{"id":97295,"date":"2022-04-29T00:01:34","date_gmt":"2022-04-28T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97295"},"modified":"2022-02-24T07:18:33","modified_gmt":"2022-02-24T06:18:33","slug":"jonathan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/29\/jonathan\/","title":{"rendered":"Jonathan"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan lag schon den dritten Tag in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Krankenstube. Schon den dritten Tag, und die Stunden liefen immer langsamer und langsamer. Wenn er die Augen zumachte, h\u00f6rte er sie langsam an den W\u00e4nden herabsickern wie einen ewigen Fall langsamer Tropfen in einem dunklen Kellerloch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ihm beide Beine in dicken Schienen lagen, so konnte er sich kaum r\u00fchren, und wenn die Schmerzen aus seinen gebrochenen Knien langsam an ihm heraufkrochen, hatte er niemand, an dem er sich festhalten konnte, keine Hand, keinen Trost, kein z\u00e4rtliches Wort. Wenn er nach der Schwester klingelte, kam sie herein, m\u00fcrrisch, langsam, verdrossen. Als sie ihn \u00fcber seine Schmerzen klagen h\u00f6rte, verbat sie sich diese unn\u00fctze N\u00f6rgelei. Dann k\u00f6nnte sie jede Stunde tausendmal rennen, sagte sie, und sie schlug die T\u00fcre hinter sich zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er war wieder allein, wieder verlassen, wieder seinen Qualen ausgeliefert, ein verlorener Posten, \u00fcber den von allen Seiten, von unten, von oben, von den W\u00e4nden die Schmerzen ihre langen wei\u00dfen, zitternden Finger ausstreckten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dunkelheit des fr\u00fchen Herbstabends kroch durch die leeren Fenster in das elende Zimmer, es wurde dunkler und dunkler. Der kleine Jonathan lag in seinen gro\u00dfen wei\u00dfen Kissen, er r\u00fchrte sich nicht mehr. Und sein Bett schien mit ihm auf einem h\u00f6llischen Strome herunterzuschwimmen, dessen ewige K\u00e4lte in die ewige Starre einer verlorenen W\u00fcste endlos zu laufen schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcr ging auf, die Schwester kam mit der Lampe aus dem Nebenzimmer herein. W\u00e4hrend die T\u00fcr offen war, warf er einen Blick hin\u00fcber in das Nachbarzimmer. Bis heute Mittag war es leer gewesen. Er hatte das Bett, ebenso eisern und gewaltig wie das seine, noch leer gesehen, weit offenstehend, wie ein Maul, das nach einem neuen Kranken zu schnappen schien. Er sah, da\u00df das Bett nicht mehr leer war. Er hatte im Schatten des gro\u00dfen Kopfkissens einen bleichen Kopf liegen sehen. Es war wohl ein M\u00e4dchen, so viel er in der D\u00e4mmerung der tr\u00fcben Lampe erkennen konnte. Eine Kranke wie er, eine Leidensgenossin, eine Freundin, jemand, an dem er sich halten k\u00f6nnte, jemand wie er, herausgeworfen aus dem Garten des Lebens. Ob sie ihm antworten w\u00fcrde, was mochte ihr Leiden sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch sie hatte ihn gesehen, er sah es. Und die Blicke der Kranken begegneten sich in der T\u00fcr, ein kurzer fl\u00fcchtiger Gru\u00df, ein kurzes Zeichen des Gl\u00fccks. Und wie der leise Fl\u00fcgel eines kleinen Vogels, so zitterte in diesen Augenblicken sein Herz in einer neuen und geheimnisvollen Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich klingelte es dreimal laut im Korridor, in kurzen Abs\u00e4tzen, scharf wie ein Befehl. Die Schwester lief auf das Klingelzeichen hinaus, und sie schlo\u00df die T\u00fcr nach dem Nebenzimmer hinter sich zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war das Zeichen, da\u00df irgendwo eine Gefahr