{"id":97259,"date":"2022-10-05T00:01:31","date_gmt":"2022-10-04T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97259"},"modified":"2022-02-24T16:52:31","modified_gmt":"2022-02-24T15:52:31","slug":"der-fuenfte-oktober","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/05\/der-fuenfte-oktober\/","title":{"rendered":"Der f\u00fcnfte Oktober"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 5. Oktober sollten die Brotkarren aus der Provence nach Paris kommen. Der Stadtrat hatte es an allen Stra\u00dfenecken in seinen gro\u00dfen roten Lettern anschlagen lassen. Und das Volk trieb sich den ganzen Tag vor ihnen herum wie vor den Toren einer neuen und ungeheuren Offenbarung. Ausgehungert bis in die Knochen tr\u00e4umte es da von Paradiesen der S\u00e4ttigung, ungeheuren Weizenfladen, wei\u00dfen Mehlpasteten, die in allen Gark\u00fcchen prasseln w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Schlote sollen rauchen. Man wird die B\u00e4cker an die Laternen h\u00e4ngen, man wird selber braten, man wird seinen Arm bis \u00fcber die Ellenbogen in Mehl tauchen. Das wei\u00dfe Zeug wird die Stra\u00dfen wie ein fruchtbarer Schnee \u00fcberziehen, der Wind wird es vor der Sonne hintreiben wie eine dicke Wolke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf allen Stra\u00dfen werden gro\u00dfe Tische aufgestellt werden, Paris wird ein gro\u00dfes, gemeinsames Mahl abhalten, einen gewaltigen Sabbat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen dr\u00e4ngten sich vor den verschlossenen Kellern der B\u00e4ckereien und schielten herab auf die leeren Backtr\u00f6ge, die hinter den Gitterfenstern standen, sie sahen vergn\u00fcgt auf die schwarzen M\u00e4uler der riesigen Back\u00f6fen, die ohne Feuer standen und, wie sie, nach Brot hungerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einer Stra\u00dfe eines Viertels am Mont Parnasse wurde eine B\u00e4ckerei erbrochen, mehr aus langer Weile, um sich die Zeit zu vertreiben, als aus der Hoffnung, in den K\u00e4sten noch Brot zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Mann, Kohlentr\u00e4ger aus St. Antoine, brachten den B\u00e4cker heraus. Sie warfen ihm seine wei\u00dfe Per\u00fccke hinunter und stellten ihn unter die verbogene Lampe seiner T\u00fcr. Der eine ri\u00df seinen Hosenbund ab, drehte eine Schlinge und warf sie dem B\u00e4cker um den Hals. Dann hielt er ihm seine schwarze Faust unter das Gesicht und schrie ihn an: \u00bbDu verfluchter Mehlwurm, jetzt werden wir dich aufh\u00e4ngen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4cker fing an zu jammern, und sah sich unter den Umstehenden nach Beistand um. Aber er sah nur lauter grinsende Gesichter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schuster Jacobus trat vor und sagte zu den Vorst\u00e4dtern: \u00bbMeine Herren, wir wollen das Schwein laufen lassen, aber er mu\u00df mir erst ein Gebet nachsprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ein Gebet nachsprechen\u00ab, wimmerte der B\u00e4cker. \u00bbLassen Sie mich ein Gebet nachsprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacobus fing an: \u00bbIch bin der verfluchte Saub\u00e4cker.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4cker sprach nach: \u00bbIch bin der verfluchte Saub\u00e4cker.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacobus: \u00bbIch bin der schwarze Mehljude, ich stinke auf tausend Meter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4cker: \u00bbIch bin der schwarze Mehljude, ich stinke auf tausend Meter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacobus: \u00bbIch bete alle Tage zu den vierzehn Nothelfern, da\u00df niemand merken soll, was ich alles in das Brot tue.