{"id":96507,"date":"2001-03-31T00:01:09","date_gmt":"2001-03-30T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=96507"},"modified":"2021-12-26T16:47:36","modified_gmt":"2021-12-26T15:47:36","slug":"vorbild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/31\/vorbild\/","title":{"rendered":"VorBild"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichtung werde von allen gemacht, betonte Lautr\u00e9amont. Es gibt wenige Thesen \u00fcber Lyrik, die ich im Verlauf der Besch\u00e4ftigung mit Gedichten h\u00f6her einzustufen gelernt habe als diese. Wir schreiben gemeinsam an dem einen Gedicht, das sich aus den vielen Versen zusammenf\u00fcgt, die die Dichter freigelassen haben, damit sie sich im Leser vollenden (wobei sich die Namen\u00a0der urspr\u00fcnglichen Verfasser bei mir beispielsweise mehr und mehr verfl\u00fcchtigen: Auf das Gedicht kommt es an). In diesem K\u00fcnstlerbuch schreiben nun zum zweitenmal 19 Dichterinnen und Dichter mit der Hand an dem einen Gedicht, das diesmal den Obertitel <em>VorBild<\/em> tr\u00e4gt. Die wenigsten werden, wie Elisabeth Alexander, eigens ein neues Gedicht f\u00fcr diese Sammlung verfa\u00dft haben, und doch \u2013 wenn wir ein wenig mit dem Wort Vorbild zu spielen beginnen (wie Karl-Friedrich Hacker in seinem Linoldruck \u201eVorm Bild\u201c), stellen wir schnell fest, da\u00df sich alle hier versammelten Texte und Bilder m\u00fchelos mit diesem Wort assoziieren lassen \u2013 ob mehr als Urbild, Spiegelbild, Bild oder Vorbild sei dahingestellt. Einer, den ich gern zum Mitschreiben eingeladen h\u00e4tte, ist der fr\u00fch verstorbene Christoph Derschau (1938-1995), der uns beispielsweise die folgenden Verse hinterlassen hat, die so wunderbar in <em>W\u00f6rter sind Wind in Wolken<\/em>, die erste handgeschriebene Anthologie unserer lyrischen Reihe, gepa\u00dft h\u00e4tten:<\/p>\n<p><em>Ich schreib es auf das<br \/>\nGedicht vom Wind und<br \/>\naaaaaaaaaaaaaaaaader Wind<br \/>\nbl\u00e4st es mir davon\u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4re er diesmal dabei gewesen, h\u00e4tte er sich an Jan R\u00f6hnerts Gedicht \u201eDie Sonnenblume\u201c besonders erfreuen k\u00f6nnen, denn Derschau klagt in \u201eSaarbr\u00fccken \u2013 Stuttgart am 29.8.1975\u201c (im posthum neu aufgelegten Sammelband <em>So hin und wieder die eigene Haut ritzen<\/em>, Maro 1999):<\/p>\n<p><em>Sonnenblumen.<br \/>\nWarum besingen wir so selten<br \/>\ndie Sonnenblumen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den handgeschriebenen Gedichten erhielten wir eine Reihe interessanter Begleittexte; Thomas Glatz schreibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Meine Gedichte entstehen aus dem unmittelbaren Wahrnehmen sowie Dingen und Worten, die ich im Kopf mit mir herumschleppe. Also nicht unmittelbar Lyrik als Vorbild wie bei Dir. Wenn ich Gedichte schreibe oder zeichne, dann h\u00e4ufig beidh\u00e4ndig. Diese Arbeitsmethode habe ich mal aus Jux in einem Zeichenkurs bei Sascha Kolenc ausprobiert. Ich habe angefangen, alles synchron mit einem Stift in der linken und einem in der rechten Hand zu zeichnen. Sp\u00e4ter habe ich auch Worte und Textfragmente in die Zeichnungen geschrieben und kam so zum beidh\u00e4ndigen Schreiben. Die Rechte schreibt deutlich, die Linke krakelt synchron mit. Die \u00dcberwachungsinstanz \u201eSchere im Kopf\u201c wird \u00fcberlistet, die Assoziationen werden freier. Sp\u00e4ter las ich in E. Gillens Katalog<\/em> Deutschlandbilder<em>, da\u00df auch Carlfriedrich Claus, der gro\u00dfartige ostdeutsche Grafiker, beidh\u00e4ndig schrieb und Textgrafiken, visuelle Poesie, Textbilder anfertigte. Auch Paul Klee scheint beidh\u00e4ndig gezeichnet zu haben. Nach dem beidh\u00e4ndigen Schreibproze\u00df erfolgt bei mir ein zweiter Schritt: Textarch\u00e4ologie. Ich schreibe das beidh\u00e4ndige Gekrakel ins reine. Auch dies ein poetischer Akt. Ich hatte mir schon \u00fcberlegt, Euch beidh\u00e4ndig Geschriebenes f\u00fcr die Anthologie zu schicken, aber wie gesagt: Gekrakel! Leider werden es keine sch\u00f6nen Textgrafiken wie bei Claus. Manchmal kann ich ein Wort nicht lesen, und ein anderes r\u00fcckt an dessen Stelle. Der Text wird dadurch eigenartiger, manchmal surrealer, gl\u00fccklichenfalls poetischer. Als Vorbild f\u00fcr meine, zun\u00e4chst beidh\u00e4ndig verfa\u00dften und dann mit der Rechten ins reine geschriebenen Texte habe ich die literarische Figur der Auguste Bolte von Kurt Schwitters auserkoren. Auguste Bolte wird von einer Diebesgruppe die Handtasche gestohlen. Sie mu\u00df sich entscheiden, ob sie den nach links oder den nach rechts t\u00fcrmenden Teil der Gruppe verfolgt. Wenn ich beidh\u00e4ndig schreibe oder zeichne, komme ich mir auch oft ein wenig wie die hin- und hergerissene Auguste Bolte vor. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen Sie sich auch hin- und herrei\u00dfen zwischen den rechts- und linksh\u00e4ndig verfertigten Gedichten und Bildern, die uns dieses K\u00fcnstlerbuch vorstellt. Hans Bender schrieb nach Erhalt von <em>W\u00f6rter sind Wind in Wolken<\/em>, da\u00df er das Buch immer wieder in die Hand nehme, und zwar beim wiederholten Male weniger, um die Gedichte zu lesen, sondern die einzelnen \u2013 naturgem\u00e4\u00df sehr verschiedenen \u2013 Autographen auf sich wirken zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>VorBild<\/strong>, Theo Breuer (Hg.), Edition Bauwagen 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweite handgeschriebene Anthologie mit Gedichten von Elisabeth Alexander, Karlheinz Barwasser, Ewa Boura, Theo Breuer, Joseph Buhl, Manfred Enzensperger, Thomas Glatz, Harald Gr\u00f6hler, Anna Gudera, Karin Kinast, Matthias Kehle, Alma Larsen, Jan R\u00f6hnert, Walle Sayer, J\u00f6rg Seifert, Raphael Urweider, J\u00fcrgen V\u00f6lkert-Marten, Jan Wagner und David Stone sowie originalen Graphiken von Karl-Friedrich Hacker, Bernd Reichert und J\u00f6rg Seifert, Vorwort von Theo Breuer, lyrischer Essay von Joseph Buhl, 75 Bl\u00e4tter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dichtung werde von allen gemacht, betonte Lautr\u00e9amont. Es gibt wenige Thesen \u00fcber Lyrik, die ich im Verlauf der Besch\u00e4ftigung mit Gedichten h\u00f6her einzustufen gelernt habe als diese. 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