{"id":97274,"date":"2022-02-16T00:01:01","date_gmt":"2022-02-15T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97274"},"modified":"2022-02-17T14:32:31","modified_gmt":"2022-02-17T13:32:31","slug":"der-irre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/16\/der-irre\/","title":{"rendered":"Der Irre"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der W\u00e4rter gab ihm seine Sachen, der Kassierer h\u00e4ndigte ihm sein Geld aus, der T\u00fcrsteher schlo\u00df vor ihm die gro\u00dfe eiserne T\u00fcr auf Er war im Vorgarten, er klinkte die Gartenpforte auf, und er war drau\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, und nun sollte die Welt etwas erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging die Stra\u00dfenbahnschienen entlang, zwischen den niedern H\u00e4usern der Vorstadt durch. Er kam an einem Feld vorbei und warf sich an seinem Rande in die dicken Mohnblumen und den Schierling. Er verkroch sich ganz darein, wie in einen dicken gr\u00fcnen Teppich. Nur sein Gesicht schien daraus hervor wie ein wei\u00dfer aufgehender Mond. So, nun sa\u00df er erst einmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war also frei. Es war aber auch h\u00f6chste Zeit, da\u00df sie ihn herausgelassen hatten, denn sonst h\u00e4tte er alle umgebracht, alle miteinander. Den dicken Direktor, den h\u00e4tte er an seinem roten Spitzbart gekriegt und ihn unter die Wurstmaschine gezogen. Ach, was war das f\u00fcr ein widerlicher Kerl. Wie der immer lachte, wenn er durch die Fleischerei kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teufel, das war ein ganz widerw\u00e4rtiger Kerl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Assistenzarzt, dieses bucklige Schwein, dem h\u00e4tte er nochmal das Gehirn zertreten. Und die W\u00e4rter in ihren wei\u00df gestreiften Kitteln, die aussahen wie eine Bande Zuchth\u00e4usler, diese Schufte, die die M\u00e4nner bestahlen und die Frauen auf den Klosetts vergewaltigten. Das war ja rein zum Verr\u00fccktwerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er wu\u00dfte wirklich nicht, wie er da seine Zeit ausgehalten hatte. Drei Jahre oder vier Jahre, wie lange hatte er da eigentlich gesessen, da hinten in diesem wei\u00dfen Loch, in diesem gro\u00dfen Kasten, mitten unter Verr\u00fcckten. Wenn er da morgens in die Fleischerei ging, \u00fcber den gro\u00dfen Hof, wie sie da herumlagen und die Z\u00e4hne fletschten, manche halb nackt. Dann kamen die W\u00e4rter und schleppten die fort, die sich besonders schlecht auff\u00fchrten. Sie wurden in hei\u00dfe B\u00e4der gesteckt. Da war mehr wie einer verbr\u00fcht worden, mit Absicht, das wu\u00dfte er. Einmal wollten die W\u00e4rter einen Toten in die Fleischerei bringen, daraus sollte Wurst gemacht werden. Das sollten sie dann zu essen bekommen. Er hatte es dem Arzt gesagt, aber der hatte es ihm ausgeredet. So, der hatte also mit unter der Decke gesteckt. Dieser verfluchte Hund. Wenn er ihn jetzt hier h\u00e4tte. Den w\u00fcrde er in das Korn schmei\u00dfen, und ihm die Gurgel abrei\u00dfen, diesem verfluchten Schwein, diesem Sauhund, verfluchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt, warum hatten sie ihn eigentlich in die Anstalt gebracht? Doch nur aus Schikane. Was hatte er denn weiter gemacht? Er hatte seine Frau ein paarmal verhauen, das war doch sein gutes Recht, er war doch verheiratet. Auf der Polizei h\u00e4tte man seine Frau rausschmei\u00dfen sollen, das w\u00e4re viel richtiger gewesen. Statt dessen hatten sie ihn vorgeladen, verh\u00f6rt, lauter Theater mit ihm aufgestellt. Und eines Morgens war er \u00fcberhaupt nicht mehr fortgelassen worden. Sie hatten ihn in einen Wagen gepackt, hier drau\u00dfen war er abgeladen worden. So eine Ungerechtigkeit, so eine Unversch\u00e4mtheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wem hatte er das alles zu verdanken? Doch nur seiner Frau. So, und mit der w\u00fcrde er jetzt abrechnen. Die stand noch hoch im Konto.