselben schrecklichen roten Flecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Hund lie\u00df ihn los und verkroch sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich h\u00f6rten sie ihn fern in einem Winkel laut murren, in ein paar S\u00e4tzen kam er von hinten wieder nach vorn, aber als er an dem Gro\u00dfmast vorbeikam, blieb er pl\u00f6tzlich stehen, warf sich herum, streckte seine Beine wie abwehrend in die Luft. Aber mitleidslos schien ihn ein unsichtbarer Verfolger in seinen Krallen zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen des Hundes quollen heraus als wenn sie auf Stielen s\u00e4\u00dfen, seine Zunge kam aus dem Maul. Er r\u00f6chelte ein paarmal, als wenn ihm der Schlund zugedr\u00fcckt w\u00fcrde. Ein letzter Krampf sch\u00fcttelte ihn, er streckte seine Beine von sich, er war tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gleich darauf h\u00f6rte der Franzose den schl\u00fcrfenden Schritt neben sich ganz deutlich, w\u00e4hrend das Grauen wie ein eherner Hammer auf seinen Sch\u00e4del schlug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte seine Augen schlie\u00dfen, aber es gelang ihm nicht. Er war nicht mehr Herr seines Willens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schritte gingen geradenwegs auf das Deck, auf den Portugiesen zu, der sich r\u00fccklings gegen die Schiffswand gelehnt hatte und seine H\u00e4nde wie wahnsinnig in die Bordwand krallte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann sah offenbar etwas. Er wollte fortlaufen, er schien seine Beine mit Gewalt vom Boden rei\u00dfen zu wollen, aber er hatte keine Kraft. Das unsichtbare Wesen schien ihn anzufassen. Da ri\u00df er gleichsam wie im \u00dcberma\u00df seiner Anstrengung seine Z\u00e4hne auseinander, und er stammelte mit einer blechernen Stimme, die wie aus einer weiten Ferne heraufzukommen schien, die Worte: \u00bbMutter, Mutter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Augen brachen, sein Gesicht wurde grau wie Asche. Der Krampf seiner Glieder l\u00f6ste sich. Und er fiel vorn\u00fcber, und er schlug schwer mit der Stirn auf das Deck des Schiffes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das unsichtbare Wesen setzte seinen Weg fort, er h\u00f6rte wieder die schleppenden Schritte. Es schien auf die beiden Engl\u00e4nder loszugehen. Und das schreckliche Schauspiel wiederholte sich noch einmal. Und auch hier war es wieder derselbe zweimalige Ruf, den die letzte Todesangst aus ihrer Kehle pre\u00dfte, der Ruf. \u00bbMutter, Mutter\u00ab, in dem ihr Leben entfloh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd nun wird es zu mir kommen\u00ab, dachte der Franzose. Aber es kam nichts, alles blieb still. Und er war allein mit den Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Morgen ging dahin. Er r\u00fchrte sich nicht von seinem Fleck. Er hatte nur den einen Gedanken, wann wird es kommen. Und seine Lippen wiederholten mechanisch immerfort diesen kleinen Satz: \u00bbWann wird es kommen, wann wird es kommen?\u00ab Die Nebel hatten sich langsam verteilt. Und die Sonne, die nun schon nahe am Mittag stand, hatte das Meer in eine ungeheure strahlende Fl\u00e4che verwandelt, in eine ungeheure silberne Platte, die selber wie eine zweite Sonne ihr Licht in den Raum hinausstrahlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war wieder still. Die Hitze der Tropen brodelte \u00fcberall in der Luft. Die Luft schien zu kochen. Und der Schwei\u00df rann ihm in dicken Furchen \u00fcber das graue Gesicht. Sein Kopf, auf dessen Scheitel die Sonne stand, kam ihm vor wie ein riesiger roter Turm, voll von Feuer. Er sah seinen Kopf ganz deutlich von innen heraus in den Himmel wachsen. Immer h\u00f6her, und immer hei\u00dfer wurde er innen. Aber