{"id":97288,"date":"2022-03-31T00:01:56","date_gmt":"2022-03-30T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97288"},"modified":"2022-02-20T17:18:42","modified_gmt":"2022-02-20T16:18:42","slug":"die-sektion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/31\/die-sektion\/","title":{"rendered":"Die Sektion"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tote lag allein und nackt auf einem Wei\u00dfen Tisch in dem gro\u00dfen Saal, in dem bedr\u00fcckenden Wei\u00df, der grausamen N\u00fcchternheit des Operationssaales, in dem noch die Schreie unendlicher Qualen zu zittern schienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mittagssonne bedeckte ihn und lie\u00df auf seiner Stirn die Totenflecken aufwachen; sie zauberte aus seinem nackten Bauch ein helles Gr\u00fcn und bl\u00e4hte ihn auf wie einen gro\u00dfen Wassersack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Leib glich einem riesigen schillernden Blumenkelch, einer geheimnisvollen Pflanze aus indischen Urw\u00e4ldern, die jemand sch\u00fcchtern vor den Altar des Todes gelegt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pr\u00e4chtige rote und blaue Farben wuchsen an seinen Lenden entlang, und in der Hitze barst langsam wie eine rote Ackerfurche die gro\u00dfe Wunde unter seinem Nabel, die einen furchtbaren Duft ausstr\u00f6mte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4rzte traten ein. Ein paar freundliche M\u00e4nner in wei\u00dfen Kitteln mit Schmissen und goldenen Zwickern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie traten an den Toten heran und sahen ihn sich an, mit Interesse, unter wissenschaftlichen Gespr\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nahmen aus den wei\u00dfen Schr\u00e4nken ihr Sezierzeug heraus, wei\u00dfe K\u00e4sten voll von H\u00e4mmern, Knochens\u00e4gen mit starken Z\u00e4hnen, Feilen, gr\u00e4\u00dfliche Batterien voll von Pinzetten, kleine Bestecke voll riesiger Nadeln, die wie krumme Geierschn\u00e4bel ewig nach Fleisch zu schreien schienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie begannen ihr gr\u00e4\u00dfliches Handwerk. Sie glichen furchtbaren Folterknechten, \u00fcber ihre H\u00e4nde str\u00f6mte das Blut, und sie tauchten sie immer tiefer in den kalten Leichnam ein und holten seinen Inhalt heraus, wei\u00dfen K\u00f6chen gleich, die eine Gans ausnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um ihre Arme wanden sich die D\u00e4rme, gr\u00fcngelbe Schlangen, und der Kot troff \u00fcber ihre Kittel, eine warme, faulige Fl\u00fcssigkeit. Sie stachen die Blase auf, der kalte Harn schimmerte darin wie ein gelber Wein. Sie sch\u00fctteten ihn in gro\u00dfe Schalen; er stank scharf und beizend wie Salmiak.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Tote schlief. Er lie\u00df sich geduldig hin- und herzerren, an seinen Haaren hin- und herraufen, er schlief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4hrend die Schl\u00e4ge der H\u00e4mmer auf seinem Kopfe dr\u00f6hnten, wachte ein Traum, ein Rest von Liebe in ihm auf, wie eine Fackel, die hinein in seine Nacht leuchtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem gro\u00dfen Fenster tat sich ein gro\u00dfer weiter Himmel auf, gef\u00fcllt von kleinen wei\u00dfen W\u00f6lkchen, die in dem Lichte schwammen, in der Nachmittagsstille, wie kleine, wei\u00dfe G\u00f6tter. Und die Schwalben reisten hoch oben im Blauen, zitternd in der warmen Julisonne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schwarze Blut des Todes rann \u00fcber die blaue F\u00e4ulnis seiner Stirn. Es verdunstete in der Hitze zu einer schrecklichen Wolke, und die Verwesung des Todes kroch mit ihren bunten Krallen \u00fcber ihn hin. Seine Haut begann auseinander zu flie\u00dfen, sein Bauch wurde wei\u00df wie der eines Aales unter den gierigen Fingern der \u00c4rzte, die in dem feuchten Fleisch ihre Arme bis an die Ellenbogen badeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwesung zog den Mund des Toten auseinander, er schien zu l\u00e4cheln, er tr\u00e4umte von einem seligen Gestirn, von einem duftenden Sommerabend. Seine verflie\u00dfenden Lippen zitterten wie unter einem fl\u00fcchtigen Kusse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie ich dich liebe. Ich habe dich so geliebt. Soll ich dir sagen, wie ich dich liebe? Wie du durch die Mohnfelder gingest, selber eine duftende Mohnflamme, hattest du den ganzen Abend in dich getrunken. Und dein Kleid, das um deine Kn\u00f6chel bauschte, war wie eine Welle von Feuer in der untergehenden Sonne. Aber dein Kopf neigte sich in dem Lichte, und dein Haar brannte noch und flammte von allen meinen K\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gingest du dahin und sahst dich immer nach mir um. Und die Laterne in deiner Hand schwankte wie eine gl\u00fchende Rose lange noch fort in der D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde dich morgen wiedersehen. Hier unter dem Fenster der Kapelle, hier, wo das Licht der Kerzen herausf\u00e4llt und dein Haar in einen goldenen Wald verwandelt, hier, wo sich die Narzissen an deine Kn\u00f6chel schmiegen, z\u00e4rtlich, wie zarte K\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde dich wiedersehen alle Abende um die Stunde der D\u00e4mmerung. Wir werden uns nie verlassen. Wie ich dich liebe! Soll ich dir sagen, wie ich dich liebe?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Tote zitterte leise vor Seligkeit auf seinem wei\u00dfen Totentische, w\u00e4hrend die eisernen Mei\u00dfel in den H\u00e4nden der \u00c4rzte die Knochen seiner Schl\u00e4fe aufbrachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/>Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Tote lag allein und nackt auf einem Wei\u00dfen Tisch in dem gro\u00dfen Saal, in dem bedr\u00fcckenden Wei\u00df, der grausamen N\u00fcchternheit des Operationssaales, in dem noch die Schreie unendlicher Qualen zu zittern schienen. 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