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ri\u00df in seiner Wut von dem Feldrande ein B\u00fcschel Korn\u00e4hren ab und schwenkte es wie einen Stock in der Hand. Dann stand er auf, und nun wehe ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er nahm das B\u00fcndel mit seinen Sachen \u00fcber seine Schultern, dann setzte er sich wieder in Marsch. Aber er wu\u00dfte nicht recht, wo er hingehen sollte. Ganz hinten \u00fcber den Feldern rauchte ein Schornstein. Den kannte er, der war nicht weit von seiner Wohnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verlie\u00df die Stra\u00dfe und bog in die Felder ab, mitten hinein in die Halme. Geradewegs auf sein Ziel zu. Was das f\u00fcr ein Vergn\u00fcgen war, so in die dicken Halme zu treten, die unter seinem Fu\u00df knackten und barsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er machte die Augen zu, und ein seliges L\u00e4cheln flog \u00fcber sein Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ihm, als wenn er \u00fcber einen weiten Platz ginge. Da lagen viele, viele Menschen, alle mit dem Kopfe auf der Erde. Es war so, wie auf dem Bild in der Wohnung des Direktors, wo viele tausend Leute in wei\u00dfen M\u00e4nteln und Kapuzen vor einem gro\u00dfen Stein lagen, den sie anbeteten. Und dies Bild hie\u00df Kaaba. \u00bbKaaba, Kaaba\u00ab, wiederholte er bei jedem Schritt. Er sagte das wie eine m\u00e4chtige Beschw\u00f6rungsformel, und jedesmal trat er dann rechts und links um sich auf die vielen wei\u00dfen K\u00f6pfe. Und dann knackten die Sch\u00e4del; es gab einen Ton, wie wenn jemand eine Nu\u00df mit einem Hammer entzweihaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche klangen ganz zart, das waren die d\u00fcnnen, das waren die Kindersch\u00e4del. Da gab es einen Ton wie Silber, leicht, luftig wie eine kleine Wolke. Manche wieder schnarrten, wenn man auf sie trat, \u00e4hnlich wie Waldteufel. Und dann kamen ihre roten, flatternden Zungen aus dem Munde heraus, wie es bei den Gummib\u00e4llen war. Ach, es war wundersch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche waren so weich, da\u00df man gleichsam einsank. Sie blieben an den F\u00fc\u00dfen kleben. Und so ging er mit zwei Sch\u00e4deln an den Beinen dahin, als w\u00e4re er eben aus zwei Eierschalen ausgekrochen, die er noch nicht ganz abgesch\u00fcttelt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am meisten freute es ihn aber, wenn er irgendwo den Kopf von einem alten Manne sah, kahl und blank, wie eine marmorne Kugel. Da setzte er erst ganz vorsichtig auf und wippte erst ein paarmal zur Probe, so, so, so. Und dann trat er zu, knax, da\u00df das Gehirn ordentlich spritzte, wie ein kleiner goldener Springbrunnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich wurde er m\u00fcde. Er erinnerte sich pl\u00f6tzlich an den Verr\u00fcckten, der glaubte, er h\u00e4tte gl\u00e4serne Beine, und er k\u00f6nnte nicht laufen. Er hatte den ganzen Tag auf seinem Schneidertisch gesessen, aber die W\u00e4rter hatten ihn immer erst hintragen m\u00fcssen. Allein war er keinen Schritt gegangen. Wenn sie ihn auf seine Beine stellten, ging er einfach nicht weiter. Dabei waren seine Beine ganz gesund, das sah doch jeder. Sogar auf das Klosett war er nicht einmal allein gegangen, nein, wie einer doch so verr\u00fcckt sein konnte. Das war ja zum Lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neulich war der Pfarrer zu Besuch gewesen, und da hatte er mit ihm \u00fcber den Verr\u00fcckten gesprochen: \u00bbSehen Sie mal, Herr Pastor, der da, der Schneider, der ist doch zu verr\u00fcckt. So ein d\u00e4mliches Aas!\u00ab Und da hatte der Pastor gelacht, da\u00df die W\u00e4nde gewackelt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er trat aus den Halmen heraus, allenthalben klebte Stroh an seinem Anzug und an seinem Haar. Sein Kleiderb\u00fcndel hatte er unterwegs verloren. Die \u00c4hren trug er noch in seiner Hand, und er schwenkte sie vor sich her wie eine goldene Fahne. Er marschierte stramm aus. Rechten, Linken, Speck und Schinken, summte er vor sich hin. Und die Kletten, die an seiner Hose sa\u00dfen, flogen in weiten B\u00f6gen ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abteilung halt, kommandierte er. Er steckte seine Fahne in den Sand des Feldwegs und warf sich in den Graben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich bekam er vor der Sonne Angst, die auf seine Schl\u00e4fe brannte. Er glaubte, sie wollte \u00fcber ihn herfallen, und steckte sein Gesicht tief in das Gras hinein. Dann schlief er ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kinderstimmen weckten ihn auf Neben ihm standen ein kleiner Junge und ein kleines M\u00e4dchen. Als sie sahen, da\u00df der Mann aufgewacht war, liefen sie weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bekam eine furchtbare Wut auf diese beiden Kinder, er wurde im Gesicht rot wie ein Krebs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Satze sprang er auf und lief den Kindern nach. Als die seine Schritte h\u00f6rten, fingen sie an zu schreien und liefen schneller. Der kleine Junge zog sein Schwesterchen hinter sich her. Das stolperte, fiel hin und fing an zu weinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weinen konnte er \u00fcberhaupt nicht vertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er holte die Kinder ein und ri\u00df das kleine M\u00e4dchen aus dem Sande auf. Es sah das verzerrte Gesicht \u00fcber sich und schrie laut auf. Auch der Junge schrie und wollte fortlaufen. Da bekam er ihn mit der andern Hand zu packen. Er schlug die K\u00f6pfe der beiden Kinder gegeneinander. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, z\u00e4hlte er, und bei drei krachten die beiden kleinen Sch\u00e4del immer zusammen wie das reine Donnerwetter. Jetzt kam schon das Blut. Das berauschte ihn, machte ihn zu einem Gott. Er mu\u00dfte singen. Ihm fiel ein Choral ein. Und er sang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table class=\"poem\" style=\"height: 5px;\" summary=\"\" width=\"679\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"text-align: center;\">Ein feste Burg ist unser Gott,<br \/>\nEin gute Wehr und Waffen.<br \/>\nEr hilft uns frei aus aller Not,<br \/>\nDie uns jetzt hat betroffen.<br \/>\nDer alte, b\u00f6se Feind,<br \/>\nMit Ernst er&#8217;s jetzt meint,<br \/>\nGro\u00df Macht und viel List<br \/>\nSein grausam R\u00fcstung ist,<br \/>\nAuf Erd ist nicht sein&#8217;sgleichen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er akzentuierte die einzelnen Takte laut, und bei jedem lie\u00df er die beiden kleinen K\u00f6pfe aufeinandersto\u00dfen, wie ein Musiker, der seine Becken zusammenhaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Choral zu Ende war, lie\u00df er die beiden zerschmetterten Sch\u00e4del aus seinen H\u00e4nden fallen. Er begann wie in einer Verz\u00fcckung um die beiden Leichen herumzutanzen. Dabei schwang er seine Arme wie ein gro\u00dfer Vogel, und das Blut daran sprang um ihn herum wie ein feuriger Regen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Male schlug seine Stimmung um. Ein unbezwingliches Mitleid mit den beiden armen Kindern schn\u00fcrte ihm von innen heraus fast den Hals ab. Er hob ihre Leichname aus dem Staub des Weges und schleppte sie in das Korn hin\u00fcber. Er wischte mit einer Handvoll Unkraut das Blut, das Gehirn und den Schmutz aus dem Gesicht und setzte sich zwischen die beiden kleinen Leichen. Dann nahm er ihre H\u00e4ndchen in seine Faust und streichelte sie mit blutigen Fingern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er mu\u00dfte weinen, gro\u00dfe Tr\u00e4nen liefen langsam \u00fcber seine Backen hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm kam der Gedanke, da\u00df er vielleicht die Kinder wieder zum Leben bringen k\u00f6nnte. Er kniete sich \u00fcber ihre Gesichter und blies seinen Atem in die L\u00f6cher ihrer Sch\u00e4del. Aber die Kinder r\u00fchrten sich nicht. Da dachte er, es w\u00e4re vielleicht noch nicht genug, und wiederholte den Versuch. Aber auch dieses Mal war es nichts. \u00bbNa denn eben nicht\u00ab, sagte er, \u00bbtot ist tot.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach und nach kamen unz\u00e4hlige Mengen von Fliegen, M\u00fccken und anderem Ungeziefer aus den Feldern heraus, hinter dem Blutgeruch her. Sie schwebten wie eine dichte Wolke \u00fcber den Wunden. Ein paarmal machte er den Versuch, sie fortzutreiben. Als er aber selbst gestochen wurde, wurde ihm die Sache zu unbequem. Er stand auf und ging fort, w\u00e4hrend sich die Insekten in einem dicken schwarzen Schwarm auf die blutigen L\u00f6cher der Sch\u00e4del st\u00fcrzten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, wo nun hin?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da fiel ihm seine Aufgabe wieder ein. Er hatte ja mit seiner Frau abzurechnen. Und im Vorgef\u00fchl seiner Rache leuchtete sein Gesicht wie eine purpurne Sonne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bog in eine Landstra\u00dfe ein, die auf die Vorstadt zuf\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah sich um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stra\u00dfe war leer. In der Ferne verlor sich der Weg. Oben auf einem H\u00fcgel hinter ihm sa\u00df ein Mann vor einem Leierkasten. Jetzt kam \u00fcber den H\u00fcgel eine Frau herauf, die einen kleinen Handwagen hinter sich herzog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wartete, bis sie heran war, lie\u00df sie an sich vorbei und ging ihr nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er glaubte, sie zu kennen. War das nicht die Gr\u00fcnkramfritzen von der Ecke? Er wollte sie ansprechen, aber er sch\u00e4mte sich. Ach, die denkt, ich bin ja der Verr\u00fcckte aus Nr. 17. Wenn die mich wiedererkennt, die lacht mich ja aus. Und ich lasse mich nicht auslachen, zum Donnerwetter. Eher schlage ich ihr den Sch\u00e4del ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchlte, da\u00df