war, vielleicht da\u00df jemand nahe am Tode war. Dieses Zeichen hatte Jonathan schon gelernt, und er zitterte vor Schreck bei dem Gedanken, da\u00df jetzt jemand in dieser elenden dumpfen Atmosph\u00e4re seinen letzten Seufzer tun k\u00f6nnte. Ach warum hier sterben, hier, wo man den Tod an jedem Bette stehen sah, hier, wo man dem Tode ausgeliefert war wie eine Nummer, mit sehenden Augen, hier, wo jeder Gedanke vom Tode infiziert war, hier, wo es keine Illusionen mehr gab, wo alles nackt, kalt und grausam war. Wahrhaftig, ein zum Tode Verurteilter hatte es besser, denn seine Qual dauerte nur einen Tag, so lange verh\u00fcllte man ihm sein Ende; sie aber waren vom Tage des Einganges in diese Zimmer preisgegeben der Einsamkeit, der Dunkelheit, der entsetzlichen Trauer der Herbstabende, dem Winter, dem Tode, einer ewigen H\u00f6lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie mu\u00dften ruhig in ihren Betten liegen, sie mu\u00dften sich den k\u00f6rperlichen Schmerzen hingeben, sie wurden bei lebendigem Leibe geschunden, ach. Und um ihre Leiden zu verh\u00f6hnen, um ihre Ohnmacht ihnen ewig vor Augen zu halten, hing am Fu\u00dfende eines jeden Bettes der sterbende Christus an einem gro\u00dfen wei\u00dfen Kreuze vor einem dunkelnden Himmel. Der arme Christus, der nur schmerzlich seine Schultern gezuckt hatte, als die Juden ihn um das Wunder baten: bist du Christus, so steige herab vom Kreuz. Und aus seinen gebrochenen Augen, die schon auf unz\u00e4hlige Kranke in diesen Bettst\u00e4tten gesehen hatten, von seinem schmerzlich verzogenen Mund, der schon den Duft einer Unzahl grauenhafter Wunden geatmet hatte, von diesem Sch\u00e4cher am Kreuz ging eine furchtbare Ohnmacht aus, die die Seelen der Kranken verd\u00fcsterte und alles erstickte, was noch nicht Tod und Verzweiflung war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich ging die T\u00fcr in das Nebenzimmer leise auf. Sie war vielleicht nicht ganz geschlossen gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Jonathan sah wieder hin\u00fcber in das bleiche Gesicht seiner neuen Nachbarin, das er \u00fcber den Gedanken des Todes fast vergessen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcr blieb offen. Auch die Kranke sah wieder zu ihm her\u00fcber, er f\u00fchlte es durch das Halbdunkel. Und in dieser fl\u00fcchtigen Sekunde begr\u00fc\u00dften sie sich schweigend \u00fcber der Schwelle, sie pr\u00fcften einander, sie erkannten sich, und sie verbanden sich wie zwei Schiffbr\u00fcchige, die in einem uferlosen Ozean nebeneinander dahintreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe Sie am Nachmittag so viel st\u00f6hnen h\u00f6ren, haben Sie gro\u00dfe Schmerzen? Warum liegen Sie hier?\u00ab h\u00f6rte er ihre leise Stimme, die von ihrer Krankheit fein und leicht geworden schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, es ist furchtbar\u00ab, sagte Jonathan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas fehlt Ihnen denn? Warum hat man Sie hierher gebracht?\u00ab fragte sie wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er erz\u00e4hlte ihr, w\u00e4hrend seine Stimme vor Schmerzen zitterte, seine Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war vor f\u00fcnf Jahren als Maschinist von Hamburg fortgegangen auf ostasiatische Fahrt. Er hatte sich in den Ozeanen des Ostens herumgetrieben, immer unten am Kessel in der Siedehitze der Tropen. Er war auf einem Korallenschiffe in die S\u00fcdsee gegangen, dann hatte er auf einem Schmuggler gefahren, der das Opium verborgen in Maiss\u00e4cken in Kanton einschmuggelte, \u00fcber zwei Jahre lang. Auf diesem Schiffe hatte er viel