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4cker wiederholte auch das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum wieherte. Eine alte Frau setzte sich auf die Treppenstufen und gackerte vor Lachen wie eine alte Henne beim Eierlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacobus konnte selber vor Lachen nicht mehr weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Weile ging dieses komische Anathema noch fort, zuletzt wurde die erb\u00e4rmliche Gestalt den Leuten zu langweilig. Man lie\u00df ihn stehen mit seinem Strick um den Hals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begann stark zu regnen, die Leute traten unter die D\u00e4cher. Der B\u00e4cker war fort. Nur seine wei\u00dfe Per\u00fccke lag noch mitten auf dem Platze und begann, sich im Regen aufzul\u00f6sen. Ein Hund nahm sie in das Maul und schleppte sie fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich lie\u00df der Regen nach, und die Menschen traten wieder auf die Stra\u00dfe. Der Hunger begann sie wieder zu bei\u00dfen. Ein Kind fiel in Kr\u00e4mpfe, die Umstehenden sahen zu und gaben gute Ratschl\u00e4ge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal hie\u00df es: \u00bbDie Brotkarren sind da! Die Brotkarren sind da!\u00ab Die ganze Stra\u00dfe hinab lief das Geschrei. Und die ganze Stra\u00dfe begann, sich aus den Toren hinauszudr\u00e4ngen. Sie kamen an das Land, in die kahlen Felder, sie sahen einen verlassenen Himmel und die lange Reihe von Pappelb\u00e4umen der Chaussee, die hinten in dem armseligen Horizont der Ebenen untertauchten. Ein Sto\u00df Raben flog \u00fcber sie vor dem Winde her, den St\u00e4dten zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschenstr\u00f6me gossen sich in die Felder. Manche hatten leere S\u00e4cke auf den Schultern, andere Fleischermollen, Kessel, um das Brot fortzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie warteten auf die Karren, den Rand des Himmels durchforschend, wie ein Volk Astronome, das nach einem neuen Gestirn sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie harrten und harrten, aber sie sahen nichts als den Wolkenhimmel und den Sturm, der die hohen B\u00e4ume hin- und herbog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einer Kirche schlug es in die stummen Massen langsam die Mittagsstunde. Da begannen sie, sich zu besinnen, da\u00df sie sonst um diese Zeit um volle Tische gesessen hatten, auf deren Mitte wie ein dicker K\u00f6nig ein wei\u00dfer Laib Brotes geprangt hatte. Und das Wort \u00bbPain\u00ab zwang sich mit seiner ganzen Wei\u00dfe, seiner Fette, in das Gehirn der Masse, und lag darin wie ein Stein in der Sonne, riesig, gro\u00df, knusprig, zum Anschneiden. Sie schlossen die Augenlider, und sie f\u00fchlten den Saft des Weizens \u00fcber ihre H\u00e4nde tr\u00f6pfeln. Sie f\u00fchlten die W\u00e4rme, die heilige Wolke der Back\u00f6fen, eine rosige Flamme, die die wei\u00dfen Brotlaibe r\u00f6stete und schw\u00e4rzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ihre H\u00e4nde zitterten vor Verlangen nach dem Mehl. Sie fr\u00f6stelten vor Hunger, und ihre Zungen begannen im leeren Munde zu kauen, sie begannen die Luft zu schlucken, und ihre Z\u00e4hne schlugen willenlos aufeinander, als zermalmten sie die wei\u00dfen Bissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchen hingen ihre Sackt\u00fccher aus dem Munde, und ihre gro\u00dfen Z\u00e4hne kauten darauf herum, langsam wie Maschinen. Sie hatten ihr eingefallenes Auge geschlossen und wiegten ihre K\u00f6pfe \u00fcber ihren Zulp im Takte einer geheimnisvollen, qu\u00e4lerischen Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere sa\u00dfen auf den Prellsteinen an der Stra\u00dfe und weinten vor Hunger, w\u00e4hrend sich um ihre Knie gro\u00dfe magere Hunde herumtrieben, denen die Knochen fast durch das Fell stachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine schreckliche M\u00fcdigkeit befiel die regungslosen Massen, eine ungeheure Apathie fiel l\u00e4hmend wie eine dicke Decke auf ihre wei\u00dfen Gesichter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, sie hatten keinen Willen mehr. Der Hunger begann ihn langsam zu ersticken und sie in einem schrecklichen Schlaf und der Marter seiner Tr\u00e4ume zu entmannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weit um sie herum lief die Ebene Frankreichs herab, verz\u00e4umt von gespenstigen M\u00fchlen, die rings um den Horizont standen wie T\u00fcrme oder riesige Gottheiten des Kornes, die mit den Armen ihrer gro\u00dfen Fl\u00fcgel Mehlwolken aufst\u00e4ubten, als dampfe Weihrauch um ihre gro\u00dfen H\u00e4upter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeheure Tafeln standen am Rande Frankreichs, die unter der Last der gro\u00dfen Sch\u00fcsseln zu schwanken begannen. Man winkte sie her. Aber sie waren auf gro\u00dfe Folterbetten gebunden, und ihr Blut hatte das furchtbare Opium des Hungers bet\u00e4ubt und in schwarze Schlacke erstarrt. Sie wollten schreien: \u00bbBrot, Brot, nur einen Bissen, Erbarmen, Barmherzigkeit, nur einen Bissen, lieber Gott.\u00ab Aber sie konnten ihre Lippen nicht aufmachen, schrecklich, sie waren stumm. Schrecklich, sie konnten kein Glied r\u00fchren, sie waren gel\u00e4hmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die schwarzen Tr\u00e4ume flatterten \u00fcber die Haufen, die zu Klumpen geballt beieinander standen und lagen wie ein Heer, verurteilt zum ewigen Tode, geschlagen mit ewiger Stummheit, verflucht, wieder in den Bauch von Paris unterzutauchen, zu leiden, zu hungern, geboren zu werden und zu sterben in einem Meer der schwarzen Finsternis, der Fronden, des Hungers und der Sklaverei, erdr\u00fcckt von blutgierigen Steuerp\u00e4chtern, ausgemergelt von der ewigen Auszehrung, entnervt von dem ewigen Rauch der Gassen, und wie ein altes Pergament verwelkt von der heizenden Luft ihrer niedrigen H\u00f6hlen, verdammt, einst zu erstarren im Schmutze ihrer Betten und in einem letzten Seufzer den Priester zu verfluchen, der gekommen war im Namen seines Gottes, im Namen des Staates und der Autorit\u00e4t, ihnen zum Dank f\u00fcr die Geduld ihres elenden Lebens die letzten Groschen zu Kirchenverm\u00e4chtnissen abzupressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemals schien eine Sonne in ihre Gr\u00e4ber. Was kannten sie von ihr in ihren gr\u00e4\u00dflichen L\u00f6chern? Sie sahen sie manchmal mittags \u00fcber die Stadt hinschweben, bet\u00e4ubt von ihrem Qualm, in dicke Wolken geh\u00fcllt, eine Stunde oder zwei. Und dann verschwand sie. Die Schatten kamen wieder unter den H\u00e4usern hervor und krochen an ihnen hoch, schwarze Polypen der Gasse mit ihrer kalten Umarmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie oft hatten sie an den G\u00e4rten der Grenadiere auf die weiten sonnigen Wiesen geschaut. Und sie hatten die T\u00e4nze der Hofdamen angeglotzt, die Hirtenst\u00f6cke der goldbetre\u00dften Kavaliere, die B\u00fccklinge der Mohren, die Tabletten voll Orangen, Biskuits, Konfekt, die goldene Karosse, in der die K\u00f6nigin langsam durch den Park fuhr wie eine syrische G\u00f6ttin, eine ungeheure Astarte, starrend von wei\u00dfer Seide und glitzernd wie eine Heilige von tausend Perlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O, wie oft hatten sie von dem Duft, der W\u00fcrze des Moschus getrunken, wie