in ihm wieder die Wut aufkommen wollte. Er f\u00fcrchtete sich vor dieser dunklen Tollheit. Pfui, jetzt wird sie mich gleich wieder haben, dachte er. Ihn schwindelte, er hielt sich an einem Baum und schlo\u00df die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich sah er das Tier wieder, das in ihm sa\u00df. Unten zwischen dem Magen, wie eine gro\u00dfe Hy\u00e4ne. Hatte die einen Rachen. Und das Aas wollte raus. Ja, ja, du mu\u00dft raus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt war er selber das Tier, und auf allen Vieren kroch er die Stra\u00dfe entlang. Schnell, schnell, sonst l\u00e4uft sie weg. Wie die laufen kann, aber so eine Hy\u00e4ne ist doch schneller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bellte laut wie ein Schakal. Die Frau sah sich um. Als sie da einen Mann auf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen hinter sich herlaufen sah, das wirre Haar in dem dicken Gesicht, wei\u00df von Staub, da lie\u00df sie ihren Wagen stehen und laut schreiend rannte sie die Stra\u00dfe hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sprang das Tier auf. Wie ein Wilder war es hinter ihr her. Seine lange M\u00e4hne flog, seine Krallen schlugen in die Luft, und aus seinem Rachen hing seine Zunge heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt h\u00f6rte es schon den Atem der Frau. Die keuchte, schrie und jagte davon, was sie konnte. So, noch ein, zwei S\u00e4tze. Nun springt das Tier ihr auf den Hals mitten hinauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau w\u00e4lzt sich im Sand, das Tier schmei\u00dft sie herum. Hier ist die Kehle, da ist das beste Blut; man trinkt immer aus der Kehle. Es haut seinen Rachen in ihre Gurgel und saugt das Blut aus ihrem Leibe. Pfui Teufel, ist das aber sch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tier l\u00e4\u00dft die Frau liegen und springt auf. Da oben kommt noch einer. Ist der aber dumm. Der merkt ja gar nicht, da\u00df hier Hy\u00e4nen sitzen. So ein Idiot, na.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der alte Mann kam heran. Als er nahe war, sah er aus seiner gro\u00dfen Brille die Frau, die im Sande lag mit ihren verrutschten R\u00f6cken und ihren Knien, die sie im Todeskampf auf den Leib gezogen hatte. Auch um ihren Kopf war eine gro\u00dfe Blutlache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er blieb neben der Frau stehen, starr vor Best\u00fcrzung. Da teilten sich die hohen Kornblumen, und heraus kam ein Mann, verw\u00fcstet und zerrissen. Sein Mund war ganz voll Blut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist sicher der M\u00f6rder\u00ab, dachte der alte Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Angst wu\u00dfte er nicht recht, was er machen sollte. Sollte er fortlaufen oder sollte er stehen bleiben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende wollte er es zuerst einmal mit Freundlichkeit versuchen. Denn mit dem da war es doch nicht ganz richtig, das sah man ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGuten Tag\u00ab, sagte der Verr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGuten Tag\u00ab, antwortete der alte Mann, \u00bbdas ist ja ein schreckliches Ungl\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ja, das ist ein schreckliches Ungl\u00fcck, da haben Sie ganz recht\u00ab, sagte der Verr\u00fcckte. Seine Stimme zitterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber ich mu\u00df weitergehen. Entschuldigen Sie nur.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der alte Mann ging zuerst ein paar Schritte langsam. Als er etwas weiter fort war und merkte, da\u00df der M\u00f6rder ihm nicht nachlief, ging er schneller. Und endlich fing er an zu rennen wie ein kleiner Junge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, sieht der komisch aus, wie der da rennt. Ist das ein verr\u00fccktes Haus.\u00ab Und der Irre lachte \u00fcber das ganze Gesicht, das Blut zog sich in den Falten zusammen. Er sah aus wie ein furchtbarer Teufel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber schlie\u00dflich, mochte der laufen. Der hatte ja ganz recht. Er w\u00fcrde es auch so machen. Denn hier konnten gleich wieder die Hy\u00e4nen aus dem Korn kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber pfui, bin ich schmutzig.\u00ab Er besah sich. \u00bbWo kommt denn das viele Blut her?