drinnen, \u00fcber eine Wendeltreppe, deren letzte Spiralen sich in dem wei\u00dfen Feuer der Sonne verloren, kroch ganz langsam eine schl\u00fcpfrige wei\u00dfe Schnecke. Ihre F\u00fchler tasteten sich in den Turm herauf, w\u00e4hrend ihr feuchter Schweif sich noch in seinem Halse herumwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte die dunkle Empfindung, da\u00df es doch eigentlich zu hei\u00df w\u00e4re, das k\u00f6nnte doch eigentlich kein Mensch aushalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da \u2013 bum \u2013 schlug ihm jemand mit einer feurigen Stange auf den Kopf, er fiel lang hin. Das ist der Tod, dachte er. Und nun lag er eine Weile auf den gl\u00fchenden Schiffsplanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich wachte er wieder auf. Ein leises d\u00fcnnes Gel\u00e4chter schien sich hinter ihm zu verlieren. Er sah auf, und da sah er: das Schiff fuhr, das Schiff fuhr, alle Segel waren besetzt. Sie bauschten sich wei\u00df und bl\u00e4hend, aber es ging kein Wind, nicht der leiseste Hauch. Das Meer lag spiegelblank, wei\u00df, eine feurige H\u00f6lle. Und in dem Himmel oben, im Zenit, zerflo\u00df die Sonne wie eine riesige Masse wei\u00dfgl\u00fchenden Eisens. Oberall troff sie \u00fcber den Himmel hin, \u00fcberall klebte ihr Feuer, und die Luft schien zu brennen. Ganz in der Ferne, wie ein paar blaue Punkte, lagen die Inseln, bei denen sie geankert hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit einem Male war das Entsetzen wieder oben, riesengro\u00df wie ein Tausendf\u00fc\u00dfler, der durch seine Adern lief und sie hinter sich erstarren machte, wo er mit dem Gewimmel seiner kalten Beinchen hindurchkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor ihm lagen die Toten. Aber ihr Gesicht stand nach oben. Wer hatte sie umgedreht? Ihre Haut war blaugr\u00fcn. Ihre wei\u00dfen Augen sahen ihn an. Die beginnende Verwesung hatte ihre Lippen auseinander gezogen und die Backen in ein wahnsinniges L\u00e4cheln gekr\u00e4uselt. Nur der Leichnam des Iren schlief ruhig in seiner H\u00e4ngematte. Er versuchte sich langsam an dem Schiffsbord in die H\u00f6he zu ziehen, gedankenlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die unsagbare Angst machte ihn schwach und kraftlos. Er sank in seine Knie. Und jetzt wu\u00dfte er, jetzt wird es kommen. Hinter dem Mastbaum stand etwas. Ein schwarzer Schatten. Jetzt kam es mit seinem schlurfenden Schritte \u00fcber Deck. Jetzt stand es hinter dem Kaj\u00fctendache, jetzt kam es hervor. Eine alte Frau in einem schwarzen altmodischen Kleid, lange wei\u00dfe Locken fielen ihr zu beiden Seiten in das blasse alte Gesicht. Darin steckten ein paar Augen von unbestimmter Farbe wie ein paar Kn\u00f6pfe, die ihn unverwandt ansahen. Und \u00fcberall war ihr Gesicht mit den blauen und roten Pusteln \u00fcbers\u00e4t, und wie ein Diadem standen auf ihrer Stirn zwei rote Beulen, \u00fcber die ihr wei\u00dfes Gro\u00dfmutterh\u00e4ubchen gezogen war. Ihr schwarzer Reifrock knitterte, und sie kam auf ihn zu. In einer letzten Verzweiflung richtete er sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen auf. Sein Herz schlug nicht mehr. Er fiel wieder hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun war sie schon so nahe, da\u00df er ihren Atem wie eine Fahne aus ihrem Munde wehen sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch einmal richtete er sich auf. Sein linker Arm war schon gel\u00e4hmt. Etwas zwang ihn stehen zu bleiben, etwas Riesiges hielt ihn fest. Aber er gab den Kampf noch nicht auf. Er dr\u00fcckte es mit seiner rechten Hand herunter, er ri\u00df sich los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit schwankenden Schritten, ohne Besinnung, st\u00fcrzte er den Bord entlang, an dem Toten in