oft waren sei beinahe erstickt von den Wohlger\u00fcchen des Ambra, die aus dem Park des Luxembourg zogen wie aus einem geheimnisvollen Tempel. O, man h\u00e4tte sie doch einmal hereinlassen k\u00f6nnen, einmal auf einem solchen Samtstuhl zu sitzen, einmal in einem solchen Wagen zu fahren. Sie h\u00e4tten mit Vergn\u00fcgen die ganze Nationalversammlung totgeschlagen, sie h\u00e4tten dem K\u00f6nig die F\u00fc\u00dfe gek\u00fc\u00dft, wenn er sie einmal f\u00fcr eine Stunde ihren Hunger und die kahlen Felder verzweifelter Ernten h\u00e4tte vergessen machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie zerpre\u00dften sich ihre Nasen an den Eisenst\u00e4ben der Gitter, sie steckten ihre H\u00e4nde hindurch, Scharen von Bettlern, Herden von Ausgesto\u00dfenen und Wimmernden. Und ihr schrecklicher Geruch zog in den Park wie eine Wolke d\u00fcsteren Abendrotes, das einem schrecklichen Morgen voraufgeht. Sie hatten sich an das Gitter geh\u00e4ngt wie gr\u00e4\u00dfliche Spinnen, und ihre Augen waren weit in den Park hinausgewandert, in seine abendlichen Wiesen, seine Hecken, seine Lorbeerg\u00e4nge, seine Marmorfiguren, die von ihrem Postament herab ihnen ihr s\u00fc\u00dfliches L\u00e4cheln zukehrten. Kleine Liebesg\u00f6tter, Putten, dick wie gem\u00e4stete G\u00e4nse, mit Armen, die wei\u00dfen ausgestopften W\u00fcrsten glichen, zielten nach ihrem aufgerissenen Mund ihre Liebespfeile und winkten ihnen mit dem steinernen K\u00f6cher, w\u00e4hrend auf ihre Schultern wie ein Klotz die Arme der Gerichtsvollzieher fielen, die gekommen waren, sie in die Schuldt\u00fcrme zu werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schl\u00e4fer st\u00f6hnten, und die Wachenden beneideten sie um ihren Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen vor sich hin, voraus, die Stra\u00dfe hinab nach den Brotkarren, die ausgestorbene Stra\u00dfe, die die Schrecken der Revolution ver\u00f6det hatten und die wie ein toter Darm keine Zufuhren mehr in den Bauch Frankreichs hineinwarf. Sie war wei\u00df und lief endlos in einen tauben Himmel, der, fett wie ein Pfaffengesicht, feist wie eine Bischofsbacke und ohne Runzeln wie ein gem\u00e4steter Bettelm\u00f6nch, seine fahle Stirn am Horizont zeigte. Er war friedlich wie eine Dorfmesse, er war von kleinen, grauen Nachmittagswolken sanft eingerahmt wie ein alter Abb\u00e9, der nach dem Mittagessen in seiner Sakristei, im Lehnstuhl sanft versargt, schlummert, w\u00e4hrend ihm die Locken seiner Per\u00fccke in die Stirn fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lumpen der Menschenherden verbreiteten einen entsetzlichen Gestank. Ihre schmutzigen Halsbinden flatterten um ihre grauen Gesichter. Ersticktes Weinen verflog durch das entsetzliche Schweigen. Soweit man sah, stachen ihre durchl\u00f6cherten Dreispitze in die Luft, auf denen manchmal schmutzige Strau\u00dffedern tanzten. Die zerstreuten schwarzen Figuren der Massen glichen den erstarrten Pas eines d\u00fcsteren Menuetts, einem Tanze des Todes, den er mit einem Male hinter sich hatte erstarren lassen, verwandelt in einen riesigen, schwarzen Steinhaufen, gebannt und erfroren von den Qualen, S\u00e4ulen des Schweigens. Unz\u00e4hlige Lots, die die Flamme eines h\u00f6llischen Gomorra in ewige Starre geschmolzen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoch \u00fcber ihnen in dem kalten Oktoberhimmel ging der eiserne Pflug der Zeit, der seine Felder ackerte mit Kummer, bes\u00e4te mit Not, auf da\u00df daraus eines Tages die Flamme der Rache aufginge, auf da\u00df eines Tages die Arme dieser Tausende leicht w\u00fcrden, beschwingt und fr\u00f6hlich wie leichte Tauben beim Schnitterdienste der Guillotinenmesser, auf da\u00df eines Tages sie wie G\u00f6tter der Zukunft unter den Himmel treten k\u00f6nnten, barh\u00e4uptig, in dem ewigen Pfingsten einer unendlichen Morgenr\u00f6te.