Geld gemacht. Er wollte nach Hause fahren, aber er wurde bestohlen. Und er sa\u00df nackt und blo\u00df in Shanghai. Durch die Hilfe des Konsuls heuerte er auf einem Schiffe, das mit einer Fracht Reis nach Hamburg bestimmt war. Das Schiff ging um das Kap, um die teure Fahrt durch den Suezkanal zu sparen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Monrovia, Liberia, diesem schrecklichen fiebrigen Liberia, hatten sie drei Tage lang Kohlen aufgenommen. Am Mittag des dritten Tages war er unten im Heizraum hingefallen. Wie er aufgewacht war, lag er im Spital von Monrovia mitten unter hundert schmutzigen Negern. Da lag er vier Wochen am Schwarzwasserfieber, mehr tot als lebendig. Ach, was er da zu dulden gehabt hatte in der f\u00fcrchterlichen Julihitze, die die Adern der Kranken verbrannte, wo das Feuer bis in ihr Hirn wie ein eiserner Hammer schlug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es war trotz des Schmutzes, des Negergestankes, der Hitze, trotz des Fiebers immer noch besser gewesen als hier. Denn da w\u00e4ren sie nie allein gewesen, da h\u00e4tten sie immer Unterhaltung gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMitten im Fieber sangen die Neger ihre Lieder, mitten im Fieber tanzten sie \u00fcber die Betten. Und wenn einer starb, dann sprang er noch einmal hoch auf, als wenn ihn der Krater seines Fiebers noch einmal in den Himmel schleudern wollte, ehe er ihn f\u00fcr ewig verschlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehen Sie, hier liege ich in der Quarant\u00e4ne, denn die \u00c4rzte glauben, ich k\u00f6nnte die andern im Saal mit meiner Malaria anstecken, die Herren sind in Europa so vorsichtig, da sollten sie zusehen kommen, wie wenig man sich da unten um die Kranken schert. Aber sie werden dabei viel eher gesund, denn man sperrt sie nicht ein wie Verbrecher in diese gr\u00e4\u00dfliche Einsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Beine w\u00fcrden viel eher heilen, wenn ich nicht immer so allein w\u00e4re. Aber das allein ist schlimmer als der Tod. Letzte Nacht bin ich um drei Uhr aufgewacht. Und da habe ich hier gelegen wie ein Hund, auf einem Fleck, ich habe immer in die Dunkelheit gestarrt, immer geradeaus.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas haben Sie denn mit Ihren Beinen gemacht, darf ich das wissen?\u00ab h\u00f6rte er sie fragen. \u00bbErz\u00e4hlen Sie doch weiter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er gehorchte ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, als er wieder gesund war, war er mit einem franz\u00f6sischen Doktor, der durchaus eine Orchidee haben wollte, wie sie oben am Niger wachsen sollten, in den liberischen Urwald gegangen. Da waren sie zwei Monate lang durch den Urwald gegangen, \u00fcber Creeks voll von Alligatoren, \u00fcber riesige S\u00fcmpfe, auf denen abends die Moskitos so dicht standen, da\u00df man sie mit der Hand immer gleich zu Hunderten greifen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Vorstellung dieser gro\u00dfen Mor\u00e4ste, die in den Abend der Urw\u00e4lder versanken, das ewige Rauschen der Baumkronen dieser unendlichen W\u00e4lder, der exotische Name fremder V\u00f6lker, umgeben von Geheimnissen der Ferne, das R\u00e4tsel und die Abenteuer der verlorenen W\u00e4lder, alle diese seltsamen Bilder erf\u00fcllten das Herz seiner Zuh\u00f6rerin mit Bewunderung und entr\u00fcckten den Kranken da dr\u00fcben in eine fremdartige Atmosph\u00e4re, den kleinen Maschinisten in dem elenden Bette eines n\u00fcchternen Hamburgischen Krankenhauses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da er schwieg, bat sie