{"id":96210,"date":"1999-10-15T00:01:22","date_gmt":"1999-10-14T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=96210"},"modified":"2021-12-15T05:56:30","modified_gmt":"2021-12-15T04:56:30","slug":"linguistic-turn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/10\/15\/linguistic-turn\/","title":{"rendered":"linguistic turn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Eines der beunruhigendsten Dokumente der deutschen Sprache \u00fcberhaupt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">FAZ<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum ein zweites Buch der \u00f6sterreichischen Literatur war derart folgenreich f\u00fcr die nachfolgende Autorenschaft wie dieses. In den 1960er Jahren erarbeitete er seinen grundlegenden und folgenreichen Prosatext \u201edie verbesserung von mitteleuropa, roman\u201c Roman \u2013 in konsequenter Kleinschreibung \u2013 \u00a0der zun\u00e4chst in Folgen in der \u00f6sterreichischen Literaturzeitschrift <em>manuskripte<\/em> erschien und schlie\u00dflich als Buch (Rowohlt 1969, Neuausgabe 1985) ver\u00f6ffentlicht wurde. In der Auseinandersetzung u.\u00a0a. mit Ludwig Wittgenstein setzt sich der Text in vielf\u00e4ltiger Weise mit der Allmacht der Sprache auseinander und inwiefern durch diese das Bewusstsein manipuliert wird; das Paradox dieser Auseinandersetzung ist, dass sie mit dem Mittel der Sprache gef\u00fchrt wird. Im Anhang *appendix A: der bio-adapter* entwirft Wiener das Konzept eines \u201eGl\u00fccksanzugs\u201c, einer Maschine, die zusehends K\u00f6rper und Geist des darin Eingeschlossenen \u00fcbernimmt \u2013 was man als einen fr\u00fchen Entwurf des \u201eCyberspace\u201c betrachten kann. Des Weiteren basiert der Text auf Wieners Besch\u00e4ftigung mit der theoretischen Kybernetik, insbesondere der numerischen Methode. Dieser Dekonstruktionsroman imitiert, ironisiert und zerst\u00f6rt das Genre \u201eRoman des 19. Jahrhunderts\u201c. Aus Ans\u00e4tzen und Bruchst\u00fccken linguistischer (Stichwort \u201elinguistic turn\u201c in den Kulturwissenschaften) und kybernetischer Denkexperimente entwickelt Wiener ein Modell des durch die Kybernetik bewusstseinsver\u00e4nderten Menschen. Im Besonderen greift Wiener auch auf psychologische Experimentalmethoden des sp\u00e4ten 19.\/fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, insbesondere der Selbstbeobachtung, zur\u00fcck, wie sie der Behaviorismus gewisserma\u00dfen \u201everboten\u201c hatte, in der Absicht, damit bestimmte Aspekte der Funktionsweise der menschlichen Psyche zu verstehen. Damit hat Wiener einige sehr eigenst\u00e4ndige Beitr\u00e4ge zum Thema K\u00fcnstliche Intelligenz geliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eder bio\u2013adapter bietet in seinen grundzuegen die m. e. erste diskutable skizze einer vollstaendigen loesung aller welt\u2013probleme.\u201c So beginnt verheissungsvoll Oswald Wieners Grundlegung f\u00fcr ein Ger\u00e4t, in dem sich Sprache mit Kybernetik verbindet. Der Bio\u2013Adapter setzt eine Entwicklung in Gang, die, so schliesst Wieners Text, \u201efreilich voellig von der geisteskraft, vom mut und von der selbstaendigkeit des subjekts abhaengig\u201c ist. Oswald Wieners &#8222;die verbesserung von mitteleuropa, roman&#8220; ist ein Monument der \u00f6sterreichischen Avantgarde, um das sich Mythen ebenso ranken, wie ihm anhaltender Nachruhm sicher ist. Der luzide Ideenreichtum und die anarchische Kraft beeindrucken bis heute. Zuerst in der Literaturzeitschrift &#8222;manuskripte&#8220; erschienen und 1969 dann in Buchform, bricht dieser &#8222;roman&#8220; mit allen literarischen Konventionen. Es ist ein monomanes, witziges und vor allem prophetisches Buch, das lange vor allen weiteren technischen Entwicklungen ein Bild des Cyberspace und der Virtualit\u00e4t entwirft. Die Zurichtung des Individuums erfolgt in der kritischen Anwendung der Kybernetik durch Wiener nicht nur durch die Sprache, sondern zunehmend auch durch technische Systeme. Im Konzept des &#8222;bio-adapters&#8220; entfaltet Wiener das Gl\u00fccksversprechen eines Gl\u00fccksanzugs in der Fusion von Mensch und Maschine, das er aber zugleich unterl\u00e4uft; es geht vor allem um die Abkehr von der Auffassung, die Sprache sei die gr\u00f6\u00dfte und wichtigste menschliche Erfindung \u00fcberhaupt, die Grundlage menschlicher Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\"><\/h1>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-96211 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Verbesserung_Cover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Verbesserung_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Verbesserung_Cover-160x242.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Verbesserung_Cover.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/>die verbesserung von mitteleuropa<\/strong>, Roman von Oswald Wiener, Rowohlt 1969<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der beunruhigendsten Dokumente der deutschen Sprache \u00fcberhaupt. 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