der H\u00e4ngematte vorbei, vorn, wo die gro\u00dfe Strickleiter vom Ende des Bugspriets zu dem vordersten Maste herauflief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kletterte daran herauf, er sah sich um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Pest war hinter ihm her. Jetzt war sie schon auf den untersten Sprossen. Er mu\u00dfte also h\u00f6her, h\u00f6her. Aber die Pest lie\u00df nicht los, sie war schneller wie er, sie mu\u00dfte ihn einholen. Er griff mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zugleich in die Stricke, trat da- und dorthin, geriet mit einem Fu\u00dfe durch die Maschen, ri\u00df ihn wieder heraus, kam oben an. Da war die Pest noch ein paar Meter entfernt. Er kletterte an der h\u00f6chsten Rahe entlang. Am Ende war ein Seil. Er kam an dem Ende der Rahe an. Aber wo war das Seil? Da war leerer Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tief unten war das Meer und das Deck. Und gerade unter ihm lagen die beiden Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte zur\u00fcck, da war die Pest schon am anderen Ende der Rahe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun kam sie freischwebend auf dem Holze heran wie ein alter Matrose mit wiegendem Gang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun waren es nur noch sechs Schritte, nur noch f\u00fcnf. Er z\u00e4hlte leise mit, w\u00e4hrend die Todesangst in einem gewaltigen Krampf seine Kinnbacken auseinanderri\u00df, als wenn er g\u00e4hnte. Drei Schritte, zwei Schritte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wich zur\u00fcck, griff mit den H\u00e4nden in die Luft, wollte sich irgendwo festhalten, \u00fcberschlug sich und st\u00fcrzte krachend auf das Deck, mit dem Kopf zuerst auf eine eiserne Planke. Und da blieb er liegen mit zerschmettertem Sch\u00e4del.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein schwarzer Sturm zog schnell im Osten \u00fcber dem stillen Ozean auf. Die Sonne verbarg sich in den dicken Wolken, wie ein Sterbender, der ein Tuch \u00fcber sein Gesicht zieht. Ein paar gro\u00dfe chinesische Dschunken, die aus dem Halbdunkel herauskamen, hatten alle Segel besetzt und fuhren rauschend vor dem Sturme einher mit brennenden G\u00f6tterlampen und Pfeifenget\u00f6n. Aber an ihnen vorbei fuhr das Schiff riesengro\u00df wie der fliegende Schatten eines D\u00e4mons. Auf dem Deck stand eine schwarze Gestalt. Und in dem Feuerschein schien sie zu wachsen, und ihr Haupt erhob sich langsam \u00fcber die Masten, w\u00e4hrend sie ihre gewaltigen Arme im Kreise herumschwang gleich einem Kranich gegen den Wind. Ein fahles Loch tat sich auf in den Wolken. Und das Schiff fuhr geradenwegs hinein in die schreckliche Helle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war ein kleiner Kahn, ein Korallenschiffer, der \u00fcber Kap York in der Harafuhra-See kreuzte. Manchmal bekamen sie im blauen Norden die Berge von Neu-Guinea ins Gesicht, manchmal im S\u00fcden die \u00f6den australischen K\u00fcsten wie einen schmutzigen Silberg\u00fcrtel, der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/31\/das-schiff\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":242,"featured_media":97875,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[429],"class_list":["post-97301","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-georg-heym"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/242"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=97301"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100160,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97301\/revisions\/100160"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97875"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=97301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}