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er ri\u00df der Frau ihre Sch\u00fcrze ab und wischte sich das Blut ab, so gut es ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Ged\u00e4chtnis verlor sich. Er wu\u00dfte zuletzt nicht mehr, wo er war. Er ging wieder querfeldein, \u00fcber Feldwege, durch Felder, im brennenden Mittag. Er erschien sich wie eine gro\u00dfe Blume, die durch die Felder wandert. Etwa eine Sonnenrose. Genau konnte er es nicht erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchlte Hunger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter fand er einen R\u00fcbenacker, er ri\u00df ein paar R\u00fcben heraus und a\u00df sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Felde stie\u00df er auf einen Weiher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der lag da wie ein gro\u00dfes schwarzes Tuch mitten in dem Gold des Kornes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bekam Lust, zu baden, zog sich aus und stieg in das Wasser. Wie das gut tat, wie das ruhig machte. Er atmete den Duft des Wassers, \u00fcber dem die W\u00fcrze der weichen sommerlichen Felder lag. \u00bbAch, Wasser, Wasser\u00ab, sagte er leise, als wenn er jemand rufen wollte. Und nun schwamm er wie ein gro\u00dfer wei\u00dfer Fisch in dem zitternden Teich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ufer flocht er sich eine Krone aus dem Schilf und besah sich im Wasser. Dann sprang er am Ufer herum und tanzte nackt in der wei\u00dfen Sonne, gro\u00df, stark und sch\u00f6n wie ein Satyr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich kam ihm der Gedanke, da\u00df er etwas Unanst\u00e4ndiges t\u00e4te. Er zog sich schnell an, machte sich klein und kroch in das Korn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn jetzt der W\u00e4rter kommt und mich hier findet, der wird sch\u00f6n schimpfen, der zeigt das dem Direktor an\u00ab, dachte er. Als aber niemand kam, fa\u00dfte er wieder Mut und setzte seinen Weg fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Male stand er vor einem Gartenzaun. Dahinter waren Obstb\u00e4ume. W\u00e4sche war daran zum Trocknen aufgeh\u00e4ngt, Kinder schliefen dazwischen. Er ging daran entlang und trat auf eine Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da waren ziemlich viele Menschen, die an ihm vor\u00fcbergingen, ohne auf ihn zu achten. Eine elektrische Bahn fuhr vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn \u00fcberkam das Gef\u00fchl einer grenzenlosen Verlassenheit, das Heimweh packte ihn mit aller Gewalt. Am liebsten w\u00e4re er auf der Stelle nach der Anstalt zur\u00fcckgelaufen. Aber er wu\u00dfte nicht, wo er war. Und wen sollte er fragen? Er konnte doch nicht sagen: \u00bbSie, wo ist denn die Irrenanstalt?\u00ab Dann w\u00fcrde er sicher f\u00fcr einen Verr\u00fcckten gehalten werden, und das ging denn doch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er wu\u00dfte ja auch, was er wollte. Er hatte ja noch viel zu erledigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Ecke der Stra\u00dfe stand ein Schutzmann. Der Irre beschlo\u00df, den nach seiner Stra\u00dfe zu fragen, traute sich aber nicht recht. Schlie\u00dflich konnte er aber doch nicht ewig hier stehen bleiben. Er ging also auf den Schutzmann los. Pl\u00f6tzlich merkte er, da\u00df auf seiner Weste noch ein gro\u00dfer Blutfleck war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na, den durfte der Schutzmann aber nicht zu sehen kriegen. Und er kn\u00f6pfte seinen Rock zu. Er \u00fcberlegte, was er sagen wollte, Wort f\u00fcr Wort, wiederholte es sich ein paarmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lief alles gut ab. Er nahm den Hut ab, fragte nach seiner Stra\u00dfe, der Schutzmann wies ihn hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ja gar nicht einmal weit, dachte er. Und nun kannte er auch die Stra\u00dfen wieder. Hatten die sich aber ver\u00e4ndert, jetzt fuhr hier sogar schon die Elektrische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er machte sich auf den Weg, er schlich an den H\u00e4usern entlang; wenn ihm jemand begegnete, kehrte er sein Gesicht nach der Wand. Er sch\u00e4mte sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kam er vor sein Haus. Vor der T\u00fcre spielten Kinder, die ihn neugierig ansahen. Er ging die Stiege hinauf \u00dcberall roch es nach Essen. Er schlich auf den Zehenspitzen weiter. Als er unter sich eine T\u00fcr gehen h\u00f6rte, zog er auch noch die Schuhe aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun war er vor seiner T\u00fcr. Er setzte sich einen Augenblick auf die Treppe und \u00fcberlegte. Denn jetzt war der gro\u00dfe Moment da. Und was geschehen mu\u00dfte, mu\u00dfte geschehen, das war gar keine Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand auf und klingelte. Alles blieb still. Er ging ein paarmal auf dem Treppenflur hin und her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er