ihn, weiter zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er erz\u00e4hlte ihr das Ende seines Schicksals, das ihn hierher geworfen hatte, in ihre N\u00e4he, und das nun \u00fcber der puritanischen Armseligkeit dieser zwei Zimmer den weiten Himmel der Liebe dem Kranken aufschlo\u00df, der sein Herz erf\u00fcllte mit einer ungewissen Gl\u00fcckseligkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Lagos w\u00e4ren sie wieder aus der Wildnis herausgekommen. Er h\u00e4tte nach Hause angemustert, alles w\u00e4re gut gegangen bis nach Cuxhaven. Er wollte gerade die eiserne Treppe nach dem Kessel heruntersteigen, als das Schiff in einer pl\u00f6tzlichen B\u00f6 stark schlingerte. Er sei aus dem Gleichgewicht gekommen und die Treppe hinuntergest\u00fcrzt in das Maschinenwerk hinein. Die Kolbenstange h\u00e4tte ihm beide Beine gebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist ja furchtbar, das ist ja unmenschlich\u00ab, sagte seine Zuh\u00f6rerin, die sich in den Kissen aufgerichtet hatte. Jetzt konnte er sie deutlich sehen. Die Lampe beschien ihr Profil. In seiner etwas starken Bl\u00e4sse schien es aus der Dunkelheit herauszubrennen wie das Gesicht eines Heiligenbildes in einer dunklen Kirche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ich aufstehen kann, werde ich Sie besuchen kommen. Wollen Sie, darf ich Sie manchmal besuchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKommen Sie, kommen Sie\u00ab, sagte er, \u00bbSie sind die erste, die hier ein freundliches Wort zu mir sagt. Wissen Sie, wenn Sie kommen, hilft mir das mehr als alle \u00c4rzte. Aber werden Sie schon so bald aufstehen k\u00f6nnen, warum sind Sie hier?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erz\u00e4hlte ihm, da\u00df sie eine Blinddarmoperation durchgemacht h\u00e4tte, nun sollte sie hier noch vierzehn Tage liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann werden wir uns vielleicht \u00f6fter einmal sprechen\u00ab, sagte der kleine Jonathan. \u00bbWollen wir uns \u00f6fter einmal unterhalten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO gewi\u00df. Ich werde es dem Arzt sagen, ich werde die Schwester bitten, da\u00df sie die T\u00fcr morgen wieder auf einige Zeit offen l\u00e4\u00dft.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00f6rte ihr zu, er glaubte fast nicht daran. Und das Zimmer war mit einem Male leer von Schrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch danke Ihnen\u00ab, und sie lagen beide eine Weile still. Seine Augen suchten sie aus ihren Kissen heraus, und sie blieben eine Weile an ihrem Gesicht h\u00e4ngen. In dem Schweigen dieser Minuten vertiefte sich seine Liebe, sie drang siegreich vor in seinem Blut, sie begann seine Gedanken einzuh\u00fcllen in gl\u00fcckliche Phantasien, sie zeigte ihm eine weite Wiese in einem goldenen Wald, sie zeigte ihm einen Sommertag, einen langsamen Sommertag, einen seligen Mittag, wo sie beide Hand in Hand durch das Korn gingen, das ihre Liebesworte mit seinem leisen Rauschen umh\u00fcllte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcr ging auf, zwei \u00c4rzte und zwei Schwestern traten ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier ist gesprochen worden\u00ab, sagte der eine der beiden \u00c4rzte. \u00bbDas geht nicht, das ist nicht ang\u00e4ngig. Sie haben sich der Hausordnung zu f\u00fcgen. Sie m\u00fcssen Ruhe haben, verstehen Sie. Und Sie, Schwester, da\u00df Sie die T\u00fcr nicht noch einmal auflassen! Die Kranken m\u00fcssen Ruhe haben und Ruhe halten.