{"id":97200,"date":"1996-01-28T00:01:56","date_gmt":"1996-01-27T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=97200"},"modified":"2022-04-01T18:44:41","modified_gmt":"2022-04-01T16:44:41","slug":"klassentreffen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/01\/28\/klassentreffen\/","title":{"rendered":"KLASSENTREFFEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich bin mit erwachsenen schulkameraden der dorfschule, in der ich eingeschult wurde, im oberen saal des gasthauses \u00bbZum schwarzen Adler\u00ab am dorfplatz meines heimatdorfes. vom kalten b\u00fcfett nehme ich nur wenig. meine erste klassenlehrerin, inzwischen 90 jahre alt, unterh\u00e4lt sich mit mir und sagt: \u00bbSie haben mich ja noch als junge Frau gekannt.\u00ab eine unangenehm laute und st\u00fcmperhafte amateurkapelle spielt diskomusik, wozu einige der g\u00e4ste tanzen, vor allem frauen. ein junger mann betritt den saal, springt sofort hoch, knickt die beine ein und schl\u00e4gt mit seinen f\u00fc\u00dfen wie ein kranich bei der balz. danach greift er seine partnerin, die mit ihm kam, dreht sie ekstatisch im kreis, bis sie umzufallen droht, packt sie am genick und wirft sie gegen die wand, wo sie wie tot liegen bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">unversehens sitzen die gleichen personen, jetzt mit eingefallenen gesichtern, in der kneipe unterm saal auf hockern an einem gro\u00dfen tisch, aus dem ein verbogener kerzenhalter wie eine totenhand ragt. die fensterl\u00e4den sind geschlossen und nur eine kerze, die nicht herunterbrennt, erleuchtet hellgr\u00fcn glimmend sp\u00e4rlich den raum, \u00fcber dessen w\u00e4nde und tapeten graue und schwarze flechten und moose wachsen. unterm tisch liegen zerbrochene tonpfeifen, die kn\u00f6cheln \u00e4hneln. bier wird aus kleinen f\u00e4ssern getrunken. die anwesenden spielen karten und w\u00fcrfeln. der wirt erscheint, ein kahlk\u00f6pfiger bleicher mann mit wachsgelben h\u00e4nden, der mir unbekannt und zugleich bekannt vorkommt und sofort mitspielt. nach einer niederlage, \u00fcber die er dreckig lacht, schreien die andern nun schrill und weinen kl\u00e4glich, wie wenn sie ihr leben verspielt h\u00e4tten. einer sticht, nachdem er verloren hat, seinen skatkartenfiguren die augen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich spiele nicht mit. pl\u00f6tzlich greift mich der wirt an der schulter, zieht mich vom hocker hoch und f\u00fchrt mich \u00fcber eine steile treppe in einen kalten hell erleuchteten keller, der nach friedhof riecht. ich sehe alte verwitterte grabsteine und \u00fcbereinander stehende s\u00e4rge, daneben mumien und skelette von toten, die wohl keinen sarg bekamen. ich drehe mich um und will den wirt danach fragen. doch er ist verschwunden. ich laufe die treppe hinauf und finde die t\u00fcr nach oben verschlossen. aus der kneipe h\u00f6re ich keinen laut mehr. ich gehe erneut hinab, denke, hier mu\u00df der eingang zur unterwelt sein, der nicht einmal bewacht wird, und erwache mit der frage, ob ich selbst der w\u00e4chter vorm eigenen tor zur h\u00f6lle bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Traumnotate<\/strong> von Holger Benkel, KUNO, 2022<\/p>\n<div style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Radierung von Francisco de Goya<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der besonderen Kompetenz der Dichter f\u00fcr die Sprache und die Botschaft der Tr\u00e4ume wurde durch Siegmund Freud fundamental neu gestellt. Im 21. Jahrhundert ist die Akzeptanz des Tr\u00e4umens und des Tagtr\u00e4umens weitaus gr\u00f6\u00dfer als noch vor hundert Jahren. Tr\u00e4umen wird nicht mehr nur den Schamanen oder Dichter-Sehern, als bedeutsam zugemessen, sondern praktisch jedermann. Gleichwohl wird den Dichtern noch immer eine &#8218;eigene&#8216; Kompetenz auf dem Gebiet des Traums zugesprochen &#8211; Freud sah sie sogar als seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner an, mit Modellanalysen versuchte er diese Kompetenz zu best\u00e4tigen. Die <em>Traumnotate<\/em> von Holger Benkel sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t. Hier findet sich eine Bejahung des Dissonanten, Disparaten und Divergenten, eine radikale Affirmation der Vielfalt des tr\u00e4umenden Subjekts. Benkel erweist sich in seinem Werk als Autor des Komplexen, er schafft fruchtbare Irritationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich bin mit erwachsenen schulkameraden der dorfschule, in der ich eingeschult wurde, im oberen saal des gasthauses \u00bbZum schwarzen Adler\u00ab am dorfplatz meines heimatdorfes. vom kalten b\u00fcfett nehme ich nur wenig. meine erste klassenlehrerin, inzwischen 90 jahre alt, unterh\u00e4lt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/01\/28\/klassentreffen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":97946,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-97200","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=97200"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97200\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102489,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97200\/revisions\/102489"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97946"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=97200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=97200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}