las das Schild gegen\u00fcber. Da wohnten nun auch andere Leute. Und nun ging er wieder zur\u00fcck und klingelte noch einmal. Aber es kam wieder niemand. Er b\u00fcckte sich, um durch das Schl\u00fcsselloch zu sehen, da war aber alles schwarz. Er legte sein Ohr an die T\u00fcr, um irgend etwas zu h\u00f6ren, vielleicht einen Schritt, ein Gefl\u00fcster, es blieb aber alles stumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun kam ihm ein Gedanke. Mit einem Male wu\u00dfte er, warum ihm niemand aufmachte. Seine Frau hatte Angst vor ihm, seine Frau, die hatte keine Traute. Das Aas, das wu\u00dfte schon, was los war. Na, nu aber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er trat ein paar Schritte zur\u00fcck. Seine Augen wurden ganz klein, wie rote Punkte. Seine niedere Stirn lief noch mehr zusammen. Er kr\u00fcmmte sich zusammen. Und nun sprang er in einem gro\u00dfen Satz gegen die T\u00fcr. Die krachte laut, hielt aber den Sto\u00df aus. Da schrie er aus allen Kr\u00e4ften und sprang noch einmal. Und dieses Mal gab die T\u00fcr nach. Ihre Bretter krachten, das Schlo\u00df sprang aus, sie ging auf, und er st\u00fcrzte hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sah er eine leere Wohnung. Links war die K\u00fcche, rechts die Stube. Die Tapete war abgerissen. \u00dcberall auf der Diele lag Staub und abgefallene Farbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, seine Frau hatte sich also verkrochen. Er rannte die vier W\u00e4nde der leeren Stube ab, den kleinen Korridor, das Klosett, die Kammer. Nirgends war etwas, alles leer. In der K\u00fcche auch nichts. Da sprang er mit einem Satze auf den Kochherd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da war sie ja, da lief sie ja herum. Sie sah aus wie eine gro\u00dfe graue Ratte. So also sah sie aus. Sie lief immer an der K\u00fcchenwand entlang, immer herum, und er ri\u00df eine eiserne Platte von dem Ofen und warf sie nach der Ratte. Aber die war viel flinker. Aber jetzt, jetzt wird er sie treffen. Und er warf noch einmal. Aber jetzt. Und das Bombardement der eisernen Herdringe krachte gegen die W\u00e4nde, da\u00df der Staub \u00fcberall herunterrasselte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fing an zu schreien. Er br\u00fcllte wie besessen: \u00bbDu Schlafburschenhure, du Sau, du &#8230; \u00ab Er br\u00fcllte, da\u00df das ganze Haus zitterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall klapperten die T\u00fcren, \u00fcberall entstand L\u00e4rm. Jetzt kam es schon die Treppe herauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da standen schon zwei M\u00e4nner in der T\u00fcr und dahinter ein Haufen von Frauen, die an ihren Sch\u00fcrzen ein ganzes Bataillon kleiner Kinder nachzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen den Tobenden oben auf seinem Herd. Die beiden M\u00e4nner sprachen sich gegenseitig Mut zu. Da flog dem einen ein Feuerhaken gegen den Sch\u00e4del, der andere wurde zu Boden geschmissen, und mit ein paar gro\u00dfen S\u00e4tzen sprang der Irrsinnige wie ein riesiger Orang-Utan mitten \u00fcber das Volk hinweg. Er raste die Treppen hinauf, kam an die Bodenleiter, schwang sich auf das Dach, kroch \u00fcber ein paar Mauern, um Schornsteine, verschwand in einer Luke, st\u00fcrzte eine Treppe hinunter und befand sich pl\u00f6tzlich auf einem gr\u00fcnen Platz. Eine leere Bank stand vor ihm. Er lie\u00df sich auf sie niederfallen, steckte das Gesicht in seine H\u00e4nde und begann leise vor sich hin zu weinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte das Bed\u00fcrfnis, zu schlafen. Als er sich auf der Bank langlegen wollte, sah er aus einer Stra\u00dfe, gef\u00fchrt von ein paar Schutzleuten wie von Gener\u00e4len, einen gro\u00dfen Haufen Menschen kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie wollen mich wohl suchen, ich soll wieder raus nach der Anstalt. Sie denken wohl, ich wei\u00df nicht allein, was ich zu tun habe\u00ab, dachte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verlie\u00df schnell den Park. Seine M\u00fctze blieb auf der Bank liegen. Und von fern sah er noch, wie sie einer der M\u00e4nner gleich einer Troph\u00e4e in der Luft herumschwenkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam durch ein paar volle Stra\u00dfen, \u00fcber einen Platz, wieder durch Stra\u00dfen. Ihm wurde unbehaglich in den Menschenmassen. Er f\u00fchlte sich beengt, er suchte nach einem stillen Winkel, wo er sich hinlegen konnte. In einem Hause war ein gro\u00dfes Hoftor. Davor stand ein Mann in einer braunen Livree mit goldenen Kn\u00f6pfen. Sonst schien da aber niemand zu sein. Er