\u00ab Und er ging selbst hin\u00fcber und schlo\u00df die T\u00fcr zwischen den beiden Zimmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann untersuchte er die Beine Jonathans, machte einen neuen Verband und sagte: \u00bbIn drei Monaten werden Sie vielleicht noch einmal laufen k\u00f6nnen, wenn das \u00fcberhaupt noch einmal gut wird. Das ist noch sehr fraglich. Sie m\u00fcssen sich bei Zeiten an den Gedanken gew\u00f6hnen, ein Kr\u00fcppel zu bleiben. Ich werde Ihnen eine Schwester hier lassen, die kann auf Sie aufpassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zog die Decke wieder \u00fcber den Kranken, w\u00fcnschte ihm gute Nacht und verschwand mit seiner Eskorte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jonathan lag in seinen Kissen, als h\u00e4tte ihm jemand mit einem einzigen Ruck das Herz aus der Brust gerissen. Die T\u00fcr war zu. Er w\u00fcrde sie nicht mehr sprechen, er w\u00fcrde sie nicht mehr wiedersehen d\u00fcrfen. Das waren also nur ein paar Minuten gewesen, die niemals wiederkommen w\u00fcrden. Sie w\u00fcrde eher herauskommen. In zwei Wochen w\u00fcrde nebenan irgendein anderer liegen, irgendein Heringsh\u00e4ndler oder eine alte Gro\u00dfmutter. Sie w\u00fcrde vielleicht einmal wiederkommen wollen, aber man w\u00fcrde sie nicht hereinlassen. Was wollte sie auch bei ihm, dem armen Kr\u00fcppel, dem Mann ohne Beine. Der Arzt hatte es ja eben selber gesagt, da\u00df er ein Kr\u00fcppel bleiben w\u00fcrde. Und er sank zur\u00fcck in seine Verzweiflung. Er lag still.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Schmerzen kamen wieder. Er bi\u00df die Z\u00e4hne aufeinander, um nicht zu schreien. Und die Tr\u00e4nen traten ihm in die Augen, gewaltsam wie Feuer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Krampf sch\u00fcttelte ihn, er fror. Seine H\u00e4nde wurden eiskalt. Er f\u00fchlte, wie das Fieber wiederkam. Er wollte den Namen des M\u00e4dchens rufen. Da merkte er, da\u00df er ihn nicht kannte. Und diese pl\u00f6tzliche Erkenntnis stie\u00df ihn noch tiefer in seinen Abgrund. Nicht einmal ihren Namen. Er wollte \u00bbgn\u00e4diges Fr\u00e4ulein\u00ab oder so etwas sagen, aber als er sich aufsetzte, sah er in das gelbe Gesicht seiner W\u00e4rterin, das in unz\u00e4hligen Nachtwachen alt, stumpf und gemein geworden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war ja nicht allein. Er hatte das ganz vergessen. Man hatte ihm einen W\u00e4chter hingesetzt, diesen Satan von einer Krankenschwester, diesen alten verwelkten Teufel, von dem er abh\u00e4ngig war, der ihm befehlen konnte. Und er fiel wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun w\u00fcrde ihn niemand mehr erl\u00f6sen, nun w\u00fcrde ihn niemand mehr retten. Und da hing der Christus, dieser armselige Schw\u00e4chling und l\u00e4chelte immer noch. Er schien gar nicht genug leiden zu k\u00f6nnen, er schien sich zu freuen \u00fcber seine Qualen, und Jonathan erschien das L\u00e4cheln des Gottes seltsam, b\u00f6sartig und gemacht wie das einer erkauften Wollust. Er schlo\u00df die Augen, er war besiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fieber \u00fcbermannte ihn mit seiner ganzen Gewalt. In den beginnenden Paroxysmen tauchte noch einmal, wie der Abendstern an einem leeren Himmel, das Bild seiner unbekannten Nachbarin auf, wei\u00df, fern, wie das Gesicht einer Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Mitternacht schlief er ein. Er schlief den schrecklichen Schlaf, in dem Krankheit und Verzweiflung einen Menschen erstarren lassen, wenn sie das Arsenal ihrer Qualen ersch\u00f6pft haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schlief kaum zwei Stunden. Als er aufwachte, \u00fcberfielen ihn die Schmerzen in seinen Schenkeln