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem wei\u00dflichen Himmel am fernen Ende der Landstra\u00dfe l\u00f6ste sich ein schwarzer Punkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vordersten sahen ihn, sie machten einander aufmerksam. Die Schl\u00e4fer erwachten und sprangen auf. Alle sahen die Stra\u00dfe hinab. War dieser schwarze Punkt das Mekka ihrer Hoffnung, war das ihre Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einige Augenblicke glaubten sie alle daran, sie zwangen sich, daran zu glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Punkt wuchs zu schnell. Jetzt sahen es alle, das war nicht der langsame Zug vieler Karren, das war keine Mehlkarawane. Und die Hoffnung verlor sich im Winde und verlie\u00df ihre Stirnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was war das? Wer ritt so toll? Wer hatte in dieser toten Zeit einen Grund, so zu reiten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar M\u00e4nner kletterten auf die dicken Weiden und sp\u00e4hten \u00fcber die K\u00f6pfe der Massen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sahen sie ihn und schrien seinen Namen herab. Es war Maillard. Maillard von der Bastille. Maillard vom 14. Juli.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da kam er heran, mitten unter die Volkshaufen. Er hielt an, und dann bekam er nur ein Wort heraus. \u00bbVerrat!\u00ab schrie er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da brach der Orkan los. \u00bbVerrat, Verrat!\u00ab Einige zehn Mann fa\u00dften ihn an und hoben ihn auf ihre Schultern. Er stand oben, mit der einen Hand sich an einen Baum st\u00fctzend, ohnm\u00e4chtig vor Anstrengung, fast blind vom Schwei\u00df, der ihm aus seinem schwarzen Haar um die Augen lief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maillard will reden, hie\u00df es. Da trat eine furchtbare Ruhe ein. Alle warteten, warteten mit dem furchtbaren Warten der Massen vor dem Aufruhr, in den furchtbaren Sekunden, in denen die Zukunft Frankreichs gewogen ward, bis die Schale voll Fesseln, Kerkern, Kreuzen, Bibeln, Rosenkr\u00e4nzen, Kronen, Zeptern, Reichs\u00e4pfeln, gebettet in die falsche Sanftmut bourbonischer Lilien, voll hohler Worte, Versprechungen, Tafeln voll k\u00f6niglicher Eidbr\u00fcche, ungerechter Urteile, harmloser Privilegien, dieser ungeheure Berg alles dessen, mit dem die Jahrtausende Europa betrogen hatten, langsam zu sinken begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maillard schwang sich in den Baum herauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus seiner kahlen Kanzel herab warf er seine furchtbaren Worte \u00fcber die Menschen dahin, \u00fcber die kahlen Felder, die d\u00fcsteren W\u00e4lle, die schwarzen Zugbr\u00fccken, \u00fcberladen von Menschen, in die Tunnels der Tore, \u00fcber die D\u00e4cher von Paris, in die H\u00f6fe und G\u00e4\u00dfchen der d\u00fcsteren Faubourgs, in alle die Burgen des Elends weit hinaus, wo unter der Erde in den Kan\u00e4len bei den Quartieren der Ratten noch ein verdammtes Ohr war, das seine Worte vernahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAn die Nation! Ihr Armen, ihr Verfluchten, ihr Ausgesto\u00dfenen! Man verr\u00e4t euch. Man pre\u00dft euch aus. Ihr werdet bald nackt herumlaufen, auf den Treppen werdet ihr sterben, und aus euren starren H\u00e4nden werden die Steuerp\u00e4chter, die Schergen des Capets, Bluthunde des Bluthundes, Spinnen der Spinne, eure letzten Groschen rei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind verlassen, wir sind versto\u00dfen, und es geht mit uns zu Ende. Sie werden uns bald den letzten Rock vom Leibe rei\u00dfen. Aus unseren Hemden werden sie uns Stricke drehen. Wir werden mit unserem Leibe die kotigen Stra\u00dfen pflastern, damit die Wagen der Henker trocken dar\u00fcber fahren. Warum sollten wir auch nicht sterben? Denn wir verpesten mit unsern Leibern die Luft, wir stinken, man fa\u00dft uns nicht an, nicht wahr? Warum sollten wir nicht sterben? Was k\u00f6nnen wir auch tun? Wir k\u00f6nnen uns ja nicht wehren? Wir sind m\u00fcrbe gemacht, wir sind stumm gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat k\u00fcnstliche Teuerungen erzielt, man hat uns ausgehungert, der Hunger hat uns tot gemacht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Wort fiel wie ein schwerer Stein in das Volk. Bei jeder Silbe warf er seine Arme nach vorn, als wollte er mit dem Bombardement seiner Worte den Horizont selber ins Wanken bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWi\u00dft ihr, was diese Nacht geschehen ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6nigin \u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHa, die K\u00f6nigin\u00ab, und die Massen wurden noch stiller, als sie den verha\u00dften Namen h\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie K\u00f6nigin, wi\u00dft ihr, was die alte Hure getan hat? Drei Regimenter Dragoner hat sie nach Versailles kommen lassen. Die liegen in allen H\u00e4usern, und die Leute der Versammlung wagen kaum noch zu reden. Mirabeau ist klein geworden wie ein Zwerg, und die anderen alle k\u00f6nnen sich kaum noch zu einem d\u00fcrftigen R\u00e4uspern aufschwingen. Es ist eine Schande, das zu sehen. Wof\u00fcr haben sie im Ballhause geschworen, diese Kom\u00f6dianten der Freiheit? Wof\u00fcr habt ihr euer Blut bei der Bastille gelassen? Es war alles umsonst, h\u00f6rt ihr, umsonst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr m\u00fc\u00dft wieder in eure H\u00f6hlen kriechen, die Freiheitsfackel ist ein kleines Nachtlicht geworden, eine kleine Tranfunzel. Gut genug, um euch wieder in eure L\u00f6cher zu leuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In drei Tagen wird Broglie mit seinen Truppen hier sein. Die Versammlung wird nach Hause geschickt, die Folter wird wieder aufgerichtet. Die Bastille wird wieder aufgebaut. Die Abgaben werden wieder gezahlt. Alle Kerker sperren schon ihre M\u00e4uler auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Euer Hunger wird nicht gestillt werden, verzweifelt getrost. Der K\u00f6nig hat die Brotkarren noch vor Orleans anhalten lassen und sie wieder nach Hause geschickt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Worte gingen unter in dem Schrei der Wut. Ein ungeheurer Sturm geballter F\u00e4uste sch\u00fcttelte sich in der Luft. Die Massen begannen zu schwanken, wie ein ungeheurer Malstrom, rund um seinen Baum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Baum ragte heraus aus dem Meere der Schreie, aus den kreisenden Fl\u00fcchen der verzerrten Gesichter, aus dem Echo des Zornes, das wie ein schwarzer, riesiger Wirbelwind vom Himmel zur\u00fcckkam und ihn im Kreise zu ersch\u00fcttern begann, da\u00df er dr\u00f6hnte wie der Kl\u00f6ppel einer ehernen Glocke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Baum ragte heraus wie von d\u00fcsteren Flammen angez\u00fcndet, eine kalte Lohe, die ein D\u00e4mon aus dem Abgrund hatte aufschie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoch oben in seinem fahlen Ge\u00e4st hing Maillard wie ein riesiger schwarzer Vogel und warf seine Arme im Kreise hin und her, als wollte er sich zum Fluge \u00fcber die