{"id":96501,"date":"2000-10-25T00:01:33","date_gmt":"2000-10-24T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=96501"},"modified":"2022-02-27T11:55:29","modified_gmt":"2022-02-27T10:55:29","slug":"hinter-den-schlaefen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/25\/hinter-den-schlaefen\/","title":{"rendered":"Hinter den Schl\u00e4fen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>GERECHTIGKEIT<\/em><\/p>\n<p><em>Am Stra\u00dfenrand<br \/>\nder \u00fcberrollte Marder<br \/>\nzerbei\u00dft keine<br \/>\nKabel mehr<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 28. Februar 2000 erhielt ich einen interessanten Brief von Andreas Noga, der mich derma\u00dfen erfreute, da\u00df ich ihn sogleich \u2013 telefonisch \u2013 beantwortete. Wir kamen schnell zur Sache und er\u00f6rterten verschiedene Aspekte der Lyrik, beispielsweise, da\u00df mittlerweile wohl alles schon einmal in der Lyrik (in den K\u00fcnsten \u00fcberhaupt) dagewesen sei und die Autoren mehr denn je die\u00a0Verpflichtung h\u00e4tten, sich mittels der Lekt\u00fcre einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Durchblick zu verschaffen. Ansprechend fand ich auch das dem Brief beigelegte Gedicht, das Noga nach der Lekt\u00fcre meines Langgedichts \u201eon the brink of poetry\u201c verfa\u00dft hatte, in dem er auf die ihn \u201eelektrisierenden\u201c Verse \u201eZwischen den Zeilen \/ steht nichts geschrieben\u201c gesto\u00dfen war:<\/p>\n<p><em>OBDUKTION<\/em><\/p>\n<p><em>Suchen.<br \/>\nSezieren.<br \/>\nFahnden.<\/em><\/p>\n<p><em>Gerne f\u00e4nden wir<br \/>\nden Tumor<br \/>\nder den Schreiber<br \/>\ndr\u00fcckte.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch hinter den Schl\u00e4fen<br \/>\nsteht<br \/>\nnichts<br \/>\ngeschrieben<\/em><\/p>\n<p><em>und auch nicht<br \/>\nzwischen den Zeilen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es stellte sich heraus, da\u00df Noga die Verse Rolf Dieter Brinkmanns, die ich vollst\u00e4ndig in mein Poem montiert hatte, nicht als solche erkannt hatte, sondern glaubte, mich zu zitieren, was er subjektiv ja auch tat: So wurde \u201eon the brink of poetry\u201c zum Medium zwischen Brinkmanns und Nogas Gedicht. Wesentlich dabei ist nat\u00fcrlich in erster Linie, da\u00df Noga ein originelles Gedicht gegl\u00fcckt ist, interessant aber auch die Entstehungsgeschichte. Hier wird der lesende Lyriker belohnt f\u00fcr sein aufmerksames Lesen, das ein in ihm schlummerndes Gedicht m\u00f6glich macht, das zus\u00e4tzlich noch einem Dichter Ehre erweist, von dem Andreas Noga noch keine Gedichte gelesen hatte, es aber bald darauf tat und erkannte, was f\u00fcr au\u00dferordentliche Kr\u00e4fte die Gedichte Brinkmanns ausstrahlen. Andreas Noga ist also zum einen ein lesender Lyriker, in erster Linie ist er jedoch ein lebender Lyriker, der den Dingen auf den Grund und mit weit ge\u00f6ffneten Augen durch die Gegend geht und die W\u00f6rter, die er niederschreibt, zun\u00e4chst einmal sieht und erlebt. Dies zeigt insbesondere die Fotografie \u201eZuneigung\u201c, die die Eigenart Nogaschen Schreibens naturgem\u00e4\u00df besser kennzeichnet als jedes erl\u00e4uternde Wort. \u201eEin Gedicht ist klein, es ist niemals eine Kleinigkeit\u201c, behauptet Peter Hacks. In den pr\u00e4zise gefeilten Gedichten von Andreas Noga sind es gerade die kleinen Dinge \u2013 wie der sich neigende Pfahl \u2212, die unseren Blick f\u00fcr Sinn und Wesentliches sch\u00e4rfen. In der Tat keine Kleinigkeiten. Es ist ein Beweis unserer rasch entdeckten gemeinschaftlichen kreativen Interessen, da\u00df aus diesen ersten Kontakten gut neun Monate sp\u00e4ter dieses Buch entstanden ist. Es zeigt uns auch, da\u00df hinter den Schl\u00e4fen des Lyrikers ein Nichts geschrieben steht, das zu entziffern nun Aufgabe der Leser ist, die mit mancher \u00fcberraschenden Pointe belohnt werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hinter den Schl\u00e4fen<\/strong>, von Andreas Noga, 2000<strong><br \/>\n<\/strong>Vierzig Gedichte, mehrfarbig mit Tintenstrahl gedruckt, ein handgeschriebenes Gedicht, zwei Fotografien von Andreas Noga, sieben originale Linolschnitte von Karl-Friedrich Hacker, Nachwort von Theo Breuer, 54 Seiten, 39 signierte und numerierte Exemplare.<\/p>\n<div id=\"attachment_47668\" style=\"width: 169px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47668\" class=\"wp-image-47668 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Andreas-Noga.jpeg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"234\" \/><p id=\"caption-attachment-47668\" class=\"wp-caption-text\">Andreas Nogabei einer Lesung<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00a0 GERECHTIGKEIT Am Stra\u00dfenrand der \u00fcberrollte Marder zerbei\u00dft keine Kabel mehr Am 28. Februar 2000 erhielt ich einen interessanten Brief von Andreas Noga, der mich derma\u00dfen erfreute, da\u00df ich ihn sogleich \u2013 telefonisch \u2013 beantwortete. 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