mit solcher Macht, da\u00df er fast besinnungslos wurde. Er klammerte sich mit aller Gewalt an den eisernen Bettpfosten. Er glaubte, die Beine w\u00fcrden ihm von gl\u00fchenden Zangen herausgerissen, und er stie\u00df einen schrecklichen, langgezogenen Schrei aus, einen jener Schreie, die so oft nachts in den Krankenh\u00e4usern pl\u00f6tzlich aufwachen und die Schlafenden aus ihren Betten aufscheuchen und das Herz eines jeden mit Grauen ersticken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich im Bette halb aufgehoben. Er st\u00fctzte sich auf die H\u00e4nde. Er hielt den Atem vor Schmerzen an, er sog ihn in sich hinein. Und dann, dann br\u00fcllte er aus voller Kehle ein furchtbares Uuuu Aaaa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Tod \u00fcber dem Haus raste. Jetzt stand er hoch oben auf dem Dache, und unter seinen riesigen kn\u00f6chernen F\u00fc\u00dfen sa\u00dfen in ihren Betten, in ihren gro\u00dfen S\u00e4len, in ihren Kammern, \u00fcberall sa\u00dfen die Kranken auf in ihren wei\u00dfen Hemden, in dem Licht der sp\u00e4rlichen Lampen wie Gespenster, und das Entsetzen flog wie ein riesiger wei\u00dfer Vogel durch die Treppen und die S\u00e4le. \u00dcberall drang das entsetzliche Br\u00fcllen hin, \u00fcberall weckte es die Schl\u00e4fer aus ihrem kraftlosen Schlaf und \u00fcberall weckte es ein schreckliches Echo bei den Krebskranken, die kaum entschlafen waren, denen nun der wei\u00dfe Eiter wieder in ihren D\u00e4rmen zu rinnen begann, bei den Verdammten, denen die Knochen wegfaulten, langsam, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, und bei denen, denen auf dem Kopf ein furchtbares Sarkom wucherte, das von innen heraus ihre Nase, ihren Oberkiefer, ihre Augen wegfra\u00df, ausfra\u00df, austrank, und riesige stinkende L\u00f6cher, gro\u00dfe Trichter voll gelber Jauche in ihrem wei\u00dfen Gesicht aufgerissen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In schrecklichen Tonleitern ging das Geheul herauf und herunter, wie von einem unsichtbaren Dirigenten gelenkt. Manchmal trat ein kurzes Intervall ein, eine kleine Kunstpause, geschickt eingef\u00fcgt, bis mit einem Male in einer dunklen Ecke es wieder begann, langsam anschwoll und sich wieder in die allerh\u00f6chsten T\u00f6ne verstieg, in ein schauderhaftes, langes und d\u00fcnnes Jiii, das \u00fcber diesem Sabbat des Todes schwebte wie die Stimme eines Me\u00dfpriesters \u00fcber dem Gesange eines Kirchenchors.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle \u00c4rzte waren auf den Beinen, alle liefen hin und her zwischen den Betten, in denen die roten geschwollenen K\u00f6pfe der Kranken staken wie gro\u00dfe R\u00fcben in einem herbstlichen Acker. Alle Krankenschwestern rannten mit ihren klappernden wei\u00dfen Sch\u00fcrzen in den S\u00e4len herum, gro\u00dfe Morphiumspritzen, Opiumdosen schwingend, wie die Ministranten eines seltsamen Gottesdienstes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall wurde getr\u00f6stet, beruhigt, eingeschl\u00e4fert, \u00fcberall machte man Morphium- und Kokaininjektionen, das Chaos zu bes\u00e4nftigen, \u00fcberall wurde dementiert, an allen Betten wurden beruhigende Bulletins ausgegeben. Die S\u00e4le wurden alle erleuchtet, und mit dem wiederkehrenden Lichte schienen die Schmerzen der Kranken langsam nachzulassen. Das Gebr\u00fcll starb langsam ab, es ging in ein leises Gewimmer \u00fcber, und der Aufstand der Schmerzen endete in Tr\u00e4nen, Schlaf und stumpfer Resignation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jonathan fiel in eine dumpfe Bet\u00e4ubung. Der Schmerz hatte sich ausgerast, er war zuletzt