Menschenmassen anschicken in den Abend hinaus, ein D\u00e4mon der Verzweiflung, ein schwarzer Belial, der Gott der Masse, der d\u00fcstres Feuer aus seinen H\u00e4nden warf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber in seiner Stirn, die das dunkle Licht wie mit \u00fcberirdischer Wei\u00dfe \u00fcbergo\u00df, spiegelte ein goldener Strahl, der durch die Wolken kam, hoch \u00fcber dem Chaos aus dem Zenit des Himmels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur ein kleiner Streifen am Westhimmel war hell geworden, dort war der Himmel \u00fcber die Felder gespannt wie ein Teppich von seidener Bl\u00e4ue, der noch von den Erinnerungen eines verschwiegenen Sch\u00e4ferspiels tr\u00e4umte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Toben der Massen heraus schallte pl\u00f6tzlich zweimal von einer lauten Stimme gerufen im Paroxismus eines geltenden Diskantes der Ruf: \u00bbNach Versailles, nach Versailles!\u00ab Es war, als h\u00e4tte es die riesige Masse selber gerufen, als h\u00e4tte ein Wille das ausgesprochen, was in den Tausenden der K\u00f6pfe sich w\u00e4lzte. Da war ein Ziel. Das war kein Chaos mehr, die Menschenmassen waren mit einem Schlage ein furchtbares Heer. Wie ein riesiger Magnet ri\u00df der Westhimmel ihre K\u00f6pfe herum, wo Versailles ihrer harrte. Diese Stra\u00dfe w\u00fcrden sie jetzt gehen, sie w\u00fcrden nicht mehr warten. Die Kr\u00e4fte, die der Sturm der Verzweiflung in ihnen aufgew\u00fchlt hatte, hatten einen Willen, einen Weg. Der Damm war gebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Reihen setzten sich spontan in Marsch. In Reihen zu vieren, zu f\u00fcnfen, so weit die Breite der Stra\u00dfe es erlaubte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maillard sah das. Er kletterte, so schnell er konnte, von seinem Baum herab, rief drei Mann, die er kannte, zu sich und rannte mit ihnen \u00fcber die Felder an den Massen entlang, bis er ihre Spitze erreichte. Da stellte er sich mit seinen Leuten dem Strome entgegen und versuchte, auf sie einzureden, sie sollten einen F\u00fchrer w\u00e4hlen, Waffen holen. Aber er wurde nicht geh\u00f6rt. Jetzt war seine Stimme wie die eines jeden anderen, der diese eisernen Bataillone h\u00e4tte aufhalten wollen. Die Massen stie\u00dfen ihn zur Seite, sie \u00fcberschwemmten die kleine Mauer der vier Mann und rissen Maillard und seine Leute mit sich die Stra\u00dfe hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein unsichtbarer F\u00fchrer f\u00fchrte sie, eine unsichtbare Fahne wehte vor ihnen her, ein riesiges Panier wallte im Winde, das ein ungeheurer Fahnentr\u00e4ger vor ihnen hertrug. Ein blutrotes Banner war entfaltet. Eine gewaltige Oriflamme der Freiheit, die mit einem purpurnen Fahnentuche im Abendhimmel ihnen vorausflackerte wie eine Morgenr\u00f6te.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie alle waren unz\u00e4hlige Br\u00fcder geworden, die Stunde der Begeisterung hatte sie aneinandergeschwei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4nner und Weiber durcheinander, Arbeiter, Studenten, Advokaten. Wei\u00dfe Per\u00fccken, Kniestr\u00fcmpfe und Sansculotten, Damen der Halle, Fischweiber, Frauen mit Kindern auf dem Arm, Stadtsoldaten, die ihre Spie\u00dfe wie Generale \u00fcber der Masse schwangen, Schuster mit Ledersch\u00fcrzen und Holzpantoffeln, Schneider, Gastwirte, Bettler, Strolche, Vorst\u00e4dter, zerlumpt und zerrissen, ein unz\u00e4hliger Zug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barh\u00e4uptig zogen sie die Stra\u00dfe hinab, Marschlieder erschallten. Und an Spazierst\u00f6cken trugen sie rote Taschent\u00fccher wie Standarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Leiden