ging an dem Diener vorbei, der ihn auch ruhig passieren lie\u00df. Das wunderte ihn eigentlich. Kennt er mich denn nicht, fragte er sich. Und er f\u00fchlte sich eigentlich beleidigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam an eine T\u00fcr, die sich fortw\u00e4hrend drehte. Auf einmal wurde er von einem T\u00fcrfl\u00fcgel erfa\u00dft, bekam einen Sto\u00df und war pl\u00f6tzlich in einer weiten Halle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da waren unz\u00e4hlige Tische, voll Spitzen, Kleidern. Alles schwamm in einem goldigen Lichte, das sich durch hohe Fenster in der D\u00e4mmerung des riesigen Raumes verteilte. Von der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, glitzerten zahllose Diamanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Seite der Halle f\u00fchrten gro\u00dfe Freitreppen hinauf, \u00fcber die einzelne Menschen hinauf und herunter stiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDonnerwetter, ist das eine feine Kirche\u00ab, dachte er. An den G\u00e4ngen standen Herren in schwarzen Anz\u00fcgen, M\u00e4dchen in schwarzen Kleidern. Hinter einem Pulte sa\u00df eine Frau, vor ihr z\u00e4hlte jemand Geld auf. Ein St\u00fcck fiel hinunter und klapperte auf der Erde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stieg die Treppe hinauf, kam durch viele gro\u00dfe Gem\u00e4cher voll allerhand M\u00f6beln, Ger\u00e4ten, Bildern. In einem waren viele Uhren aufgestellt, die alle mit einem Male schlugen. Hinter einem gro\u00dfen Vorhang ert\u00f6nte ein Harmonium, eine schwerm\u00fctige Musik, die sich langsam in der Ferne zu verlieren schien. Er schlug den Vorhang verstohlen zur\u00fcck, da sah er viele Menschen, die einer Spielerin zuh\u00f6rten. Alle sahen ernst und and\u00e4chtig aus, und ihm wurde ganz feierlich zumute. Aber er wagte sich nicht hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam an eine vergitterte T\u00fcr. Dahinter war ein gro\u00dfer Schacht, in dem einige Seile herauf und herunter zu laufen schienen. Ein gro\u00dfer Kasten kam von unten herauf, das Gitter wurde zur\u00fcckgezogen. Jemand sagte: \u00bbBitte aufw\u00e4rts\u00ab, er war in dem Kasten und schwebte wie ein Vogel in die H\u00f6he hinauf<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben begegnete er vielen Menschen, die um gro\u00dfe Tische voll von Tellern, Vasen, Gl\u00e4sern, Gef\u00e4\u00dfen herumstanden oder sich in den G\u00e4ngen zwischen einer Reihe von Podien bewegten, auf denen wie ein Feld gl\u00e4serner Blumen schlanke Kristalle, Leuchter oder bunte Lampen aus gemaltem Porzellan prangten. An der Wand, entlang an diesen Kostbarkeiten, lief, um eine kurze Treppe erh\u00f6ht, eine schmale Galerie hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wand sich durch die Massen hindurch, er kam \u00fcber die Treppe auf die Galerie hinauf. Er lehnte sich an das Gel\u00e4nder, unten sah er die Menschen hinstr\u00f6men, die wie unz\u00e4hlige schwarze Fliegen mit ihren K\u00f6pfen, Beinen und Armen in ewiger Bewegung ein ewiges Summen hervorzubringen schienen. Und eingeschl\u00e4fert von der Monotonie dieser Ger\u00e4usche, bet\u00e4ubt von der Schw\u00fcle des Nachmittags, krank von den Exaltationen dieses Tages schlo\u00df er seine Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war ein gro\u00dfer wei\u00dfer Vogel \u00fcber einem gro\u00dfen einsamen Meer, gewiegt von einer ewigen Helle, hoch im Blauen. Sein Haupt stie\u00df an die wei\u00dfen Wolken, er war Nachbar der Sonne, die \u00fcber seinem Haupte den Himmel f\u00fcllte, eine gro\u00dfe goldene Schale, die gewaltig zu dr\u00f6hnen begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Schwingen, wei\u00dfer als ein Schneemeer, stark, mit Achsen wie Baumst\u00e4mme, klafterten \u00fcber den Horizont, unten tief in der Flut schienen purpurne Inseln zu schwimmen, gro\u00dfen rosigen Muscheln gleich. Ein unendlicher Friede, eine ewige Ruhe zitterte unter diesem ewigen Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wu\u00dfte nicht, flog er so schnell, oder wurde das Meer unter ihm fortgezogen. Das war also das Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er das den andern erz\u00e4hlen w\u00fcrde in der Anstalt, heute abend in den Schlafs\u00e4len, die w\u00fcrden sch\u00f6n neidisch sein. Dar\u00fcber freute er sich eigentlich am meisten. Aber dem Doktor wollte er lieber gar nichts erz\u00e4hlen, der w\u00fcrde wieder sagen: \u00bbSo, so.