erstickt in Apathie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nachdem die Qual ihn verlassen hatte, begannen seine Beine anzuschwellen, wie zwei gro\u00dfe Leichname, die in der Sonne aufgehen. Seine Knie schwollen im Verlauf einer halben Stunde zu Kindskopfgr\u00f6\u00dfe, seine F\u00fc\u00dfe wurden schwarz und hart wie Stein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als bei der Morgenrunde der Arzt vom Dienst bei ihm eintrat und die Decke aufhob, sah er unter dem Verband die gewaltigen Schwellungen. Er lie\u00df die Verb\u00e4nde abwickeln, er warf nur einen Blick auf die verwesenden Beine, dann klingelte er dreimal, und nach ein paar Minuten wurde ein fahrbarer Operationsstuhl hereingeschoben. Ein paar M\u00e4nner legten den Kranken auf das Gestell. Sie trugen ihn heraus, und das Zimmer blieb eine halbe Stunde leer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach wurde der Operationsstuhl wieder hereingeschoben. Darauf lag der kleine Jonathan, bleich, mit aufgerissenen Augen, um die H\u00e4lfte k\u00fcrzer gemacht. Wo vorher seine Beine gewesen waren, war jetzt ein dickes blutiges B\u00fcndel von wei\u00dfen T\u00fcchern, aus denen sein Leib aufragte wie der K\u00f6rper eines exotischen Gottes aus einem Blumenkelch. Die M\u00e4nner warfen ihn in das Bett und verlie\u00dfen ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war eine Weile ganz allein und der Zufall wollte es, da\u00df er in diesen wenigen Minuten noch einmal seine Bekannte vom Zimmer nebenan wiedersehen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder ging die T\u00fcr auf, wieder sah er ein wei\u00dfes Gesicht. Aber es schien ihm fremd, er konnte sich seiner kaum noch erinnern. Wie lange war das her, da\u00df er mit ihr gesprochen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fragte ihn, wie es ihm ginge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er gab ihr keine Antwort, er h\u00f6rte nicht, was sie fragte, aber er versuchte krampfhaft, die Decke m\u00f6glichst weit \u00fcber seine verbundenen Beinst\u00fcmpfe heraufzuziehen. Sie sollte nicht sehen, da\u00df unterhalb seiner Knie ein Loch war, da\u00df da alles zu Ende war. Er sch\u00e4mte sich. Die Scham war das einzige Gef\u00fchl, das ihm geblieben war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das junge M\u00e4dchen fragte ihn noch einmal. Als sie wieder keine Antwort bekam, drehte sie ihren Kopf weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Schwester kam herein, sie schlo\u00df lautlos die T\u00fcr, sie setzte sich mit einer Handarbeit an sein Bett. Und Jonathan fiel in einen unruhigen Halbschlummer, von den Nachwehen der Narkose bet\u00e4ubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich schien es ihm, als wenn sich die Tapeten des Zimmers an einigen Stellen bewegten. Sie schienen leise hin und her zu zittern und sich aufzubauschen, als wenn dahinter jemand st\u00e4nde, der sich gegen sie anstemmte, um sie zu zerrei\u00dfen. Und siehe da, mit einem Male zerrissen die Tapeten unten am Fu\u00dfboden. Wie ein Haufen Ratten quollen darunter ganze Heerscharen kleiner winziger M\u00e4nnchen hervor, die bald das ganze Zimmer anf\u00fcllten. Jonathan wunderte sich, wie so viele von den Zwergen hinter der Tapete sich hatten verstecken k\u00f6nnen. Er schimpfte \u00fcber die Unordnung im Krankenhause. Er wollte sich bei seiner W\u00e4rterin beschweren, aber als er sie an sein Bett winken wollte, sah er, da\u00df sie nicht da war. Auch die Tapeten waren mit einem Male alle fort, da waren auch keine W\u00e4nde mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lag in einem