{"id":96500,"date":"2001-10-25T00:01:20","date_gmt":"2001-10-24T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=96500"},"modified":"2021-12-26T17:37:53","modified_gmt":"2021-12-26T16:37:53","slug":"farben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/25\/farben\/","title":{"rendered":"Farben"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>PFLAUMENFLAUM<\/em><\/p>\n<p><em>Sonne<br \/>\ntropft milchig<br \/>\ndurch halboffne Knospen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGedichte sind klein, sie sind niemals eine Kleinigkeit\u201c: Diesen Aphorismus von Peter Hacks zitierte ich bereits im Nachwort zu Andreas Nogas Gedichtband <em>Hinter den Schl\u00e4fen<\/em>. Wurde der Gedanke den Gedichten von Noga bereits gerecht, so wirkt er im Kontext der Lyrik von Heike Smets wie eine tiefgreifende Erkenntnis, denn kleiner als die Gedichte von Heike Smets k\u00f6nnen Gedichte wohl kaum sein (\u201eMinimalgedichte\u201c nennt sie der bayerische K\u00fcnstler und Dichter Thomas Glatz, der bekennender Heike-Smets-Fan ist) \u2013 und doch birgt so manches unter ihnen ein gro\u00dfes Bild und, ja, eine weise Erkenntnis. Als ich zu Heike Smets sagte, sie sei eine weise Dichterin, wies sie das Wort \u201eweise\u201c zur\u00fcck \u2013 verstand offenbar in dem Augenblick nicht, wie ich das Wort meinte. Wir belie\u00dfen es dabei. An dieser Stelle m\u00f6chte ich nun einen weiteren Aphorismus zitieren, den ich in William Shakespeares \u201eHamlet\u201c gefunden habe: \u201eMore matter, less art\u201c. Beispielsweise so wollte ich das Wort \u201eweise\u201c verstanden wissen. Im Anschlu\u00df an dieses Gespr\u00e4ch bl\u00e4tterten wir noch gemeinsam in skandinavischen Gedichtb\u00e4nden und fanden bei Snorri Hjartarson, dem gro\u00dfen isl\u00e4ndischen Lyriker, das Gedicht<\/p>\n<p><em>BILD<\/em><\/p>\n<p><em>Rot<br \/>\nin der ausgestreckten Hand<br \/>\ndes Berges<\/em><\/p>\n<p><em>die Morgensonne<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00e4u\u00dferte den spontanen Gedanken, das Gedicht k\u00f6nnte auch von ihr sein. Heike Smets l\u00e4chelte blo\u00df versonnen vor sich hin: Sie ist nicht so vermessen, ein derartiges Kompliment offensiv aufzunehmen. Die kleinen Gedichte folgen einander in gleichsam rasender Geschwindigkeit \u2013 kurvige Berg- und Talfahrten nachempfindend bzw. vor Augen f\u00fchrend. Ich hatte bei den ersten \u00dcberlegungen zun\u00e4chst an ein Buch mit einem kleinen Gedicht pro Seite gedacht und war nat\u00fcrlich um so \u00fcberraschter, als Heike Smets mich mit ihrem Manuskript konfrontierte. Ich reagierte zun\u00e4chst ablehnend, entdeckte aber zunehmend die Weisheit ihrer Entscheidung, viele Gedichte auf eine Seite zu bringen. F\u00fcr mich spiegelt die Anordnung der Gedichte die Paradoxie, da\u00df wir immer wieder Bildern begegnen, die es eigentlich wert sind, zur Kenntnis genommen und verinnerlicht zu werden, aber schon rasen wir weiter (oder vielleicht besser: werden wir weitergezogen?) auf das n\u00e4chste Bild zu. Hier im Buch haben wir nat\u00fcrlich die Gelegenheit, immer wieder zu bestimmten Versen und Bildern zur\u00fcckzukehren, aber w\u00e4hrend einer Fahrt mit dem Auto durch die Eifel (oder anderswo) tun die meisten das nie und auch ich eher selten. G\u00fcnter Grass betonte bereits in den 1950er Jahren: \u201eJedes gute Gedicht ist ein Gelegenheitsgedicht; jedes schlechte Gedicht ist ein Gelegenheitsgedicht; nur den sogenannten Laborgedichten ist die gesunde Mittellage vorbehalten: nie sind sie ganz gut, nie ganz und gar schlecht, aber immer begabt und interessant.\u201c Heike Smets\u2019 Gedichte kennen keine Mittellage, und sie entstehen nie als \u201etour de force\u201c. Offenbar verpa\u00dft sie keine Gelegenheit, die sich reihenweise bietenden Gelegenheiten beim lyrischen Schopf zu packen, um in einem ihrer kleinen Gebilde ihre einmalige Sicht der Dinge zu entwerfen. Beim Lesen schmunzle ich und sch\u00fcttle den Kopf, r\u00fcmpfe die Nase und nicke und lasse mich in den zentrifugalen Sog dieses eigenwillig gestalteten Lyrikbuches hineinziehen, in dem ich der \u2013 auch immer wieder n\u00fcchtern und bestandaufnehmend wirkenden \u2013 nat\u00fcrlichen Stimme eines Menschen lausche, dem Lyrik nicht zweite, sondern erste Natur zu sein scheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Farben<\/strong>, von Heike Smets. edition bauwagen 2001<strong><br \/>\n<\/strong>Zweihundert Kurzgedichte, kopiert und mit Tintenstrahl gedruckt, acht originale Linoldrucke von Karl-Friedrich Hacker, Nachwort von Theo Breuer, 55 unpaginierte Seiten, 35 signierte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Ein Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer.<\/p>\n<div id=\"attachment_44595\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-image-44595 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/der-lyrik-eine-bresche-fuer-ein-gedicht-je-ausgabe-einer-zeitung_1505748323-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-44595\" class=\"wp-caption-text\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 PFLAUMENFLAUM Sonne tropft milchig durch halboffne Knospen. \u201eGedichte sind klein, sie sind niemals eine Kleinigkeit\u201c: Diesen Aphorismus von Peter Hacks zitierte ich bereits im Nachwort zu Andreas Nogas Gedichtband Hinter den Schl\u00e4fen. Wurde der Gedanke den Gedichten von Noga&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/25\/farben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":19900,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3262,84],"class_list":["post-96500","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heike-smets","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/96500","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=96500"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/96500\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=96500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=96500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=96500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}