\u00ab Aber der glaubte doch nichts. Das war so ein Halunke. Wenn er auch immer sagte, er glaubte alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten im Meere schwamm ein gro\u00dfer wei\u00dfer Kahn mit langsamen Segeln. \u00bbWie einer aus dem Humboldthafen\u00ab, dachte er, \u00bbaber gr\u00f6\u00dfer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teufel, was war es doch sch\u00f6n, ein Vogel zu sein. Warum war er nicht schon lange ein Vogel geworden? Und er rollte seine Arme in der Luft herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter ihm wurden ein paar Frauen auf ihn aufmerksam. Sie lachten. Andere kamen, es entstand ein Gedr\u00e4nge, Ladenm\u00e4dchen rannten nach dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stieg auf die Br\u00fcstung, richtete sich auf und schien oben \u00fcber der Menge zu schweben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter ihm in dem Ozean war ein riesiges Licht. Er mu\u00dfte jetzt herabtauchen, jetzt war es Zeit, auf das Meer zu sinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da war etwas Schwarzes, etwas Feindliches, das st\u00f6rte ihn, das wollte ihn nicht hinunterlassen. Aber er wird das schon kriegen, er ist ja so stark.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er holt aus und springt von der Balustrade mitten in die japanischen Gl\u00e4ser, in die chinesischen Lackmalereien, in die Kristalle von Tiffany.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist das Schwarze, da ist das, \u2013 und er rei\u00dft ein Ladenm\u00e4dchen zu sich herauf, legt ihr die H\u00e4nde um die Kehle und dr\u00fcckt zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Menge flieht durch die G\u00e4nge, st\u00fcrzt die Treppen \u00fcbereinander herab, gellendes Geschrei erf\u00fcllt das ganze Haus. \u00bbFeuer, Feuer\u00ab, wird geschrien. In einem Augenblicke ist die ganze Etage leer. Nur ein paar kleine Kinder liegen vor der Treppent\u00fcr, totgetreten oder erdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kniet auf seinem Opfer und dr\u00fcckt es langsam zu Tode.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um ihn herum ist das gro\u00dfe goldene Meer, das seine Wogen zu beiden Seiten wie gewaltige schimmernde D\u00e4cher t\u00fcrmt. Er reitet auf einem schwarzen Fisch, er umarmt seinen Kopf mit den Armen. Ist der aber dick, denkt er. Tief unter ihm sieht er in der gr\u00fcnen Tiefe, verloren in ein paar zitternden Sonnenstrahlen, gr\u00fcne Schl\u00f6sser, gr\u00fcne G\u00e4rten in einer ewigen Tiefe. Wie weit m\u00f6gen die sein? Wenn er doch einmal da hinunter k\u00f6nnte, dort unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schl\u00f6sser r\u00fccken immer tiefer, die G\u00e4rten scheinen immer tiefer zu sinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er weint, er wird ja niemals dahinkommen. Er ist nur ein armes Aas. Und der Fisch unter ihm wird auch frech, der zappelt noch, dem Biest wird er es schon besorgen. und er dr\u00fcckt ihm den Hals ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter der T\u00fcr erschien ein Mann, legte ein Gewehr an die Backe, zielte. Der Schu\u00df traf den Wahnsinnigen in den Hinterkopf Er schwankte ein paarmal hin und her, dann fiel er schwer \u00fcber sein letztes Opfer, unter die klirrenden Gl\u00e4ser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4hrend das Blut aus der Wunde scho\u00df, war es ihm, als s\u00e4nke er nun in die Tiefe, immer tiefer, leise wie eine Flaumfeder. Eine ewige Musik stieg von unten herauf und sein sterbendes Herz tat sich auf, zitternd in einer unerme\u00dflichen Seligkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym, zeitgen\u00f6ssische Photographie<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der W\u00e4rter gab ihm seine Sachen, der Kassierer h\u00e4ndigte ihm sein Geld aus, der T\u00fcrsteher schlo\u00df vor ihm die gro\u00dfe eiserne T\u00fcr auf Er war im Vorgarten, er klinkte die Gartenpforte auf, und er war drau\u00dfen. So, und nun&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/16\/der-irre\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":242,"featured_media":97875,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[429],"class_list":["post-97274","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-georg-heym"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97274","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/242"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=97274"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97274\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97915,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97274\/revisions\/97915"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97875"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=97274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}