weiten, ungeheuren Saal, dessen W\u00e4nde sich immer weiter und weiter zu entfernen schienen, bis sie hinten verschwanden in einem bleiernen Horizont. Und dieser ganze entsetzliche \u00f6de Raum war voll von den kleinen Zwergen, die auf ihren schmalen Schultern gro\u00dfe blaue K\u00f6pfe schaukelten, wie ein Meer riesiger Kornblumen auf zerbrechlichen Stengeln. Trotzdem ihm viele sehr nahe standen, konnte Jonathan ihre Gesichter nicht erkennen. Wenn er genau hinsehen wollte, so verschwammen ihre Z\u00fcge in lauter blaue Flecken, die vor seinen Augen herumtanzten. Er wollte gern wissen, wie alt sie w\u00e4ren, aber er konnte seine eigene Stimme nicht mehr h\u00f6ren. Und pl\u00f6tzlich kam ihm der Gedanke: Du bist ja taub, du kannst ja nicht mehr h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor seinen Augen begannen sich die Zwerge langsam zu drehen, sie hoben ihre H\u00e4nde taktm\u00e4\u00dfig auf und nieder, langsam kamen ihre gro\u00dfen Massen in Bewegung. Von rechts nach links, von rechts nach links, summte es in seinem Sch\u00e4del. Immer schneller drehten sich die Massen um ihn herum. Er glaubte in einer gro\u00dfen st\u00e4hlernen Drehscheibe zu sitzen, die in wachsender Schnelligkeit immer schneller, immer rasender um ihn zu kreisen begann. Ihm wurde schwindlig, er wollte sich festhalten, aber es half alles nichts, er wurde mit fortgerissen. Er mu\u00dfte sich erbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Male war alles still, alles leer, alles fort. Er lag allein und nackt in einem gro\u00dfen Felde auf einer Art Bahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war sehr kalt, es begann zu st\u00fcrmen, und am Himmel zog eine schwarze Wolke herauf, wie ein ungeheures Schiff mit schwarzen gebl\u00e4hten Segeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinten am Rande des Himmels stand ein Mann, der war in einen grauen Lappen geh\u00fcllt, und trotzdem er sehr weit entfernt war, wu\u00dfte Jonathan genau, wer es war. Er war kahl, seine Augen lagen sehr tief. Oder hatte er \u00fcberhaupt keine Augen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite des Himmels sah er eine Frau stehen oder ein junges M\u00e4dchen. Sie kam ihm bekannt vor, er hatte sie schon einmal gesehen, das war aber lange her. Pl\u00f6tzlich begannen die beiden Figuren ihm zu winken, sie sch\u00fcttelten ihre langen faltigen \u00c4rmel, er wu\u00dfte aber nicht, wem er gehorchen sollte. Als das M\u00e4dchen sah, da\u00df er keine Anstalten traf, von seiner Bahre herunter zu kommen, drehte sie sich um, sie ging fort. Und er sah sie noch lange in einem wei\u00df gestreiften Himmel dahingehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich ganz weit, ganz in der Ferne blieb sie noch einmal stehen. Sie drehte sich noch einmal um, sie winkte ihm noch einmal. Aber er konnte nicht aufstehen, er wu\u00dfte es, der da hinten mit seinem schrecklichen Totenkopf erlaubte es nicht. Und das M\u00e4dchen verschwand in dem einsamen Himmel. Aber der Mann hinten winkte ihm immer st\u00e4rker, er drohte ihm mit seiner kn\u00f6chernen Faust. Da kroch er von seiner Bahre herunter und er schleppte sich \u00fcber die Felder, \u00fcber W\u00fcsten, w\u00e4hrend das Gespenst ihm voranflog, immer weiter durch Dunkel, durch schreckliches Dunkel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/>Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der kleine Jonathan lag schon den dritten Tag in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Krankenstube. Schon den dritten Tag, und die Stunden liefen immer langsamer und langsamer. 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