waren geadelt, ihre Qualen waren vergessen, der Mensch war in ihnen erwacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war der Abend, wo der Sklave, der Knecht der Jahrtausende seine Ketten abwarf und sein Haupt in die Abendsonne erhob, ein Prometheus, der ein neues Feuer in seinen H\u00e4nden trug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren waffenlos, was schadete das, sie waren ohne Kommandanten, was tat das? Wo war nun der Hunger, wo waren die Qualen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Abendrot lief \u00fcber sie hin, \u00fcber ihre Gesichter und brannte auf ihre Stirnen einen ewigen Traum von Gr\u00f6\u00dfe. Die ganze meilenweite Stra\u00dfe brannten tausend K\u00f6pfe in seinem Lichte wie ein Meer, ein urewiges Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Herzen, die in der tr\u00fcben Flut der Jahre, in der Asche der M\u00fchsal erstickt waren, fingen wieder an zu brennen, sie entz\u00fcndeten sich an diesem Abendrot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gaben sich die H\u00e4nde auf dem Marsche, sie umarmten sich. Sie hatten nicht umsonst gelitten. Sie wu\u00dften alle, da\u00df die Jahre der Leiden vorbei waren, und ihre Herzen zitterten leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ewige Melodie erf\u00fcllte den Himmel und seine purpurne Bl\u00e4ue, eine ewige Fackel brannte. Und die Sonne zog ihnen voraus, den Abend herab, sie entz\u00fcndete die W\u00e4lder, sie verbrannte den Himmel. Und wie g\u00f6ttliche Schiffe, bemannt mit den Geistern der Freiheit, segelten gro\u00dfe Wolken in schnellem Winde vor ihnen her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die gewaltigen Pappeln der Stra\u00dfe leuchteten wie gro\u00dfe Kandelaber, jeder Baum eine goldene Flamme, die weite Stra\u00dfe ihres Ruhmes hinab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Dieb<\/strong><em>.<\/em> Ein Novellenbuch von Georg Heym. (postum hg. 1913)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/>Bei Georg Heyms &#8222;Der Dieb, ein Novellenbuch&#8220; handelt es sich um einen Buch mit expressionistischen Kurznovellen: &#8222;Der f\u00fcnfte Oktober&#8220;, &#8222;Der Irre&#8220;, &#8222;Die Sektion&#8220;, &#8222;Jonathan&#8220;, &#8222;Das Schiff&#8220;, &#8222;Ein Nachmittag&#8220; und &#8222;Der Dieb&#8220;. Wir lesen Portr\u00e4ts von Au\u00dfenseitertypen, deren aufgestauter Lebenshass entweder in physische Gewalt umschl\u00e4gt oder die an der psychischen Gewalt einer kalten Umwelt zugrunde gehen. Was der Mensch nicht dahinrafft, erledigt schlie\u00dflich die Natur. Doch alle, ob nun verroht oder sensibel, scheinen sie eins zu suchen: Halt, Verst\u00e4ndnis, Liebe. Der Irre sehnt sich auf seinem Rachefeldzug, in Momenten, in denen ihm seine Schreckenstaten bewusst werden, nach dem verhassten Arzt. Jonathan muss die Sehnsucht nach W\u00e4rme und Zuneigung mit seinen zwei Beinen bezahlen. Am abstraktesten wird die Sehnsucht nach Beachtung in der Liebe des Diebes zu da Vincis &#8222;Mona Lisa&#8220;, die ihre ablehnende Haltung und Arroganz gegen ihn mit der Vernichtung b\u00fc\u00dfen muss. Dem Leser bleibt die Erkenntnis: \u201eWir alle sind J\u00e4ger und Gejagte, T\u00e4ter und Opfer. Das Gl\u00fcck l\u00e4sst sich ohne Leid nicht erfahren.\u201c Uns bleibt die Ungewissheit, ob man Heyms einziges Prosawerk gro\u00dfartig oder abscheulich finden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am 5. Oktober sollten die Brotkarren aus der Provence nach Paris kommen. Der Stadtrat hatte es an allen Stra\u00dfenecken in seinen gro\u00dfen roten Lettern anschlagen lassen. 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